Das Seltsamste für Brasilien: kein Körperkontakt, keine Umarmungen, kein Schulterklopfen

Communidade Mangueira da Torre. Bild: Peter Schröder

Der Anthropologe Peter Schröder berichtet aus Recife: Bei den einkommensschwachen Gesellschaftsschichten sieht es bereits dramatisch bis katastrophal aus

Unter dem Eindruck der unzureichenden Maßnahmen, das Corona-Virus einzudämmen, macht sich in Brasilien Unmut gegen Bolsanaro breit. Die Fake News, die sich der Präsident und seine Söhne in ihrem "gabinete do ódio", dem "Hass-Zimmer" im Regierungspalast, ausdenken, wollen nicht mehr wirken. In den Großstädten gehen die Bewohner auf Balkone und schlagen mit Löffeln gegen Topfböden oder schalten ihr Licht rhythmisch ein und aus: Die "panelaços" zeigen die sinkende Popularität von "Bozo" an.

Olaf Arndt fragt den Anthropologen Peter Schröder, wie sich der Alltag unter COVID19 anfühlt? Schröder lebt seit 1996 in Brasilien und seit 2001 in Recife.

1. Hellcife

Im März und April ist die schwüle Hitze in Recife fast unerträglich. Aber nicht nur deswegen wird die Stadt von jüngeren Bewohnern auch Hellcife genannt. An gewöhnlichen Tagen ist nämlich die Fortbewegung eine Hölle. Die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pernambuco wurde bereits zu den zehn am meisten verstopften Städten der Welt gerechnet, obwohl man relativierend ergänzen sollte, dass man in Brasilien das eigene Land sehr gerne irgendwie zur Weltspitze rechnet. Dafür können durchaus auch negative Aspekte herhalten.

Das Stadtgebiet selbst hat etwa 1,65 Millionen Einwohner, die Stadtregion über 4 Millionen. In Recife selbst gibt es um die 700.000 Fahrzeuge. Während der Stoßzeiten, den picos, wird die Stadt deswegen regelmäßig von Autos überschwemmt. Etwas ruhiger ist es in der Hauptferienzeit, die sich normalerweise von Weihnachten bis zum Karneval erstreckt.

Aber am 1. Februar beginnt die Schulzeit, und von einem Tag auf den anderen gibt es etwa 250.000 Autos mehr auf den Straßen, weil die Mittelschicht es partout nicht zulassen kann, dass ihre Kids alleine zur Schule gehen und von dort nach Hause zurückkehren, selbst wenn es zu Fuß locker möglich wäre. Nach den Berechnungen einiger Verkehrsexperten tragen Personenbeförderungs-Apps, die aplicativos wie Uber oder 99, dazu bei, dass in Recife pro Tag etwa 100.000 Fahrzeuge weniger auf den Straßen kursieren, weil viele Leute sich den Fahrstress ersparen wollen.

Meine Lebenspartnerin und ich wohnen in Madalena, einem recht angenehmen, relativ zentralen Stadtviertel mit guter Infrastruktur. Die Barbarei des Straßenverkehrs kriegen wir normalerweise fast jeden Tag durch das verrückte Gehupe und einen Blick vom Balkon unserer Wohnung im 14. Stock aus mit, weil direkt vor dem Gebäude eine wichtige Verkehrsachse vorbeiführt. Um 12 Uhr herum sowie zwischen 17 und 20 Uhr gibt es regelmäßig Stop-and-go, und auf der Kreuzung an der Straßenecke behindern sich die Fahrer gegenseitig. Unter der Pandemie hingegen sieht es an der gleichen Ecke ganz anders aus: gähnende Leere.

Auf den Straßen sind Fahrzeuge und Menschen selten geworden, aber Recife bleibt weiterhin eine schmutzige Stadt, wo sich Dreck und Müll allerorts finden lassen. Der Capibaribe und andere verschmutzte und verseuchte Wasserläufe im Stadtgebiet stinken weiterhin, die von Mangroven gesäumten Flussufer ohnehin. Schließlich ist Recife die Stadt des Manguebeat, von Chico Science & Nação Zumbi: Da Lama ao Caos.

Seit der ersten Märzhälfte wird Covid-19 von der Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung richtig ernst genommen. Noch gibt es keine radikalen Quarantäne-Anordnungen. Aber die Empfehlungen des Gesundheitsministeriums zu isolamento social werden meistens freiwillig befolgt, wenn auch bisweilen sehr kritisch wegen der unmittelbaren wirtschaftlichen Auswirkungen. Laut den Ergebnissen einer Befragung des Meinungs- und Marktforschungsinstituts Datafolha, die vom 1. bis 3. April durchgeführt wurde, befürworten 76% der Bevölkerung die Empfehlungen zur sozialen Distanzierung.

2. Pernambuco unter Covid-19

Am 17. März gab es den ersten Todesfall. Am 18. März ordnete die Regierung Pernambucos an, sämtliche Bildungs- und Erziehungseinrichtungen vorübergehend zu schließen, während die Universitäten bereits am Sonntag, den 15. März, beschlossen haben, ihren Lehrbetrieb vorläufig einzustellen.

Am 21. März wurde dann die Öffnung aller Geschäfte, Restaurants, Bars und Shopping-Centers verboten. Nur Supermärkte, Kleinmärkte, Bäckereien, farmácias (das sind Apotheken und Drogerien gleichzeitig), Pet Shops und Tierkliniken dürfen öffnen, müssen aber alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen treffen (Glasscheiben zwischen Kassenpersonal und Kunden). Öffentliche Märkte, die feiras und mercados públicos wie der Mercado da Madalena, dürfen ebenfalls noch Kunden bedienen, aber nur zwischen 9 und 15 Uhr. Falls die Kundschaft denn überhaupt hingeht.

Im öffentlichen Nahverkehr wurde die Zahl der Busse um 70% verringert, und in den Bussen, die noch fahren, sieht man auch wenige Fahrgäste. Also das Gegenteil von dem, was man von Recife kennt. Der Fernverkehr mit Bussen zu den municípios im Landesinneren und in die anderen Bundesstaaten wurde praktisch eingestellt. Ein Land, das fast zum Stillstand gebracht werden soll. Fast, denn der totale Stillstand würde ja die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten gefährden.

Wie die Mehrheit der Bevölkerung musste ich mich auf reine Heimarbeit umstellen. Da meine Dienststelle die Universidade Federal de Pernambuco (UFPE) ist, fiel das nicht schwer. Lehrveranstaltungen gibt es zurzeit nicht, sollen aber vollständig nachgeholt werden, und die nervigen und ineffizienten Sitzungen des Departments bleiben mir wenigstens erspart.

Arbeitspläne mit Zielangaben für trabalho remoto ("Fernarbeit") und der Aufführung von Belegen sind obligatorisch, und vieles lässt sich in der Tat so erledigen. Während die Privatunis sofort auf online-teaching umgestiegen sind (schließlich müssen sie ständig Geld einfahren), tun sich die öffentlichen Universitäten damit schwer. Die Mehrheit des Lehrbetriebs an den öffentlichen Unis wurde in der Tat in den letzten Jahren nicht auf EaD (educação a distância) umgestellt. Es werden dafür soziale Argumente aufgefahren.

In der Tat hat ein keineswegs unbedeutender Prozentsatz der Studierenden keinen Zugang zu einem halbwegs vernünftigen Internetanschluss und häufig, bei normalem Lehrbetrieb, gerade mal das Geld, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Uni zu fahren und sich dort eine pipoca (eine Tüte Popcorn) zu kaufen. Das frühere Bild der öffentlichen Unis Brasiliens als reine Anstalten für die soziale Reproduktion der Mittel- und Oberschicht hat seit der Regierungszeit der Arbeiterpartei PT eine gewisse Veränderung erfahren.

Für meine Lebenspartnerin sieht die Lage etwas anders aus. Sie arbeitet im Gesundheitswesen, wurde aber wegen einer gravierenden Erkrankung im vergangenen Jahr in die Risikogruppe eingestuft und daher von der Arbeitspflicht vorübergehend befreit.

Die meiste Zeit über bleiben wir in unserer Wohnung und verlassen diese nur kurzzeitig aus drei Gründen: für dringend notwenige Einkäufe, um mit unseren zwei Hündinnen spazieren zu gehen und um etwa 30 Minuten lang in den ruhig gewordenen Nebenstraßen bei gehörigem Abstand zu anderen Leuten zu laufen. Da wir von keiner Hausangestellten (empregada doméstica) abhängig sind, kochen wir selbst und halten auch die Wohnung alleine sauber. An den relativ wenigen Leuten, die an den Bushaltestellen warten, kann man aber schnell erkennen, dass in anderen Mittelschichthaushalten ganz anders gedacht wird. Mit anderen Worten: Man lässt die Hausangestellten antanzen, und diese dürfen sich auf dem Weg von und zur Arbeit den Risiken einer Ansteckung aussetzen.

Während für uns der Alltag im isolamento social noch recht erträglich aussieht, lässt sich das für die Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung nicht behaupten. Zum einen wirkt es in Brasilien komisch, gesellschaftliche Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren und am besten nur in der Virtualität ablaufen zu lassen. Und das Seltsamste für Brasilien: kein Körperkontakt, keine Umarmungen, kein Schulterklopfen. Okay, wenn’s denn der Vermeidung von Neuinfektionen dienen soll, so nimmt man das eine Zeit lang hin.

Jedenfalls scheint die Mehrheit der Bevölkerung den entsprechenden Empfehlungen zu folgen, und auf der Straße versuchen die Menschen gewöhnlich Mindestabstände einzuhalten oder etwa die Luft anzuhalten, sollte sich jemand zu sehr nähern, als ob dies eine Ansteckung vermeiden könnte. Schutzmasken werden jetzt immer mehr empfohlen, und auch hier zirkulieren per WhatsApp (zap, wie die Brasilianer sagen) zig Videos über deren Herstellung in Heimarbeit. Neben den Masken, die meine Lebenspartnerin dank ihres Berufes erhielt, haben wir auch eine Reihe in Heimarbeit angefertigt. Diese sehen natürlich nicht so professionell aus wie die Fabrikware.

Supermärkte, Bäckereien und farmácias funktionieren normal. In den Regalen fehlt nichts, es wird alles wieder aufgefüllt. Nur nach Schutzmasken und Alkohol-Gel sollte man nicht fragen, weil die Nachfrage zu groß ist. Im März betrieb die Mittelschicht etwa zehn Tage lang Hamsterkäufe. Vor allem Klopapier und Konserven. Die großen Supermarktketten wie Carrefour, Extra oder Pão-de-Açúcar haben dann schnell Begrenzungen der Kaufmengen eingeführt, und sofort wurde es ruhiger in den Filialen. Sowohl die Zentralregierung als auch die Regierungen der Bundesstaaten haben Verlautbarungen herausgegeben, dass die Lebensmittelversorgung gewährleistet sei.

Eigentlich könnte man denken, dass sich nun die Delivery-Services eine goldene Nase verdienen und sogar die Austräger, die motoboys und Radfahrer von IFood, UberEats oder Rappi, ihr mageres Einkommen aufbessern können. Aber das blieb bisher eher Illusion. Auch für die Mittelschicht gilt mehrheitlich: weniger Arbeit, weniger Verdienst, weniger zum Ausgeben. Also spart man, wenn möglich, an entrega em domicílio (Delivery).

Auf der anderen Seite sind die Delivery-Services die einzige Überlebensmöglichkeit zahlreicher Restaurants, die ihre Bediensteten entweder auf Kurzarbeit beschäftigen oder entlassen mussten. Das Perverse ist: Während Restaurants, die diese Dienstleistung bereits vor der Pandemie nicht im Angebot hatten, schwere Verluste einstecken mussten, treibt sie die jetzige Situation in den Konkurs.

Wenn man das Verhalten der Mittelschicht beobachtet, etwa an der am Frühabend überfüllten Strandpromenade im Stadtteil Boa Viagem, könnte man fast den Eindruck bekommen, dass ein Teil der Gesellschaft die Empfehlungen des Gesundheitsministeriums als bezahlten Urlaub versteht. Peinlicherweise hat die Regierung Pernambucos den Menschen am Wochenende, vom 4. bis 6. April, verboten, Strände und Parks aufzusuchen, und sowohl die Guarda Municipal als auch die Polícia Militar forderten die wenigen Personen, die sich nicht an die Anordnung hielten, auf, die Orte sofort zu verlassen. Auf dem calçadão von Boa Viagem, der Strandpromenade, wo sich die Menschen beim Laufen drängten, wurde hingegen nicht eingegriffen. Absurdes Theater. Seit dem 7. April gilt nun das Verbot auch für den calçadão.

Die drastischen Einbrüche bei den Umsatzzahlen vieler Unternehmen nach mehr als einem Monat slow economy werden aber auch weite Teile der Mittelschicht hart treffen. Bei den einkommensschwachen Gesellschaftsschichten sieht es hingegen jetzt bereits dramatisch bis katastrophal aus.

Die im vergangenen Jahr leicht zurückgegangene Arbeitslosenquote wurde z.B. weniger durch Schaffung formaler Beschäftigungsverhältnisse als vielmehr über die Ausweitung des informellen Sektors erreicht. Informelle Arbeit ohne soziale Absicherung ist inzwischen für über 41% der arbeitenden Bevölkerung eine krasse Realität. Die informais, die im informellen Sektor Arbeitenden, meistens Straßenhändler, stehen bei isolamento social praktisch vor dem Nichts. Genauso die diaristas, die auf Tagelohnbasis arbeitenden Putzfrauen. Rücklagen - so gern von den Wirtschaftsweisen empfohlen - konnten sie nicht bilden. Das gilt auch für die zahlreichen schlecht entlohnten Beschäftigten im Gastronomiegewerbe und im Einzelhandel. Und da Läden und Geschäfte mehrheitlich geschlossen haben und immer weniger Menschen außer Hauses gehen, sind Bettler und Obdachlose umso mehr von Hunger bedroht.

Mit Verspätung hat sich die Regierung - entgegen ihrer neoliberalen Agenda - dazu durchgerungen, kleine und mittlere Unternehmen durch Steuererlässe und günstige Kredite zu stützen, wenn sie denn im Gegenzug ihr Personal nicht entlassen. Informais sollten zuerst während der Pandemie pro Monat R$ 200,00 als nicht zurückzahlbare Hilfsleistung erhalten - ein lächerlicher Betrag, der die Bezeichnung "Unterstützung" gar nicht verdient. Almosen wäre besser. Der Betrag wurde dann schließlich auf R$ 600,00 erhöht und soll diese Woche zur Verfügung stehen. Zur Information: der offizielle Mindestlohn beträgt dieses Jahr R$ 1045,00. Der Euro ist inzwischen auf fast sechs Reais gestiegen.

Während die ersten bestätigten Fälle von Covid-19 vor allem die Mittelschicht betrafen, weil diese eher verreist, steht für die armen und ärmsten Bevölkerungsteile das Schlimmste noch bevor. In den comunidades (die Bezeichnung favela gilt schon seit langem als politisch unkorrekt, obwohl sich durch die Umbenennung de facto nichts verändert hat) gestalten sich soziale Distanzierungs-Maßnahmen als ziemlich schwierig, vor allem wenn die Bewohner auf nachbarschaftliche Unterstützung angewiesen sind.

In der Comunidade Mangueira da Torre auf der anderen Straßenseite unseres Gebäudes, wo ich gelegentlich als Freiwilliger in einem kleinen Sozialprojekt der Bewohnervereinigung (associação dos moradores) tätig bin, leben die Leute auf sehr engem Raum. Das Projekt ist eine Art kleines Bürgerzentrum mit Bibliothek und Videothek, das im Haus der Bewohnervereinigung untergebracht ist und vor allem Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung bieten soll. Es wurde von den Bewohnern selbst mit Unterstützung von Professoren und Studierenden der UFPE aus der Taufe gehoben.

Zwar werden nicht mehr die Straßenfeste am Wochenende und an Feiertagen organisiert, bei denen schlechter Musikgeschmack über Autoboxen herausgebläht wird, aber regelmäßig finden Fußballspiele statt, und die Bewohner versammeln sich auf einem Platz zum Dominospielen oder Saufen. Mangueira da Torre gilt sogar als gut organisierte comunidade. Drogenhändler gibt es nicht (der letzte wurde vor ein paar Jahren beseitigt), und man kann dort ruhig und ungefährdet rumgehen. Das ist in anderen comunidades im Stadtgebiet nicht so einfach möglich.

Millionen von Niedrigverdienern arbeiten immer noch im Handel, in Supermärkten und Apotheken sowie als Dienstpersonal in den Gebäuden der Mittelschicht. Daher lässt sich feststellen, dass Boris Johnsons Vorschlag vertikaler Isolierung in Brasilien konsequent umgesetzt wurde. Jedoch nicht nach Altersklassen, sondern nach Einkommenskriterien.

3. Bozo rastet aus

In Zeiten von Covid-19 heißt eines der Hauptprobleme der brasilianischen Gesundheitspolitik Bolsonaro. Der Chefpöbler der Nation hat die Pandemie zuerst als "gripezinha" (kleine Erkältung) bezeichnet und genau wie Boris Johnson eine selektive Quarantäne befürwortet.

Bolsonaro war ja bereits als Militär ein Versager und hat es nur bis zum Rang eines Hauptmanns geschafft, bevor er wegen mangelnder Disziplin entlassen wurde. Und danach hat er 28 Jahre lang erfolglos als Hinterbänkler im Parlament verbracht. Dann entdeckte er 2017 zwei Talente: er hat Erfolg als Demagoge und als Nachplapperer von Trump.

Im Amt führt er sich auf wie irgendein Internetsurfer, dem es zu Kopf gestiegen ist, dass ihn die Wahlen in eine Position befördert haben, die es ihm erlauben, seine Meinungen nach Lust und Laune herauszubrüllen und über Twitter zu verschicken. Seine treue Anhängerschaft findet das natürlich weiterhin toll und richtig. Vielleicht sieht sie ja in ihm ein Spiegelbild dessen, was sie selbst gern machen würde.

Nun gibt es aber einen Gesundheitsminister, Luiz Henrique Mandetta, einen Orthopäden, der es für richtig hält, die Empfehlungen der WHO genau zu befolgen. Mandetta ist ziemlich nüchtern und objektiv in seinem Auftreten, hat also keine Starallüren wie der ehemalige Richter und jetzige Justizminister Sergio Moro. Es gibt da nur ein Problem - zum Ärger Bolsonaros: die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet nicht nur die Empfehlungen Mandettas. Viel schlimmer: seine Popularität ist direkt auf der Überholspur an Bolsonaro vorbeigeschnellt, wie eine Meinungsumfrage von Datafolha vom 3. April zeigt, während die Mehrheit das Verhalten des Staatspräsidenten für inkompetent einschätzt. Sogar die Gouverneure der Bundesstaaten erzielen inzwischen höhere Popularitätswerte als der Präsident.

Da Bolsonaro außerdem ein Kleingeist ist, wurde er schnell eifersüchtig und wollte am 6. April bereits Mandetta entlassen, um ihn nach Möglichkeit durch irgendeine blasse Gestalt zu ersetzen, die dann am besten auch noch auf der Linie Olavo de Carvalhos liegt. Olavo, ein Schriftsteller mit Wohnsitz in Virginia, der sich wie ein Sektenoberhaupt aufführt, ist der ideologische "Guru" des Bolsonaro-Clans. Leugnet kategorisch die Gefährlichkeit des Coronavirus.

Dumm ist nur für Bolsonaro, dass Mandetta zur Rechtspartei DEM, den Democratas, gehört. DEM ist die Partei des Parlamentspräsidenten Rodrigo Maia und des Senatspräsidenten Davi Alcolumbre. Beide haben sofort Gegenschläge bei den nächsten Abstimmungen signalisiert. Also bleibt Mandetta vorläufig im Amt.

Für den Präsidenten sind die Aussichten noch unangenehmer. Zuerst hat er im März zur Ignorierung sämtlicher epidemiologischer Empfehlungen aufgerufen und seine Anhänger zu Demonstrationen aufgefordert, wo er sich dann in Brasília in der Menge tummelte. Kurz vorher war sein Komitee mit 16 Infizierten von einem Treffen mit Trump aus USA zurückgekehrt. Der Präsident als begeisterter Virusüberträger.

Nun drücken weite Teile der Bevölkerung seit etwa drei Wochen ihre Wut in panelaços aus. Wer das Wort nicht kennt: ein panelaço ist eine Protestform, bei der die Leute auf Töpfe (panelas) schlagen, also etwas, was bei isolamento social möglich ist. In einigen Städten geschieht dies seit drei Wochen jeden Abend. Am stärksten hebt aber der Lärm ab, wenn es eine offizielle Ansprache Bolsonaros im Fernsehen gibt: "Fora, Bolsonaro!", "Bolsonaro fascista!", "Bolsonaro genocida!" ist, was man am meisten hört. Es gibt auch bolsoburros (Bolsodeppen), die versuchen, dagegen anzubrüllen, doch scheitern sie schnell.

Eine weitere Form des "panelaço" ist, dass alle Bewohner, die mitdemonstrieren wollen, gleichzeitig ihre Lichter in den Wohnungen an- und ausschalten.

Inzwischen ist es so weit gekommen, dass man bei offiziellen Ansprachen des Präsidenten an die Nation gar nicht mehr auf die Uhr zu schauen braucht, um zu wissen, ob es bereits 20:30 Uhr ist. Lärm und Licht der panelaços zeigen es an.

Im Gegensatz dazu erhielten alle im Gesundheitswesen Beschäftigten verdienten Applaus.

Bolsonaro rastet natürlich nicht wegen Eifersüchteleien gegen einen seiner Minister aus, sondern weil ihm eine seiner wichtigsten politischen Trumpfkarten, die im Wahlkampf versprochene wirtschaftliche Erholung Brasiliens, den Bach runtergeht. 2020 wird sich Wachstum in schwere Rezession verwandeln. Und die bedroht konkret seine geplante Wiederwahl 2022 sowie die Lokalwahlen 2020.

Statt versöhnlichere Töne anzuschlagen, setzt er wie immer auf Radikalisierung und versucht, seine Anhängerschaft über die sozialen Netzwerke aufzupeitschen. Drei Pitbulls, seine Söhne Carlos, Eduardo und Flávio, alle Politiker, helfen ihm dabei. Der Clan hat schon seit langem im Präsidentenpalast, dem Palácio do Planalto, ein gabinete do ódio, ein Hass-Zimmer, eingerichtet, von dem aus Fake News und anderer Mist in alle Richtungen verschickt werden. So wurden die bolsomínions aufgerufen, am 31. März auf die Straßen zu gehen und für die Wiedereröffnung der Geschäfte zu demonstrieren. Ein wahnsinniger Erfolg. Am Marco Zero, dem "Nullpunkt" im historischen Zentrum Recifes, kamen ganze vier (!) Gestalten zusammen.

Nur ist es wichtig zu sagen, dass Bolsonaro bei den Wahlen 2018 in Recife keine Mehrheit erzielt hat und ihm das in Pernambuco lediglich in einer einzigen kleineren Munizipalität im Landesinneren gelungen ist. Die Regierung Pernambucos unter der Linkspartei PSB zählt zur Opposition. Ganz anders sieht das mit Sicherheit im Bundesstaat Santa Catarina, einer Hochburg der Bolsonaristas, aus.

4. Wie weiter?

Inzwischen wird offen über ein Amtsenthebungsverfahren oder einen Rücktritt Bolsonaros geredet. Längst gilt er politisch als isoliert. Sogar seine wichtigsten Minister, Sergio Moro und der Wirtschaftsminister und Milton Friedman-Schüler Paulo Guedes, verteidigen öffentlich die soziale Distanzierung. Guedes etwa spricht nur noch von seinem Home-Office aus.

Währenddessen schickt der Bildungs- und Erziehungsminister Abraham Weintraub, der die Orthographie des Portugiesischen nur unzureichend beherrscht, Chinesenwitze durch die sozialen Netzwerke, welche durch Pekings Botschaft in Brasília entsprechend heftig beantwortet wurden. Also droht die brasilianische Politik mal wieder, sich in einen Zirkus zu verwandeln.

Sollte Bolsonaro stürzen, wird sein Vize, der General Hamilton Mourão, das Amt übernehmen. Der erzählt zwar auch gerne jede Menge Blödsinn, gilt aber als gemäßigter. Allerdings kann auch das Gegenteil geschehen: Bolsonaro wird bis zum Ende seines Mandats im Amt belassen, nur um ihn langsam zu demontieren (man nennt das fritar, "braten") und ihn eine Niederlage nach der anderen einstecken zu lassen.

Ungewissheiten beherrschen auch Wirtschaft und Gesellschaft. Brasilien hat 2015 und 2016 eine brutale Rezession erlebt, für welche die PT-Regierung maßgeblich verantwortlich war. 2017 und 2018 hat es unter der extrem unbeliebten - und korrupten - Regierung Temer eine leichte Erholung bei geringem Wirtschaftswachstum und noch geringerem Rückgang der Arbeitslosigkeit gegeben. Bolsonaros Wahlkampfversprechen wirtschaftlicher Erholung dank neoliberaler Reformen erbrachte aber im vergangenen Jahr nur magere 1,1% Wachstum, d.h. das BIP wurde ein pibinho, ein BIPchen. Jetzt haben sich sämtliche Hoffnungen auf wirtschaftliche Stabilität und Verbesserungen vorläufig zerstreut.

Paulo Guedes musste seine neoliberale Agenda zurückstellen und die Regierung die Grenzen für ihre Ausgaben erheblich erweitern, um eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe zu vermeiden. Und das bei einer bereits gigantischen öffentlichen Verschuldung.

Wird sich die neoliberale Agenda nach der Pandemie noch aufrechterhalten lassen? Werden die großen Banken erneut brillante Bilanzen dank dreister Zinssätze einfahren? Wird die Regierung Bolsonaro endlich mal ein bisschen Taktgefühl für die Situation der Unterschichten zeigen? Wird es zur absurden Situation kommen, dass die Warenlager voll sind, die Menschen aber kaum noch Geld zum Kaufen haben? Wird es eventuell zu Plünderungen kommen? Wie lange werden die Menschen die aktuelle Situation aushalten können? Zwei Monate? Drei?

Ich habe keine Antworten parat auf diese Fragen, die mich sehr beunruhigen. Die alltägliche Unsicherheit, die bereits für weite Teile der brasilianischen Bevölkerung seit langem Realität war, wird nun viel weitere Kreise ziehen. Für diese Situation wurde 2018 eine denkbar schlechte Wahl getroffen.

(Olaf Arndt)