Das Zeitalter des gedruckten Buchs geht dem Ende entgegen

E-Books verdrängen erstaunlich schnell Bücher - eine Kulturrevolution?

Erst vor drei Jahren hat Amazon seinen E-Book-Reader Kindle auf den Markt gebracht. Schon im Juli 2010 wurden, so sagt Amazon, mehr E-Books für den Kindle verkauft als Hardcover-Bücher, ein paar Monate später auch mehr als Paperback-Bücher - und jetzt haben die Kindle-E-Books, für die bezahlt werden muss, die kostenlosen also nicht eingerechnet, angeblich die Verkäufe von Taschenbüchern und Hardcover überholt.

Der Reader wurde auch billiger, die günstigste, weil durch Werbung gestützte Variante, die auch zum Bestseller wurde, kostet nur 114 US-Dollar. Das hat zur schnellen Verbreitung zusätzlich beigetragen. In Deutschland kostet die billigste Version derzeit 138 Euro. Man kann auf dem Reader bis zu 3.500 Bücher auf 3,8 GB speichern, also eine große Bibliothek in einem 241 Gramm schweren Buch mit einer Dicke von 8,5 Millimeter mit sich herumtragen, das man ähnlich lesen kann wie ein gedrucktes Buch. Nicht zu vergessen ist, dass die Kindle-Bücher auch billiger sind. Zudem sind sie nicht auf dem Kindle eingesperrt, sondern können auch auf iPad, iPod touch, iPhone, Mac, PC, BlackBerry, Windows Phone und Android-Geräten gelesen werden.

Wie die Situation in Deutschland aussieht, sagt Amazon nicht. In den USA ist Amazon auch nicht unbedingt repräsentativ, was Buchverkäufe betrifft. So meldet die Association of American Publishers, dass zwar die Zahl der E-Books mit 145 Prozent im März 2011 am stärksten gewachsen ist, dass aber auch wieder mehr Taschenbücher verkauft wurden.

Zudem ist der Umsatz bei Adult-Taschenbüchern mit 115,9 Millionen US-Dollar und bei Adult-Hardcover-Büchern mit 96,6 Millionen noch höher als bei den E-Books, mit denen 69 Millionen umgesetzt wurden, nur knapp mehr als mit religiösen Büchern. Die Zahlen würden dem jahreszeitlich bedingten Kaufverhalten entsprechen, heißt es: "Eine Rückkehr zu den Printprodukten nach der nachweihnachtlichen Zeit, in der E-Books für Reader gekauft oder heruntergeladen wurden."

Bei aller Relativierung geht das Zeitalter des gedruckten Buchs ebenso wie das der gedruckten Zeitungen und Magazine - dem Ende zu, Bücher stehen seit langem sowieso teils auch in Konkurrenz zum Hörbuch. Ist das eine Kulturkatastrophe? Oder eine Kulturrevolution? Wohl kaum jetzt schon, weil E-Book-Reader wie Kindle vermutlich eine Brückentechnik darstellen.

Mit der elektronischen Form verändern sich zunächst weiter die Vertriebswege. Konkurrenz erwächst auch den Verlagen, denn seit kurzem bietet Amazon an, dass über Kindle Direct Publishing jeder selbst einfach und schnell E-Books erstellen und verkaufen kann. Zudem kommen "normale" Bücher unter Kostendruck, Printbücher müssen sich verändern und inhaltlich sowie gestalterisch zu etwas Besonderem werden. Taschenbücher und Billigprodukte werden in der Druckversion immer weniger rentabel sein, Bücher müssen wieder als materielle ästhetische Objekte gestaltet werden.

Aber es verändert sich wohl langfristig auch das Leseverhalten. Wer nicht ein Buch, sondern tausende jederzeit zur Verfügung hat, die nur Kopien sind, wird sich immer weniger verpflichtet fühlen, diese auch wirklich zu lesen. Ähnlich wie der einzelne Song in den Gigabyte-Speichern zu einem Versatzstück wird, der nach beliebigen Kriterien abgerufen wird, dürfte dies auch bei Büchern der Fall sein, die zum endlosen Strom werden und so das Schicksal der Zeitungen teilen. Nur die Käufer von Printzeitungen lesen, wie auch immer selektiv und blätternd, diese noch von vorne nach hinten. Die Online-Leser mischen sich ihre eigene Ausgabe aus verschiedenen Quellen zusammen.

Möglicherweise wird uns die Geduld mehr und mehr ausgehen, lange Texte, von Ausnahmen abgesehen, noch wirklich zu lesen - und wenn dann die E-Books nicht mehr nur mit Text und Bildern wie beim Kindle daherkommen, sondern interaktiv und multimedial, also ein bisschen Buch, ein bisschen Film, ein bisschen Computerspiel, sind, dann könnte freilich erneut die Zeit der beruhigten und langatmigen Texte anbrechen, die konzentriert gelesen und geschrieben werden.

Schließlich waren Bücher immer Inseln, auf die sich einst die Mönche und dann die übrigen Leser und Autoren als zeitweise Eremiten zurückgezogen haben, um eigene, individuelle und mögliche Welten zu erschaffen und in ihrer Fantasie zu reproduzieren. Die Weltflucht führt gleichwohl in die Welt zurück und lässt sie gelegentlich mit anderen Augen sehen.

Das aber ist unabhängig davon, ob Bücher, also lange Abschweifungen und Erkundungen, gedruckt oder elektronisch vorhanden sind, und welcher Art ihr Träger ist. Bücher waren aber bislang auch für viele Menschen wichtige materielle Objekte, die die Wohnungen oder zumindest manche Zimmer wesentlich gestaltet und geprägt haben. Wenn sie jetzt in einem Gerät verschwinden, bleiben leere Wände und Tische zurück. Was rückt an die Stelle der Bücher?

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