"Das Werk ist Netzwerk"

Der Komponist Johannes Kreidler will die Gema mit einer Kunstaktion zwingen, sich dem Problem der Kreativitätsbehinderung zu stellen

Interessante künstlerische Aktionen zum Thema "Geistiges Eigentum" finden diesen Herbst nicht nur auf der Linzer Ars Electronica statt, die sich das Problem zum Thema genommen hat, sondern auch in Berlin: Am 12. September um 11 Uhr vormittags wird der Komponist Johannes Kreidler dort im Rahmen des Projekts Product Placements ein 33 Sekunden langes und aus mehr als 70.200 Zitaten zusammengesetztes Stück bei der GEMA melden. Dazu wird er bei der Generaldirektion für jedes Zitat, das er für seine Komposition verwendet hat, wie von der Verwertungsgesellschaft verlangt einen "Einzelnachweis" einreichen.

Technisch umgesetzt wurde das Stück, das Kreidler auf seiner Website als Stream zur Verfügung stellt, mit Pure Data (PD), einer Programmiersprache für Audio, mit deren Hilfe auch die Einzelnachweise automatisch generiert wurden. Angeliefert werden diese mit einem Lastwagen und mehreren Trägern. Dabei hofft Kreidler auch auf die Hilfe des Publikums, das er einlädt, sich auf diese Weise an der Aktion zu beteiligen.

Mit "Product Placements" will Kreidler ein Problem, das nicht nur Komponisten betrifft, auf einer visuellen Ebene verdeutlichen: Wer heute Musik, Literatur oder Film schafft, der muss fast zwangsläufig zitieren. Das Urheberrecht hat sich dieser Entwicklung jedoch nur negativ angepasst, indem etwa die früher bedeutende Schöpfungshöhe als Kriterium weitgehend abgeschafft wurde, so dass heute – wie Kreidler durch den Vortrag einer Juristin in einen Video zu seiner Aktion erklären lässt – jeder noch so winzige Bestandteil eines Werks potentiell eine Rechtsverletzung ist. Obwohl dieser Anspruch in der Praxis häufig ignoriert wird, schafft er nicht nur Risiken, sondern behindert auch die Schöpfungsmöglichkeiten.

Durch ein Stück mit 70.200 Zitate und einen Lastwagen voller Formulare, so Kreidlers Idee, wird das vielleicht auch Menschen klar, die darin bisher kein Problem sahen. Um es Urheberrechtsjuristen, die sich nun einfach darauf berufen könnten, dass die für eine Anerkennung der Schöpfungshöhe notwendige Eigentümlichkeit bei sehr kurzen Samples doch nicht gegeben sein könnte, nicht zu leicht zu machen, hat er auch einige längere Zitate eingebaut, die nicht nur eine ästhetische Rolle spielen, sondern auch einer allzu bequemen Ablehnung vorbeugen sollen.

Eine zentrale Forderung Kreidlers lautet, dass Kreativität legal sein muss – eine Voraussetzung, die, so selbstverständlich sie auch klingen mag, derzeit nicht gegeben ist. Der Tausch, wie er heute im Internet stattfindet, ist Kreidlers Ansicht nach nicht etwas, dass eingedämmt werden könnte oder müsste, sondern im Gegenteil etwas, dass selbst Bestandteil einer "fortschrittlichen Ästhetik" ist und in der Neuen Musik durch Komponisten wie Michael Iber antizipiert wurde. Möglichkeiten der Honorierung des Musikschreibens sieht er unter anderem durch die Kulturflatrate und eine stärkere Gewichtung der tatsächlich in Musik gesteckten Arbeitszeit bei den Ausschüttungen.

Vor zehn Jahren zeigten die Rechtswissenschaftler Michael Heller und Rebecca Sue Eisenberg in einem Science-Artikel wie "Geistige Eigentumsrechte" sowohl Innovation als auch Produktion potentiell immer stärker bremsen, weil immer mehr Bürokratie und immer höhere Transaktionskosten für die Einholung und Verhandlung von Rechten entstehen.1 Kritik am immer stärkeren Ausbau dieses Systems kam seitdem überwiegend von Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern – und sie wurde von den Verwertungsgesellschaften weitgehend ignorierten. Mit Johannes Kreidler meldet sich nun zum ersten Mal jemand zu Wort, der nach Gema-Maßstäben ein Bilderbuchkomponist ist: Er studierte nicht nur am Institut für Neue Musik der Musikhochschule Freiburg und am Institut für Computermusik des Koninklijk Conservatorium Den Haag, sondern gewann auch mehrere Kompositionswettbewerbe, darunter den deutschen Hochschulwettbewerb im Fach Komposition. Seit 2006 lehrt er an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock und am Hochbegabtenzentrum der Musikhochschule Detmold.

Zumindest unter den halbwegs jüngeren ausgebildeten Komponisten, also jener Elite, als deren Lobby sich gerne Gema darstellt, stößt Kreidler mit seinem Anliegen auf alles andere als kategorische Ablehnung: Moritz Eggert, Komponist der Oper "Die Schnecke", lobte im Forum Szene Neue Musik nicht nur das Stück selbst als "musikalisch interessant", sondern bekundete auch Verständnis für Kreidlers Ziele. "Da", so Eggert, "das Durchschnittsalter bei GEMA-Hauptversammlungen ca. 70 Jahre beträgt, wird es [allerdings] noch ein Weilchen dauern, bis der Großteil der Kollegen diese Probleme auch nur im Ansatz begreift, nur ist es dann natürlich schon zu spät."

Für die Zeit nach der Product-Placement-Aktion plant Kreidler unter anderem mit einer Idee, die möglicherweise noch interessantere Ergebnisse zeitigen könnte: Der Film Die Firma, in dem ein Paar abgehört wird und deshalb quasi als "Firewall" bei Gesprächen Musik laufen lässt, brachte ihn auf eine Problematik mit Konjunktur und vielen ungeklärten Fragen - wie etwa die, ob Dienste wie BKA und Verfassungsschutz für die bei Abhöraktionen gespielte Musik Abgaben zahlen müssen. Hinzu kam die Erkenntnis, dass eine Überwachung eigentlich eine Situation totalen Interesses für eine Person ist, die sich dadurch theoretisch für die Vermittlung eines ausgesprochen intensiven Kontakts mit Avantgarde-Musik nutzen ließe. Eine Idee, die bereits Joachim Lottmann scherzhaft anriss, als er behauptete, dass die Sicherheitsbehörden Ende der 1970er im Zuge einer blinden Spur in der RAF-Fahndung täglich mehrstündige Telefongespräche zwischen ihm und Diedrich Diederichsen anhören und auswerten hätten müssen.

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