"Das Problem bei den großen Online-Plattformen ist die Profitorientierung"

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Sebastian Richter über Online-Plattformen, Datenhandel, profit- und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften sowie Blockchain-Technologie

Im Jahr 2017 berichteten die Massenmedien intensiv über den Bitcoin-Hype und die dabei erzielten Spekulationsgewinne. So wurde auch die zugrunde liegende Blockchain-Technologie (BTC) bekannt. Sie eröffnet völlig neue Möglichkeiten - vor allem auch für Alternativen zu den profitorientierten Geschäftsmodellen der großen IT-Konzerne. Sebastian Richter ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der DHBW Stuttgart.

Herr Richter, 2017 berichteten die Massenmedien intensiv über Bitcoins, inzwischen kaum mehr. Warum?
Sebastian Richter: Das hat wohl weniger mit der Sache an sich zu tun, als vielmehr mit dem "Abnutzungseffekt" der News. Bitcoin und andere Kryptowährungen sind wunderbare Spekulationsobjekte, in denen so ziemlich jeder das sehen kann, was er eben sehen will, insbesondere weil die darunter liegende Technologie nicht gerade ganz einfach zu verstehen ist. Für die einen werden diese Währungen mindestens die ganze Welt revolutionieren, für die anderen sind es eben nur "nutzlose" Spekulationsobjekte. Das ist perfekt, um darüber zu berichten. Da sich nun aber die heiße Spekulationsphase etwas abgekühlt hat, ziehen die Medien weiter.
Was ist das Besondere an der Blockchain-Technologie (BCT), auf der die Bitcoins basieren?
Sebastian Richter: Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei gesonderte Aspekte zu betrachten. Zum einen die Frage, was BCT ist, und zum anderen die Frage, was BCT zu etwas Besonderem macht. Zunächst zur Frage, was BCT ist: Es ist eine dezentrale Technologie, die es ermöglicht, Transaktionen fälschungssicher und dezentral repliziert zu verwahren. Dies führt im Kern dazu, dass diverse Funktionen zentraler, bisher Transaktionen absichernder Instanzen - Banken bei der Kontoführung, Notare bei Verkäufen oder staatliche Behörden bei Meldeproblematiken - anders, nämlich dezentral umgesetzt werden. Und wenn die Technologie gut eingesetzt wird, auch sehr viel kostengünstiger.
Das ist nicht gleichbedeutend, dass alle Intermediäre abgeschafft werden. Mithilfe der BCT können viele dieser Transaktionen von verteilt agierenden Teilnehmern validiert und auf ihre Akzeptanz geprüft werden - und dies automatisch.
Nun zur Frage, was BCT zu etwas Besonderem macht: Sehr viele Menschen sprechen darüber. Die Technologie fasziniert. Ich wurde beispielsweise von einem Frisör darauf angesprochen, für Frisöre einen Podcast zum Thema zu produzieren. Wenn man einen Vortrag zum Thema hält, dann kommen sehr viele Interessierte. Das ist nur bei sehr wenigen IT-Themen der Fall.
Spannend ist die Frage nach den Potenzialen dieser neuen Technologie. Ich persönlich sehe vor allem großes Potential darin, über Token, die durch BCT umgesetzt werden, neue Formen der Beteiligung sowohl in Organisationen als auch an Organisationen umzusetzen und damit andere Formen der Governance zu ermöglichen. So könnten beispielsweise Plattformen, deren primäres Geschäftsmodell ist, Informationen zu handeln, gemeinschaftlich organisiert werden, ohne dass deren Wert für die Gesellschaft dabei dezimiert wird. Das wäre auch eine Chance, Datenmissbrauch besser in den Griff zu bekommen. Online-Plattformen wie Google oder Facebook könnten durch gemeinwohlorientierte Online-Plattformen Konkurrenz bekommen.
BCT könnten also für mehr Wettbewerb sorgen und Monopole verhindern?
Sebastian Richter: Auf einen solch einfachen Slogan lässt sich die Thematik gar nicht reduzieren. Das Bundeswirtschaftsministerium hat ja eine Initiative in diese Richtung gestartet und 2016 das "Grünbuch Digitale Plattformen" veröffentlicht, 2017 dann das entsprechende "Weißbuch Digitale Plattformen". Von diesen Plänen wird derzeit in den Medien berichtet.
Ein Thema ist, die immense Macht großer Online-Plattformen wie Google, Facebook, Amazon und Check24 einzuschränken. Das sind alles Unternehmen mit immensen Marktanteilen und Gewinnmöglichkeiten. Bei Google und Facebook ist das Geschäftsmodell gar nicht so offensichtlich, da die Nutzer für die angebotenen Dienste scheinbar nichts bezahlen. Doch sie bezahlen nur nicht monetär, jedoch durchaus mit etwas: mit ihren Daten. Die können andere Unternehmen käuflich erwerben und nutzen - entweder direkt oder in Form von gesteuerter Werbung. Mit dem Datenhandel lässt sich sehr viel Geld verdienen.
Was unsere Wettbewerbshüter aber vor allem stört, das ist der mit diesen Geschäftsmodellen einhergehende Konzentrationsprozess. Sie wünschen sich mehr Wettbewerb. Und das aus zwei Gründen: Zum einen erhoffen sie sich durch den Konkurrenzdruck nutzbringende Innovationen. Zum anderen befürchten sie, dass Monopole die Versorgungsqualität verschlechtern. Doch das Konkurrenzprinzip hat auch Grenzen und ist manchmal gar nicht sinnvoll bzw. vom Verbraucher nicht gewünscht. Diesen Punkt hat das Bundeswirtschaftsministerium wohl noch nicht verstanden.
Wann ist das Konkurrenzprinzip nicht sinnvoll? Und warum nicht bei Online-Plattformen?
Sebastian Richter: Beim Wirtschaften sollte es immer um eine effiziente Ressourcenallokation und um eine hohe Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse gehen. Wie diese Ziele erreicht werden, ob mit Wettbewerb oder ohne Wettbewerb, sollte nachrangig sein.
Bei Online-Dienstleistungen, wie sie Google oder Facebook anbieten, dient Wettbewerb nicht per se zur besseren Versorgung unserer Gesellschaft. Kaum jemand möchte mehrere soziale Netzwerke parallel pflegen oder die Versicherungen unterschiedlicher Anbieter auf mehreren Vergleichsportalen abchecken. Das würde nur den Zeit- und Arbeitsaufwand erhöhen, aber keinen wirklichen Nutzwert bringen.
Wer auf einen Wochenmarkt geht, der sucht auch nur die Stände mehrerer Metzger auf, um deren Angebote zu vergleichen, geht aber deswegen nicht gleich auf mehrere Wochenmärkte. Insofern möchte das Bundeswirtschaftsministerium Wettbewerb, wo er gar nicht zielführend ist, wo ein Monopol ganz normal und im Interesse der Gesellschaft ist. Das Problem bei den großen Online-Plattformen ist nicht der fehlende Wettbewerb, sondern das Speichern, Nutzen und Handeln mit den Daten der Nutzer. Oder anders ausgedrückt: die Profitorientierung.
Was wäre die Alternative?
Sebastian Richter: Wir brauchen eine Organisationsform, die gleichwertige technische Infrastrukturen wie beispielsweise Google oder Facebook liefert, aber nicht gewinnorientiert ist. So eine Organisationsform muss wahrscheinlich auch nicht neu erfunden werden, denn es gibt so eine ja schon lange: Genossenschaften.
Es müsste also eine Genossenschaft geben, deren Zweck es ist, ein soziales Netz aufzubauen. Alle Teilnehmer dieses sozialen Netzes würden automatisch Genossenschaftsmitglieder. Und wie das bei Genossenschaften so üblich ist, würden deren Mitglieder auf demokratische Weise deren Ziele bestimmen und deren Vorstand und Geschäftsführung kontrollieren.
Warum wurde das bisher noch nicht versucht?
Sebastian Richter: Was es zunächst braucht, ist eine breite Debatte, wie Alternativen aussehen, ohne dass dabei nur die gesellschaftliche Verankerung in der sozialen Marktwirtschaft zitiert wird. Es gibt so viele Bereiche, in denen Gemeinschaften eher zum eigentlichen Ziel kämen. Heutige Technologien - um den Bogen wieder zurück zu schlagen - ermöglichen ganz andere Mechanismen der Koordination zu viel günstigeren Preisen, so dass andere Wirtschaftsformen möglich werden, ohne dabei Innovation und Allokation von Werten zu vernachlässigen. Darum geht es eher. Um einen Diskurs in der Gesellschaft, der Denkhürden einreißt und neue Wege aufzeigt.
Welche Rolle spielt die BCT dabei? Ist sie zwingend notwendig?
Sebastian Richter: Wenn man beispielsweise ein soziales Netzwerk vergemeinschaften möchte, dann müssen viele Dinge zusammengebracht werden. Es braucht gute IT-Infrastruktur, da Facebook ja Millionen Anfragen gleichzeitig behandeln kann. Es braucht echten Mehrwert für den Nutzer. Das, was Facebook bietet, ist ja toll. Und es braucht ein überzeugendes Modell für die Gesellschaft. Da sehe ich nun eher Schwächen.
Was ermöglicht BCT? Es wäre denkbar, dass Nutzer beginnen, ihre Daten selbst zu handeln. Es kann klar nachvollzogen werden, wo die Daten herstammen und wo sie verwendet werden. Warum soll der Nutzer nicht selbst entscheiden, welcher Werbepartner die Daten bekommt und dafür auch bezahlt werden?
Dass die Plattform dann auch Gebühren erhält, um den gesamten Service am Leben zu halten, ist dabei selbstredend. So können immer noch ganz viele Unternehmen Geschäftsmodelle durch den "Facebook"-Service umsetzen, nur dass das dann eine gemeinwohlorientierte Plattform wird. Hierfür wäre BCT dann essentiell. (Günther Hartmann)
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