Das Schwein als Organspender für den Menschen

Perspektiven der Transplantation von Fremdgewebe

Was wir sonst essen, kann dem Menschen auch als Ersatzteillager für eigene Zellen und Organe dienen, denn das Schwein gilt als aussichtsreichster Spenden-Kandidat für die Xenotransplantation. Schweine haben einen ähnlichen Stoffwechsel wie der Mensch und bieten vergleichsweise große mikrobiologischen Sicherheit. Nicht zuletzt Kostengründen sprechen für den rosafarbenen Vierbeiner.

Per international anerkannter Definition ist Xenotransplantation: Transplantation oder Infusion von lebenden Zellen, Geweben oder Organen nicht-menschlicher Herkunft oder von menschlichen Körperflüssigkeiten, Zellen, Geweben oder Organen, die ex vivo Kontakt mit solchem tierischen Material hatten.

Transplantationsmediziner, Immunologen, Virologen, Ethiker, Juristen und Vertreter der zulassenden Behörden haben festgestellt, dass im vergangenen Jahr die Zahl der Untersuchungen zur Xenotransplantation beachtlich gestiegen ist, aber nach wie vor können der Nutzen für die Patienten und die möglichen Risiken dieser Behandlungsform noch nicht vollständig abgeschätzt werden.

Die Transplantationsmedizin sieht sich dem Problem gegenüber, dass es bei weitem nicht genug Spender gibt. Die Wartelisten für Spenderorgane sind lang und die schwer Kranken müssen immer länger warten. 1988 wartete z.B. ein Patient noch durchschnittlich 34 Tage auf eine Lebertransplantation, zehn Jahre später dann 477 Tage. Die Zahl der Organspender in Deutschland sank von 1998 bis 1999 von 13,5 auf 12,6 Spender pro Millionen Einwohner. Andere europäische Staaten, wie z.B. Spanien weisen eine ungleich höhere Spendebereitschaft auf (>30 Spender pro Millionen Einwohner). Dieser konkrete Mangel an humanen Spenderorganen hat die Bemühungen um neue Verfahren wie Xenotransplantation und Tissue Engineering intensiviert. Tissue Engineering (Gewebe-Züchtung) kombiniert so genannte Biomaterialien als Matrix mit Zellen (speziell Stammzellen), die im Labor kultiviert, vermehrt und verändert werden können, zur Herstellung von bioartifiziellen Konstrukten (Stammzellen aus Fett 7346). Wenn die Zellen (vorzugsweise) von Tieren stammen, handelt es sich wiederum (definitionsgemäß) um Xenotransplantate.

Xenotransplantate von Schwein sind nach bisherigem Forschungsstand noch problematisch, da die verpflanzten Organe vom menschlichen Körper vehement abgestoßen werden. Nach Organtransplantationen müssen auch bei menschlichen Spendern bisher lebenslang Medikamente eingenommen werden, die das Immunsystem unterdrücken, um eine Abstoßung zu verhindern. Bei Xenotransplantaten in Form kompletter Organe ist die Abstoßung bisher unvermeidlich.

Ein weiterer Risikofaktor sind die Krankheitserreger, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden könnten. Ein Weg der Reduktion der Abstoßungs-Risiken sind Genveränderungen an Schweinen (Erste transgene Klonschweine), und auch die im vergangenen Jahr heiß umstrittenen Patentanträge zur Züchtung einer Schimäre aus Schwein und Mensch wiesen in diese Richtung (Neue Vorwürfe von Greenpeace an das Europäische Patentamt). Die ersten Einsatzbereiche von Schweinegewebe sind aber nicht komplette Organe, sondern Teile, d.h. Gewebespenden. Bei Leberversagen z.B. werden schon seit einiger Zeit mit Erfolg Spenderlebern geteilt (Split-Lebertransplantation), allerdings bisher nur von menschlichen Spendern.

Besonders problematisch ist auch das Infektionsrisiko. Ein Teil der Erreger bzw. Mikroorganismen kann durch besonders kontrollierte Haltung der Tiere (spezifiziert pathogenfrei, SPF) ausgeschlossen werden, aber die Retroviren des Schweins, die so genannten porcinen endogenen Retroviren (PERV) sind im Erbgut aller Schweine verankert und können im Experiment menschliche Zellen infizieren. Die weiteren Folgen sind noch nicht bekannt, ob eine Infektion möglich ist, kann noch nicht gesagt werden. Dr. Denner vom Robert Koch-Institut hat eine entsprechende Studie erstellt und fasste zusammen:

Obwohl PERVs in vitro Zellen vieler Spezies infizieren und sich an menschliche Zellen adaptieren, konnte in vivo, in verschiedenen Tiermodellen oder bei ersten Xenotransplantat-Empfängern bisher keine PERV-Infektion nachgewiesen werden. In Ergänzung zu diesen Daten muss hervorgehoben werden, dass im Unterschied zur Situation vor wenigen Jahren inzwischen sensitive und leicht einsetzbare Nachweismethoden entwickelt wurden, die ein Screenen auf eine PERV-Infektion bei der experimentellen und klinischen Xenotransplantation ermöglichen.

Erste klinische Erfolge sind bisher im Bereich Übertragung von Schweinehaut auf Patienten mit gravierenden Brandverletzungen erzielt worden und auch bei der Behandlung von Diabetes durch verkapselten Inselzellen (Insulin produzierenden Zellen) vom Schwein. Schweine-Herzklappen als Organersatz werden seit Jahren erfolgreich in der Herzchirurgie eingesetzt.

Bisher hält aber die Bundesärztekammer, die von ihrem wissenschaftlichen Beirat eine Richtlinie zur Xenotransplantation erarbeiten ließ, auf Grund des zweifellos noch experimentellen Charakters die Etablierung eines begleitenden Systems von Beratung, Zustimmung und Dokumentation für erforderlich. Die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development), die ebenfalls begleitend eine beobachtende Überwachung installiert hat, schätzt die Situation ähnlich ein und rät zu übernationalen Überwachungs- und Vorsichtsmaßnahmen. Letztlich sind sich die Experten einig, dass noch intensiv geforscht werden muss, bevor die Xenotransplantation als echte Alternative bezeichnet werden kann.

Vor einer klinischen Anwendung der Xenotransplantation müssen daher sorgfältige Forschungsarbeiten geleistet werden, um zu klaren Aussagen über den Nutzen für den Patienten und die möglichen Risiken zu kommen,

so der Präsident des Robert Koch-Instituts, Professor Reinhard Kurth.

Noch ist - abgesehen von den ethischen oder religiösen Bedenken, ein tierisches Organ in sich zu tragen - die Xenotransplantation keine wirkliche Alternative. Die Risiken sind unabsehbar. Die Transplantationsmedizin setzt vorerst auf eine hoffentlich wachsende Spendenbereitschaft in der Bevölkerung (Organspenderausweis bei Arbeitskreis Organspende). Derweilen wird wohl verstärkt auf die Lebendspende und auf intensivere Nutzung von verfügbaren Organspenden (inklusive postmortale Organspende) gesetzt wird. Das Tissue Engineering ohne tierische Anteile könnte auch für viele schwer Kranke eine Chance darstellen. In aussichtslosen Fällen, d.h. für Patienten, bei denen keine andere Behandlung mehr möglich ist, kann die Xenotransplantation gerechtfertigt werden, wobei auch hier die tatsächliche Überlebenschance im Verhältnis zu den Risiken abgeschätzt werden muss. Wichtig ist in jeden Fall, und das betonten auch die Fachleute der Europäischen Akademie, eine öffentliche Diskussion über Chancen und Risiken der Xenotransplantation. (Andrea Naica-Loebell)

Anzeige