Das "Twitter-Mädchen" im Syrienkrieg

Screenshot "Hiba Tawaji - Al Rabih Al Arabi" (siehe Video unten)

Fata Morganas aus 1000 und einer Nachtschicht

Bei der Rollenverteilung in Gut und Böse greifen erfahrene Spindoctors gerne auf kleine Mädchen zurück, die zuverlässig Sympathien für die leidende Partei und Hass auf die denunzierte Partei liefern (vgl. Geleaktes CIA-Dokument belegt Kriegspropaganda - Junge Mädchen in der politischen Propaganda).

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Legendäres Beispiel ist "Krankenschwester Nayira" die 1990 in einem Video heulend "bezeugte", wie irakische Soldaten Babys aus Brutkästen geworfen hätten. Diese von Medienvertretern unkritisch aufgesogene Story bewirkte in der Öffentlichkeit eine Stimmung, die den USA das Bombardement auf die Ölfelder des Irak politisch ermöglichte. Tatsächlich waren die "Babys" in Wirklichkeit Puppen, die "Krankenschwester" die Tochter des kuwaitischen Botschafters. Regie dieser infamen Propaganda-Inszenierung führte die PR-Agentur Hill & Knowlton.

Während das Leben der nur inszenierten Babys damals immerhin für einen Kriegsgrund taugte, spielte die halbe Million echter irakischer Kinder, die durch das US-Embargo ohne Medikamente verreckte, für die westliche Wertegemeinschaft keine Rolle. Bill Clintons damalige Außenministerin Madeleine Albright kommentierte 1996 ungerührt, dieses Opfer sei es wert gewesen. Die zynische Kriegerin führt heute eine politische Beratungsfirma in strategischer Partnerschaft mit dem grünen Ex-Außenminister Joschka Fischer, der den Deutschen den Jugoslawienkrieg verkaufte, und unterstützt Ex-Außenministerin Hillary Clinton, die lügend und lächelnd über Leichen geht.

Hiba Tawaji - Al Rabih Al Arabi

Auch im Syrien-Konflikt, wo die Einteilung in Gut und Böse mangels Guten eigentlich gar nicht möglich ist, tauchen schon mal kleine Mädchen auf, um dem Publikum das Feindbild zu weisen. So machte im Dezember 2016 ein tapferes kleines Mädchen in Social Media die Runde, das in Aleppo zwischen dort liegenden Leichen irrte.

Das scheinbar aktuelle Foto entstand jedoch bereits 2014 im Libanon - und stammt aus einem inszenierten Videoclip der libanesischen Sängerin Hiba Tawaji über den Arabischen Frühling. Die "Leichen" waren so tot wie Nayiras "Babys" echt.

Solche Fake-News, die in sozialen Netzwerken von Fake-Accounts gestreut werden, erinnern stark an die von Edward Snowden enttarnte Einheit Joint Threat Research Intelligence Group (JTRIG) des britischen Geheimdienstes, die durch Infiltrieren von Social Media Desinformation in die öffentliche Meinung einspeisen soll, etwa um Gegner in Misskredit zu bringen. Das Biotop von Anonymous ist längst Terrain der Geheimdienste.

So leistet sich etwa das Pentagon eine Armee von 27.000 PR-Beratern, die sich einen Etat von über vier Milliarden US-Dollar teilen. Der lukrativste Auftrag ging an die britischen PR-Agentur Bell Pottinger, die 500 Millionen US-Dollar für gefälschte Propaganda-Videos des Terrornetzwerks Al-Qaida im Irak erhielt.

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Eine spannende Rolle spielt insoweit auch die 2013 von Militärberater James Le Mesurier gegründete Zivilschutzorganisation "White Helmets" mit Sitz in London, die vom Westen finanziert wird und nicht mit anderen Rettungsorganisationen assoziiert ist. Prof. Günter Meyer zufolge berichtet die mit dem Alternativen Friedensnobelpreis geschmückte Organisation zwar die Verbrechen des Assad-Regimes, nicht aber die der Kämpfer gegen Assad und sei vor allem ein Propagandainstrument. Tatsächlich hat etwa die britische Regierung Millionen in den Aufbau freier syrischer Social Media-Aktivisten der "White Helmets" investiert, die wie gerufen das westliche Narrativ bedienen.

Auch beim Foto des leidenden Jungen "Omran", das die Welt rührte, übergingen viele Medien den Kontext. Omrans Fotograf pflegte Verbindungen zu Dschihadisten, die einen gleichaltrigen Jungen ungerührt köpften.

Bei der Beurteilung von digitalen Nachrichten aus dem Land der Fata Morgana wäre daher von professionellen Journalisten ein Höchstmaß an Skepsis zu erwarten. Davon ist im Fall des sogenannten Twitter-Mädchens wenig zu spüren.

Ebenfalls angeblich aus Aleppo präsentierte die BBC Ende 2016 eine gewisse Bana Al-Abed, die trotz Alter von nur sieben Jahren über einen Twitter-Account verfügte, obwohl der Mikrobloggingdienst eigentlich nur Teilnehmer ab 13 Jahren zulässt. Das syrische Mädchen twitterte in perfektem Englisch, das Experten sogar für das eines native speakers halten.

Dies irritierte die Medienvertreter jedoch ebensowenig wie der auffällige Umstand, dass die kleine Syrierin von Anfang an politische Botschaften absetzte, welche die westlichen Feindbilder des Konflikts bedienten.

Dass Bana nicht wirklich persönlich twittert, hätte versierten Journalisten spätestens dann auffallen müssen, als sie im Profil des Accounts "operated by mom" lesen konnten. An Banas Authentizität brauchten gestandene Journalisten nicht zu zweifeln, denn die hatte das unabhängige wie unsauber arbeitende Recherchekollektiv Bellingcat bereits "bestätigt". Kritischere Journalisten wie etwa Max Blumenthal wurden bei unerwünschten Nachfragen geblockt.

Den Bekanntheitsgrad des "Twitter-Mädchens" steigerte vor allem die prominente Autorin Joanne K. Rowling, die Banas Tweets eifrig verbreitete. Inzwischen arbeitet "Bana" ganz offiziell für Rowlings Agentur The Blair Partnership. (Milliardärin Rowling unterstützt ebenfalls Hillary Clinton, die nicht nur Parteifreund Bernie Sanders ausbootete, sondern sogar ihre eigenen Helfer ausspionierte.)

Eine anderen Schriftstellerin, Barbara McKenzie, wollte nicht so recht glauben, dass eine Mutter in einem Bürgerkrieg unmittelbar nach einem Angriff nichts Dringenderes zu tun haben sollte, als ihre Tochter mit Fotos und Propagandatweets in Gefahr zu bringen. Auffällig fand McKenzie auch die Tatsache, dass nicht nur die perfekte englische Sprache des syrischen Mädchens, sondern eigentlich alles auf London hindeutete, wo man von Bana als erstes Kenntnis genommen hatte.

Erstaunlich fand McKenzie, dass der erste Tweet der Siebenjährigen die politische Botschaft "Ich möchte Frieden" war und bereits vom ersten Tag an Videos hochgeladen worden seien. Als starkes Indiz für eine PR-Inszenierung wies McKenzie in einem weiteren Posting vom März darauf hin, dass Banas Account durch etliche Fake-Follower aufgewertet wurde. Die westliche Orientierung des syrischen Mädchens gipfelte in der Unterstützung für Manchester United.

Ebenfalls in Social Media fand McKenzie Hinweise auf Verbindungen von Banas Familie zu islamistischen Kämpfern, die wohl je nach Perspektive als "Terroristen" oder "gemäßigte Rebellen" bezeichnet werden. Ein Beobachter sah sich zu einer sarkastischen Karikatur inspiriert.

Auch an Ritardando durfte es nicht fehlen. So twitterte Bana von einem Angriff, kurz danach wurde das Konto gelöscht, meldete u.a. der Stern am 5. Dezember. Dann war es wieder da. Mit einem missverständlichen Tweet erregte der Bana-Account den Eindruck, das Mädchen sei durch einen Bombenangriff getötet worden. Quasi als Wiederauferstehung gab der Account später bekannt, es sei ein anderes Mädchen gemeint gewesen. Nachdem Bana in den Medien Prominenz erfuhr, twitterte sogar der türkische Außenminister Unterstützung.

Der noble Mann hielt Wort und ließ Bana kurz vor Weihnachten in die Türkei evakuieren. Dort machte sie Propaganda für einen anderen Menschenfreund: Recep Tayyip Erdoğan, der sie in einer Privataudienz empfing. Spuren der Wunden, welche die Familie zuvor in Aleppo erlitten hatte, waren auf den Fotos zu diesem Ereignis nicht zu erkennen. Mit von der Partie war US-Schauspielerin Lindsay Lohan. Auch Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman, die Hillary Clinton zu ihren Vorbildern zählt, wollte sich mit Bana sehen lassen. In einem TV-Interview mit Bana täuschte man unbeholfen englische Sprachkenntnisse der kleinen Syrierin vor. Tatsächlich jedoch soufflierte die Mutter; an den Augenbewegungen des Mädchens kann mal leicht erkennen, dass dieses die offenbar einstudierten Antworten offenbar irgendwo ablas.

Die BBC präsentierte im Januar auch Banas Brief an US-Präsident Donald J. Trump, dem das siebenjährige Mädchen seine Freundschaft für das Versprechen anbot, die syrischen Kinder zu retten. Bana wäre wohl eine pflegeleichtere PR-Partnerin als etwa Malala, die einst Präsident Obama im Weißen Haus wegen dessen menschenverachtenden Drohnenkrieg in Verlegenheit brachte. Die Drohnenangriffe kosteten hunderten Kindern im Alter von Malala und Bana das Leben und schüren Hass auf den Westen - der mit dieser Form der Kindestötung so wenig Probleme hat wie der biblische König Herodes.

Trump wiederum wurde offenbar tatsächlich von einem syrischen Kind beeinflusst, wenn auch einem toten. So soll das Bild eines Kindes, das beim - nach wie vor unaufgeklärten - Giftgas-Vorfall in Chan-Scheichun getötet wurde, den US-Präsidenten dazu bewogen haben, beim Schokoladenkuchenessen 59 Tomahawks auf Syrien zu werfen (oder war es der Irak ...?).

Dass auch die von amerikanischem Sprengstoff zerfetzten Soldaten Töchter und Schwestern in Banas Alter haben, die vielleicht sogar selbst gefährdet wurden, scheinen US-Präsidenten so wenig zu wissen wie Medienvertreter, die Trump als endlich "präsidentiell" bejubelten. Bundeskanzlerin Merkel fand den völkerrechtswidrigen Angriff "nachvollziehbar", die Tötung von Menschen aus dem Hinterhalt bezeichnete Verteidigungsministerin von der Leyen als "Warnschuss".

Auch deutsche Medien wie etwa der Stern berichteten seit Oktober eifrig über Bana. "Ich brauche Frieden": Worte aus dem Mund einer Siebenjährigen. schnuppte der stern am 04.10.2016. Dabei erweckte das Magazin stets bei der Leserschaft den Eindruck, als stammten die Tweets wirklich von Bana.

Die inzwischen in einem Pressetermin zutage getretene Tatsache, dass das "Twitter Girl" Englisch nicht einmal versteht, hat der Stern seinem Publikum bislang nicht verraten. Stattdessen lieferte der stern das vorweihnachtliche Rührstück vom geretteten Mädchen und schreibt ihm den offenen Brief an Trump zu. Die Frage, ob Bana überhaupt die Tweets begreift, die offenbar ihre Mutter in wessen Auftrag auch immer absetzt, ist dem Magazin keine Zeile wert.

Dabei waren die stern-Deuter durchaus gewarnt. Ein Blogger hatte mehrere Wochen die unkritische bis irreführende Bana-Berichterstattung ausführlich kommentiert und schließlich die stern-Berichterstattung als Produktion von Falschmeldungen beschimpft. Die empfindlichen Blattmacher eiferten den ZEIT-Prozesshanseln nach und erwirkten am Oberlandesgericht Hamburg eine einstweilige Unterlassungsverfügung - Streitwert: ursprünglich 100.000,- €. Die Redaktion redet sich darauf heraus, man hätte ja auch die Mutter erwähnt, die gemeinsam mit der Tochter getwittert habe. Selbst die Einschätzung, der stern "verbreite eine offenkundige Lügengeschichte", wurde gerichtlich untersagt.

Ob die für ein siebenjähriges Mädchen ungewöhnlichen Bana-Tweets allerdings wirklich authentischer sind als die vom stern entdeckten Hitler-Tagebücher, oder ob Bana nicht eher Projektionsfläche und Statistin westlicher Spindoctors ist, mag jeder selbst entscheiden. Alles in allem erinnert Bana jedenfalls stark an die verängstigte "Albanerin" aus der Politsatire "Wag the dog".

Hinweis: Der Autor vertritt derzeit am Landgericht Hamburg den Betreiber des im Beitrag genannten Blogs gegen den Stern

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