Das Symbol des Bösen

Die Bekenntnisse des Massenmörders Charles Manson triefen vor Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit. Mehr Licht in die Motive und Hintergründe der Untaten bringen sie jedoch nicht

Dieser Tage jährt sich zum 42. Mal eine spektakuläre Mordserie, die einst für weltweites Aufsehen sorgte und den seinerzeit schon welk gewordenen Blumenträumen von einem dauerhaften Sommer der Liebe den Todesstoß versetzte Der Elvis des Massenmords). Sogar die New York Times, sonst nicht gerade empfänglich für Panoramathemen, räumte für das Ereignis, das vielleicht das dunkelste Kapitel der Popgeschichte darstellt, ihre erste Seite frei.

Innerhalb von nicht mal vierzehn Tagen waren bei drei Überfällen rund um Los Angeles acht Menschen mit Pistolen und Messern misshandelt und brutal abgeschlachtet worden. Neben Vertretern des hiesigen Establishments befand sich unter den Toten auch die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des polnisches Starregisseurs Roman Polanski.

Fahndungsfoto von Charles Manson (1971)

An Türen, Wänden und auf Körpern der Toten hatten die Täter Sprüche und Parolen hinterlassen. "Pig" ("Schwein") und "politically piggy" (politisches Schweinchen") waren da zu lesen, aber auch "Rise" ("Erhebt Euch"), "War" ("Krieg") oder "Healter Skelter". Letzteres war rechtschriftlich falsch und sollte wohl auf den gleichnamigen Song der Beatles "Helter Skelter" ("Holterdiepolter") hinweisen, auf "Chaos", "Durcheinander" oder "Wirrwarr".

Barker Ranch. Bild: Tumbleweed. Lizenz: CC-BY-2.0

Es dauerte nicht lange, bis die Ermittler die Mörder ausfindig gemacht hatten. Noch im Oktober des Jahres 1969 verhaftete man Mitglieder der "Manson Family", eine Hippie-Kommune, die in der Nähe von Los Angeles auf einer Ranch lebten. Trotz intensivster Ermittlungen und aufwändigstem Gerichtsverfahren (es dauerte neuneinhalb Monate, kostete über eine Million Dollar und allein die Geschworenen verbrachten fast acht Monate isoliert in einem Hotel), konnten die Motive, Umstände und Gründe der Taten bis heute nie ganz aufgeklärt werden.

Handelte es sich beim ersten Mord an dem Kleindealer Gary Hinman um einen bloßen Racheakt? Ging es bei den zweiten Morden gar nicht um Sharon Tate und ihre vier Bekannten? Sollte diese Tat bloß vertuscht werden? Oder wollten sie doch den Musikproduzenten Terry Melcher treffen, Sohn der Schauspielerin Doris Day, der das Haus am Cielo Drive 10050 an die Schauspielerin und ihren Ehemann weitervermietet und davor ein Demoband abgelehnt hatte, das Charles Manson zusammen mit den Beach Boys aufgenommen hatte?

Gab es tatsächlich einen rassistischen Hintergrund? War es die Absicht der Täter, durch den Mord am Ehepaar LaBianca den Schwarzen zu zeigen, wie man gezielt Weiße abschlachtet? Wollten sie mit den Taten zum "Rassenkrieg" aufstacheln, zum Aufstand der Schwarzen gegen die Weißen, wie vor allem der Ankläger, Vincent Bugliosi, vermutete?1

Susan Atkins (2001)

Tatsache ist, dass Manson die Morde nicht selbst ausgeführt hat. Die Exekution überließ er lieber einigen seiner engsten Gefolgsleute, namentlich den Jüngern Bobby Beausoleil, Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, Linda Kasabian und Charles Tex Watson - im Grunde alles talentierte junge Leute, die aus kaputten Familien stammten und ihm hörig waren, sich später aber, nach ihrer Verurteilung, von ihrem "Führer" lossagten und zu Wiedergeborenen Christen wurden. Darum wurde Manson von den Geschworenen auch nicht wegen Mordes, sondern "nur" wegen Anstiftung zum Mord zum Tode verurteilt.

Dank einer glücklichen Fügung wurden die Strafen Jahre später in "lebenslänglich" umgewandelt. Der Staat Kalifornien hatte die Todesstrafe für verfassungswidrig erklärt. Trotz diverser Gnadengesuche sitzt Charles Manson immer noch im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Corcoran in Kalifornien ein.

Auch die US-amerikanische Journalistin Michal Welles, die rund zwanzig Jahre lang den Kopf der Bande regelmäßig im Gefängnis besucht, einen regen Briefaustausch mit ihm gepflegt und auch das Umfeld von Charles Manson befragt und ausgeforscht hat, gelingt es nicht, mehr Licht in die dunklen Hintergründe der Taten zu bringen.

Das Ergebnis ihrer Jahrzehnte währenden Gespräche und Zusammenkünfte mit dem Täter, das jetzt in Buchform vorliegt2 und laut Aussage der Autorin, uns den "wahren Charles Manson" zeigen soll, gerät allerdings zu einer Spielwiese und öffentlichen Showbühne für einen Soziopathen, der es trotz schwerer Krankheit und seines hohen Alters, am 12. November wird er 77, immer noch schafft, zahlreiche Menschen von und für sich einzunehmen.

Das war schon so, als Manson, der die Sechziger größtenteils im Gefängnis verbrachte, als mäßig begabter Folk- und Straßenmusiker nach Haight Ashbury zog und begann, sich dort als neuer Prophet und Weltenretter zu gebärden. Innerhalb kurzer Zeit gelang es ihm, eine ganze Heerschar persönlichkeitsschwacher Jünger und vor allem rothaariger Jüngerinnen um sich zu scharen, die den gerade mal 1,57 m großen Manson abgöttisch als Guru verehrten und willig seinen ebenso simplen wie sonderbaren Losungen folgte, einem Mix aus düsterem Satanskult, Weltuntergangsfantasien und Versprechen einer heilen, naturverbundenen Welt.

Auch die Journalistin Welles kann sich den mit Worten schmeichelnden, sie ständig umwerbenden Manson nicht immer ganz entziehen. Nur so ist zu erklären, dass sie ihm intimste Dinge anvertraut, etwa, dass sie in jungen Jahren von ihrem herrischen Stiefvater sexuell missbraucht worden ist. Ob der Leser diese Details überhaupt erfahren will oder sollte, sei mal dahingestellt. Gleichwohl gewinnt sie mit solchen Einblicken in ihr Innerstes die Zuneigung, das Verständnis und das Vertrauen des Kriminellen und kann so ein verstörendes Kaleidoskop eines Menschenfängers, Sektenführers und Massenmörders präsentieren.

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