Das Reich des Todes: Milliardengewinne und "coole Militärkommandeure"

Tomahawk-Rakete von Raytheon. Archivbild (2002): US-Navy/gemeinfrei

Warum der Krieg in Afghanistan "kein Misserfolg" war

Der Krieg hat eine Parallelwelt, die nur sporadisch beleuchtet wird. Die Niederlage des westlichen Militäreinsatzes in Afghanistan öffnet gerade die Bereitschaft in US-Medien, sich die profitable Seite etwas genauer anzuschauen.

So hat sich der noch ziemlich junge US-Think-Tank Responsible Statecraft, der sich - zumindest bislang - gegen Militärinterventionen ausspricht, die Profite der fünf größten Waffenhersteller in den USA vorgeknöpft.

Lobbyismus und Profite

Die Quintessenz steckt schon im Titel des Berichts: "Top-Rüstungsunternehmen geben während des Afghanistankriegs eine Milliarde Dollar für Lobbyarbeit aus und erhalten dafür Aufträge in Höhe von zwei Billionen Dollar". Zwischen 2001 und 2021 hat der US-Kongress Aufträge im Wert von 2,02 Billionen Dollar an die fünf größten US-Waffenhersteller - Raytheon, Lockheed Martin, General Dynamics, Boeing und Northrop Grumman - vergeben, wird behauptet.

Die Zahlen stützen sich auf Ermittlungen von Stephen Semler, Mitbegründer des Think Tanks Security Policy Reform Institute, der sich ebenfalls gegen Interventionspolitik wendet und in diesem Sinne auch deutliche Medienkritik übt. Semlers Recherchen führen ihn zur Feststellung, dass die Kongressabgeordneten, die während der Präsidentschaft von Trump für eine Erhöhung der Rüstungsausgaben des Pentagons stimmten, zwischen drei und fünf Mal so viel finanzielle Zuwendungen erhielten als ihre Kollegen im Abgeordnetenhaus.

Das Volumen der Verträge für die fünf größten Rüstungsfirmen sei in den Jahren von 2002 bis 2020 um 188 Prozent, bzw. 110 Milliarden US-Dollar, gewachsen; die politischen Spenden wuchsen in diesem Zeitraum um 183 Prozent und 13,5 Millionen. Auch unter Biden kommt es zu einer Erhöhung des Militärbudgets zur Freude von Abgeordneten mit guten Verbindungen zu den Vertragspartnern.

Krieg in Afghanistan "kein Misserfolg"

Das Gesetz, vom Kongress am 14. September 2001 infolge der Terroranschläge von 9/11 verabschiedet, die "Genehmigung zum Einsatz militärischer Gewalt" (im Original: Authorization for Use of Military Force), brachte ansehnliche Profite auch für die Aktionäre der fünf Waffenhersteller: Aktien der Rüstungsunternehmen, die zu Beginn des Afghanistankriegs 10.000 Dollar wert waren, sollen "jetzt fast 100.000 Dollar wert" sein, rechnet das Magazin The Intercept vor. Fazit: Nein, der Krieg in Afghanistan war "kein Misserfolg":

Im Gegenteil, aus der Sicht einiger der mächtigsten Personen in den USA könnte er ein außerordentlicher Erfolg gewesen sein. So sitzen in den Vorständen aller fünf Rüstungsunternehmen pensionierte hochrangige Militäroffiziere.

The Intercept

Die Korruption innerhalb der afghanischen Regierung und anderer Entscheidungsträger im Land zeigte sich als empfängliches Pendant zu dieser Kriegsmaschine, wie an dieser Stelle bereits dargelegt wurde: Afghanistan: Hier sind die Gewinner.

Die Entwicklung hat einen längeren Vorlauf - abzulesen allein schon daran, dass der Begriff des "militärisch-industriellen Komplexes" vom damaligen US-Präsidenten in seiner nach wie vor lesenswerten Abschiedsrede von 1961 in die Weltöffentlichkeitsumlaufbahn geschickt wurde. Wie der rüstungs- und kriegskritische US-Reporter Gareth Porter 2018 in seiner Analyse America's Permanent-War-Komplex darlegt, eröffneten sich damit auch den Drei- und Vier-Sterne-Generäle lukrative Geschäftsfelder.

Sterne-Generäle

1993 versilberten 45 Prozent dieser Generäle ihren Abschied vom aktiven Militärdienst mit der Übernahme sehr gut bezahlter Posten als Berater oder in der Geschäftsführung von privaten Vertragspartnern des Pentagon. 2005 waren es 80 Prozent.

Die Washington Post hat dieses komplexe Hybrid nun am Exempel von Stanley McChrystal, Kommandeur der ISAF und der US-Streitkräfte in Afghanistan von Juni 2009 bis Juni 2010, davor Chef des Joint Special Operations Command (JSOC), das auch für Afghanistan zuständig war, etwas weiter erhellt.

Die acht US-Generäle, die zwischen 2008 und 2018 die US-Streitkräfte in Afghanistan befehligten, waren in mehr als 20 Aufsichtsräten von Unternehmen vertreten. Aber McChrystal ist der Spitzenreiter unter ihnen; er sitzt in mindestens zehn Unternehmen und verdient 1,3 Millionen Dollar bei JetBlue und noch mehr bei einer Fahrzeugfirma, die Ausrüstung für den Krieg verkauft.

Washington Post

Auch andere Generäle machten Karrieren nach ihrem Afghanistan-Einsatz. General Joseph Dunford, Kommandeur der US-Streitkräfte am Hindukusch in den Jahren 2013 und 2014 bekam einen Posten im Vorstand von Lockheed Martin. General John R. Allen, Isaf-Chef von Juli 2011 bis Februar 2013 wurde Präsident der Brookings Institution, einem Think Tank, "der in den letzten drei Jahren 1,5 Millionen US-Dollar von Northrop Grumman erhalten hat" (Washington Post).

Anders als bei diesen beiden Generälen, wo der Wechsel in Rüstungsunternehmen und bzw. in deren unmittelbaren Einflussbereich offensichtlich ist, zeigt sich bei McChrystal aber ein anderer Karriereweg, der zumindest nach den Informationen, die die US-Zeitung präsentiert, nicht direkt mit der Waffenindustrie verbunden ist. Erwähnt werden zwei Unternehmen, bei denen McChrystal über mehrere Jahre hinweg Millionen verdiente. JetBlue, eine Fluggesellschaft, und Navistar International, das als Nutzfahrzeughersteller an die US-Armee lieferte (und in diesem Zusammenhang in einen Betrugsskandal verwickelt war).

McChrystal verdient fünfstellige Summen im mittleren bis oberen Bereich mit Vorträgen an Universitäten und bei Firmen und auch als Strategieberater. Der Zeitungsbericht stelltr die Farge: Wie kann jemand Strategien in andere Felder exportieren angesichts dessen, dass die Mission in Afghanistan ein Scheitern bloßgelegt hat?

McChrystals Antwort: Er sieht nicht einfach nur ein Scheitern, sondern auch Erfolge.

Und seine Gesprächspartner aus der Privatwirtschaft zeigten sich angetan vom "Krieger-Typ":

Bei der Deutschen Bank hat er zwei ehemaligen Führungskräften zufolge ein Führungstraining durchgeführt, das zu einem Sitz im Vorstand der US-Holdinggesellschaft der Bank führte. "Die Geschäftsleitung hört viel eher auf Militärkommandeure, weil sie cool sind und Menschen getötet haben, als auf einen McKinsey-Typen im Nadelstreifenanzug", sagte ein ehemaliger leitender Angestellter der Deutschen Bank, der wie einige andere anonym bleiben wollte, um Personalfragen zu besprechen. Ein Sprecher der Deutschen Bank lehnte eine Stellungnahme ab.

Washington Post

(Thomas Pany)