Das Vermögen der Reichsten wächst am schnellsten

Der Ökonom Gabriel Zucman vermutet, dass die Superreichen ihren Einfluss auf die Politik vergrößert haben und eine Umverteilungspolitik noch besser verhindern können

Wir wissen, Piketty hat es bestätigt, dass die Reichen immer reicher werden, weswegen die Kluft zwischen den Wohlhabenden und dem Rest der Weltbevölkerung größer wird und die Mittelschicht schrumpft. Die Welt polarisiert sich und wird ungleicher. Ein Problem ist, dass die Superreichen ihren Reichtum mehr oder weniger gezielt einsetzen, um diesen zu erhalten und Politik zu beeinflussen, während die Mittelschicht bestenfalls vorsorgen kann, um mögliche Katastrophen abzudämpfen und Sicherheit zu garantieren, während die Ärmeren dem Schicksal unmittelbar und finanziell ungeschützt ausgesetzt sind.

Dem kommt entgegen, dass viele Politiker, vor allem diejenigen, die an der Regierung beteiligt oder für den Wahlkampf auf Spenden aus sind, aber auch diejenigen, die ihre politische Karriere für spätere, hochbezahlte Jobs ausnutzen wollen oder versuchen, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zu sichern, indem sie die Reichen im Land halten wollen, sich an den einflussreichen, reichen Menschen orientieren. Menschen aus den unteren Einkommensschichten können hingegen ihre Interessen weniger gut durchsetzen, was auch daran liegt, dass ein größerer Anteil zum Lager der Nichtwähler gehört. Dahinter steckt die gar nicht so abwegige, gleichwohl fatale Überzeugung, dass die eigenen Interessen, unabhängig davon, welche Regierung gewählt wird, nicht durchgesetzt werden können.

Ein Problem ist auch, dass über das Vermögen der Reichen und Superreichen keine wirklich belastbaren Daten vorliegen, da in den meisten Staaten keine Vermögenssteuer (mehr) erhoben wird. Zudem werden Vermögen gerne ins Ausland gebracht und dort in Steueroasen versteckt. Die wirkliche Ungleichheit innerhalb der Gesellschaften bleibt verborgen und muss abgeschätzt werden. Der Ökonom Gabriel Zucman von der University of California at Berkeley hat nun ein neues Paper vorgelegt, in dem er die Entwicklung auf der Grundlage der vorhandenen Methodologien und dem aktuellen Kenntnisstand vorstellt. Mehr oder weniger finden sich die Ergebnisse auch im World Inequality Report 2018, den Zucman zusammen mit Facundo Alvaredo, Conicet Lucas Chancel, Thomas Piketty und Emmanuel Saez verfasst hat.

Nach Zucman ist es trotz einiger Fortschritte aufgrund der Globalisierung der Finanzen insgesamt schwieriger geworden, die Vermögen abzuschätzen. 10 Prozent seien in etwa in Steuerparadiesen geparkt. Es gebe allerdings große Unterschiede. Von den skandinavischen Ländern würden nur ein paar Prozent in Steueroasen gebracht, von den zentraleuropäischen Ländern 15 Prozent und von den Golfstaaten oder lateinamerikanischen Ländern 60 Prozent. In Russland sei der größte Anteil des Vermögens im Ausland. Das Ausmaß der Verlagerung der Vermögen ins Ausland sei durch die Panama Papers nochmal deutlich geworden. Seit den 1980er Jahren ist auch die Branche der Steuerberatung rasch gewachsen, um den Reichen bei der Steuervermeidung zu helfen. Daten der Finanzämter und Selbstauskünfte würden daher die Höhe der Vermögen und damit auch die Ungleichheit deutlich unterschätzen.

Interessant ist dies auch deswegen, weil Zucman einer der Berater der demokratischen Senatorin Elizabeth Warren ist, die für die Präsidentschaftswahl kandidiert. Sie legte kürzlich einen Vorschlag zur Besteuerung der Superreichen vor, der auf Zucman und seinen Kollegen Emmanuel Saez zurückgeht. Warren will "Ultramillionäre", die ein Vermögen von mehr als 50 Millionen US-Dollar besitzen, mit einer Steuer von jährlich 2 Prozent belegen - nur auf das Vermögen über 50 Millionen. Milliardäre sollen 3 Prozent auf ihr Vermögen zahlen, das größer als eine Milliarde ist. Betroffen wären davon 75.000 Haushalte oder die reichsten 0,1 Prozent. Warren schlägt vor, dafür das Personal der Finanzämter kräftig aufzustocken. Wer aus Steuervermeidungsgründen aus den USA auswandert, soll auf das Vermögen über 50 Millionen 40 Prozent "exit tax" zahlen, und es sollen die Steuerabkommen mit Drittländern erweitert werden.

Der Milliardär Donald Trump beschwor in seiner Rede zur State of the Union, dass die USA "niemals ein sozialistisches Land sein werden". Die Demokraten sind gespalten zwischen einer zunehmend eher linken Tendenz, die die Ungleichheit im Lande angehen will, und den konservativen Demokraten, die fürchten, damit Wähler zu verlieren. Gerade bei Warrens Vorschlag würde das freilich nur sehr wenige US-Bürger betreffen.

Zucman hat vorgerechnet, dass nach Erhebungen und Steuerdaten die Vermögensungleichheit in den USA mit dem Neoliberalismus seit den 1980er Jahren "dramatisch" zugenommen hat. Die reichsten 10 Prozent hatten in den 1980er Jahren einen Anteil von 25-30 Prozent am Gesamtvermögen, 2016 war der Anteil bereits auf 40 Prozent gestiegen. Das reichste Prozent hat einen Anteil von 20 Prozent und nähert sich damit der Ungleichheit der "Roaring Twenties". Danach ist das Vermögen der Reichsten stark gesunken und ist erst wieder ab den 1970er Jahren angestiegen. Dass die Reichen immer schneller reich werden, könnte auch daran liegen, dass sie ihren Einfluss eben nutzen, Umverteilungsmaßnahmen zu verhindern.

Nach Zucman haben die 400 reichsten Amerikaner, 0,00025 Prozent der Bevölkerung, ihr Vermögen seit den 1980er Jahren vervierfacht. Sie besitzen jetzt mehr als die insgesamt 150 Millionen Menschen, die die 60 Prozent der Amerikaner am unteren Ende ausmachen. Deren Vermögen ging um mehr als die Hälfte von 5,7 Prozent im Jahr 1987 auf 2,2 Prozent im Jahr 2014 zurück. Die Vermögen der reichsten 10 Prozent sind hingegen um 10 Prozent gewachsen und stellen nun einen Anteil von 70 Prozent am Gesamtvermögen. Als Vermögen wird alles von Grundstücken und Immobilien über Wertpapiere bis hin zu Renten, abzüglich von Schulden, einbezogen.Die Ungleichheit in den USA sei so groß wie in keinem anderen Land, für das es Schätzungen über die Vermögen gibt. Nur Russland könne mithalten.

Die Entwicklung findet auch global statt. In China, Europa (Frankreich, Spanien, UK) und den USA hatte das reichste 1 Prozent 1980 einen Anteil von 28 Prozent am Gesamtvermögen, jetzt sind es 33 Prozent. Je höher die Vermögen sind, desto größer war das Wachstum. So soll das vermögendste 0,1 Prozent ein jährliches Wachstum von 4,4 Prozent, das vermögendste 0,01 Prozent von 5,6 Prozent haben.

Die reichsten 10 Prozent besitzen 70 Prozent des Vermögens. Die unteren 75 Prozent blieben bei einem Anteil von etwa 10 Prozent. Die unteren 50 Prozent haben gerade einmal 2 Prozent. In China hat das reichste 1 Prozent einen Anteil von 30 Prozent, in Russland von 43 Prozent. Vermögen und Einkommen unterscheiden sich stets erheblich. Haben weltweit die unteren 50 Prozent praktisch keinen Anteil am Gesamtvermögen, so sind es beim Einkommen 15-25 Prozent. (Florian Rötzer)

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