Das Recht auf Konsum

Die alte Konsumkritik vergisst, dass Konsum und Technik oft auch Lebensqualität bedeuten

Menschen haben heute nicht nur das Recht, an Wahlen meist ziemlich ähnlicher Parteien teilzunehmen, sie haben ebenso das Recht, am Konsum teilzuhaben. Also sich mit Gütern auszustatten, die Komfort, Abwechslung und Bequemlichkeit bieten. Dumm nur, dass es dazu Geld braucht und es kein Recht auf Einkommen gibt - man muss sich dem Arbeitsmarkt unterwerfen, um sein Konsumrecht ausüben zu können.

Seit den 1950er Jahren gab es in den USA verstärkt Kritik an der dort beginnenden Konsumgesellschaft. Durch Werbung, mediale Berichterstattung und Gruppendruck werde den Menschen eingeredet, sie müssten, um glücklich zu sein, immer mehr und vor allem das Neueste haben, besitzen, konsumieren.

Allerdings könne dieser kulturell bzw. gesellschaftlich vermittelte Konsumzwang durch persönliche Besinnung und Reflexion aufgelöst werden. Ein materiell einfacheres, dennoch geglücktes Leben wäre möglich, und eine gewisse Konsumentsagung entferne ebenso den Leistungs- und Geldverdienen-Druck. Natürlich, jeder benötigt Wohnung, Kleidung, Essen, also einen notwendigen Grundkonsum - aber Überfluss und Luxus wären kein authentischer Lebenszweck. Mitgemeint ist, eine Konsumzurückhaltung könne ebenso die Arbeitswelt auf ein menschliches Maß entspannen.

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Zu ihrer Zeit berühmte und vielgelesene Autoren wie John Kenneth Galbraith (The Affluent Society, 1958), Vance Packard (Die geheimen Verführer 1958), oder Erich Fromm (Haben oder Sein, 1976) stimmten eine deftige Konsumkritik in der Goldenen Zeit des hohen Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg an, das war in den 1950er bis Anfang der 1970er Jahre.

Sie waren nicht die ersten und auch nicht die letzten. Da gab es schon vor 250 Jahren etwa Jean-Jacques Rousseau, und heute gibt es Autoren wie Friedrich Schmidt-Bleek, Niko Paech oder Harald Welzer, die Konsumkritik vor allem mit Blick auf den menschenverursachten Klimawandel und das Versiegen der übernutzten Ressourcen im Visier haben. Klar sollte sein, auch wenn dem jetzt nicht weiter nachgegangen wird, dass diese Konsumkritik sich mit allen Mainstreamökonomen, sowie der Wirtschaft und der Politik anlegt, denn diese setzen ungebrochen auf Wachstum und Fortschritt.

Allerdings sind seit mehr als fünf Jahrhunderten Konsumgüter (und Dienstleistungen) kontinuierlich steigend in den Alltag der Menschen eingewoben, sie gehören mittlerweile systemisch zum westlichen menschlichen Leben dazu und können auch nicht mehr weggedacht werden.

Diese Art Verklebung der Konsumgüter mit dem Lebewesen, dem Tier Mensch, macht individuellen Verzicht schwer möglich, das ist ein Resümee des Geschichtswissenschaftlers Frank Trentmann in seinem aktuellen, mehr als 800 Seiten starken, trotzdem lesenswerten Buch "Empire of Things"1. Die klassische Konsumkritik erkennt nicht diese seit Jahrhunderten stattfindenden Verwebungen der technisch und durch Handel herbeigeschafften Annehmlichkeiten, also der Konsumgütersphäre, mit dem Lebewesen Mensch und blieb deshalb immer schon weitgehend wirkungslos. Konsumgüter und technischer Fortschritt bilden eine Art Zweiter Natur2, die von der ursprünglichen "Natur" absorbiert wurde und mittlerweile untrennbar dazu gehört.

Zeit, sich wieder auf Herbert Marcuse zu besinnen, der Kapitalismuskritik und Tiefenpsychologie zusammen zu führen versucht hat. Gesellschaft - die wir alle sind, einschließlich der vielen Untätigen, die sich mit dem Sosein einfach abfinden - steuert nicht nur individuelles Denken und Handeln, sondern ebenso die Triebstruktur der Menschen, also deren verborgene Antriebe, Empfindungen, sie moduliert auch den genetisch bedingten Charakter zumindest teilweise. Konsumsphäre = Komfort überformt Natur.

Herrschaft nicht mehr durch Herren(menschen) sondern durch Verwaltung und Konsumgüter. Diese - man staunt nicht schlecht, wenn man heute Marcuses wichtigstes Buch3 erneut durchliest, wo das immer wieder vorkommt - bringen Komfort und Lebensstandard, auf welche Menschen dann nicht mehr verzichten wollen und können, halten sie dabei im Bann des politisch-ökonomischen Systems.

Die Güter (und die Technikformen), mit denen wir uns umgeben, verzaubern damit die alte biologische Wirklichkeit. Vielfalt und neue Lebensqualität haben eine magische Wirkung. Karl Marx hat das in seinen Frühschriften weniger mit den Dingen und mehr mit dem Geld, das einer zur Verfügung hat, verbunden: "Ich bin häßlich, aber ich kann mir [mit Geld] die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht häßlich."4

Und es ist eben nicht nur die Werbung allein, die Menschen zu Güterkäufen verführt - das wohl auch, denn es ist eine gewaltige Informationsmaschine, die ihre Botschaften auf die Individuen niederprasseln lässt, mehr als 3000 Botschaften täglich und überall. Es sind auch die Dinge selbst, die für sich werben.

Mit Konsumgütern schaffen sich Menschen Komfort, Auswahl, neue Erfahrungen, Freude. Der gefüllte Kühlschrank, die technisch hochgerüstete Küche, das Auto in der Tiefgarage, die Klimaanlage im Wohnzimmer, der volle Kleiderschrank (mit im Schnitt 95 Kleidungsstücken ohne Unterwäsche und Socken), der aparte Geruch des Duschgels, die schicke und dazu praktische neue Handtasche, die irrsinnig teure mechanische Uhr am Handgelenk, das alles bringt persönliches Wohlbefinden, Behaglichkeit, Lebensqualität und wird, wenn man es einmal hat, den meisten zur ihnen wie eine zweite Haut zugehörigen Selbstverständlichkeit.

Dazu kommt, Güter verschaffen nicht nur Komfort, mit ihnen lässt sich ebenso soziale Distinktion erwerben, Aufmerksamkeit und Anerkennung erwirken. Sie stärken nachhaltig die persönliche Identität, das Selbstwertgefühl, und befriedigen die narzisstische Komponente, die wir alle in uns haben. Anerkennung und Identität suchen und finden, das gehört für die Sozialpsychologie ganz zentral zum Menschsein. Der Gruppe gefallen wollen - das klingt nett, selbstverständlich und irgendwie unschuldig, hat aber einen gewissen aggressiven und totalitären Zug bei sich.

Das alles übersieht die konventionelle Wissenschaft. Ebenso die klassische Konsumkritik, wenn sie meint, dass diese lebenswichtige Anerkennungssuche wie Identitätsfestigung auch mit anderen Dingen als, wie jahrhundertelang gelernt, nur mit Konsumgütern, erfolgen könne. Natürlich kann einer mit Witz, Geistesbildung und edlen Gefühlen andere Menschen beeindrucken - sofern sie sich damit beeindrucken lassen. Das wird wohl eher selten der Fall sein, sieht man vom alten traditionellen, heute nahezu versiegten Milieu vergeistigter Bildungsbürger einmal ab. Üblicherweise finden Geld, Konsum, Macht und Sex als Eindrucksmittel weit mehr Aufmerksamkeit.

Springender Punkt: Konsumgüter und Konsum generell sind nicht etwas, das auf die Grundstruktur des edlen Rousseauschen Menschen aufsetzt und dessen Bedeutung mit Nachdenken oder Einsicht gelindert und abgebaut werden könnte. Nein, Komfort, Bequemlichkeit, die Verbesserungen des individuellen Lebens durch Konsum und kaufbare Technik haben sich wie eine Droge in die Natur des Menschen eingeschlichen. Wie tief das sitzt, kann jeder ausprobieren, etwa wenn man versucht, sich den Alltag in der Stadt oder im Dorf in dem man lebt, dauerhaft ganz ohne Auto, Fernsehen und Kommunikationselektronik vorzustellen. Für ein paar Minuten geht das, länger nicht (außer man hat wirklich viel Phantasie), allenfalls im dezidierten Abenteuerurlaub, bzw. zwangsweise in der Gefängniszelle.

Konsumgüter und Technik bringen mehr Lebensqualität, mehr Handlungsradius, das macht ihre Faszination aus - ja, auch die viele Wegwerfkleidung, denn die bringt Abwechslung, die für viele zur Lebensqualität dazu gehört. Das alles mag man, hat man es erst einmal, nicht mehr missen, es verdichtet sich zur Selbstverständlichkeit.

Ein Verbot der Wirtschaftswerbung (das heute völlig unrealistisch scheint), würde daran nichts wesentlich ändern. Auch in den früheren sozialistischen Ländern waren die Menschen vom westlichen Lebensstandard fasziniert und wollten das haben. Und dabei geht es nicht um einzelne Güter, sondern um die Orchestermusik der vielen Dinge über die man verfügt. In der Großstadt etwa lässt sich problemlos auf ein eigenes Auto verzichten, wenn es heftige Parkprobleme gibt und Fahrradfahren dazu noch besonders angesagt, sowie deutlich preiswerter ist, da fällt dann ein persönlicher Autoverzicht nicht schwer.

Die klassische Konsumkritik setzt auf ein durch Einsicht herstellbares "einfaches Leben", auf Entsagung vom Überfluss: "durch Konsumverzicht Alltagszwängen entgegenzuwirken und dadurch ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben zu führen". Dies führe nicht nur zu einem geglückteren Leben, heißt es, sondern wäre überdies ökologisch zwingend notwendig. Allerdings ist das ein kleines Nischenprogramm geblieben, die überragende Mehrheit zieht da nicht mit, Komfort und materielle Lebensqualität wiegt weitaus schwerer.

Verbraucherschutzbewegungen gibt es in den USA seit den 1920er Jahren, in Europa seit der Goldenen Zeit des Wirtschaftswachstums, also ab den 1960er Jahren. Das von Werbung, Medien, Politik (in den 1950er Jahren der CDU-Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard: "Wohlstand für alle") versprochene Bürger- bzw. Konsumentenrecht auf Konsum wurde mit den Aktivitäten dieser Verbrauchereinrichtungen zusätzlich legitimiert. Der Einzelne hat in den modernen repräsentativen Demokratien, wo frühere Klassenschranken gefallen, also alle irgendwie gleich sind, ein Recht an Wahlen und am Konsum teilzuhaben und dazu, beim Kauf nicht zu Schaden zu kommen.

Den Verbraucherschützern ist dabei entgangen, dass es vielleicht ganz zweckmäßig gewesen wäre, hier ein Recht auf Schutz vor Manipulation (Werbung, Marketing) mitzudenken. In erster Linie wurde jedoch der recht harte Umstand übersehen, dass es zu Konsum nur dann kommen kann, wenn der oder die Einzelne auch über entsprechendes Geld verfügt. Einerseits das Recht auf Konsum (zusätzlich abgesichert durch die Freiheit, auch den größten Blödsinn zu kaufen), andererseits kein Recht, über zureichendes Geld zu verfügen, um das erste Recht zumindest in Grundzügen ausüben zu können - eine wahrhaft schizophrene Gesellschaft.

Lag die durchschnittliche tägliche Fernsehnutzung in Deutschland noch bei 183 Minuten am Tag, so stieg sie im Jahr 2015 auf 223 Minuten. Die medialen Inhalte bestehen dabei, sieht man von den Informationssendungen ab, aus Werbung und Unterhaltung, die beide den Lebensstil und die Konsumnormen von Mittelschicht und Promis über die Zuseher drüber schütten.

Dem wirtschaftlich unteren Teil der Gesellschaft wird dabei klargemacht, dass diese Leute Versager sind, vom Komfort der Konsumgesellschaft abgeschnitten bleiben und daran auch nichts ändern können. Außer sie entwickeln eine kriminelle Karriere. Übrigens nehmen - das könnte fast für Verschwörungstheoretiker gedacht sein - Krimis im Fernsehen seit Jahren kontinuierlich zu.

An sich wäre der von der Werbung und den Unterhaltungsinhalten der Medien als selbstverständliches Lebensziel dargestellte Komfort und Überfluss, der den wirtschaftlich Schwachen (und ebenso den vielen Migranten) per Dauersendung unter die Nase gerieben wird, als sozialer Terror, als eine Art umfassende psychische Dauerfolter zu verstehen.

Daran gibt es aber interessanterweise kaum Kritik. Vielleicht sollten die "politisch korrekten" Besserwisser und Blockwarte einmal über diesen Umstand nachdenken. Allerdings hieße das, die erlaubte Spielwiese zu verlassen und die Verhältnisse tatsächlich in Frage zu stellen. Das scheint jedoch heute zu viel verlangt.

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