Das Schweigen der Demonstranten auf dem Taksim-Platz

Mit Festnahmen und Polizeigewalt geht der türkische Staat weiter brutal gegen regierungskritische Aktivisten vor. Diese flüchten sich in subtilere Protestformen und bereiten unterdessen die Wiederbesetzung des Geziparks Vor

Kein Protestcamp, nicht zehntausende Demonstranten, kein Generalstreik: Ein einzelner Mann ist es, der am Montagabend zum Symbol des Widerstandes gegen die autoritäre Politik des türkischen Staates wird. In der Mitte des Taksim-Platzes steht er und starrt auf eine Fahne des türkischen Staatsgründers Atatürks. Bewegungslos. Stumm. Sieben Stunden lang.

Duran Adam wurde zum Symbol des Widerstands. Bild: www.facebook.com/geziparkidirenisi/

Der Mann, der dort seinen Protest gegen die Gewalt der letzten Tage zum Ausdruck bringt, ist der Istanbuler Choreograph Erdem Gündüz. Noch während der Aktion wurde der stehende Mann - der "duran adam" - vom Taksimplatz zum Internetphänomen. Erst in türkischen Städten, dann weltweit. In Stuttgart und New York schlossen sich Unterstützer seinem Protest an. Nachdem die türkische Polizei seit Samstagabend jegliche größere Demonstration brutal zerschlägt, haben subtilere Proteste wie dieser Hochkonjunktur in Istanbul.

"Die Absicht der Polizei ist es nur, uns zu verletzen und zu verhaften", sagt Memet. Der Informatik-Student hat die letzten beiden Wochen im Gezipark gelebt. Als die Polizei am Samstag den Park stürmte, flüchtete er in das zum Lazarett umfunktioniert Divan-Hotel. Nachdem die Tränengasgranaten auch hier in der Lobby einschlugen, ging er nach Hause. "Aus Angst", gibt er unumwunden zu, habe er seine Wohnung im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu seit Sonntag nicht mehr verlassen.

Protest übt Memet trotzdem: "Um 21 Uhr jeden Abend machen wir Krach gegen den Faschismus". Überall in Istanbul stellen sich Menschen dann mit Kochlöffeln, Töpfen und Pfannen an geöffnete Fenster. Eine Nachbarin wurde festgenommen, nachdem aus ihrem Haus jemand seinen Mülleimer auf die vorbeimarschierenden Polizisten ausgelehrt hatte. "Sie haben sie an den Haaren die Treppe heruntergeschleift", sagt Memet. Aufhalten wird die Polizei solche Aktionen nicht, weiß auch er: "Sie sollen aber spüren, dass wir sie hier nicht wollen."

Dass Memets Vorsicht auch am dritten Tag nach der Stürmung Geziparks nicht unbegründet ist, zeigen Razzien am Dienstagmorgen. Türkische Medien berichteten darüber, wie Anti-Terror-Einheiten in Istanbul, Ankara, und Eskisehir Wohnungen stürmten. Mindestens 140 Menschen wurden festgenommen. Von 600 Festnahmen berichtet die Istanbuler Staatsanwaltschaft zuvor am Sonntag.

"Jeden, der jetzt noch am Taksim demonstriert, werden wir als Terroristen behandeln", hatte Ministerpräsident Tayyip Erdoğan am Samstag angekündigt. Was das bedeutet, hat auch Mesut erfahren: Vier Kilometer vom Taksimplatz entfernt zerrten ihn Polizisten unerwartet aus einem Taxi. Der Grund: Er trug eine Gasmaske mit sich. "Ich erinnere mich nicht, wie viele Tritte und Schläge sie mir verpassen", sagt der 22-jährige Student. Als man keine Anhaltspunkte für die Mitgliedschaft in einer politischen Organisation finden konnte, ließ man ihn gehen.

Die ganze Brutalität der Behörden machten am Dienstag noch einmal aktuelle Zahlen des türkischen Ärzteverbandes deutlich: Demnach wurden seit Beginn der Proteste vor zweieinhalb Wochen vier Menschen getötet und fast 8.000 verletzt. Mehr als 100 von ihnen trugen Schädelverletzungen davon. 11 Menschen verloren bei Angriffen der Polizei ihr Augenlicht. 59 Verletzte befinden sich zurzeit noch in kritischem Zustand.

Selbst die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, sah sich am Dienstag veranlasst, die türkische Regierung zu einem Ende der Gewalt aufzurufen und forderte die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen: "Jede übermäßige Gewaltanwendung muss bestraft werden, wenn das Vertrauen in die Bereitschaft der Behörden zur Rechtsstaatlichkeit wiederhergestellt werden soll."

Dass es immer noch schlimmer kommen kann, deutete am Montag der türkische Vize-Regierungschef Bülent Arınç an: "Die Polizei ist da. Wenn das nicht reicht, die Gendarmerie. Wenn das nicht reicht, die türkischen Streitkräfte." Claudia Roth forderte daraufhin in der Saarbrücker Zeitung eine Stellungnahme der NATO: "Das Militärbündnis muss politisch Einfluss nehmen und deutlich machen, dass es nicht akzeptiert, wenn die türkische Regierung mit der Armee droht und brutal mit den Sicherheitsbehörden vorgeht", sagte die Grünen-Chefin, die am Samstag selbst Opfer der Polizeigewalt geworden war.

Doch trotz der Drohungen bereiten Aktivisten auch auf der Straße neue Aktionen vor. Mit dem Protestslogan "Schulter an Schulter gegen den Faschismus" ist einer der vielen Aufrufe überschrieben, die zu einer Widerbesetzung von Taksimplatz und Gezipark aufrufen. "Wir haben die Ideen und die Menschen. Jetzt lasst uns den Platz holen", heißt es in dem über SMS versendeten Aufruf für ein Treffen von Aktivisten am Dienstagabend. Nur der Treffpunkt ist mit einigen Kilometern Entfernung zum Taksimplatz noch mit Vorsicht gewählt. Mit gutem Grund, wie auch die Aktion von Erdem Gündüz' zeigt: Als sich einige Dutzend Menschen am Montagabend seinem stummen Protest anschlossen, nahm die türkische Polizei sie fest.

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