Das Simpsonparadoxon und die Raucherinnen

Hommage an die Tabakindustrie

Es gibt wohl keinen Geschäftszweig, der den Tod in Friedenszeiten dreister verkauft als die Tabakindustrie. Selbst Leichen werden vermarktet: Nachdem sich die Häufung von Todesfällen durch E-Zigaretten nicht mehr verschweigen liess, nutzte man sie zur Beseitigung der lästigen Konkurrenz. Indem man die Ursache in gepanschten Produkten von Kleinanbietern feststellte, gaben sich die etablierten Firmen eine Art Gütesiegel. Der Konsument kann ruhig weiterrauchen. Falls er, was Gott allein weiss, vorzeitig das Zeitliche segnen sollte, wird sein Tod niemandem angelastet. Wie NZZ-Redakteur Daniel Gerny in "Lasst uns die kleinen Laster des Alltags!" resümiert, gehört es schliesslich "zum freiheitlichen Denken ..., dass sich jedermann selbst Risiken aussetzen, aus Erfahrungen Konsequenzen ziehen und daran wachsen kann". Da sich anscheinend gewisse Methoden nie ändern, sei hier an eine Marketingkampagne vor 90 Jahren erinnert, in welcher lauthals von Lifestyle und Freiheit die Rede war.

Langzeitstudien sorgen zuweilen für Überraschungen. Eine Untersuchung in der englischen Kleinstadt Whickham erbrachte sogar Ergebnisse, die grotesk wirkten. Die erste Datenerhebung nach Lebensgewohnheiten, darunter dem Zigarettenkonsum, erfolgte im Jahre 1972. Zwanzig Jahre später wurde ermittelt, wer von den Befragten noch am Leben geblieben war. Die Ergebnisse zeigten, dass die rauchenden Frauen länger leben. Während von den Raucherinnen nur 37,7% verstorben waren, betrug der entsprechende Anteil bei Nichtraucherinnen 46,9%.

Überlebende und Verstorbene der Whickham-Studie
Total Verstorben Anteil Verstorbener Überlebend Anteil Überlebender
Raucherinnen 369 139 37,70% 230 62,30%
Nichtraucherinnen 945 443 46,90% 502 53,10%
Total 1314 582 44,30% 732 55,70%

Ein kurzer Blick auf die Rohdaten genügte den Autoren, um hier das Simpson-Paradoxon zu erkennen: Unterteilt man nach Altersklassen, so erhält man die folgende Aufstellung.

Teilnehmerinnen nach Altersklassen zu Beginn der Studie
Raucherinnen Nichtraucherinnen
Alter Verstorben Überlebend Todesrate Verstorben Überlebend Todesrate
18-24 J 2 53 3,60% 1 61 1,60%
25-34 J 3 121 2,40% 5 152 3,20%
35-44 J 14 95 12,80% 7 114 5,80%
45-54 J 27 103 20,80% 12 66 15,40%
55-64 J 51 64 44,30% 40 81 33,10%
65-74 J 29 7 80,60% 101 28 78,30%
ab 75 J 13 0 100,00% 64 0 100,00%

Damit lag die Überlebensrate bei den Nichtraucherinnen in den meisten Altersklassen höher als bei den Raucherinnen. Die Raucherinnen waren im Schnitt jünger, deshalb hatten sie nach 20 Jahren höhere Überlebenschancen als ältere Nichtraucherinnen. Selbst bei Verzicht auf Nikotin lebt man nicht ewig.

Das Paradoxon, in zusammengefassten Daten die entgegengesetzten Aussagen zur detaillierten Statistik zu finden, wurde bereits 1951 vom britischen Statistiker Edward Simpson (1922 - 2019) untersucht und geistert dennoch regelmässig durch Politik und Medien. Auf den Punkt gebracht, sollte man eben keine Äpfel (hier jüngere Raucherinnen) mit Birnen (ältere Nichtraucherinnen) vergleichen. Seine Anwendungen reichen von soziologischen bis zu medizinischen Untersuchungen. Einige gehören zu den Klassikern der Manipulation, andere bringen selbst Spezialisten zum Grübeln.

So kann eine neue Operationsmethode erfolgreicher als die konventionelle erscheinen, weil sie von den Experimentatoren nur auf leichtere Fälle angewendet wird. Die Kriminalität von Ausländern erhöht sich gegenüber Einheimischen, solange unter Ausländern der Anteil jüngerer Männer überwiegt. (Ein ähnliches Problem wurde während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert beobachtet, als unter zugezogenen Industriearbeitern jüngere Männer dominierten.) Kriminalität ist eben auch im 21. Jahrhundert vorwiegend Männerkriminalität geblieben.

Strafgesetzbuch: Beschuldigte nach Alter und Geschlecht. Polizeiliche Kriminalstatistik der Schweiz (PKS) für 2013., Quelle: Bundesamt für Statistik, Neuchatel 2014 (Stand der Datenbank: 10.2.2014)

Damit enthält auch die Whickham-Studie nichts Sensationelles - ausser, man fragt sich nach Ursachen. Das Simpson-Paradoxon setzt strukturelle Unterschiede voraus. Warum wurden diese bei Frauen, nicht aber bei Männern beobachtet?

Wie die folgende Übersicht zeigt, hatte der Zigarettenkonsum 1972 bereits einen festen Platz bis zur Gruppe der 64 Jährigen erobert. Das entspricht den Geburtsjahrgängen ab 1908. Bei einem Einstiegsalter ab 20 muss es also zu Beginn der 1930er Jahre in England zu einer Trendwende gekommen sein. Rauchen - zuvor reine Männersache - wurde Schritt für Schritt auch für Frauen gesellschaftsfähig.

Teilnehmerinnen nach Altersgruppen zu Beginn der Whickham-Studie. Nur noch bei älteren Frauen (ab 65 Jahren) waren Raucherinnen in der deutlichen Minderzahl. Die Ursache liegt nicht allein in einer Verkürzung der Lebenserwartung durch das Rauchen, da die Statistik für Männer keinen so ausgeprägten Effekt aufweist.

Wie man auch an E-Zigaretten beobachtet, benötigt Werbung meist einige Zeit, bis sie ihre Wirkung voll entfaltet. Die auf Frauen zugeschnittene Zigarettenkampagne, ein bis heute kaum übertroffenes Meisterstück an Manipulation und Verlogenheit, war dagegen vom ersten Moment an durchschlagend. Der Auftakt erfolgte 1929 zur New Yorker Osterparade, als sich eine als Frauenrechtlerinnen verkleidete Gruppe von Werberinnen ostentativ Zigaretten anzündeten, die sie als "Fackeln der Freiheit" bezeichneten.

Zuvor waren Prostituierte und eine Handvoll rebellischer Künstlerinnen fast die einzigen Frauen, welche sich in der Öffentlichkeit den Griff zur Zigarette erlauben konnten. Also Randgruppen, die offiziell von der bürgerlichen Gesellschaft gemieden wurden. Gegen Ende der 1920er Jahren erkannte die amerikanische Tabakindustrie dieses brachliegende Feld. Eine sorgfältig konzipierte Werbekampagne unter der Leitung von Edward Bernays, einer der bekanntesten PR-Spezialisten seiner Zeit, sollte die Umorientierung einleiten. Die Kernidee bestand darin, das Rauchen in der Kategorie für Freiheit und Frauenrechte zu vermarkten.

Bernays, ein nach Amerika ausgewanderter Neffe von Sigmund Freud, war innerlich von zutiefst antidemokratischer Gesinnung und galt als Experte für die verdeckte Steuerung der "triebhaften Massen" durch einen kleinen elitären Zirkel von Vermögenden. Sein Einfluss auf die Gesellschaft ist bis heute enorm und wird in den Dokumentationen "The Century of the Self" von Adam Curtis sowie "Edward Bernays und die Wissenschaft der Meinungsmache" von Jimmy Leipold beleuchtet.

Die Idee mit den "Fackeln der Freiheit" stammte von Abraham Brill, einem bestens mit den Theorien von Carl Gustav Jung und Sigmund Freud vertrauten Psychoanalytiker. Entsprechende Wortschöpfungen werden als Bedeutungsverschiebungen bezeichnet. Damit lassen sich Konzepte tarnen, hier eine simple Geschäftsidee. In seinem Buch "Warum schweigen die Lämmer?" gibt Rainer Mausfeld eine ganze Palette von Beispielen, die inzwischen so tief in unser Alltagsdenken übernommen wurden, dass wir sie kaum als Manipulation wahrnehmen. Die Zigarette in Frauenhand weckte Gedankenverbindungen zur New Yorker Freiheitsstatue. Wird die berühmteste amerikanische Symbolfigur als fackeltragende junge Frau dargestellt, so steht die junge Raucherin ganz in ihrem Erbe.

Zigaretten-Reklame (6 Bilder)

Zeitgenössische Reklame: Zigaretten als Befreiungssymbol. Dank moderner Technologie sogar schadstofffrei. Quelle: Mimi Berlin

Da gesundheitliche Schäden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts thematisiert wurden, bleibt die Einbeziehung geeigneter Experten ein wesentliches Element von Verharmlosungsstrategien. Diesbezüglich hatte man schon Vorarbeit geleistet, als Rauchen noch ein Männerprivileg war.

Die Aktion wurde unter breiter Mithilfe der Massenmedien umgesetzt. Die beeindruckende Vielfalt der beteiligten Gesichter und Charaktere, Prominente aus allen gesellschaftlichen Bereichen, konnte einem Nichtraucher das Gefühl vermitteln, Relikt einer antiquierten Epoche zu sein.

Als mögliche Hemmschwelle erkannte man die Angst vieler Frauen, sich in der männlich dominierten Gesellschaft durch ungeschicktes Rauchen lächerlich zu machen. Zur Vermittlung der richtigen Handhabung wurden Hollywood-Schauspielerinnen in die Werbung einbezogen. Philip Morris ging noch einen Schritt weiter und finanzierte regelrechte Schulungen für elegantes Rauchen in gesellschaftsfähigen Salons und Clubs.

Die Historikerinnen Amanda Amos und Margaretha Haglund bemerken dazu (Übersetzung nach N. Chomsky):

Es ist fraglich, ob das Rauchen bei Frauen so beliebt geworden wäre, wenn die Tabakkonzerne in den 1920er- und 1930er-Jahren nicht die Gelegenheit ergriffen hätten, die Gedanken von Befreiung, Macht und anderen für Frauen wichtigen Werten zu nutzen und sie so für den Zigarettenmarkt zu gewinnen. Vor allem mussten sie neue soziale Bilder und Bedeutungen für das weibliche Rauchen entwickeln, um die Assoziation mit anrüchigem und libidinösem Verhalten und der entsprechenden Moral zu überwinden. Das Rauchen musste nicht nur als respektabel, sondern auch als gesellig, modern, schick und feminin neu positioniert werden.

Wie die Whickham-Studie zeigt, hielt die ältere Generation (Jahrgänge bis 1907) im ländlichen England stärker an traditionellen Wertvorstellungen fest und lehnte Zigaretten eher ab. Ihr Konservatismus kann sich sogar zum Nutzen der Tabakindustrie ausgewirkt haben, weil die Annahme neuer Lebensgewohnheiten bei Jüngeren auch durch allgegenwärtige Generationskonflikte begünstigt wird. Ein neuer Lebensstil ist zugleich ein Zeichen von Abgrenzung.

Längst haben sich auch Grossunternehmen (Philipp Morris, Samsung, Sony) für das neue Geschäftsfeld E-Zigarette bereit gemacht, dessen Werbesprüche fatal an die Kampagne von Bernays und Brill erinnern. Und wer denkt bei "Its Time To Change!" nicht auch an den smarten Expräsidenten Barack Obama zurück.

Gelingt es dabei, einige lästige Gesetzesschranken abzubauen, dann locken märchenhafte Profite. Eine Verharmlosung des Risikos bedeutet insbesondere, dass E-Zigaretten in der Schweiz dem Lebensmittelgesetz unterstehen können und deshalb auch für Minderjährige frei erhältlich sind. Bei tieferem Schadenprofil sollte man selbstverständlich auch eine günstigere Besteuerung erwarten. Die Werbung würde erleichtert und schliesslich wären sie auch nicht den gesetzlichen Restriktionen zum Schutz vor Passivrauchen unterworfen. "Its Time To Change!" erhält dann eine gänzlich neue Aussagekraft.


Dr. Raj Spielmann ist Mathematiker und Autor des Buches "Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik. Mathematische Anwendungen in Natur und Gesellschaft", das im Verlag Walter De Gruyter erschienen ist.

(Raj Spielmann)