Das Temporäre frisst seine Kinder

Das Allmende-Kontor für gemeinschaftliches Gärtnern auf dem Tempelhofer Feld. Bild: Michael Jungblut

Stadt ist, was auch anders gemacht werden kann. Testfall Berlin

In London sind die Hochhäuser da, und niemand redet darüber. In Berlin reden alle über die Hochhäuser, die nicht da sind. Sagte der in beiden Städten ansässige Architekt David Chipperfield auf dem Architekturfestival "Make City", das im Vormonat das Fachpublikum mit dem Nachwuchs in Berlin zusammenführte und in die Stadt ausschwärmen ließ. Chipperfield ergänzte: Wenn die Städte den Investoren überlassen werden, ist Pandoras Büchse geöffnet.

Gegen die Investorenlogik führte das Festival wie in einem letzten Aufgebot die bereits weitgehend aus der Stadtmitte verdrängten Raumpioniere ins Feld. Deren Logik ist jedoch fragil. Muss nicht das Temporäre, die Zwischennutzung, zur Permanenz erhoben werden, um den Lauf der Dinge, der "Verdichtung" heißt, aufzuhalten? Kann das Regellose zur Regel werden? Oder sollte man nicht gleich selber in die Nischen investieren, um sesshaft zu werden? Dann wären die vormaligen Besetzer, wie sie es sich selbst bescheinigen, "erwachsen" geworden. Die Biografie vieler (nicht mehr ganz so) junger Architekten, die sich in Baugenossenschaften engagieren, ist danach.

Zwischen alter Eisfabrik und "Spreefeld"-Areal trotzt das Tipi-Dorf den neuen Wohntrends. Bild: Bernhard Wiens

Genossenschaftlich errichtete Wohnkomplexe verfügen über viel "Shared space" und von Anfang an über eine "geteilte Autorenschaft". Eine Personalunion besteht zwischen Bauherren, Nutzern und nicht zuletzt den Architekten, sofern diese als Genossen ins Projekt eingestiegen sind. Diese Parallelschaltung erspart Kostensprünge und überlässt die Wahl des Wohnmodells der Gemeinschaft. Die Architekten können hier das Bauhaus-Prinzip abwandeln: Die gebaute Form folgt den gewünschten Funktionen. Am Holzmarkt, dem Nachfolgeprojekt der legendären "Bar 25" und von "Kater Holzig" (Raumproduktion in der Republik Berlin, holen die Genossen noch weiter aus: Money follows concept. Schritt für Schritt werden nutzerabhängige Entwürfe kreiert, um darauf ad hoc die Finanzierung abzustimmen.

Alle Projekte betonen die Öffnung zur Stadt. Das Erdgeschoss wird "Vermittlungszone" zwischen Wohnung und Stadt, sei es, dass es gemeinschaftlich genutzt oder sozialen Initiativen zur Verfügung gestellt wird, sei es als Optionsraum für wechselnde Nutzungen wie Werkstätten oder Ateliers. Auch das Grundstücksgrün wird nicht - nicht immer - von der Öffentlichkeit abgesperrt. Die in Berlin hochbrisante Frage, wie weit ein Uferweg entlang der Spree etabliert werden kann ("Mediaspree"), haben die Genossen des prominent gelegenen "Spreefeld"-Areals eindeutig zu Gunsten einer Öffnung ausgelegt.

Die Bauhütte soll zum Kraftquell des Kunst- und Kreativzentrums "Südliche Friedrichstadt" werden, das mit Hilfe von Baugruppen entwickelt wird. Bild: Bernhard Wiens

Für das Grün zwischen den drei Häusern heißt es: Nachbarn ohne Zäune. Innerhalb der Häuser geht es auf unterschiedlichen Ebenen weiter mit Gemeinschaftsräumen bis hin zu Küchen und der Dachterrasse. Wohnen und Arbeiten werden räumlich angenähert. Ein weiteres innerstädtisches Projekt treibt das Prinzip offener Grundrisse so weit, dass sich die Privaträume überlagern - gemäß dem von Mies van der Rohe gepflogenen "Fließenden Raum".

Soziale Frage = Bodenfrage?

Über die Stolpersteine von Baugruppen- und Genossenschaftsprojekten wurde auf dem Festival verständlicherweise eher am Rande berichtet. Die Endlos-Diskussionen in der Entwurfs- und Ausführungsphase lassen die Architektenhonorare, berechnet aufs Jahr, in den Keller sinken. Hat es bei fluktuierender Zusammensetzung der Gruppe genug "gemenschelt", folgt nach dem Einzug die Erschlaffung, der Rückzug ins Private. Bezogen auf den fertiggestellten Gesamtkomplex kann das zu dem emotionalen Rückschlag führen, mit dem Draußen der Stadt nichts mehr zu tun haben zu wollen. Die Genossenschaft wird zur Gated community.

So (wie am Hauptbahnhof) bauen sie (fast) alle, denen Berlin eine Kapitalanlage wert ist. Bild: Bernhard Wiens

Für größere Projekte wie den "Möckernkiez" wurde die Finanzierungsfrage zum Reinfall. Diese Frage ist nach Meinung der Genossenschaften vom Grund - und Boden - her anzugehen. Nur wenn die Immobilie preisgünstig ist, können die Projekte an den Start. Aber das Gegenteil ist inzwischen der Fall. Die Genossenschaftsszene setzt auf Liegenschaften aus dem Besitz der öffentlichen Hand, wenn sich nur die Senatsverwaltung der "Stadtrendite" bewusst wäre, welche aus der Unterstützung des experimentellen genossenschaftlichen Bauens hervorgehen würde.

In Berlin wird jedoch seit über fünf Jahren um eine Änderung der Liegenschaftspolitik gerungen, ohne dass es eine grundsätzliche Abkehr von der Vergabe solcher Liegenschaften an den Meistbietenden gegeben hätte. Seit der Finanzkrise starrt der Berliner Senat auf die Investoren wie das Kaninchen auf die Schlange. Eine Vergabe, die neben dem Preis stärker die Qualität der Konzepte berücksichtigt, kam nur in Ausnahmefällen wie dem "Kreativquartier Südliche Friedrichstadt" zum Tragen, wo die Szene ihre Widerstandskräfte bündelte.

Der Park am Gleisdreieck, ein Bürger-Park auf einer ehemaligen Bahnbrache, die vom Potsdamer Platz ausgeht. Bild: Julien Lanoo

Bleibt die Vergabe von Grundstücken in Erbpacht, wenn die Immobilie von sozial engagierten Stiftungen oder Fonds erworben ist. In Einzelfällen kommen ansprechende Exempel heraus wie beim Umbau einer aufgelassenen Schule für behindertengerechtes Mehrgenerationen-Wohnen, gefördert von der "trias"-Stiftung. Diese beruft sich auf die Altvorderen Adolf Damaschke, Silvio Gesell und Franz Oppenheimer, um ihre philanthropischen Zwecke ideologisch zu unterfüttern. Nicht zu vergessen Rudolf Steiner. Das wirft ein Licht auf den Beginn der Genossenschaftsbewegung, als die soziale Frage durch eine Bodenreform gelöst werden sollte. Wenn die Grundrente abgeschafft ist, kann den Arbeitern der volle Ertrag zugutekommen, war die These.

Marx nahm die Kritik an der Reformbewegung vorweg, indem er postulierte, dass die Grundrente vom durch die Arbeitskraft geschaffenen Mehrwert abzuleiten sei, das heißt: sekundär ist. Welche dieser Theorie-Schulen die größere Durchschlagskraft hat, sei dahingestellt. Skeptisch stimmt jedoch die Entwicklung von Gartenstädten aus der Blütezeit genossenschaftlichen Bauens vor dem Ersten Weltkrieg. Die Geschichte der berühmten Gartenstadt Hellerau1 ist die einer fortschreitenden Privatisierung, was auch die DDR nicht aufgehalten hat. Sollten die neuen Berliner Genossenschaftsbauten auch Einzelfälle bleiben, haben sie umso mehr städtebauliche Symbolkraft.

Eines der internationalen Beispiele, anders mit Stadt umzugehen: "Superkilen" in Kopenhagen. Bild: Iwan Baan / TOPOTEK 1

Stattdessen sind die Wohnungsbaugesellschaften, die gerade den Sozialen Wohnungsbau verlernt haben, am Zuge. Wie sagte die Senats-Staatssekretärin: "Wir müssen bauen, bis der Arzt kommt." Die Baulücken-Schließung möchte Michael Mönninger, Hochschullehrer und Journalist, zur Schließung von Plätzen erweitert sehen. Auf einer Diskussion über die Agora der Stadt, das Marx-Engels- bzw. Rathausforum, beklagte er, dass die angestammten Berliner wie Fettaugen auf der Suppe schwimmen und keine Neubauten für Zugereiste wünschen. Er ergänzte, dass in unseren Breitengraden nur vier Monate des Jahres zum Aufenthalt im Freien geeignet seien und forderte eine Überbauung des Forums.

Alexander Schwarz vom Büro Chipperfield hielt sanft dagegen, dass Wohnungsbau in dieser Spitzenlage kaum den Markt entspannen wird. Das Gegenteil träte ein. Die Preissprünge würden sich konzentrisch ausbreiten und zur Vertreibung der einheimischen Wohnbevölkerung und damit zur sozialen Segregation beitragen. Fettauge sieht anders aus.

Wir sind das Volk - oder ein anderes?

Die Stimmen, welche nach Verdichtung nicht zuletzt durch Überschreiten der Berliner Traufhöhe riefen, ließen die Generallinie des Festivals, das Hegen und Pflegen von "Common goods", verblassen. Die Verdichter treten ihrerseits nicht anders als die Beton- und Kahlschlags-Fraktion der 70er Jahre auf. Sie übersehen und übergehen den fast schon trivialen Satz Ludwig Hilberseimers: Architektur ist im Raum und schließt zugleich Raum ein.

Das schicke Studentendorf in Plänterwald soll um 400 Container erweitert werden. Bild: Bernhard Wiens

Das Im-Raum-Sein ist der öffentliche Raum, der Raum geplanter und ungeplanter Begegnungen. Er macht die Urbanität einer Stadt aus und droht nun auch in Berlin zu schwinden. Der Ausbau dieser Stadt ist jedoch vom Freiraum her zu denken. Die besessene Suche nach Baulücken sollte in die ruhige Reflexion überführt werden: Wie können funktionsentbundene Räume neu programmiert werden, ohne das Alte auszuradieren?

Für den Landschaftsarchitekten Martin Rein-Cano sind öffentliche Platz- und Grünanlagen der Ort, an dem plurale Interessen in Austausch miteinander treten. Er stellte dazu den hybriden Stadtplatz "Superkilen" in Kopenhagen vor, der mit bewusster ikonographischer Übertreibung auf die Zeichen der Stadt reagiert. Neue Parks sind einerseits für unvorhergesehene Nutzungen zu kodieren und benötigen andererseits eine starke Idee. Das war Rein-Canos Stichwort zum Thema Partizipation. Wenn die Idee fehlt, steigern sich die Beteiligungsverfahren zum Selbstzweck, bis der Park zur Charakterlosigkeit nivelliert ist.

Vorschlag: Den Deckel zum einst von Peter Behrens entworfenen U-Bahnhof öffnen, um den (Moritz-)Platz wiederzugewinnen Bild: ALAS

Die zündende Vision vermissten die meisten Planer bei den vergangenen Entwürfen zum "Tempelhofer Feld". Oder es mangelte an der Vermittlung, so dass der Volksentscheid zum Verzicht auf jedwede Bebauung erfolgreich war. Thomas Willemeit vom Büro GRAFT, das ebenfalls Pläne für eine Randbebauung vorgelegt hatte, hält das für eine "Katastrophe". Begibt er sich in die Macht- und Ohnmachtsphantasien, welche die meisten der bei Berliner Bauvorhaben mitredenden oder beteiligten Gruppen befallen? Das bekannte Brechtsche Gedicht könnte abgewandelt werden: Wenn den Planern ihr Volk nicht mehr passt, sollten sie sich da nicht ein anderes wählen?

Dabei ist sich gerade GRAFT bewusst, dass Brücken, und seien sie aus Holz, zwischen der offiziellen und der informellen Architektur zu schlagen sind, wenn die Stadt Standortperspektiven aufzeigen möchte. Zwischen alles (bebauen) und nichts, zwischen Investorenarchitektur und der Traumstadt vergangener Berliner und insbesondere GRAFTscher Utopien steuert das Büro nun auf Synthesen zu, die paradox sind. Zum Bau des "Eckwerks" hat man sich mit dem Büro Kleihues zusammengetan.

Das Eckwerk ist Teil des "Holzmarkt"-Projekts. Fünf Türme werden für Startups, Forscher und Künstler bereitstehen. Das Personal dieser Wissensschmiede soll sich aus abgebrochenen und umso kreativeren Studenten rekrutieren. Bei verdichteter Bauweise geht die Genossenschaft mit dem Baustoff Holz in die Höhe.

Sieht aus wie Investorenarchitektur, erhält aber noch ein hübsches Kleidchen: das Stadtschloss. Bild: Miriam Guterland. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die Kooperation mit dem Büro Kleihues dürfte der Szene Bauchschmerzen bereiten. Der Name des Gründers steht für die "Kritische Rekonstruktion", die aus Unbehagen an der Moderne in historisierende Muster verfällt. Mit seinem neuesten Werk steht das Büro geradezu für die Inkarnation des Bösen, nicht nur wegen des Inhalts, des Bundesnachrichtendienstes, sondern mehr wegen der Rasterfassade. Sie hat keinen Anfang und kein Ende. Sie verwirrt den Beobachter. Vielleicht ist das beabsichtigt. Derartige Geschäfts- und Hotelbauten schießen in der Kernstadt wie Pilze aus dem Boden.

Survival of the fittest?

Das Festival bot eine Fülle von Debatten und Vor-Ort-Visiten mit der Spannbreite von "Smart City" bis "Urban Open Source", von Aquaponik (Fischfarm) bis Flussbad, das sich auf 850m Länge an einem Arm der Spree erstrecken soll, der die Museumsinsel umschließt. Eine Biotoplandschaft mit Schilfbecken würde zur Klärung vorgeschaltet. Schöne Vorstellung: Die Zivilgesellschaft schwimmt am Neubau-Fake des Stadtschlosses vorbei und pinkelt dort ohne Folgen ins Wasser. Es wäre ein Racheakt. Als während des Baus des barocken Schlosses die Eingangsachse von der Altstadt weggedreht wurde, hieß es im Volksmund: Der König kehrt uns seinen Allerwertesten zu.

Um den Fortschritt der vorgestellten Projekte zu verfolgen, läge eine Wiederholung von "Make City", das viel junges Publikum auch von außerhalb anzog, nahe. Es könnte überprüft werden, ob die thematische Klammer des Festivals Bestand hat. Die Zwischennutzer und Raumpioniere wurden als Bewahrer der "Common goods" angepriesen, was in einem etwas zu großartigen Vergleich mit der Geschichte der Allmende in Europa in Analogie gesetzt wurde. Zur Unterstützung der heutigen Bewegung steigerte sich die Initiatorin des Festivals, Francesca Ferguson, in vielfach wiederholte Beschwörungsformeln wie "Partizipiert Euch", "Do it together", "Macht die Interaktionsrevolution". Berlin sei eine Ausnahmestadt mit "Ausnahmefreiräumen".

"atelier le balto" lud zum zehnjährigen Jubiläum eines verschwiegenen Gartens am Hamburger Bahnhof. Bild: Bernhard Wiens

Sigmund Freud würde aus so viel aufmunterndem Vokabular auf die Unterdrückung latenter Aggressionen schließen, im Besonderen auf eine Auto-Aggression, die mit jedem Rückzug verbunden ist. Am Anfang der Bewegung lagen die Hausbesetzungen. Am Ende stehen die auf dem Festival erörterten Fragen, wie die Aktivitäten zu protokollieren, zu kartieren, zu lizenzieren - und zu subventionieren - sind. Es darf verwaltet werden.

Der Rückzug von Utopien setzt aber auch viele kleine Ideen frei und zwingt, sie in eine zuvor abgelehnte Realität einzubringen. Ethel Baraona Pohl, die am Festival mitwirkte, sieht "die Rolle des andersdenkenden Architekten nicht als Figur des Widerstandes, sondern als opportunistisch. Er/sie stellt sich im darwinistischen Sinne auf einen Kontext ein, nach dem nicht die stärkste, sondern die flexibelste Art weiterkommt." (Bernhard Wiens)