Das brutale Spaß-Happening für die Handy-Kamera

In Großbritannien verbreitet sich die Mode des Happy Slapping: Jugendbanden schlagen vor laufender Kamera mehr oder weniger brutal Unbekannte und verbreiten dann die Videos

Neue technische Möglichkeiten verursachen nicht unbedingt neues Verhalten, aber sie können es zumindest fördern und attraktiver machen. Das Internet und die Handys haben zusätzlich die Eigenschaft, Informationen, die auf Interesse stoßen, schnell wie eine Epidemie zu verbreiten. Solche memetischen oder viralen Ansteckungen in Form von Vorbildern, Moden oder Trends, die Aufmerksamkeit erwecken, sind wohl auch deswegen erfolgreich, weil sie für den "Infizierten" versprechen, dass er selbst durch Übernahme und Nachahmung größere Aufmerksamkeit findet. Wie eine neue, mit Handy-Kameras verbundene Mode namens "Happy Slapping" in Großbritannien wieder einmal zeigt, können sich auf diese Weise selbstverständlich auch bedenkliche und gefährliche Verhaltensweisen im und durch den Umgang mit Medien verbreiten.

Das Prinzip dieser dezentralen, man könnte auch sagen: marktförmigen Propagierung von Memen ist natürlich auch das angestrebte Ziel von Wirtschaftsunternehmen oder Werbung. Gerade wenn sich aber ein solches "virales Marketing" ohne weiteres Zutun wie von selbst ergibt, suchen die Vermarktungs- und Aufmerksamkeitsexperten nach den Gründen für die erfolgreiche Verbreitung, um sie gezielt einsetzen zu können. Einen verallgemeinerbaren Mechanismus der Verbreitung hat man allerdings, trotz langer Erfahrung in Propaganda, (Massen)Psychologie, Werbung und anderen Formen "strategischer Kommunikation", nicht gefunden. Es wäre auch der archimedische Hebel für die Manipulation von Gesellschaften. Auch im Fall des "Happy Slapping" gibt es unterschiedlichen Meinungen darüber, wo der Ursprung dieses Verhaltens liegt. Vermutlich hat alles mit harmlosen Ohrfeigen und tatsächlich aus Jux begonnen und ist schließlich zu gewalttätigen Anschlagsformen ausgeartet.

Handys sind selbst mitsamt dem schnellen Zuwachs an neuen Funktionen ein gutes Beispiel für die Verbreitungsgeschwindigkeit von Memen, wenn sie auf einen günstigen Boden fallen und im Zuge ihrer Ausbreitung auch unter Gesichtspunkten der Kosten erwerbbar werden. Handys sind als Gegenstände für viele privaten Nutzer ein Fetisch, den man nicht nur besitzen und zeigen, sondern der in der Öffentlichkeit auch mit dem entsprechenden Verhalten vorgeführt werden muss. Neben Notebooks oder iPods tragen gestohlene Handys als Fetische heute erheblich zur Steigerung der Kriminalstatistik bei. Mit Handys wird gleichzeitig ein ganzes Spektrum von Verhaltensweisen und Erwartungen der Besitzer in der Öffentlichkeit und gegenüber Freunden geprägt. Sie sind beschäftigt und nicht ganz an diesem Ort, checken die Mailbox, schreiben eine SMS, werden angerufen oder rufen selbst an, demonstrieren, dass sie begehrt sind, und hängen an der elektronischen Leine. Und sie bilden, da sie auch räumlich verstreut zusammen hängen und sich verabreden oder einfach nur durch "Pingen", Smart Mobs, wie dies Howard Rheingold nennt.

Eben solche Smart Mobs, die allerdings eher als Schlägerbanden auf der Suche nach Spaß zu bezeichnen sind, nutzen nun in Großbritannien ihre Kamera-Handys zum so genannten "Happy Slapping" (fröhliche Watsche) , eine Art Happening oder Abu Ghraib lite. Auch früher haben natürlich Jugendbanden andere Menschen "just for fun" zur Demonstration ihrer Macht und zur Demütigung der Opfer zusammen geschlagen. Nun zieht man offenbar vermehrt auf Video-Safari zum "fröhlichen Schlagen" in den Dschungel der Großstädte, sucht sich einzelne, vor allem aber unterlegene Opfer und schlägt plötzlich bei laufender Kamera mehr oder weniger brutal zu. Die Videos von der erfolgreichen Jagd, auf denen nicht nur die Opfer, sondern oft auch die Täter zu erkennen sind, werden dann als Trophäen, vielleicht als ein Score im konkurrenten Spiel mit anderen Gruppen, über Bluetooth verschickt oder auf Websites zur gefälligen Rezeption gestellt.

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its about the happy slaps. if u feel bored wen ur about and u got a video phone den bitch slap sum norman innit its jokes man

i happy slapped sum1s teeth out b4, it was jokez, but i'v been happy slapped bare times aswell, but oh well, dats life, happy slaps is da future of entertainment, so be prepared.

Kommentare auf einem Blog, be idem es um Happy Slapping ging

Die Anschläge für die Handy-Kamera sind teilweise von großer Brutalität. Alfie Dennen, ein Blogger, hat solche Videos zu einer Montage surrealer Gewalttätigkeiten zusammen gestellt. Von "Happy Slapping" oder harmlosen Ohrfeigen ist hier wenig mehr zu merken, wenn ahnungslose Menschen von ihrem Fahrrad geschleudert oder andere mehrmals mit Füßen ins Gesicht getreten werden, bis sie zu Boden gehen. In öffentlichen Verkehrsmitteln werden Passanten geschlagen, es wird mit Fäusten, Knüppeln und Brettern geprügelt. Einmal wurde ein Junge an ein Gitter gebunden und brutal verprügelt, ein Mann, der gerade die Haustüre öffnete, wird ins Gesicht geschlagen. Es geht, gedeckt durch eine Gruppe, um rohe Gewaltanwendung gegenüber Schwächeren oder zumindest Überraschten. Es gab auch bereits erste Schwerverletzte.

Wie der Guardian berichtete ist dieses Verhalten zunächst in der Musikszene entstanden und hat sich dann auf den Schulhöfen Londons verbreitet. Nun sei es zu einem landesweiten Phänomen geworden und mit der Ausbreitung hat die Brutalität zugenommen. Man wird vermutlich nicht lange warten müssen, bis dieses Happening sich auch außerhalb Großbritanniens verbreitet. Manche Bereiche, an denen solche Taten ausgeführt wurden, werden zwar bereits von der Polizei schärfer überwacht, die Attentäter führen ihre Angriffe aber nun an eher in Parks und nicht von Überwachungskameras abgedeckten Orten durch, an denen die Gefahr gering ist, erwischt zu werden. Allein 200 Vorfälle, die im letzten halben Jahr nur in den öffentlichen Verkehrsmitteln Londons geschehen sind, werden von der Polizei verfolgt. Vermutet wird, dass viele Angriffe der Polizei gar nicht berichtet werden. An manchen Schulen Londons wurden bereits Kamera-Handys verboten, um diese Form der "Unterhaltung" zu unterbinden.

Andere führen den Ursprung des "Happy Slapping" allerdings nicht auf die Musikszene, sondern auf einen Werbeclip für die britische Orangenlimonade Tango zurück. Hier wird ein Tango-Trinker von einem dicken, nackten, glatzköpfigen und ganz orange bemalten Mann plötzlich links und rechts auf die Backe geschlagen. Daraufhin verschwindet der Mann wieder. Das ist aber vermutlich wenig wahrscheinlich, denn der Clip stammt bereits aus dem Jahr 1993. Oder wurde das Gezeigte erst interessant, als sich die Kamera-Handys verbreiteten? (Florian Rötzer)

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