Das blutige Vordringen des Kapitalismus

Kevin Costners großartiger Western "Open Range" setzt sich mit der Geschichte der USA auseinander

Der Tod des Westerns wurde schon oft verkündet. Doch immer wieder erwies sich dieses traditionsreiche Filmgenre als ungemein zählebig, wenn auch zeitweise um den Preis der Demontage seiner Helden und der Auflösung seiner Erzählmuster. Die vielleicht beeindruckendste Wiedererweckung ist jetzt Kevin Costner gelungen: Sein Western "Open Range" ist traditionell und modern zugleich, er nimmt die Stilmittel des Genres ernst, unterwirft sich ihnen aber nicht. Denn in erster Linie geht es ihm darum, wofür der Western immer stand: eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der USA.

Ein paar Cowboys treiben ihr Vieh durchs Land. Angesichts eines drohenden Gewitters beschließen sie, ihr Nachtlager zu errichten, und warten den Sturm in einem provisorisch gebauten Unterstand ab. Am nächsten Morgen machen sie den im Schlamm versunkenen Wagen wieder flott und sammeln die versprengten Tiere ein.

So unspektakulär beginnt der Film und macht damit seinem Titel alle Ehre. Der ist in der deutschen Fassung mit "Weites Land" nur sehr unzureichend übersetzt. Denn in erster Linie ist "Open Range" kein ästhetischer Begriff, sondern bezeichnet eine historische Epoche, die von etwa 1865 bis 1890 reicht. Es ist die Zeit des American Cowboy, der seine Rinder dort grasen lässt, wo sie saftige Weiden finden, und das schlachtreife Vieh dann zur nächst gelegenen Bahnstation treibt. Open Range ist eine Produktionsweise, die den Bedürfnissen am Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs entsprach: Neue Kühltechniken erweiterten die Märkte für Rindfleisch im Osten, zugleich erschloss die Armee neue Weidegründe im Westen, und das Eisenbahnnetz ermöglichte den Transport. Im Lauf der Zeit litt das Open-Range-System aber zunehmend unter seinem eigenen Erfolg und geriet in Konflikt mit den Interessen von Großgrundbesitzern.

Von einer solchen blutigen Konfrontation erzählt dieser Film. Ein klassisches Westernmotiv, tausendmal erzählt - aber selten so packend wie hier. Das liegt zum einen an den glaubhaft motivierten Figuren, verkörpert von brillanten Darstellern wie Costner selbst, Robert Duvall und Annette Bening. Sie reden nicht viel, wie es Cowboys nun einmal an sich haben. Aber wenn sie den Mund aufmachen, kommen sie ohne Umschweife zur Sache. Auch sonst bietet der Film alles, was zu einem Western gehört. Neben einer zarten, anrührenden Liebesgeschichte gibt es die wohl am sorgfältigsten choreographierte Schießerei der Westerngeschichte - ein quälend langes, faszinierendes Ballett des Todes, in dem die Kugeln mit sattem Sound Holz und Knochen zersplittern lassen und sich Hass und Wut mit erschreckender Gewalt Bahn brechen. Aber handwerkliche Perfektion allein konnte noch nie die Wirkung eines Films befriedigend erklären. Es muss die Geschichte selbst sein, die die Zuschauer berührt.

Was hat Costner in der Geschichte des amerikanischen Cowboys gefunden, das heute noch oder wieder von so dramatischer Bedeutung ist, dass es die Kinosäle füllt? Vielleicht ist es das: Der Film zeigt drastisch, was für blutige Konflikte sich hinter der verharmlosenden Formel vom "Vordringen des Kapitalismus" verbergen. Das lässt sich durchaus als Kommentar zur gegenwärtigen Globalisierung verstehen, die ihre Ziele mit großer Arroganz und wenig Anteilnahme für ihre Opfer verfolgt und sich auf gekaufte Sheriffs wie George W. Bush stützt. Und zugleich vermittelt der Film etwas von der Sehnsucht nach einer Perspektive, wie sie die "frontier" damals noch zu bieten schien. Fragt sich bloß, wo die "open range" des 21. Jahrhunderts liegen könnte. (Hans-Arthur Marsiske)

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