Das "Twitter-Mädchen" im Syrienkrieg

"Stern"-Stunden des Journalismus

Auch deutsche Medien wie etwa der Stern berichteten seit Oktober eifrig über Bana. "Ich brauche Frieden": Worte aus dem Mund einer Siebenjährigen. schnuppte der stern am 04.10.2016. Dabei erweckte das Magazin stets bei der Leserschaft den Eindruck, als stammten die Tweets wirklich von Bana.

Die inzwischen in einem Pressetermin zutage getretene Tatsache, dass das "Twitter Girl" Englisch nicht einmal versteht, hat der Stern seinem Publikum bislang nicht verraten. Stattdessen lieferte der stern das vorweihnachtliche Rührstück vom geretteten Mädchen und schreibt ihm den offenen Brief an Trump zu. Die Frage, ob Bana überhaupt die Tweets begreift, die offenbar ihre Mutter in wessen Auftrag auch immer absetzt, ist dem Magazin keine Zeile wert.

Dabei waren die stern-Deuter durchaus gewarnt. Ein Blogger hatte mehrere Wochen die unkritische bis irreführende Bana-Berichterstattung ausführlich kommentiert und schließlich die stern-Berichterstattung als Produktion von Falschmeldungen beschimpft. Die empfindlichen Blattmacher eiferten den ZEIT-Prozesshanseln nach und erwirkten am Oberlandesgericht Hamburg eine einstweilige Unterlassungsverfügung - Streitwert: ursprünglich 100.000,- €. Die Redaktion redet sich darauf heraus, man hätte ja auch die Mutter erwähnt, die gemeinsam mit der Tochter getwittert habe. Selbst die Einschätzung, der stern "verbreite eine offenkundige Lügengeschichte", wurde gerichtlich untersagt.

Ob die für ein siebenjähriges Mädchen ungewöhnlichen Bana-Tweets allerdings wirklich authentischer sind als die vom stern entdeckten Hitler-Tagebücher, oder ob Bana nicht eher Projektionsfläche und Statistin westlicher Spindoctors ist, mag jeder selbst entscheiden. Alles in allem erinnert Bana jedenfalls stark an die verängstigte "Albanerin" aus der Politsatire "Wag the dog".

Hinweis: Der Autor vertritt derzeit am Landgericht Hamburg den Betreiber des im Beitrag genannten Blogs gegen den Stern

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