Das Wortvirus im Corona-Jahr

Das Coronavirus kann einem halbwegs gesunden Menschen mit einem funktionstüchtigen Immunsystem nicht wirklich etwas anhaben. Ein Impfstoff gegen das Coronavirus wird aber in den Medien gerne als Heilsbringer dargestellt, als die Erlösung. Um sich dagegen zu immunisieren. Was in diesen Corona-Krisenzeiten allerdings wesentlich wichtiger erscheint, ist, sich gegen das Wortvirus zu immunisieren.

Die Ansichten und Meinungen verschieben sich über Grenzen und Lager hinweg. Leute, die zum Beispiel 2011/12 bei Occupy Frankfurt noch gemeinsam für eine bessere Zukunft gekämpft haben, findet man heutzutage auf gegenüberliegenden Seiten: Der eine als Redner auf und Organisator von Demonstrationen gegen die Corona-Bevormundungen ("Grundrechte sichern"). Die andere ist bei den Gegendemonstrationen mit dabei. Nur, wer hat recht? Die Frage ist zu einfach gestellt. Die Frage muss eher lauten: Wer ist ernsthaft vom Wortvirus befallen?

Wer sollte in sogenannte Selbstquarantäne gehen (nicht wegen Corona), sich dabei in sein Inneres zurückziehen und sich einmal fragen, ob das, was er gerade so denkt und tut, wirklich mit seinen Werten und Vorstellungen noch im Einklang ist. Eine Medienaskese ist angesagt, um sich zu erden und sich mit bzw. nach seinen eigenen Gefühlen auszurichten.

Wortvirus: Diesen Begriff schon einmal gehört? Bereits 1962 hat William S. Burroughs in seinem Cut-up-Roman The Ticket That Exploded davon gesprochen. Im Kapitel "Operation rewrite" heißt es:

"Die 'Andere Hälfte' ist das Wort. Die 'Andere Hälfte' ist ein Organismus. Die Gegenwart der 'Anderen Hälfte', ein separater, über eine Luftleitung aus Worten an das Nervensystem angeschlossener Organismus, lässt sich jetzt experimentell nachweisen [...] Das Wort ist jetzt ein Virus. Das Grippevirus mag einst eine gesunde Lungenzelle gewesen sein. Heute ist es ein parasitärer Organismus, der in die Lungen eindringt und ihnen Schaden zufügt. Das Wort mag einst eine gesunde Nervenzelle gewesen sein. Heute ist es ein parasitärer Organismus, der ins Zentralnervensystem eindringt und ihm Schaden zufügt. Der moderne Mensch hat die Möglichkeit verloren, Stille zu wählen. Versuchen Sie, sub-vokales Sprechen anzuhalten. Versuchen Sie, auch nur zehn Sekunden innerer Stille zu erreichen. Sie werden einem resistenten Organismus begegnen, der Sie zum Sprechen nötigt. Dieser Organismus ist das Wort."

Das soll jetzt nicht unbedingt heißen, dass jeder Mensch sich in Meditation und in innerer Einkehr (& Stille) üben sollte. Aber es regt an, darüber ernsthaft nachzudenken, wie gefährlich der unbedarfte Gebrauch - Missbrauch - von Sprache sein kann.

Viren werden in der Medizin nur als organische Strukturen, aber meist nicht als Lebewesen betrachtet, da sie keinen eigenen Stoffwechsel besitzen. Sie können sich deshalb nicht selber vermehren, sondern brauchen dazu einen Wirt. Ein wesentlicher Aspekt eines Virus besteht darin, sich auf Kosten seines Wirtes möglichst häufig zu reproduzieren - sein inhärentes Programm zu seiner Vermehrung.

Auch wenn das Wortvirus nur eine Metapher ist, so passt sie sehr gut. Denn Worte und Sprache können sich nur mittels des Menschen (= Wirt) verbreiten, entweder verbal oder über seine Medien. Und unsere Medienlandschaft ist ja heutzutage - auch dank der sozialen Medien - so ausgelegt, dass sie eine ungehinderte und scheinbar unbegrenzte Ausbreitung der Worte ermöglicht.

Jürgen Ploog (1935-2020) war ein deutschsprachiger Schriftsteller, der sowohl die Schreibtechnik Cut-up als auch die Theorie von dem Wortvirus von Burroughs aufgenommen und wie kein anderer weiterentwickelt und konsequent vertreten hat, und das über Jahrzehnte. Er schreibt dazu:

"Wörter & Buchstaben [...] führen seit langem ein Eigenleben jenseits ihrer bezeichnenden Anwendung. Ein Wort, das ich hinschreibe, ist mit einem Faktor beladen, auf den ich keinen Einfluss habe (weder als Schreiber noch als Lesender). [...] Es ist also nicht falsch, Wörter als Organismen zu betrachten, & Burroughs hat sie als Viren gesehen. Ein Virus ist kein Lebewesen im üblichen Sinn, eher eine Botschaft. Es lebt, um diese Botschaft auf eine Wirtszelle zu übertragen. Wer das weiß, muss sich darauf einstellen, dass er es im Umgang mit Worten mit Fremdkörpern zu tun hat. Der erste Schritt erfordert also eine weit über Syntax & Grammatik hinausgehende Einsicht in den Organismus Sprache [...] Zu wissen, dass der Mensch in der Sprache lebt (& sie in ihm), ist zunächst ein erschreckender Gedanke. Er ist zum Wirt einer eigenständig operierenden Mikroentität geworden, die längst unbewusste Steuerfunktionen übernommen hat. Ein zweiter Schritt wird deswegen sein, diesen endogenen Steuerungsmechanismus offenzulegen & sich ihm so weit wie möglich zu entziehen." (Jürgen Ploog, Simulatives Schreiben)

Es ist also nicht selbstverständlich, dass ein Autor oder Redner wirklich nur das von sich gibt, was er eigentlich intendiert. Sondern es werden auch Botschaften transportiert, die ihm nicht voll bewusst sind, die ihm sogar nicht voll bewusst sein können. Je verschrobener eine Verschwörungstheorie dabei ist, um so offensichtlicher ist ihr schädlicher Virus-Charakter. Aber die Welt ist nun einmal nicht einfach schwarz & weiß. Und gerade die "Theorien", die halbwegs plausibel klingen, sind dabei am gefährlichsten. Und welche Argumentation baut nicht auf zumindest einem "Körnchen Wahrheit" auf. Und diese "Teilwahrheiten" verleiten Menschen dazu, solche "Theorien" - ansonsten wenig reflektiert - weiterzugeben.

Und so verbreiten sich Wortviren weltweit ungehemmt. Vielleicht ist es höchste Zeit, eine andere Art von Mundschutz zu etablieren? Kein Maulkorb zwar, auch keine Zensur, aber etwas, das einen Menschen daran hindert, ungebremst Wortviren in die weite Welt hinaus zu verbreiten. (Peter Oehler)