"Das Vereinigte Königreich hat keine einheitliche Wirtschaft"

Stewart Arnold, der Vorsitzende der Yorkshire Party, mit dem Trikot der Fußballmannschaft von Yorkshire, die mit Mannschaften wie Donezk, Kurdistan und Quebec in der Confederation of Independent Football Associations (CONIFA) spielt. Bild: TP

Stewart Arnold kämpft dafür, dass Yorkshire ein Regionalparlament wie Schottland, Wales und Nordirland bekommt

Herr Arnold, die Yorkshire Party existiert seit 2014, oder?
Stewart Arnold: Ja.
Hier hängt nämlich ein Plakat von ihr, das vom Design her wie aus den 1950er Jahren aussieht. Ist es älter als die Partei - oder wurde es bewusst so gestaltet?
Stewart Arnold: Es ist aus einer Serie von Plakaten in Nostalgiedesigns, angefangen bei den 1930ern. In Yorkshire gibt es ein starkes Identitätsgefühl, ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Das Plakat, das sie erwähnt haben, hat mit Sport zu tun. Sport ist ein Gebiet, in dem Yorkshire Anerkennung findet. Politische Anerkennung haben wir nicht, weil wir nicht einmal ein Regionalparlament haben. So ein Regionalparlament ist übrigens etwas, was wir mit der Yorkshire Party erreichen wollen. Aber beim Cricket, wo Yorkshire traditionell sehr erfolgreich ist, haben wir diese Anerkennung. Deshalb können sich die Leute in Yorkshire damit identifizieren.
War der Erfolg der Regionalparlamente und der Regionalparteien in Schottland und Wales der Grund dafür, ein Regionalparlament für Yorkshire zu fordern?
Stewart Arnold: Da kommt eine Reihe von Gründen ins Spiel, aber die Erfahrungen in Schottland sind tatsächlich einer davon. Wie Sie bereits sagten, haben wir uns 2014 gegründet. In diesem Jahr fanden Europawahlen statt, bei denen wir den Leuten die Idee einer größeren Selbständigkeit Yorkshires nahe bringen wollten. Wir haben eine Partei gegründet, eine Liste aufgestellt und wollten herausfinden, ob es genügend Interesse gibt. Und es gab genug Interesse. Ein anderer Grund war der Erfolg der "Devolution" [der Übertragung von Kompetenzen auf die Regionen], besonders im Fall Schottland, aber auch bei Wales, Nordirland und sogar London. Wir glauben, dass das die Leute in Yorkshire dazu brachte, sich zu denken: 'Hey, warte mal, das ist ziemlich erfolgreich, warum haben wir nicht so etwas?'
Außerdem ist England sehr zentralisiert. Es dreht sich alles um London, es dreht sich alles um den Südosten. Da ist das meiste Geld, da ist die Wirtschaft am stärksten et cetera. Das bedeutet, dass die anderen Regionen das Nachsehen haben. Wir haben eine Trennung zwischen dem Norden und dem Süden. Auf der einen Seite gibt es London und den Südosten, auf der anderen den Rest des Landes, der vernachlässigt wird. Das ist schon lange so, schon seit den 1960er oder 1970er Jahren, als sich die Wirtschaft im Vereinigten Königreich zu ändern begann. Durch die Bankenkrise 2008 wurde es noch schlimmer, weil London und der Südosten sich schneller davon erholten als der Norden.
All diese Faktoren kamen zusammen und schoben die Idee der Devolution an. Sogar die Regierung hat mittlerweile anerkannt, dass das Vereinigte Königreich keine einheitliche Wirtschaft hat. Auch sie sucht nach Methoden, wie sich das Wirtschaftswachstum im Norden ankurbeln lässt. Das sind nicht unbedingt Methoden, die wir unterstützen, aber immerhin versteht sie das Problem. Die Schlüsse, die sie daraus zieht, sind halt falsch.

Separatisten, Autonomisten, Regionalisten (18 Bilder)

Alle Fotos: Claus Jahnel
Welche Rolle spielt die Sprache bei der Identität in Yorkshire? Ich bin recht überrascht, dass sie keinen nordenglischen Akzent sprechen.
Stewart Arnold: Einer der Gründe ist, dass ich nicht mein Leben lang in Yorkshire gelebt habe. Aber auch Leute aus Yorkshire, die von dort weg zogen, mussten feststellen, dass es nicht notwendigerweise von Vorteil ist, mit einem nordenglischen Akzent zu sprechen. Häufig hört man, dass sie verspottet werden.
Könnte das nicht ein Anlass sein, den Akzent sogar noch betonter zu sprechen? Auf Twitter gibt es Leute, die von sich sagen, sie hatten einen Newcastler Geordie-Akzent, den sie aufgaben, aber jetzt wieder bewusst sprechen.
Stewart Arnold: Das tun sie, wenn sie wieder zurückkommen, aber Sie können sich vorstellen, dass in einer Neun-Millionen-Metropole, in der die Leute eine Mischung aus Cockney und Südenglisch sprechen, das Estuary English, jemand anders ist, wenn er mit einem nordenglischen Akzent spricht. Und die Leute wollen nicht anders sein, sie wollen sich anpassen.
Das Yorkshire-Englisch ist ein Dialekt, wir haben eine Menge eigener Wörter, die der Rest der Engländer nicht hat, das kommt aus unserem Wikingererbe, aus dem alten Norwegischen. Das ist ein Teil des kulturellen Unterschiedes. Es gibt eine eigene Yorkshire-Kultur, die zur Identität beiträgt.
Was ist der Unterschied zwischen Yorkshire und dem Rest des englischen Nordens? Wenn man in den 1980er Jahren die englische Musikpresse las, dann fand man darin Cartoons, in denen es immer nur um den Unterschied zwischen Engländern aus dem Norden und Londonern ging, es gab nur dieses Oppositionspaar. Was ist der Unterschied zwischen jemandem aus Manchester und jemandem aus Leeds, was bringt den Fußballfan aus Manchester dazu, dem aus Leeds "We-Shag-Sheep"-Sprechchöre entgegenzurufen?
Stewart Arnold: Der Norden tendiert dazu, sich in drei Regionen aufzuteilen: In Yorkshire, den Nordwesten mit Manchester und Liverpool und den Nordosten mit Newcastle und Sunderland. Innerhalb dieser drei Regionen gibt es aber erhebliche Unterschiede, zum Beispiel zwischen Manchester und Liverpool zum Beispiel. Früher gab es einmal den Versuch, zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme ein Regionalparlament für ganz Nordengland zu fordern, das über 13 oder 14 Millionen Menschen entscheidet. Aber es gibt solche Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen des Nordens, dass man sich in so einer Großgemeinschaft nicht wohlfühlt.
Die Rivalität reicht lange zurück, bis ins Mittelalter, in die Zeit der Rosenkriege, als es darum ging, welcher König gekrönt werden soll. Unser Symbol war die weiße Rose, das der anderen die rote. Auch wenn das heute kein ernsthafter Konflikt mehr ist: Ein Regionalparlament, das seinen Sitz in Manchester hat, könnte man den Leuten in Yorkshire nicht verkaufen.
Wann finden die nächsten Wahlen statt, bei denen Kandidaten von Ihnen antreten?
Stewart Arnold: Im Mai gibt es Kommunalwahlen in großen Teilen von Yorkshire, aber nicht überall. Da kandidieren so viele Bewerber wie noch nie zuvor. Unglücklicherweise können wir an den Europawahlen im nächsten Jahr nicht teilnehmen, so wie alle anderen Teile des Vereinigten Königreichs. Ich glaube, da würden wir ziemlich gut abschneiden. Und zehn Prozent der Stimmen hätten uns gereicht, einen Abgeordneten ins Europaparlament zu entsenden. Es macht mich deshalb etwas traurig, hier [auf der EFA-Generalversammlung] die Diskussionen über diese Wahlen mitzuverfolgen.
Wir wachsen aber Jahr für Jahr. Angefangen haben wir zu dritt, nun haben wir hunderte von Mitgliedern, Stadträte, eine Menge Medienaufmerksamkeit. In vier Jahren sind wir ziemlich weit gekommen. Obwohl es im Vereinigten Königreich keine staatliche Parteienfinanzierung gibt und wir auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen sind. Plaid Cymru und die Scottish National Party wurden bereits in den 1920er und 1930er Jahren gegründet und brauchten eine lange Zeit bis zu ihren Durchbrüchen. Ich hoffe, dass es bei uns schneller geht, aber vielleicht werde ich es selbst nicht mehr erleben. (Peter Mühlbauer)
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