Das Super-Selfie und die Schnäppchenjagd

Wie die Smartphone-Fotografie unsere visuelle Beziehung zur Welt verändert - Ende der Fotografie 3

Es war 1970, als Hans Magnus Enzensberger in seinem "Baukasten zu einer Theorie der Medien" die bekannte Forderung aufstellte, dass jeder Empfänger zugleich ein Sender sein solle, was emanzipatorisch gemeint war. Wenn wir in der U-Bahn all die Menschen sehen, die wie hypnotisiert auf ihre Smartphones starren, wissen wir, dass Enzensberger die Verwirklichung seiner Idee noch erlebt hat.

Weniger bekannt ist, dass es eine ähnliche Forderung hinsichtlich der Fotografie gab. 1926 hatte Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharsky, seines Zeichens Volkskommissar für Bildung in der jungen Sowjetunion, gefordert: "Jeder fortschrittliche Genosse muss wie eine Taschenuhr auch eine Kamera haben." Bekanntlich hat sich auch diese Forderung erfüllt, seit sich das Handy zur Bildmaschine gewandelt hat. Aber was bedeutet das eigentlich?

Es bedeutet zunächst in der Tat einen bis dahin kaum für möglich gehaltenen Demokratisierungsprozess, was Abbildungspraxen anbelangt. Aus dem exklusiven, weil teurem und aufwendigem Medium zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein alltägliches Phänomen geworden, Lunatscharskys Forderung quasi in 200-prozentiger Planübererfüllung: Läuft doch heute nahezu jeder mit einem fotografiefähigen Smartphone herum. Soweit konstatiert, lässt sich die Frage auf die Folgen einer derartigen fotografischen Allgegenwärtigkeit ausdehnen. Wie verändert sich unsere Beziehung zu dem Medium Fotografie und wie verändert sich dessen Bedeutung?

Sowjetisches Foto 1929.

Dass technische Neuerungen nach anfänglicher Exklusivität zu einem Massengut werden, ist nicht neu. Das Fernsehen zum Beispiel war in den ersten Jahren seiner Existenz (in den USA Ende der 1940er Jahre, in Deutschland Anfang der 1950er Jahre) eine exklusive Angelegenheit für Gutbetuchte. 1952, als der Nordwestdeutsche Rundfunk seine Sendungen aufnahm, gab es gerade mal 4000 Empfangsgeräte. Der Preis für einen Fernsehempfänger betrug 1000 Mark, gut das Dreifache des monatlichen Nettolohns eines Arbeiters. 1954 setzte sich das TV-Publikum mit eigenem Empfangsgerät zu 59 Prozent aus Selbständigen und zu 9 Prozent aus Arbeitern zusammen. 1963, nach einem wahren Siegeszug des Fernsehens, war die Relation umgekehrt. Jetzt waren 53 Prozent der Gerätebesitzer Arbeiter und nur noch 14 Prozent Selbständige.

Bei Fotokameras verlief die Entwicklung ähnlich. Die Kameras der Jahrhundertwende 1900 waren schwere Holzkisten mit Großformat, eigentlich nur für professionelle Anwendung erschwinglich. Als in den 1920er Jahren dann die kleinen Leica-Kameras auf den Markt kamen, kosteten sie noch immer einen vielfachen Monatslohn eines Arbeiters. Wollten sich Mitglieder der damaligen Amateur-Fotobewegung "Arbeiterfotografie" eine Kamera kaufen, mussten sie sich das Geld dazu im wahrsten Sinne des Wortes vom Mund absparen.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war der Besitz einer Kamera nicht selbstverständlich, es dominierte noch immer der engagierte Amateur. Erst mit der allgemeinen Hebung des Lebensstandards seit den 1970er Jahren kam es zur flächendeckenden Verbreitung von Kleinbildkameras. Seit 2003 waren auch die neuen Digitalkameras erschwinglich geworden und lösten schließlich die analogen Fotokameras weitgehend ab.

Doch der wirkliche Bruch in der Geschichte dieses Mediums bedeutete die Integration der Fotokamera in das mobile Telefon beziehungsweise Smartphone: Jetzt hatte nahezu jeder - wie Lunatscharskys Taschenuhr - eine einsatzbereite Kamera dabei, die mit geringsten Aufwand zu bedienen ist.

Der Epochenbruch, der sich damit in der Alltagspraxis des Mediums manifestiert, wird allerdings nur dann vollends deutlich, wenn zugleich die Verbreitung der Bilder über beziehungsweise die Anbindung der Kamera an das Internet mitgedacht wird. Dann wird klar, dass wir es in Wahrheit mit der Auflösung dessen zu tun haben, was wir bisher als mediale Praxis des Fotografierens bezeichnet haben. Ab jetzt können wir uns die komitative Sphäre als eine gigantische Kamera vorstellen, die über unzählige Objektive verfügt und so die analoge Welt widerspiegelt.

Wir haben es nicht mehr mit einer punktuellen Aufnahme zu tun, sondern mit einer beständigen Übertragung von Bildern. Was vorher ein abgrenzbarer und klar definierter Abbildungsakt war, wird nun zu einem Zustand. Das Bild in digitaler Verbreitung wird zur Allgegenwärtigkeit und wir werden in diese Allgegenwärtigkeit der Bilder vollständig eingehüllt. Das Netz wird zum allsehenden Auge, das freilich in die eigene Retina blickt: Ein gewaltiges Super-Selfie.

Damit verändert sich auch unsere Beziehung zum Bild respektive der Fotografie grundlegend. Denn Fotografieren ist ja nicht nur ein technischer Vorgang, ausgelöst durch den Druck auf den Auslöser der Kamera. Diesem Auslösen geht ja im Grunde immer ein mehr oder minder bewusster gedanklicher Akt voraus, manifestiert sich über den technischen Vorgang ein kultureller Vorgang. Im Festhalten der Realität beziehungsweise dem Anhalten der Welt für eine 125stel Sekunde in einer Fotografie ist ja bereits diese Realität selbst schon eingeschrieben.

Das Fotografieren etwa mit einer großformatigen Holzkamera beinhaltet selbst schon eine ganze Latte an Entscheidungen und Aussparungen, an Struktur und Auswahl. Das Fotografieren mit dem Smartphone wiederum steht auch für die vorgeschobenste technische Bastion der Menschheit gegen den Kontrahenten Natur. Das Fotografieren als Beziehung zur Welt ist auch eine Geschichte der visuellen Eroberung dieser Welt - oder der Kontemplation. Die Smartphone-Fotografie erscheint in diesem Zusammenhang dann eher als Weltaneignung per Flatrate, Welt als permanentes Schnäppchen, das man wie einen angebissenen Hamburger auf dem Tablett liegen lassen kann.

Kurioserweise hat diese visuelle Weltaneignung per Flatrate aber auch ein konterkarierendes Moment: Das Handy respektive Smartphone wird gleichzeitig auch zum digitalen Massengrab der Fotografie. Milliarden an Fotos verbleiben in den internen Speichern, ohne dass sie je ausgedruckt oder sonst wie öffentlich gemacht werden. Es fehlt den Smartphone-Besitzern einfach oft die Zeit, das technische Wissen, der Zweck oder andere Betrachter, um das Bild vom Speichermedium zu nehmen. So wandern im Laufe der Zeit Millionen dieser Bildmaschinen auf den Müll und mit ihnen die vergessenen Bilder der komitativen Sphäre.

Es folgt: Das Ende der Fotografie IV: Das letzte Aufbäumen der Fotografie als Kunst

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