Das Pim-Dean-Syndrom

Sind nur noch tote Politiker gute Politiker?

Wie gewinnt man heute Wahlen? Man stirbt, bevor man an die Macht gelangt. Das Verhalten vieler Niederländer in diesen Tagen könnte als Höhepunkt der Politikverdrossenheit gewertet werden. Wurden die überzogenen Erwartungen der sogenannten Protestwähler vorher auf den lebenden Pim Fortuyn projiziert, so führt nun dessen Tod zu weiterer Übersteigerung der Phantasien.

Dass Nationalismus und Gewalt nun auch in die niederländische Politik Einzug gehalten haben, ist sehr traurig und trifft unsere Nachbarn tief in ihrem Selbstverständnis. Im Kontext der still durch die Strukturen der westlichen Gesellschaften sickernden Atmosphäre des Terrors reiht sich der Mord an Pim Fortuyn in eine ganze Kette von Gewalttaten in den verschiedensten europäischen Ländern ein. Aber selbst den hartgesottensten Beobachter muss verwundern, dass der am 6. Mai in Hilversum ermordete Pim Fortuyn nun in seiner Heimat zu einer Ikone hochstilisiert wird. Oder muss es doch nicht?

Instrumentalisierung von Anschlägen

Angesichts der feierlich und unter großer Anteilnahme mehrerer zehntausend Menschen zelebrierten Beerdigung Fortuyns am 10. Mai in Rotterdam sprach auch der Reporter des sonst eher nüchtern berichtenden Deutschlandfunks von Reminiszenzen an die Atmosphäre um den Tod von Lady Diana. Schneeweißer Sarg, blumengeschmückte Limousinen, Trauergottesdienst in der Kathedrale. Das sollte uns nicht überraschen. Alle führenden Weltreligionen wissen: Tote sind effizientere Projektionsflächen für Wünsche, Hoffnungen und Träume als Lebende. Früh gestorben - ewig jung. Die Imagos von Marilyn Monroe und James Dean zehren noch heute von dem Bonus, niemals gealtert zu sein.

Tote lassen sich auch vortrefflich als Werkzeuge gegen den politischen Gegner benutzen. Wie etwa in dieser Pressemitteilung, in der die österreichische Regierungspartei FPÖ indirekt den österreichischen Sozialdemokraten und Grünen die Verantwortung für linke politische Gewalt und damit auch für den Tod des Pim Fortuyn zuschiebt. Vergewissert man sich aber der Tatsache, dass nicht etwa eine politische Organisation den Anschlag auf Fortuyn geplant und durchgeführt hat, sondern - nach allem, was man bisher weiß - ein Einzeltäter, so lassen sich solcherlei Aktionen schnell als das identifizieren, was sie sind: Trittbrettfahrerei auf einem Leichenwagen.

Die Projektionen können gefährlich werden, denn sie überstrahlen nur allzuleicht die dunkleren Aspekte der Realität. Dass ein Schriftsteller wie Harry Mulisch in einem kürzlich geführten Interview Pim Fortuyn posthum von allen Vorwürfen des Rassismus freispricht, mag vielleicht im Augenblick des Schocks noch verständlich sein. Allerdings bleiben solche Worte stehen und bereiten den Boden für den nächsten demagogischen Polit-Entertainer, der mit dunklen Sprüchen die in der Frustration vieler Menschen steckende Energie für seinen Aufstieg zu nutzen weiß.

Politische Macht entgleitet der demokratischen Kontrolle

Es muss hier nochmals in Erinnerung gerufen werden, dass zahlreiche Menschen, die gerade nach Europa gekommen sind, um hier friedlich zu leben, immer wieder von Rechtspopulisten verschiedenster Couleur verbellt und von politisch organisierten Mördern brutal getötet wurden. Die Zeit der Lichterketten ist vorbei, da gibt es keine emotional aufgeheizten Paraden durch die Innenstadt, keine Gottesdienste in Kathedralen. Ihre Namen werden schnell vergessen, ihre Angehörigen können schon froh sein, wenn die Gedenksteine nicht geschändet werden. Denn diese Menschen taugen nicht als Projektionsfläche für Machtphantasien. Sie wollten in Frieden leben. Die Demagogen und ihre Mörder ließen sie nicht. Extremisten aller politischen Richtungen hijacken ihre Schicksale höchstens noch, um sie ab und zu in rostige Argumentationsketten einzugliedern. Das Gedenken an ihren Tod ist der Gesellschaft ringsherum peinlich. Man hat versagt, aber "man kann ja nichts machen". Natürlich könnte man, aber man tut nichts. Die Demagogen tun etwas, sie bewegen die Massen und illuminieren auch die finstersten Oberstübchen.

Dass Täter nun plötzlich keine mehr sind, keine mehr sein dürfen, weil das die Projektionen stören würde, ist symptomatisch für den eigentümlichen Zustand, in dem sich die westeuropäischen Demokratien befinden. Die von Generationen von Menschen in unserem Erdteil hart erkämpften Mitbestimmungsrechte scheinen uns entwunden zu werden. Politische Macht entgleitet auf die bisher kaum demokratischer Kontrolle unterworfene EU-Ebene. Die wirtschaftliche Macht liegt nicht mehr bei lokalen Chefs, mit denen man letztlich im selben Boot saß und die wenigstens durch ihren Besitz noch an Ort und Mitarbeiter gebunden waren, sondern sie ist in die Hände abstrakter Management-Mechanismen übergegangen, die uns weismachen, sie könnten sich überall beliebig materialisieren und dematerialisieren, gottgleich, ganz wie es ihnen beliebt.

Sie erzählen uns: Wenn ihr euch nicht einschränkt, dann lassen wir woanders produzieren. So stülpt die wirtschaftliche Führungsebene mit Hilfe eines Teils der Presse die schlecht riechende schwarz-rot-goldene Socke einfach um. Es heißt nicht mehr: Deutschland über alles, sondern: Deutschland ist nicht gut genug, alle anderen sind besser. Auch dieses kalt berechnete Herumnörgeln ist nicht besser als sein Vorgänger, der Hurra-Patriotismus, denn das Ziel ist das gleiche: Die Menschen sollen gegeneinander ausgespielt werden, anstatt sich mit wichtigeren Themen, zum Beispiel mit dem Verhältnis von Manager- zu Arbeiterlöhnen zu beschäftigen.

Die Lethargie, die Medien und der Hass

Paradiesvogelhafte Populisten und scheinbar noblere Profiteure des sozialen Niedergangs haben gemeinsam, dass sie selbst die Ursache für jene Probleme sind, für die sie den Menschen dann die Lösung verkaufen wollen. Elegant jonglieren sie mit Henne-und-Ei-Problemen, während der Gewinn still in ihre tiefen Taschen wandert. Unterstützung finden sie in der Lethargie einer Wählerschaft, die sich, wie neulich in Sachsen-Anhalt, gerade noch zu Wahlbeteiligungen von 56,5% aufschwingen kann und die selbst in weiten Teilen so träge und hasserfüllt ist, dass es wohl sinnvoller wäre, bei Wahlen Anti-Stimmen einzuführen, da Politiker, die nicht die erhofften blühende Landschaften herbeizaubern, eh umgehend abgestraft werden.

Wenn ein Chirac oder ein Schröder gewählt werden, dann ist das heute kein Votum mehr für den jeweiligen Politiker, sondern gegen deren jeweilige Opponenten. An dieser bierschweren Bräsigkeit und passiven Konsumentenhaltung sind nicht nur immer die Politiker schuld. Der Satz "es hilft ja eh nichts" ist der Seufzer des Untertanen, nicht des Souveräns. Wenn der Souverän seine Rechte nicht wahrnimmt, dann stoßen eben andere Kräfte in dieses Machtvakuum. Die sind natürlich daran interessiert, dass es so bleibt, dass die Menschen sich schwächer und schwächer fühlen, damit sie selbst teilen und herrschen können.

Das letztlich antidemokratische "Die-da-oben-tun-eh-was-sie-wollen"-Gefühl schürt jene Form von Hass, die für die einschlägigen Verfechter des "gesunden Menschenverstands" nur die toten Politiker noch gute Politiker sein lässt. Das führt letztlich dazu, dass die Opfer vergessen und die Populisten überhöht werden.

Die Ermordung von Pim Fortuyn war in der Tat ein verachtenswerter Akt. Gewalt setzt ihre Anwender automatisch ins Unrecht, vor allem, weil sie suggeriert, dass vor der Gewaltanwendung die Argumente ausgegangen sind. Dabei gibt es Argumente genug gegen die Populisten. So sollen jetzt "die Medien" Schuld daran sein, dass Fortuyn getötet wurde. Und natürlich, siehe FPÖ-Pressemeldung, die "linken" Parteien, die angeblich die rechten Populisten dämonisierten. Das System ist simpel. Erst nutzenPopulisten wie Fortuyn und Konsorten meisterhaft die ach so bösen Medien vortrefflich zum Transport ihrer simplen Botschaften, die man gar nicht missverstehen kann. Geht etwas schief, stellt man dieselben Medien dann - wiederum in den Medien - als Sündenbock hin und rudert zurück.

Bei aller Tragik und Trauer um den nutzlosen Tod des Pim Fortuyn ist es gerade jetzt wichtig, diese Mechanismen zu sezieren und die Kausalitäten sorgfältig abzuwägen. Der Tod von Pim Fortuyn war sinnlos. Das Pim-Dean-Syndrom ist es auch. (Günter Hack)