Das Wunder von Christchurch

Kurzer Blog aus Neuseeland

"Hast du gehört, was mit Christchurch passiert ist?"
"Nein. Was soll schon mit Christchurch passiert sein?"
"Erdbeben. Die ganze Stadt ist platt gewalzt."
"Erzähl mir doch nicht so einen absoluten MIST!"

(I)

Ich war Freitag den ganzen Tag so was von übermüdet, aber ich musste eine Übersetzung fertig machen. Also kippte ich literweise Tee in mich hinein und um ein Uhr nachts war ich endlich fertig mit dem Job - aber glockenwach. Ich saß am Computer und arbeitete weiter an einem Artikel, während ich auf die richtige Bettschwere wartete. Um 8 Uhr morgens legte ich mich nieder und um 4 Uhr nachmittags weckte mich das laute Getrampel der Leute über mir. Der Immobilienheini, der einer Gruppe von potenziellen Käufern das Haus zeigt. Mir hatte er ein Mail geschrieben, "Wir kommen um 4. Hoffe das passt." Am Samstag Nachmittag um 4? Nein, es passte mir nicht. Ich schritt unter die Dusche, und genoss eine halbe Stunde lang das heiße Wasser, bis die Bagage abgezogen war. Dann ging ich meine Tochter besuchen. Gewissermaßen ein verfrühter Vatertagsbesuch.

(II)

Wirklich große Katastrophen haben es an sich, dass man sie möglichst weit weg von sich wegschiebt. Dass man versucht, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen. Meine Tochter zeigte mir erst einmal alles, was sie im Garten gesäubert und gearbeitet hatte. Erst, als wir uns im Haus zu einer Tasse Tee niedersetzten, sagte sie: "Hast du gehört, was mit Christchurch passiert ist?" (Und weiter, wie oben.)

Jetzt muss man wissen, dass Christchurch, ebenso wie Dunedin auf der Südinsel, als gewissermaßen überhaupt nicht erdbebengefährdet galt. Alles andere in Neuseeland wackelt ständig. Wellington, die Hauptstadt, gilt als die gefährdetste Stadt Neuseelands, weil sie sich vor demnächst 200 Jahren um anderthalb Meter aus dem Meer hinaushob. Wo sich heute das Basin Reserve befindet, die große Spielwiese für Cricket und andere Ereignisse, sollte einst der Hafen von Wellington hingebaut werden. Das Erdbeben machte daraus eine Sumpflandschaft, die man trocken legte.

Die Nord- und Südinsel Neuseelands sind geologisch zwei verschiedene Paar Stiefel, auch wenn das Land, geographisch besehen, wie nur EIN Stiefel aussieht. Die Südinsel ist das Resultat übereinander geschichteter Plattentektonik, die angeblich als gleichmäßige Gleitbewegung stattfindet, ohne größere Ruckel-und Zuck-Episoden. Die Südalpen ragen als Zackenrand an der Westküste in die Höhe, zwei Großglockner, 19 Zugspitzen, 119 Watzmänner. Wow.

Neuseeland: Plattentektonik in Aktion, Südinsel. Foto: Thomas Bauer.

Die Nordinsel besteht aus Vulkan-Aufschüttungen. Auckland, die 2-Millionen-Stadt, steht auf 48 Vulkanen, der jüngste davon, vor der Stadt, im Meer, die Insel der Zwergbäume, Rangitoto Island, ist erst 600 Jahre alt. Lake Taupo, der größte Vulkan der Erde, heute mit Wasser gefüllt, größer als der Bodensee, atmet noch immer aktiv. Vor 2000 Jahren schickte er steinerne Kanonenkugeln ins mehr als 1000 Kilometer entfernte Dunedin und verdunkelte den gesamten Globus für mehrere Jahre. Chinesische und altrömische Aufzeichnungen bestätigen es.

Lake Taupo. Foto: Bo-deh. Lizenz: CC-BY-SA 2.5.

(III)

Die frühere Chefin meiner Tochter, die beiden Frauen sind nach wie vor befreundet, rief aus Christchurch an. Ihr Vater war am Freitag Abend um 9 Uhr gestorben. Um 4.35 Uhr, am frühen Samstag, setzte das Erdbeben ein. Ich sagte, Nun, so ist er der Opferstatistik entgangen. Aber wenn man ohnehin an diesem Tag stirbt, wäre es nicht interessant gewesen, ein solch massives Erdbeben noch mitzuerleben? Das Leben zur vollen Neige zu auszukosten?

Ich war mir nicht sicher, ob es ein Witz werden sollte, eine kleine Pietätlosigkeit, oder eine ernst gemeinte Anmerkung zu Leben und Tod.

Auf alle Fälle hat es in dieser Stadt von 400.000 Einwohnern keinen Todesfall gegeben, der durch direkte Einwirkung einstürzender Häuser verursacht wurde, niemand wurde zu Tode gequetscht oder erschlagen. Ein Mensch starb durch Herzschlag, und das verwundert wenig, denn selbst junge, gesunde Menschen waren total durch den Wind. Die Schwester des Premierministers rief ihren Bruder an und teilte ihm mit, die ganze Stadt habe 15 Minuten lang gebebt. Das wissen wir, weil es in Neuseeland nur two degrees of separation gibt. Jeder kennt praktisch jeden.

Ein befreundeter Architekt aus Teheran schrieb mir:

Es ist erstaunlich und beruhigend zugleich, dass es bei diesem massiven Erdbeben der Stärke 7 + nur Leichtverletzte gab. Ich sah Luftaufnahmen von Christchurch, als ob nichts passiert wäre. Bei den Filmen - von der Straße aufgenommen - konnte man die wenigen, lädierten Gebäude dann beobachten. Es liegt wohl am Namen oder besser gesagt, an der Namensgebung dieser Stadt, 'dass sie diesmal vor der Wirkung übler irdischer Kräfte verschont geblieben ist' ... würde der PAPST sagen. Ein Erdruck der Stärke 7 + würde Tehran total platt machen [...]

(IV)

Eine Stadt von knapp 400.000, riesige Ausdehnung. Jetzt ist es dort Winter, oft mit Schnee und Temperaturen unter Null. Normalerweise wird in jedem Haus mit einem Kohlekamin geheizt, so dass über dieser Stadt wie über fast der gesamten Südinsel eine beißende Kohle-Rauchwolke schwebt. Wenn die Bewohner in ihren nun lädierten und baufälligen Häusern oder Wohnungen weiterzuleben oder zu heizen versuchen können sie mit Leichtigkeit irgendwo zu Tode stürzen oder das Haus niederbrennen. Risse in den Straßen, ein komplettes Verkehrschaos, alle Arbeitsvorgänge unterbrochen.

Für Neuseeland mit seinen vier Millionen Einwohnern ist Christchurch eine Katastrophe vergleichbar der Zerstörung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina vor ziemlich genau fünf Jahren. An dem das Große Amerika bis heute schwer zu beißen hat. Oder vergleichbar dem Großen Beben in Los Angeles, das noch aussteht.

(V)

Christchurch wird die größte Herausforderung seiner Amtszeit für den neuseeländischen Premierminister John Key sein.

John Key. Foto: UNDP. Lizenz: CC-BY-SA 2.0.

Er stammt selber aus Christchurch, ist Sohn einer aus Wien vor den Nazis geflüchteten Jüdin und eines ehemaligen Spanienkämpfers aus England. Überraschenderweise ist er aber selber - trotz dieses Hintergrunds, der eher eine linke politische Einstellung erwarten ließe - ein reaktionärer Politiker, der ganz rechtsaußen, am äußeren rechten Rand seiner eigenen Partei - der National Party - anzusiedeln ist, ein neuseeländischer KLON von George Bush. Sein Hauptverdienst ist es, durch Spekulationen gegen den neuseeländischen Dollar ein Vermögen angehäuft zu haben. Auch als Jude ist er gewissermaßen das Äquivalent eines strikt hermetischen Katholiken. Eine Feier zum Andenken von Anne Frank geriet ihm zu einer streng "Jews Only" gehaltenen Veranstaltung, als gehörte das Gedenken an Anne Frank heute nicht der ganzen Welt.

Wie und ob es John Key schaffen wird, seine Heimatstadt wieder aufzubauen - ohne dabei den Rest der Südinsel den Geldhaien der übrigen Welt in den Rachen zu schieben - wird sich noch erweisen. Christchurch hatte schon unter normalen Umständen mit vielen Problemen zu kämpfen, die psychischen und anderen traumatischen Erlebnisse werden die Stadt nun noch auf Jahre hinaus weiter belasten.

(VI)

Kurioserweise ist Christchurch, wenn man so will, eine Stadt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Wien aufgewiesen hat. Eine etwas zu kurz geratene Kathedrale in der Stadtmitte, einen verrückten Stadtheiligen, den Wizard, der Jahre lang wie sein Wiener Äquivalent, Waluliso in der Nähe des Stephansdoms seinen Schabernack trieb.

Die unzerstörbare Stadt Christchurch, die nie ein Erdbeben erwartete, ist dahingeplättet worden. Die Stadt Wien, in der ich fast 20 Jahre lang immer besorgt nach oben geschaut habe, ob sie nicht doch in einem großen Ziegelhaufen zusammenbricht, bröckelt mittlerweile aktiv dahin, auch ohne Erdbeben. Gerade war ich dabei, zu diesem Thema einen Artikel zu schreiben, als Christchurch so böse geschüttelt wurde. Der Wien-Artikel musste aus aktuellem Anlass verschoben werden.

"Und? Hast was gemerkt? Bei uns hat's ganz schön gewackelt!" meinte eine Freundin hier aus Wellington. Auf dem Hügel wo ich sitze, war von dem Geschüttel rein gar nichts zu spüren gewesen.

(VII)

Ich habe in Wellington viele Erdbeben miterlebt. Das dramatischste fand statt, als ich den Film "The Killing Fields" im Embassy Theatre sah, wo man gerade ein neues Dolby-Stereo-System eingebaut hatte. Mitten in einer schweren Bombenszene begann das gesamte Gebäude eine Minute lang zu wackeln. Ich dachte noch, "Wow! Was für Effekte!" Als es vorbei war erhoben sich alle 800 Kino-Besucher "wie EIN Mann" - und verließen komplett diszipliniert das Gebäude. Civil Defence macht hier in allen Gebäuden regelmäßige Übungen, alle Leute sind aufs Schlimmste gefasst.

Ein anderes Erdbeben ereignete sich, als ich bei Freunden wohnte, hier in Wellington, und mir eine Platte der Doors anhörte. Jim Morrison sagte gerade, "Lehnt euch zurück Leute und denkt daran, dass ihr irgendwann mal sterben müsst und genießt die Musik." Ich sagte: "Mensch, Jim, du bist aber moros heute." Im SELBEN Augenblick wackelte das ganze Gebäude und eine runde blaue Vase - leer - rollte vom Lautsprecher herunter über den Teppichfußboden direkt auf mich zu. Ich sagte: "Okay Jim, alles klar." Teil Zwei dieser Episode. In Wien erzählte ich den Teilnehmern eines meiner Volkshochschulkurse von dieser Anekdote. Wir arbeiteten in dunkler Nacht in einem Souterrain-Raum, der künstlich belichtet wurde. Es gab kleine Fenster, die hinter einem Vorhang verborgen waren, und weder die Fenster noch die Vorhänge waren mir je aufgefallen, weil sie stets gleich völlig lasch herunterhingen. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, blies auf einmal ein ungemein starker Wind, und die Vorhänge standen senkrecht ins Zimmer hinein. Ich rief: "Es ist okay Jim, ich mache keine blöden Witze mehr." Und der Wind ließ sofort nach. Die Kursteilnehmer glaubten, es handele sich um ein Zauberkunststück, oder so. Jedenfalls klatschten sie spontan Beifall.

(VIII)

Das Wunder von Christchurch wird die Große Story aus Neuseeland bleiben - auf Jahre hinaus. Als Anfang der Dreißigerjahre Hastings und Napier auf der Nordinsel zerstört wurden, mit vielen Hunderten Todesopfer, lebten die Menschen in den komplett zerstörten Häusern noch ein Jahrzehnt lang weiter, bis die Stadt wieder - ganz im Art Deco Stil - neu aufgebaut war. Heute sind sie Touristenattraktionen ganz eigener Art, weil es kaum eine Gegend auf der Welt - außerhalb von Miami - gibt, wo dieser Baustil so durchgängig anzutreffen ist.

So ähnlich könnte es nun auch Christchurch ergehen.

Wie die Geschichte weitergeht, kann man in diesen lokalen Quellen weiter verfolgen:
The Standard
Scoop

(Tom Appleton)

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