Das Web ist eine "riesige Informationsquelle"

Das Pentagon will eine Suchmaschine für wichtige und aktuelle Informationen in Blogs entwickeln und bezeichnet dies als "Informationsradar, um das Informationsschlachtfeld besser zu verstehen"

Das Pentagon hat schon lange den Wert der Informationen entdeckt, die man im Web publizieren und vor allem auch finden kann, zumal man dort den Eindruck hat, dass den Militärs und Geheimdiensten bei der Verbreitung von Informationen zu sehr die Hände gebunden seien, wovon der Gegner profitiere (Terroristen untergraben das "Monopol über die Massenkommunikation"). Auch die Geheimdienste suchen das Web nach nützlichen und frei zugänglichen Informationen ab und hat letzten Jahr dafür das Open Source Center (OSC) gegründet (Open Source Center). Für Analyse von sozialen Netzwerken werden Links in Websites oder Blogs, Email-, Chat- oder Telefonkommunikation verwendet (Findet man in einem größeren Heuhaufen die Nadel besser?). So versucht die NSA die Daten, die Menschen über sich selbst in sozialen Netzwerken wie Friendster oder MySpace einspeisen, mit Daten aus anderen Quellen zu verknüpfen und semantisch zu erschließen.

Erst Anfang des Jahres hatte das Pentagon öffentlich bekannt gemacht, dass man sich nun verstärkt um die Bloggerszene kümmern wolle. Viele im Pentagon und in der Bush-Regierung machen die Medien, aber eben auch die Blogs für die Ablehnung des Irak-Kriegs verantwortlich. Daher wurde ein Team eingerichtet, dass die Blogger richtig über die Erfolge und Leistungen des Pentagon informieren soll, d.h. man bietet – allerdings wenig verführerisch – den Bloggern „vollständige Infromationen“ an und gibt ihnen die Links, um Texte, Audio- und Bilddateien für ihre Blogs verwenden zu können.

Das Team soll Blogger „freundlich“ kontaktieren, wenn sie „falsche, ungenaue oder unvollständige Informationen“ und sie einladen, die Pentagon-Websites zu besuchen, auf denen sich dann natürlich die richtigen, genauen und vollständigen Informationen finden lassen. Dabei geht es dem Pentagon darum, Informationen – „positive stories“, die die Menschen angeblich hören wollen – „viral“ zu verbreiten. Man sendet also gewissermaßen nicht mehr zentral, sondern versucht Informationen in das Netz zu injizieren, die sich dann durch Ansteckung von selbst von Blog zu Blog verbreiten und darüber zu Menschen kommen. Dazu dienen natürlich auch die zahlreichen Blogs, die von Pentagon-Mitarbeitern und Soldaten gemacht werden. Auch hier würde man nicht die Blogs inhaltlich überwachen, sondern nur prüfen, ob sie korrekt berichten, was bei Soldatenblogs auch heißt, dass hier nichts veröffentlicht wird, was die Sicherheit beeinträchtigt.

Mit kommerziellen Suchmaschinen oder auch speziellen Suchmaschinen für Blogs wie Technorati lassen sich bereits viele Informationen gewinnen, die von Menschen der Öffentlichkeit über sich selbst und über alles Mögliche übergeben werden. Aufgrund dieser freiwilligen Preisgabe können alle interessierten Parteien auch persönliche Daten sammeln oder gegen Äußerungen vorgehen, die ihnen nicht gefallen – auch noch viele Jahre nachdem sie gemacht wurden (siehe ein Szenario für das viel gepriesene Web 2.0: Social Phishing oder ein anderes: "Mach mir nichts vor, ich weiß, wo du bist"). Hier ist vermutlich allgemein noch zu wenig Bewusstsein darüber vorhanden, was man der Öffentlichkeit preisgeben will und was man vielleicht lieber für sich behält Wer etwas zu verbergen hat oder weiß, dass das Web ständig überwacht wird, dürfte sich allerdings, wenn er nicht naiv ist, möglichst davor schützen und seine Kommunikation und Informationsweitergabe im Geheimen betreiben. Terroristen dürfte man also damit kaum erwischen, naive Sympathisanten möglicherweise aber schon.

Wenn daher das Air Force Office of Scientific Research mit 450 Millionen US-Dollar Forschung der Firma Versatile Information Systems fördert, um Inhalte von Blogs automatisch zu erfassen und auszuwerten, dann ist die Begründung zumindest in Frage zu stellen, ob damit tatsächlich „Analysten und Soldaten eine unschätzbare Hilfe im Kampf gegen den Terrorismus“ erhalten werden. Unabhängig davon ist das auf drei Jahre angelegte Projekt “Automated Ontologically-Based Link Analysis of International Web Logs for the Timely Discovery of Relevant and Credible Information” schlicht der Versuch, ein Data-Mining-Programm zur automatischen Überwachung von irgendwie als wichtig bewerteten Internetinhalten zu entwickeln.

Wie Brian E. Ulicny erklärt, soll das zu entwickelnde Überwachungsprogramm als Hilfe für Analysten dienen und sie auf die Themen hinweisen, die aktuell von den Bloggern als wichtig befunden werden, weil sie häufig erwähnt und Hyperlinks auf bestimmte Seiten gesetzt werden. Wie man allerdings die Glaubwürdigkeit der Quelle und die Bedeutung der Information erfassen will, ist schon schweriger. Letztlich scheint man eine Suchmaschine für Blogs entwickeln zu wollen, die aber anders funktionieren soll wie die üblichen Suchmaschinen, da die Blogeinträge selbst oft gar nicht so wichtig und vielleicht sehr kurz sind, es aber interessant ist, auf was sie durch Verlinkung aufmerksam machen wollen. Als Beispiel weist Ulicny auf die Mohammed-Karikuturen hin. Deren Veröffentlichung in der dänischen Zeitung sei im Westen kaum wahrgenommen werden. Erst durch den Ärger, den sie schließlich in der muslimischen Welt auch durch die Verstärkung über Blogs ausgelöst haben, schwappte das überraschend zurück. Ulicny will mit militärischer Terminologie verdeutlichen, was allgemein ein Instrument werden könnte, das Meinungstrends oder steigende öffentliche Aufmerksamkeit auf Themen, Menschen, Websites oder was auch immer frühzeitig erfasst, um entsprechend durch PsyOp oder andere Mittel reagieren zu können. Nicht nur militärisch nennt man das situational awareness:

Der Sachverhalt, dass das Web eine riesige Informationsquelle ist, wird manchmal von militärischen Analysten übersehen. Unser Forschungsziel ist, dem Soldaten mit einer Art Informationsradar auszustatten, um das Informationsschlachtfeld besser zu verstehen.

Während man also auf der einen Seite ablenkt und so tut, als würden solche Überwachungsprojekte sich nur auf militärisch relevante Themen beschränken, wird das Forschungsprojekt auf der anderen Seite vermutlich rhetorisch deswegen so aufgebauscht, um die Forschungsförderung mit öffentlichen Geldern zu rechtfertigen. So wie Ulicny das Projekt darstellt, würde wahrscheinlich auch eine etwas verbesserte Blog-Suchmaschine wie Technorati.com oder Blog Search ausreichen. Das „Informationsschlachtfeld“ ist die öffentliche Meinung, wie sie sich in allen Äußerungen kund tut, die im Web veröffentlicht werden (s.a. Niederlage im Medienkrieg). Auf die immer deutlicher werdende Gier vieler interessierter Parteien nach immer mehr Informationen, die immer besser gesammelt, verknüpft und ausgewertet kann, müsste eigentlich allmählich eine Gegenbewegung erfolgen, die den staatlich und technisch durchlöcherten Datenschutz durch eine Informationsverweigerung ergänzt. Aber in einer Aufmerksamkeitsgesellschaft wird natürlich das Gegenteil verlangt, so dass dafür das Bewusstsein schwindet, bis die Folgen des naiven, wenn auch kalkulierten Veröffentlichungswahns für viele deutlicher werden.

Kommentare lesen (23 Beiträge)
Anzeige