Das Privat-Museum der Phantasie

Lothar-Günther Buchheim und seine Sammlungen

Viele Leute sammeln zuhause irgendwelchen Krusch. Manche werden so zu Messies, andere dagegen zu Kunstsammlern. Lothar-Günter Buchheim wollte dagegen eigentlich bloß einen Bilderkatalog verlegen.

Nicht ganz einfach sei er, der Herr Buchheim. Das betont er auch immer wieder selbst und das gehört sich schließlich so bei einem Künstler und Kreativmenschen. Manche sagen inzwischen auch, es sei Sturheit und Altersstarrsinn - immerhin ist Buchheim bereits 1918 geboren. Und alles nur wegen eines Museums, das das Produkt eines langen Künstler- und Sammlerlebens darstellt, das aber keiner geschenkt wollte. Im Schicki-Ort Feldafing verschmähte man die Kunstspende des Literaten nämlich 1997 per Bürgerentscheid, weil man nicht ganz zu Unrecht ein Verkehrschaos in dem kleinen Ort befürchtete und nur das Angebot des Bernrieder Bürgermeisters, ein Grundstück am Starnberger See zur Verfügung zu stellen, verhinderte, dass Buchheim mit seinen Bildern in den Osten in seine Geburtsstadt Weimar gegangen wäre.

Welche Kunst übt Lothar Buchheim denn nun aus? Nun, bekannt geworden ist er mit seinen Büchern. Das erste war ‹Tage und Nächte auf dem Strom" über eine Donaufahrt im Paddelboot im Jahre 1938 und es war mit Buchheims eigenen Bildern illustriert. Das "Boot" wiederum kennt jeder - oder zumindest den daraus entstandenen Film.

"Rhapsodie in Schwarzweiß": Dieser Schwan gleich am Museumseingang war einst Teil eines Kettenkarussells. Angelika Littwin-Pieper setzte auf Buchheims Wunsch die fünf schwarz gekleideten Personen in die Sitze: ein Paar, das diamantene Hochzeit feiert und seine Freunde

Doch hat sich Buchheim - weniger bekannt - auch zeichnend, malerisch und fotografierend betätigt und in den 68ern politische "PiPaPop"-Plakate im bunten Stil jener Zeit und bissigen oder doppeldeutigen Botschaften gemacht: "Vorsicht Bullen" steht da, "Sich legen bringt Segen" oder auch "Besucht das schöne Vietnam" passend mit einigen Fleischwölfen dekoriert. Ebenso zeigt Buchheim seinen "Riesenzirkus Buffi" - eine große sich bewegende Laubsägearbeit, mit der er sich nach dem zweiten Weltkrieg finanziell über Wasser hielt und dabei die Kinder erfreute. Gelernt hatte er nur Zeichnen und Malen, alles andere brachte er sich selbst bei.

Doch auch wenn das Museum in gewisser Weise Buchheims Leben dokumentiert, sind die meisten ausgestellten Kunstwerke natürlich nicht von ihm selbst. Porzellan, Schnitzereien und Malerei aus dem fernen Osten sowie afrikanische Kunst und Mitbringsel von Südsee-Reisen hat er mehr im typischen Stil früher Touristen, doch abseits deren Trampelpfade gesammelt. Berühmt ist allerdings seine Expressionistensammlung. Diese entstand ebenfalls in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, doch nur als pragmatische Lösung, nicht als halblegale Geldanlage wie bei einigen heutigen Sammlern: Buchheim wollte nämlich eigentlich nur einen Kunst-Fotokatalog herausbringen, doch waren die Fotorechte für die Bilder so schwer zu erwerben und so teuer, dass es sich als einfacher erwies, kurzerhand die Bilder selbst aufzukaufen und sie dann ohne langwierige Diskussionen mit den Besitzern fotografieren zu können.

Die Piraten-Augenklappe wurde inzwischen zum Markenzeichen Lothar-Günther Buchheims

In jenen Tagen waren Bilder im Gegensatz zu Lebensmitteln nicht sehr gefragt und wechselten deshalb schon mal wortwörtlich für "n'Appel und n'Ei" den Besitzer, Fotorechte waren damals dagegen bereits genauso überteuert wie heute Übertragungsrechte an Fußballspielen und so schwer beschaffbar wie mitunter Bildlizenzen für Webseiten.

"Der schlafende Pechstein" von Erich Heckel ist wohl das berühmteste Bild der Sammlung. Buchheim entdeckte es einst - weil es rosa durchschimmerte - übermalt auf der Rückseite der für ein eher kitschiges aber zunächst besser verkäufliches Bildes desselben Künstlers wiederverwendeten Leinwand.

Natürlich ist das Buchheim-Museum auch im Netz vertreten. Und es weicht konzeptionell von üblichen Museen völlig ab, indem "hohe Kunst" und Alltagskunst gemeinsam ausgestellt werden und auch Zeichnungen und Gemälde gemischt im selben Raum hängen. Der Kunstkenner mag die Nase rümpfen, dem Normalbürger kommt es entgegen. Wer Museumshallen nicht so mag, kann auch einige Ausstellungsstücke im Park sowie das an das Grundstück anschließende Schloss Höhenried ansehen Und dem penetranten Vorurteil, dass Techniker und Ingenieure sowie Künstler zwei getrennte Welten sind, tritt Buchheim entgegen, indem er Künstler zeigt, die eigentlich mit Technik ihren Lebensunterhalt bestreiten, wie beispielsweise Siegfried Ulmer.

Siegfried Ulmer - eigentlich Automechaniker - hat Buchheims alten BMW in ein vom Kraken umschlungenes Unterwassergefährt verwandelt und zur Museumseröffnung nach Bernried gebracht. Seine eigenen Bilder stellt Buchheim seit Mitte August übrigens doch noch in Feldafing aus: in der Villa Maffei, da, wo er ursprünglich sein Museum haben wollte. (Wolf-Dieter Roth)

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