Das Schweigen über die "Kollateralschäden" durch Waffen der Ukraine

Mythen über das im Kampf gegen die russische Armee vereinte Volk sind mit der Realität im Osten der Ukraine schwer vereinbar. Symbolbild: rajatonvimma /// VJ Group Random Doctors / CC-BY-2.0

Stirbt eigentlich kein Zivilist durch "Wunderwaffen" aus dem Westen? Realistisch ist diese Vorstellung nicht. Und in der Ostukraine begann der Krieg nicht mit der russischen Invasion.

Fast jeden Tag wird in deutschen Medien die russische Armee neuer Kriegsverbrechen in der Ukraine beschuldigt. Tatsächlich gibt es auch immer wieder neues Bildmaterial, das zeigt, wie Bomben der russischen Seite Tod und Verwüstung auch in zivilen Einrichtungen anrichten.

Es ist gut, dass eine kritische Öffentlichkeit so genau darauf schaut. Es sollte zudem juristisch geklärt werden, ob hier ein gezielter Beschuss ziviler Einrichtungen stattfand, ob es sich um die berüchtigten Kollateralschäden handelt – oder ob auch die ukrainische Seite sich angreifbar macht, in dem sie militärische Anlagen in zivilen Einrichtungen platziert. Nur fällt auf, dass über die Folgen des Einsatzes ukrainischer Waffen kaum geredet wird.

"Wunderwaffen", die niemanden töten?

Das ist deshalb verwunderlich, weil ja in den letzten Wochen viel über die neuen angeblich so effektiven Waffen aus dem Westen geschrieben wird, die die entscheidende Wende im militärischen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine bringen sollen. Konkret hoffen viele, dass sie der Ukraine helfen, den Krieg zu gewinnen.

Nur ist es verwunderlich, dass dabei nie nach den Opfern dieser Waffen gefragt wird. Bringen sie keine Zerstörungen und kein Leid? Wird damit nie ein Zivilist verwundert oder getötet? Es ist klar, dass dies gar nicht möglich ist. Selbst, wenn die ukrainische Seite sich besonders bemühen sollte, die Zivilbevölkerung der anderen Seite zu schonen, wird es die berüchtigten Kollateralschäden geben. Es gibt eben keine Waffen, die nur Kombattanten schädigen und nicht auch Zivilisten.

Da ist es schon unverständlich, warum darüber nie geredet wird. Selbst die größten Befürworter einer verstärkten Bewaffnung der Ukraine müssten doch diese Tatsache mit in ihre Überlegung einbeziehen. Da stellt sich schon die Frage, ob es nicht einen politischen Grund hat, dass die Opfer der dieser Waffen so unsichtbar bleiben.

Ganz deutlich wird dies in dem Interview mit dem ukrainischen Fotografen Mystyslav Chernov, der jetzt viele Auszeichnungen für seine Arbeit im Kriegsgebiet bekommt. Doch er macht kein Hehl daraus, dass er sich als auch als Fotograf als ukrainischer Nationalist versteht und eben nicht die Gräuel des Krieges auf allen Seiten dokumentieren will.

Ohne Informationen, ohne Bilder von zerstörten Gebäuden und sterbenden Kindern konnten die russischen Streitkräfte tun und lassen, was sie wollten. Ohne uns gäbe es keine Bilder – oder: nur manipulierte. Insofern wurde unsere Arbeit sehr wichtig – so wichtig wie die Arbeit von jedem anderen Journalisten in der Ukraine auch.


Mystyslav Chernov, Neues Deutschland

Er kommt gar nicht die Idee, dass auch auf der anderen Seite Menschen unter dem Krieg leiden. Da fragte ein ND-Leser mit Recht, ob Chernov auch die Toten im Gewerkschaftshaus von Odessa dokumentiert hat. Sie waren Mitglieder des Anti-Maidan, also Gegner des Umschwungs in Kiew und starben am 2. Mai 2014 bei Auseinandersetzungen mit ukrainischen Nationalisten.

Es ist klar, dass es vorher gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen beiden Seiten gab. Doch es wurde auch deutlich, dass die ukrainischen Nationalisten mit Waffen angegriffen, ihre Gegner in das Gewerkschaftshaus getrieben und dieses dann in Brand gesetzt haben. Menschen sprangen aus den Fenstern, wenn sie fliehen wollten, wurden sie von den Nationalisten weiter geschlagen. Es ist ein unaufgeklärtes Verbrechen und ein Fotograf, der in dieser Region arbeitet und sich der Universalität der Menschenrechte verpflichtet fühlt, hatte auch hier Öffentlichkeit herstellen müssen.

Gegner des Maidan in der Ukraine wurden ignoriert

Aber schon 2014 war der von einem Großteil der veröffentlichten Meinung der vorschnell als prorussisch abgestempelte Teil der ukrainischen Bevölkerung schlicht nicht existent. Daher regte sich auch niemand auf, wenn deren Menschenrechte verletzt wurden – oder wenn sie sogar wie in Odessa im Feuer sterben.

Der "Krieg niedriger Intensität", der zwischen der ukrainischen Armee und den Milizen der sogenannten Volksrepubliken im Osten auf dem Rücken der dortigen Bevölkerung ausgetragen wurde, sorgte in der Regel nicht für Schlagzeilen in den hiesigen Medien.

Selbst bei einem Teil der pro-ukrainischen Linken in Deutschland wird bis heute der Mythos von einem vereint gegen die russische Armee kämpfenden ukrainischen Volk bedient – und somit einfach ignoriert, dass es relevante politische Kräfte in der Ukraine gab, die den nationalistischen Kurs, der nach 2014 in Kiew die Oberhand gewann, als selbstzerstörerisch für das Land ablehnten.

Ihre Parteien sind verboten, auch das nehmen jene Kräfte nicht wahr, die in der Ukraine jetzt Freiheit und Demokratie hochloben. Der pro-ukrainische Aktivist Brian Milakovksy ist einer der wenigen, der auch diese Menschen erwähnt. In einem Interview mit der Wochenzeitung Jungle World bedient er gerade nicht den Mythos des einig kämpfenden Volkes gegen die russische Armee, sondern benennt die unterschiedlichen politischen Kräfte in dem Land.

So schreibt er über die Bevölkerung einer ostukrainischen Stadt:

Selbst in Sjewjerodonezk, eine der am stärksten zerstörten Städte, sind um die zehn Prozent geblieben. Bei einigen ist es ihre politische Einstellung. Die Freiwilligen erzählten mir, dass Leute ihnen sagten: "Wir warten darauf, dass unsere Jungs endlich hier sind", während die Artillerie schon überall einschlug. Wie man in einem Bunker sitzen kann, während die russische Armee die ganze Stadt zerstört, und immer noch Sympathien für Russland empfinden kann, ist mir ein Rätsel, aber das gibt es.


Brian Milakovksy, Jungle World

Er wirft auch einen durchaus kritischen Blick auf die Maidan-Bewegung und benennt die Beweggründe, der Menschen, die dagegen demonstrierten.

Der Euromaidan war ein enormer gesellschaftlicher Konflikt, der die große Unzufriedenheit mit den Verhältnissen in der Ukraine und der Regierung Wiktor Janukowytschs an die Oberfläche brachte. Viele verschiedene politischen Kräfte gingen auf die Straße.

Das waren viele liberale und selbst einige linke Bewegungen, aber auch Kräfte, die vielen im Osten der Ukraine nicht geheuer waren. Nationalisten, von moderat bis furchteinflößend. Ich bin jüdisch, meine Vorfahren lebten im Grenz­gebiet von Belarus und Litauen.

Bezüge zum extremen Nationalismus des mittleren 20. Jahrhunderts lösen in mir auch Abscheu aus. Und das war es im Grunde, was viele Menschen im Donbass sahen, wenn sie auf den Maidan blickten.


Brian Milakovksy, Jungle World

Es wäre zu wünschen, dass ein Teil der Linken in Deutschland, die sich so sehr für die Post-Maidan-Ukraine starkmacht, von der differenzierten Betrachtung von Milakovsky lernen könnten. Dann würde vielleicht auch mal versucht, mit Kritikern der Entwicklung in der Ukraine nach 2014 in Kontakt zu kommen und auch ihre Sicht der aktuellen Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen.

Dann gäbe es auch Möglichkeiten, auch die Opfer und Leiden zur Kenntnis zu nehmen, die in der Ostukraine nicht erst 22. Februar 2022 begonnen haben. Dann würden wir vielleicht auch zur Kenntnis nehmen, dass die Waffen, für die sich jetzt der rechtsgrüne Netzwerker Ralf Fücks so sehr einsetzt, auch unter den in der Ostukraine leben Menschen Tod und Zerstörung hervorrufen.

Das wird sich noch verschärfen, wenn die von der ukrainischen Regierung angekündigte Offensive gegen die russischen Truppen anläuft. Denn beschossen werden dann nicht nur die russischen Soldaten, sondern eben die besetzte Region und ihre Infrastruktur und alle, die dort leben. Sollten wir da nicht genauso kritisch hinschauen, wie auf das Treiben der russischen Armee?

Sonst wären wir in die Nato-Strategie eingebettete Beobachter wie schon in Afghanistan und Jugoslawien. Auch dort waren die Opfer der Nato-Bomben höchstens Kollateralschäden. In der Ukraine aber wird den Opfern der ukrainischen Raketen nicht einmal dieser schon zynische Begriff zuteil. Sie sind einfach nicht existent. (Peter Nowak)