Das Verstummen der Cryptoqueen

Ruja Ignatova. Screenshot aus YouTube-Video

Warum schweigt "OneCoin-Visionärin" Ruja Ignatova?

Die Kryptowährung Bitcoin geht gegenwärtig durch die Decke, ihre vermeintliche Konkurrenz OneCoin scheint dagegen im Boden zu versinken. Mit Startschuss zum 25. Oktober 2017 hat die in Dubai registrierte und in Sofia ansässige OneCoin Ltd den vierstufigen Prozess der öffentlichen Erstemission ihrer digitalen Münze One begonnen. Er soll Anfang Oktober 2018 mit ihrer völligen Handelsfreigabe abgeschlossen werden. Wie das genau geschehen soll, werde ein im ersten Quartal 2018 zu publizierendes "Whitepaper" klären.

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Zuletzt hat OneCoin-Gründerin und "Visionärin" Dr. Ruja Ignatova Mitte Juli 2017 in einem Webinar versprochen, zum 8. Oktober 2018 werde OneCoin mit einem Schlag die führende digitale Währung für den globalen Massenmarkt werden.

Ob dies wie geplant realisiert werden kann, scheint indes zweifelhaft. OneCoin-CEO Pierre Arens hat im Oktober 2017 nach nur fünf Monaten Amtszeit einen stillen Abgang vollzogen. Und auch Dr. Ruja Ignatova ist völlig von der Bildfläche verschwunden. Am 3. November 2017 meldete das bulgarische Online-Medium Nbox gar, die OneCoin-Chefin sei auf dem Münchner Flughafen verhaftet worden.

Der journalistisch zweifelhafte Gerlachreport griff diese Sensationsnachricht begierig auf und berichtete gar von Rujas erstem Tag im Frauenknast. Letztlich ließ sich die Meldung nicht verifizieren. Doch dass sich die selbsternannte Cryptoqueen Ignatova nicht einmal herabließ, sie persönlich zu dementieren, muss die nach eigenen Angaben Millionen zählende Gefolgschaft ihres vermeintlich milliardenschweren OneCoin/OneLife-Imperiums ernsthaft beunruhigen.

Fragt man Google nach "Cryptoqueen", so erhält man zunächst den Trailer zu einem Film mit furchterregenden Biestern und Monstern. Sogleich danach findet sich die persönliche Facebook-Präsenz von Dr. Ruja Ignatova. Man sieht sie dort am 1. Oktober 2016 in Bangkok in einem langen Kleid auf einer Bühne stehen und vor Tausenden von Zuschauern ihre Vision der Zukunft des Geldwesens in ein Mikrofon sprechen. Beim selben Event präsentierte sie "OneCoins neue Blockchain", von der Experten bezweifeln, dass sie überhaupt existiert.

"Sie haben mich am 29. September 2016 kontaktiert, um ihnen eine Blockchain zu entwickeln", erzählt der norwegische Blockchain-Entwickler Björn Bernike in einem YouTube-Video, "zwei Tage später präsentiert Ruja die neue Blockchain. Warum also kontaktieren sie mich, wenn sie eine Blockchain haben?" Nach Bernikes Überzeugung generiert OneCoin den Preis seiner digitalen Münze mittels einer SQL-Datenbank.

Die im Jahr 1980 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geborene Ruja Ignatova übersiedelte im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Ihrem Lebenslauf zufolge hat sie an der Universität Konstanz mit einer Dissertation zum Thema "Art. 5 Nr. 1 EuGVO: Chancen und Perspektiven der Reform des Gerichtsstands am Erfüllungsort" promoviert und parallel an der Fernuni Hagen Volkswirtschaft studiert. Außerdem will sie an der Universität Oxford abgeschlossen haben. Danach habe sie als Konsultantin für McKinsey & Company in Sofia große Unternehmen wie Allianz und Raiffeisenbank beraten und kurzzeitig die Geschäfte von Bulgariens größtem Vermögensverwaltungsfonds Clever Synergies Investment Fund (CSIF) geführt.

"Dr. Ruja rettet das Gusswerk Waltenhofen", ist ein Kapitel ihres offiziellen Lebenslaufs vom April 2010 überschrieben. Tatsächlich aber wurde sie im Jahr 2012 für ihre Betriebsführung wegen Insolvenzverschleppung und Betrug rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt.

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Das von ihr zusammen mit den Network-Marketing-Unternehmern Sebastian Greenwood und Nigel Allan im Jahre 2014 gegründete Konglomerat OneCoin/OneLife ist ein schwer zu durchschauendes Geflecht aus teils an Offshore-Standorten registrierten Gesellschaften und jeweils in den Zielländern operierenden Mantelfirmen.

OneCoin-Zentrale in Sofia. Bild: F. Stier

Wer die Firmenzentrale am Sofioter Slavejkov-Platz aufsucht, um sich über das digitale Geld OneCoin zu informieren, wird enttäuscht werden. Im stilvollen Showroom des Erdgeschosses werden Devotionalien hinter abgeschlossenen Vitrinen angeboten. Kugelschreiber und Notizbücher mit dem OneCoin-Logo stehen ebenso zum Verkauf wie Dr. Rujas Gesammelte Werke zum Finanzwesen, auch in chinesischer Sprache. Eine Beratung zu OneCoin findet hier aber nicht statt. "Sie können sich auf der Website informieren, es ist alles sehr einfach", erklärt der junge Mann an der Kasse höflich, aber bestimmt, während eine afrikanische Delegation von OneLife-Vertriebspartnern den Laden betritt.

Einem Bericht der bulgarischen Wirtschaftszeitung Kapital zufolge haben sich die Eigentumsverhältnisse bei der Sofioter Dachgesellschaft One Network Services Ltd (ONS Ltd) im Frühjahr 2017 geändert. Rujas Mutter Veska Ignatov hat ihre ONS-Anteile dem erst fünfundzwanzigjährigen und bisher völlig unbekannten Kristian Manolov übergeben.

Kapital deutet dies als Reaktion auf OneCoins Probleme in Deutschland. Im April 2017 hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) der OneCoin Ltd und dem in Belize registrierten OneLife Network Ltd sowie ihrer Münsteraner Partnerfirma IMS International Marketing Services die Ausübung ihrer Geschäftstätigkeiten untersagt. BaFin erklärte es für unrechtmäßig, dass IMS International Marketing Services Geldzahlungen für OneCoin entgegengenommen und an diese weitergeleitet hat, ohne über eine entsprechende Lizenz zu verfügen.

Eine Passage aus der BaFin-Mitteilung gibt einen Eindruck vom Maßstab des OneCoin-Geschäfts in Deutschland: "Insgesamt hatte die IMS aufgrund der mit der Onecoin Ltd geschlossenen Vereinbarung zwischen Dezember 2015 und Dezember 2016 rund 360 Millionen Euro angenommen. Davon liegen noch rund 29 Millionen Euro auf den derzeit gesperrten Konten", heißt es in ihr. Im Verlauf der vergangenen zwei Jahre hat OneCoin in einer Vielzahl von Ländern Probleme bekommen, u. a. in Großbritannien, Österreich, Italien, Indien, Vietnam und zuletzt in Portugal. Teilweise warnten staatliche Behörden vor dem Geschäftsmodell von OneCoin/OneLife, teilweise unterwarfen sie es Restriktionen, in Indien kam es sogar zu Verhaftungen von Vertriebspartnern.

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