"Das Zeitalter der modernen Sexualität hat in den 1950er Jahren begonnen"

Ein US-Ökonom sieht nicht die Pille oder die Studentenbewegung am Anfang der sexuellen Revolution, sondern Penicillin und den Rückgang der Syphilis

Gemeinhin wird gesagt, dass mit der Pille die Befreiung des sexuellen Lebens einher gegangen sei. Mit dem sicheren Verhütungsmittel hatten die Frauen die Entscheidung hinter Hand. Zugelassen wurde sie Verhütungsmittel in den USA im Jahr 1960, in Deutschland 1961, allerdings zunächst nur für verheiratete Frauen und mit starkem Widerstand seitens der Kirchen und der Konservativen. Die Studentenbewegung hat schließlich den freieren Umgang mit Sexualität und den Gebrauch der Pille weiter verstärkt.

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Von US-Behörden wie dem Office for Emergency Management, dem Office of War Information oder dem Bureau of Special Services 1941 - 1945 verwendetes Plakat. Bild: National Archives and Records Administration

Der Wirtschaftswissenschaftler Andrew Francis von der Emory University meint allerdings, wie er in den Archives of Sexual Behavior ausführt, dass die sexuelle Befreiung nicht erst in den 1960er Jahren mit der Antibabypille begann, sondern schon in den prüden 1950er Jahren. Ab Mitte der 1950er Jahre sei nämlich bereits ein Ansteigen von riskanteren, nichttraditionellen sexuellen Beziehungen zu konstatieren. Gemeint ist damit, dass häufiger Sexualpartner gewechselt wurden und es häufiger zu vorehelichem und außerehelichem Sex kam.

Francis führt die freiere sexuelle Praxis neben anderen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren (Wirtschaftswachstum, Wohlstand, Freizeit, Medien etc.) vor allem auf Penicillin zurück, das ab den 1940er Jahren und im Zweiten Weltkrieg auch vom Militär als wirksames Mittel gegen Syphilis verwendet wurde. Syphilis sei damals wie AIDS gewesen, es gab große Angst, sich mit der Krankheit anzustecken und an ihr zu sterben. 1939 war das tödlichste Jahr für Syphilis. Mindestens 20.000 Menschen starben an ihr (1,4 Prozent aller Todesfälle), bei AIDS war es 1995, als mehr als 4000 Menschen wegen der Krankheit starben (1,9 Prozent aller Todesfälle). Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre gingen deswegen Syphilis-Erkrankungen und -Todesfälle in den USA nach den Statistiken stark zurück. Mitte der 1950er konstatiert er einen Kollaps der Syphilis, was dazu führte, dass seitdem eine Ansteckungsgefahr deutlich geringer war. Damit sank die von riskantem Sex ausgehende Gefahr. Weil also die Kosten für riskanten Sex geringer wurden, stieg wie in der Ökonomie die Nachfrage, was die sexuelle Befreiung einleitete, die ab den 1960er Jahren durch die Antibabypille und die Studentenbewegung höchstens verstärkt worden sei, da die offenere Haltung gegenüber vorehelichem Sex, Abtreibung und Homosexualität seit Beginn des letzten Jahrhunderts kontinuierlich gewachsen ist. Weil es kaum Daten über die sexuellen Gewohnheiten der Menschen in den 1940er und 1950er Jahren gibt, benutzte Francis als Indikatoren für riskanten Sex die Zahl der Schwangerschaften bei Jugendlichen und unverheirateten Frauen, die von unehelichen Geburten und die von Trippererkrankungen (Gonorrhoe).

Die Zahl der Syphiliserkrankungen erreichte 1957 ein Minimum und wächst seitdem wieder kontinuierlich. Seit Mitte der 1950er Jahre stieg die Zahl der unehelich geborenen Kinder kontinuierlich an, die Zahl der Schwangerschaften bei Minderjährigen nahm zur selben Zeit "dramatisch" zu. Zwischen 1947 und 1957 sank die Syphilis-Ansteckungsrate um 95 Prozent, die Zahl der Todesfälle ging um 75 Prozent zurück, während die Zahl der Tripperinfektionen nach 1957, als sie ein Minimum erreichte, stark zunahm und bis 1975 um 300 Prozent wuchs, was für Francis auch ein starker Indikator für seine These ist. (Florian Rötzer)

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