Eine ungewöhnliche Kryptowährung: Ein Ponzi-Schema?

Die beiden konstituierenden Elemente von Dr. Ruja Ignatovas Geschäftsmodell sind die angeblich über eine firmeneigene Blockchain zu schürfende digitale Münze OneCoin und das nach dem Multi-Level-Marketing-Prinzip funktionierende Vertriebsnetzwerks OneLife. Ignatova propagiert OneCoin beharrlich als Kryptowährung, doch genau diese Eigenschaft streiten ihre Kritiker ab. Offiziell verkaufen die MLM-Distributoren des OneLive-Netzwerks gar keine OneCoins, sondern Informationsmaterialien zum Themenkomplex Kryptowährung.

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Für jedes der in unterschiedlichen Preiskategorien erhältlichen Schulungspakete aus dem OneAcademy-Programm werden unentgeltlich sogenannte Token in jeweils unterschiedlicher Menge ausgegeben. Beim Erwerb des mit einem Preis von 55.555 € teuersten "Initial Launch Pack" erhält der Käufer 500.000 Token, die er zum "Schürfen" von OneCoins verwenden können soll, d. h. zu gegebener Zeit bei der OneCoin-Betreibergesellschaft eintauschen kann. Bisher können OneCoins allerdings lediglich zum Erwerb von Waren und Dienstleistungen über die Online-Handelsplattform DealShaker verwendet werden. So werden sich OneCoin-Besitzer bspw. von Anfang Juli 2018 bis Ende August 2018 im Café Waldrast im Vorarlberger Göfis für 0,88 One (ca. 13,95 €) ein halbes Backhendl mit hausgemachtem Kartoffelsalat und ein kleines Bier bestellen können. Erst wenn zum 8. Oktober 2018 die offizielle Erstemission abgeschlossenen sein wird, soll die OneCoin-Blockchain öffentlich zugänglich und OneCoin eine von jedem frei handelbare digitale Währung werden.

OneCoin unterscheidet sich in mehrerer Hinsicht grundsätzlich von originären Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum und Litecoin. Anders als diese unterhält es keine öffentlich und dezentral zugängliche Blockchain. Auch ergibt sich der Wert von OneCoin nicht allein aufgrund von Nachfrage, Angebot und Schwierigkeitsgrad beim "Schürfen". Stattdessen teilt die Betreibergesellschaft den aktuellen Wert von OneCoin in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen mit. Ihren Angaben zufolge lag der Wert der ersten, angeblich am 20. Januar 2015 geschürften Münze bei 0,40 €, seit dem 1. September 2017 wird der OneCoin-Wert mit 15,95 € angegeben. Während das Schürfen von Kryptowährungen für gewöhnlich anonym geschieht, gibt OneCoin vor, im Rahmen seines KYC-Prinzips (Know Your Customer) die persönlichen Daten seiner Kunden in die Blockchain einzuschreiben.

Die für Kryptowährungen uncharakteristischen Eigenschaften der Zentralisierung und Personalisierung bewirbt Dr. Ruja Ignatova als wichtige Wettbewerbsvorteile im Hinblick auf die zu prognostizierende Entwicklung des Phänomens Kryptowährung. Künftig, so argumentiert sie, werden die staatlichen Behörden vieler Länder danach streben, Kryptowährungen zu regulieren, um Missbrauch von Anonymität und Dezentralität durch Geld waschende Drogenhändler und Terroristen zu verhindern. OneCoin nehme zu erwartende Anforderungen an Kryptowährungen bereits heute vorweg, um künftigen Regularien besser zu entsprechen als Open Source-Kryptowährungen wie Bitcoin.

Für einen weiteren Vorteil des zentralen Zugriffs auf die digitale Währung durch ihre Betreibergesellschaft nennt Ignatova die mögliche Begrenzung von Volatilität, die aktuell bei Bitcoin zu beobachten ist. Als ideelles Ziel ihrer vermeintlichen Kryptowährung gibt Ruja Ignatova an, den von jeglichem Bankzugang abgeschnittenen Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika ein günstige, sichere, schnelle und bequeme Möglichkeit des Geldtransfers zu bieten.

Gegenwärtig will das MLM-Netzwerk OneLife 3,3 Millionen Mitglieder in 195 Ländern auf sechs Kontinenten und über 50 000 OneCoin als Zahlungsmittel akzeptierende Händler haben. OneCoin/OneLife sei damit das am dynamischsten wachsende Netzwerk auf der Welt, beteuern seine MLM-Distributoren. Sie haben sich aber des Vorwurfs zu erwehren, Leute für ein auf tönernen Füßen stehende pyramidales Geschäftsmodell anzuwerben. Manche Kritiker nennen OneCoin/OneLife auch schlicht ein Ponzi-Schema, bei dem finanzielle Verpflichtungen gegenüber älteren Geschäftspartnern mit dem erworbenen Geld von neuen getilgt werden, was erfahrungsgemäß nur eine begrenzte Zeit möglich ist. Das Risiko, dass in Deutschland und vielen Ländern dieser Welt Millionen von Leute ihre Einlagen in OneCoin verlieren werden, weil sich Ruja Ignatovas Vision von der Geldwirtschaft der Zukunft nicht realisieren lässt, scheint beträchtlich.

Vorwürfe, ein betrügerisches Schneeballsystem zu betreiben, interpretiert OneCoin/OneLife als Anschwärzung von interessierter Seite. "Wir sind sehr groß und die ganze negative Publicity kann man auch so sehen, dass die Leute anfangen, uns zu bemerken. Wir sehen, dass die Bitcoin-Community sehr scharf gegen uns schießt. Du schießt nicht gegen jemanden, der klein ist und keine Bedrohung darstellt", erklärte Ruja Ignatova Anfang 2017 ihren Vertriebspartnern aus Deutschland.

Derweil muss die OneCoin/OneLife-Show auch ohne Dr. Ruja weitergehen; zuletzt trafen sich die OneCoin-Anhänger Anfang Dezember 2017 zum OneLife Mastermind Event in Bangkok. Auch bei diesem Event klärte sich der Verbleib von One-Coin-Visionärin Dr. Ruja Ignatova nicht auf. (Frank Stier)

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