Das Totemtier des Sozialdarwinismus

Klaus-Jürgen Menzel und der Wolfsschutz

Seit 1904, als der „Tiger von Sabrodt“ erlegt wurde, galten Wölfe in der Lausitz als ausgerottet. Vor etwa sieben Jahren tauchten sie wieder auf. Nicht nur auf einem Truppenübungsplatz, der militärisches Sperrgebiet ist, sondern mittlerweile auch in vielen Wäldern der Umgebung.

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Bild: fws.gov

Die Wölfe in Ostdeutschland werden von der ganz überwiegenden Mehrheit der ortsansässigen Bevölkerung abgelehnt. Auch die Jäger sehen in ihnen eine Gefahr. Normalerweise würden die Tiere schnell abgeschossen werden – wäre da nicht der Gesetzgeber, der in diesen natürlichen Prozess eingriff und den Abschuss verbot. Seitdem breiten sich die Wölfe aus – und mit ihnen die Angst der Anwohner.

Deshalb investiert das sächsische Umweltministerium viel Geld, unter anderem in Stellen für den "Wolfsmanager" Andre Klingenberger, in das "Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz" und in das "Wildbiologische Büro Lupus" in Spreewitz. Dort arbeitet Gesa Kluth, die für das sächsische Umweltministerium Propagandaarbeit auf öffentlichen Veranstaltungen macht. Als ihr dabei wieder einmal der Widerwille der Anwohner entgegenschlug, setzte sich ein Mann öffentlich für sie und die Lausitzer Wölfe ein: Klaus-Jürgen Menzel, dessen Foto von der Pressestelle des sächsischen Landtages aus Gründen, über die man nur mutmaßen kann, wie ein kostbarer Schatz gehütet wird, war Mitglied der NPD-Landtagsfraktion. Dort wurde er offiziell wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten, inoffiziell wegen zu offener Hitler-Verehrung ausgeschlossen. 2005 wurde er von seinen Fraktionskollegen gewaltsam daran gehindert, im sächsischen Landtag einen Redebeitrag von sich zu geben. Vielleicht wäre es um Wölfe gegangen. Oder um Wolfsschanzen. Wer weiß?

Neben Wölfen schätzt Menzel, der Aussagen gerne mit "Odin sei mein Zeuge" beginnt, auch germanische Götter, Bäume und die Wehrmacht. Die Verehrung für Hitler und Odin erklärt auch, warum der Landtagsabgeordnete sich so ganz und gar nicht volksnah für den Wolfsschutz ausspricht: Der germanische Obergott Odin (Wotan), der in der Mythologie mit Beinamen wie "der Graue", "der Schreckliche" und "der Reißer" bedacht wird, hat die Wölfe Geri und Freki („der Gierige” und „der Gefräßige”) an seiner Seite, die mit ihm jagen. Der Wolf, der im Rudel angreift und das "Schwache" ausmerzt, wurde auch von Hitler verehrt. Der Wolfs-Fan gab sich den Namen des von ihm verehrten Tiers als Decknamen und unterschrieb teilweise Briefe damit. Auch Hitlers in Wien lebende Schwester Paula musste nach der Übernahme Österreichs den Nachnamen „Wolf“ annehmen.1 Als das Hitler-Regime 1936 in der Lausitz sorbische Ortsnamen germanisierte griff es auf den eingangs erwähnten "Tiger" zurück und benannte Sabrodt („Ort hinter der Furt“) in "Wolfsfurt" um. Vielleicht gefällt Menzel aber auch nur, dass das sächsische Umweltministerium bei den Wölfen so große Sorgfalt auf "Rassereinheit" legt.

In seiner Wolfsverehrung befindet er sich in jedem Fall in interessanter Gesellschaft: Auch in bestimmten Teilen Neuköllns und Kreuzbergs steht der Wolf hoch im Kurs – nämlich bei den Bozkurtçular, den "Grauen Wölfen", einer Gruppe, die mit Menzel und seinen Gesinnungsgenossen eine Reihe struktureller Gemeinsamkeiten aufweist. Sie streben eine Vereinigung aller Turkvölker vom Balkan bis nach Xinjiang an. Der ebenfalls lupophile Panturanismus geht sogar noch etwas weiter und sieht den Verbund von Finnland bis nach Japan - wo die Bestrebungen aber auf wenig Gegenliebe stoßen.

Auch die südafrikanische Armee importierte vor dem Ende der Apartheid Wölfe aus Europa und Nordamerika und versuchte aus ihnen "Massenkontrollhunde" zu züchten. Trotzdem hat sich der deutsche Innenminister bislang noch nicht positiv zur Wolfsansiedlung geäußert. Anders der Umweltminister: Im Februar veranstaltete er eine "Wolfskonferenz" mit Beiträgen wie "Willkommen Wolf! Ein Comeback nach 100 Jahren". Sein "Naturschutz-Magazin" titelte in einem Heft zum Thema: "Zu Unrecht verteufelt und verfolgt", "Rotkäppchen ist an allem schuld" und "Liebevolles Rudel".

Die Behörden betonen, dass Wölfe "extrem scheu" seien und dass ein gesundes Tier keinen "Kontakt zu Menschen suchen" würde. Christian Lissina vom "Verein für Sicherheit und Artenschutz", der vor dem Dresdner Verwaltungsgericht mit einer Klage auf eine Abschussgenehmigung scheiterte, weiß dagegen von einem Lausitzer Wolf, der eine Reiterin bis zu ihren Stallungen verfolgte, einer Frau, die beim Einschalten ihrer Autoscheinwerfer ein Tier auf ihrem Hof entdeckte und zwei Wölfen, die einen Hundezwinger belagerten. Der finnische Wolfsexperte Magnus Hagelstam sieht bei diesen Beispielen der Annäherung des Wolfs an den Menschen Gefahrenstufe 5 eines aus Studien in Kanada entwickelten Gewöhnungs- und Gefährdungsschemas erreicht – Stufe 7 ist der Angriff auf den Menschen.

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Der Verein fordert von der Politik deshalb das, was sonst eigentlich ein Anliegen von Umweltschützern ist: Neutrale wissenschaftliche Gutachten, bevor die Lausitz "zur Spielwiese für Ökoexperimente ohne Erkenntnis und Benennung der Spätfolgen gemacht wird." Bernd Dankert, der Wolfsbeauftragte des sächsischen Umweltministeriums, lehnt die Forderungen des Vereins mit der Begründung ab, dass der Mensch nicht "Beute" des Wolfes sei. Ob das aber auch die Wölfe wissen? Und ob das nicht nur für den "Normalwolf", sondern auch für kranke und besonders hungrige Tiere gilt?

Der Wolf neigt dazu, sich auf die jeweils am leichtesten erreichbare Beute zu spezialisieren – das kann auch der Mensch sein. Durchaus nicht so selten, wie auch eine dreistellige Zahl von Opfern aus der jüngsten Vergangenheit belegt. Am 8. November 2005 wurde zum Beispiel der 22jährige Kenton Joel Carnegie im kanadischen Northern Saskatchewan mit hoher Wahrscheinlichkeit von Wölfen gerissen. Die Leichen von Wolfsopfern erkennt man an typischen Biss- und Reißspuren sowie am Verzehr der Organe und der Kopf- und Keulenmuskulatur an Ort und Stelle. Im selben Jahr starben in Afghanistan sechs Menschen durch Wölfe und in Indien starben seit 1986 mehr als hundert Menschen nach Wolfsattacken - die meisten davon waren Kinder. (Peter Mühlbauer)

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