Das Verschwinden der Homepages

Das volkstümliche Web - Teil 1

Vor zwei Jahren schrieb ich den Artikel Das volkstümliche Web - Erste Siedler und Barbaren. Darin versuchte ich die wichtigsten Elemente des frühen Webs - visuell und akustisch - sowie die Gewohnheiten der ersten Menschen im Internet und deren Ideen von Harmonie und Ordnung zu katalogisieren, zu klassifizieren und zu beschreiben. Dabei handelte es sich um alles, was Ende des letzten Jahrhunderts, als professionelle Designer das Web entdeckten, verspottet wurde oder als nutzlos zeigte und nur noch von Zeit zu Zeit auf Retro-Webseiten oder in künstlerischen Arbeiten über "digitale Folklore" auftaucht: die "Under Construction"-Schilder, Weltraum-Hintergründe, MIDI-Dateien, Sammlungen von animierten Gif-Grafiken und so weiter.

Wenn Sie die Art und Weise vermissen, wie Internetseiten einmal aussahen, sollten sie The Timemachine Firefox Add-on von Tobias Leingruber installieren.

Heute, Ende Juni 2007, wo immer mehr über Amateur-Kultur geredet wird, ist der kulturelle Einfluss der "Welcome to My Home Page"-Webseiten besonders interessant.

Die Menschen, die solche Seiten ins Netz stellten, deren Vorstellungen, was das Web eigentlich ist, wozu man es benutzen kann und wie es auszusehen hat, machten durch ihr Verhalten das Internet zu dem, was es heute ist.

Für mich definiert sich die Geschichte des Webs nicht nur durch die Einführung von neuen Browsern oder Onlinediensten, auch nicht nur über Dot.com-Blasen, die groß wurden und platzten, sondern auch über das Erscheinen eines blinkenden gelben Buttons, welcher die Aufschrift "New!" trug, sowie durch das plötzliche Massensterben von Sternenhintergründen. Jenkins schrieb 2002 in seinem Artikel "Blog This!":

Geschichtsbücher berichten zwar über die Erfindung des Telegraphen durch Samuel Morse, aber darüber, wie die Menschen ihn benutzten und wie sie durch Ihr Verhalten unseren heutigen Austausch von Informationen prägten, lesen wir nichts.

Um Jenkins neu zu formulieren, würde ich sagen: Wir kennen zwar die Geschichte des Hypertextes, aber wir wissen kaum etwas über die Entwicklung von Webringen, wie zum Beispiel dem von Metallica Fans.

Überaus interessant ist es, die Beziehung des gewöhnlichen Benutzers zum Internet in den 90er Jahren zu beleuchten. Es war eine mit Hass, Liebe und allen möglichen Dramen gefüllte Beziehung. Es war eine Beziehung zwischen einem neuen Medium und seinen ersten Benutzern. Sie war enthusiastisch, vielschichtig, oder manchmal einfach nur albern, aber sie war vorhanden.

Diese Beziehung ist vorbei - und das aus gutem Grund. Was für uns in den letzten zehn Jahren ein neues Medium war, ist nun das größte Massenmedium überhaupt. Nichts weiter als ein Massenmedium, das so tief in unseren Alltag vorgedrungen ist, dass wir eigentlich schon gar nicht mehr daran denken. Die Menschen arbeiten damit, haben Spaß oder verwirklichen sich selbst. Für fast jedes Bedürfnis gibt es das passende Werkzeug oder den passenden Dienst. Man ist immer mit dem Internet verbunden. Es ist schon fast egal, ob man seine Daten auf der eigenen Festplatte oder auf der eines Servers speichert, und auch der eigene Desktop gleicht immer mehr den anderen. Die Gründe für eine Beziehung zwischen Nutzer und Medium sind verschwunden, es gibt nichts mehr, was uns dazu antreibt.

Web 2.0-Propagandisten erzählen uns ununterbrochen, wie mächtig und vielfältig die heutigen Webamateure endlich sind, wie toll sie tanzen, Lieder schreiben, enzyklopädische Artikel verfassen, Fotos und Videos schießen, irgendwelchen Inhalt produzieren und anschließend alles ins Internet stellen. Dennoch stehen sie dem Web gleichgültig gegenüber.

Die Frage ist nun: Wie sieht das Web von heute aus, wenn es nicht mehr als Technologie der Zukunft gesehen wird, wenn es Teil unseres Lebens geworden ist, und voll ist mit Leuten, denen das Medium selbst ziemlich egal ist?

Im ersten Moment scheint diese Frage eine rein ästhetische zu sein. Man könnte meinen, sie sei fast unwichtig. Tatsächlich gibt es aber nichts, was den allgemeinen Zustand des Webs und ganz besonders den von Diensten, die der Web 2.0-Ideologie folgen, so deutlich macht, wie die Ästhetik und die Aufmachung von Homepages, die von gewöhnlichen Usern gestaltet wurden.

Ich würde sagen, der Begriff "Homepages" ist jedoch ein wenig übertrieben. Homepages gibt es nicht mehr. Stattdessen gibt es andere Genres: Benutzerkonten, Profile, Journale, Kanäle, Blogs und individuell eingerichtete Startseiten.

Professionelle Webentwickler und -designer verachteten Homepages (und zwar persönliche Homepages) schon Mitte der 90er Jahre. 1998 formulierte Tim Berners-Lee in einem Interview für das W3J seine Einstellung zu privaten Homepages:

Die Nutzer nennen diese Seiten zwar Homepage, aber eigentlich sind sie so etwas wie Gartenzwerge, die man sich in den Vorgarten stellt.

Der russische Webdesignpionier Artemi Lebedev setzte Homepages und deren Gestalter auf seine Hassliste, gleich neben gekochten Zwiebeln und der Feststelltaste.

Vor 2 Jahren stellte der niederländische Designer Hayo Wagenaar, mit dem ich ein Pult bei der Decade of Webdesign-Konferenz teilte, folgende Frage in den Raum:

Was sollen wir von Amateuren halten, die Internetseiten gestalten? Es ist so, als würde man auf der Autobahn einen Wohnwagen vor sich haben und könne ihn nicht überholen.

So wurden Homepages nach und nach das Schlechteste, was es im Netz gab - uncool und nutzlos. Wenn man sich heutzutage leicht und effektiv vor der ganzen Welt zur Schau stellen möchte, sollte man eine Seite aufsuchen, die speziell dafür geschaffen wurde. Die neue Generation von Internetnutzern erstellt sich Accounts, Profile, Kanäle oder Blogs. Auch die alte Generation musste dabei mitziehen.

Ich würde diese Entwicklung nicht als schmerzhaft und tragisch bezeichnen, dennoch gibt es Beispiele, die gemischte Gefühle hervorrufen - zum Beispiel, wenn die Helden der 90er, wie hier Peter Pan, seine Seiten nun nicht mehr mit HTML, sondern mit MySpace gestaltet.

Links: Peter Pans klassische Homepage. Rechts: Peter Pans MySpace Profil

Für einen Designer ist es interessant, dass Homepages auch ihre andere Bedeutung - Startseite eines Internetauftritts - verloren haben. Sie wurden ersetzt durch eine bescheidene Google-Startseite, die sich wie ein Schutzumschlag um alles andere legt.

Obwohl es keine Homepages mehr gibt, laden viele Dienstleister interessanterweise ihre Nutzer nun dazu ein, das Gefühl einer Homepage wiederherzustellen, in dem Möglichkeiten geboten werden, deren Startseite einfach und schnell zu personalisieren.

Im März dieses Jahres kündigte iGoogle, früher bekannt als Google Personalized Homepage, sechs neue Themen für seine Benutzer an, wie zum Beispiel Jahreszeiten, Teehaus oder Bushaltestelle. Zu diesem Anlass schrieb Jessica Ewing, Google Produkt Managerin, im offiziellen Google Blog:

... sie können zwischen dem klassischen Aussehen und den sechs neuen Themen, die wir gestaltet haben, auswählen. Wir hoffen, dass sich die Google Homepage durch dieses Feature etwas mehr wie ein Zuhause anfühlt.

Warum will Google, dass wir uns auf ihren Seiten wie Zuhause fühlen? Ganz sicher nicht, um uns an sie zu binden. Das müssen sie nicht, das haben sie längst geschafft. Wenn mir Google anbietet, mich "wie Zuhause" zu fühlen, dann ist etwas anderes gemeint. Mit "wie Zuhause" meinen sie das Gegenteil von "bei der Arbeit". Was sie sagen ist: "Entspanne dich, habe Spaß. Spiele ein bisschen rum, während wir arbeiten. Wir sind Profis, ihr seid Amateure."

In seinem Vorwort zu "Zero Comments" vermerkte Geert Lovink etwas in Bezug zu einem anderen Thema, und zwar der CC-Lizenz, was ich dennoch zitieren möchte:

Der exklusive Fokus auf junge, harmlose Amateure, die eigentlich nur Spaß haben wollen, und die Abneigung gegenüber Profis kommt nicht von ungefähr. Amateure treten weniger für ihre Rechte ein und beanspruchen somit weniger des steigenden Mehrwertes, den das Internet erzeugt.

Es hört sich vielleicht paradox an, aber mit der Ermunterung der Benutzer, sich "wie Zuhause" zu fühlen, erzeugen diese Dienste einen noch größeren Abstand zwischen den Nutzern und sich selbst. Alberne Grafiken, sinnloser Schnickschnack, individualisierte Seiten mit virtuellen Welpen und dem Kätzchen des Tages, gepaart mit CNN-Nachrichten und Weisheiten von Oprah - all das trägt ganz unauffällig dazu bei, dem Nutzer zu zeigen, wo er steht.

Es wäre zwecklos zu versuchen, iGoogle in seiner Absurdität zu übertreffen. Ich denke, dass es der jungen Künstlerin Helene Dams sehr gut gelungen ist, dies in ihrer Arbeit iGnomes zu verdeutlichen. 10 Jahre nach Tim Berners-Lees sarkastischer Aussage: "...eigentlich sind sie so etwas wie Gartenzwerge, die man sich in den Vorgarten stellt" erlangt diese einen neuen Sinn. Jetzt ist auch klar, wem das Haus mit Garten gehört und wer die Zwerge sind, die auf dem frisch gemähten Rasen in der Gesellschaft von Blumen und Gipsenten ihre Grimassen schneiden.

Übersetzt von Tobias Leingruber

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