Das eigentliche Amerika II

Samuel Huntington demaskiert den Multikulturalismus als Ideologie globaler Eliten und macht auf den sozialen Sprengstoff aufmerksam, den Migration und Vielfalt für wohlhabende Gesellschaften bergen könnte

Amerika tickt anders. Neben der israelischen und saudiarabischen zählt die US-amerikanische Gesellschaft mit zu den religiösesten der Welt. Während in Europa Freiheit und Religion, Politik und Glaube getrennte Wege gegangen sind, bilden sie in Amerika von Beginn an eine fest gefügte Einheit. Ausdruck dieses Sonderwegs in die Moderne ist der American Creed, ein Hybrid aus tugendhaftem Verhalten und religiösem Denken, der von angloprotestantischen Werten unterfüttert wird und Maxime US-amerikanischen Handelns ist. Ohne ihn, meint Huntington, wäre die zweihundertjährige Erfolgsstory, der Aufstieg der USA zur alleinigen Supermacht, nicht möglich gewesen.

In Europa ist die „kulturelle Andersheit“ Amerikas Jahrzehnte lang verdrängt worden. Amerika wurde meist aus der Sicht europäischer Normen und Standards betrachtet. Erst mit der Wiederwahl George W. Bushs rückte diese „Andersartigkeit“ wieder stärker ins europäische Bewusstsein. Das Beschwören „gemeinsamer Werte“ war und ist immer schon ein Euphemismus.

American nationalism has been an idealistic nationalism, justified, not by the assertion of the superiority of the American people over other peoples, but by the assertion of the superiority of American ideals over other ideals.

Samuel Huntington

Die Ideen, die Amerika und Europa angeblich teilen, trennen in Wahrheit mehr als sie vereinen. Das laute Jammern und Wehklagen, das westliche Intellektuelle neuerdings anstimmen, wenn sie an Amerika denken, hat viel mit solchen Selbsttäuschungen, Fehlschlüssen und Lebenslügen zu tun.

Wie viel Talent du auch hast, du musst dich immer weiter antreiben.

Frank Lampard, Fußballprofi

Jahrhunderte lang war die Kraft des amerikanischen Credos so stark, dass zig Millionen von Einwanderern ihr ethnisches, kulturelles oder religiöses Erbe freiwillig an den Toren der amerikanischen Einwanderungsbehörden abgaben und die neue Kultur als zweite Haut überstreiften. Im Grunde sagten sie damit, dass fortan auch für sie Erfolg und/oder Misserfolg im Leben nicht (wie typisch für Europa) vom sozialen oder kulturellen Umfeld abhängten, sondern primär von eigenen Talenten und vom eigenen Charakter, von der Arbeit, dem Willen, der Zielstrebigkeit und Beständigkeit des einzelnen.

Statt zuallererst zu fragen, was der Staat für das eigene Wohlergehen oder die soziale Rundumversorgung der Menschen tun könne, fragten sie lieber, was sie selbst zum Ansehen, zur Stärke und Macht des Landes beitragen könnten. Weil sie dem Pursuit of Happiness folgten, haben es im Laufe der Zeit viele der neuankommenden Habenichtse zu politischer Macht, sozialem Ansehen und Wohlstand gebracht. Von dieser häufig problemlosen Integration profitierte letztlich auch der US-Patriotismus. Aus den Einwanderern wurden meist sehr bald noch viel stolzere, bessere und aufrechtere „Amerikaner“. An Gedenktagen, bei Inaugurationen oder nationalen Feiertagen sind in der Regel sie es, die besonders fest die Hand an ihre Brust pressten, das Star-Spangled Banner schwenkten und God Bless America schmetterten.

Jahrzehnte lang galt der „Schmelztiegel“ als Symbol für eine weltweit beispiellos erfolgreiche Assimilation. Ihm wurde nachgesagt, dass er jedwede Kultur, Ethnie oder Religion (wie fremd und exotisch sie auch sein mag) in sich aufsaugte und danach als amerikanische wieder ausspuckte. Diese Transformation von Menschen scheint, und mit dieser Beobachtung steht Huntington nicht allein, seit einiger Zeit nicht mehr oder zumindest nicht mehr gut zu funktionieren. Die integrierende Kraft, die der American Creed auf Immigranten mal ausgeübt hat, ist im Schwinden begriffen.

Spätestens seit den 1960er Jahren ist zu beobachten, dass Ethnien und Kulturen der Sogkraft des American Creed widerstehen und sich stattdessen zu kulturellen Gemeinschaften zusammenschließen, die mehr durch Sprache, Sitten und Gebräuche zusammengehalten werden. In aller Regel kommunizieren diese Gruppen nur noch mit ihresgleichen. Zum Aufnahmeland, mithin zu dessen Sprache und Kultur, pflegen sie kaum noch oder gar keinen Kontakt. Aus dem vormaligen Hoch- und Backofen ist in all den Jahren ein „Mosaik“ oder ein „gemischter Salat“ geworden.

Wir stehen auf der Schwelle einer neuen Zeit […]
Wir sehen die Welt mit anderen Augen.

Kante, Zombie

Schuld daran haben nach Auffassung Huntingtons vor allem zwei Dinge: Da ist zum einen der Dekonstruktivismus der liberalen und aufgeklärten Eliten, der seit den 1980ern an den geisteswissenschaftlichen Hochburgen des Landes gelehrt wird und das Andere und Fremde für wertvoller, vielfältiger und höherstufiger hält als das Eigene, Vertraute und Überlieferte. Dieser „Kulturkampf“, den die „Höhergebildeten“ gegen die Durchschnittsamerikaner führen, führte zu einer schleichenden Umverteilung der Ressourcen, die „subnationale Gruppen“ mit Privilegien und Sonderrechten (Fördermaßnahmen, Stipendien) ausstatteten und nebenbei auch den Grundsatz der Verfassung, gleiches Recht für alle, aushebelten.

Gleichzeitig wurde die Rezeption und Weitergabe der eigenen Geschichte an US-Schulen und -Universitäten zugunsten „exotischer“ Geschichten systematisch abgewertet und wurden die Standards zur Erlernung des Amerikanischen merklich gesenkt. Ergebnis dieser bildungspolitischen Neuorientierung war der allmähliche Verfall der Strahlkraft der US-Identität. Verschärfend hinzukam, dass die Eliten des Landes seitdem keine gefühlsmäßige Bindung mehr zu ihrem Land entwickeln. Weil sie ständig quer über den Erdball reisen, nur noch im Transit und „Lost in Translation“ leben, verstehen sie sich eher als Weltbürger denn als Bürger eines Landes, in dem sie aufgewachsen sind, das sie einst gefördert und finanziell unterstützt hat und für dessen Wohlergehen sie folglich auch Verantwortung tragen.

Längst hat sich diese transnationale Clique, vorwiegend Manager und Netzspezialisten, Wissenschaftler, Staatsbeamte und Vertreter von NGOs, zu „höher stehende“ Gemeinschaften formiert, die eigene Werte, Haltungen und Gewohnheiten teilen und in aller Regel kaum noch oder gar keinen Kontakt mehr zu „Normalbürgern“ unterhalten.

Da ist zum anderen die illegale Einwanderung aus dem Süden, die von den Behörden weder durch motorisierte Patrouillen noch durch modernste Technologie in den Griff zu bekommen ist. Anders als Iren, Juden, Polen, Filipinos oder Taiwanesen, die einst über die Meere ins Land gekommen sind, seien die Hispanics (Einwanderer vorwiegend aus Mexiko oder Kuba) nicht mehr breit, sich automatisch zu assimilieren. Nicht nur, weil sie des Englischen weder mächtig noch willens sind, diese Sprache trotz staatlicher Fördermaßnahmen zu erlernen. Sondern auch, weil die geografische Nähe die emotionale Bindung zum Herkunftsland fördert und Satelliten-TV den Empfang und die Rezeption muttersprachlicher Programme möglich macht.

Überdies konzentrierten sich diese Einwanderer in bestimmten Gebieten, Kubaner etwa in Florida, Mexikaner im Süden Kaliforniens und New Mexikos, sodass an vielen dieser Orte das Spanische das Englische als Amtssprache abzulösen drohe. Hispanics könnten in diesen Gegenden Bankkonten eröffnen, zum Arzt gehen, einkaufen und eine Ausbildung machen, ohne jemals genötigt zu sein, dabei ein Wort Englisch sprechen zu müssen. Und da Sprachkompetenz und Bildungsniveau der Neuankömmlinge äußerst dürftig, sind, und der Wille, Amerikaner zu werden keinen Anreiz mehr auf sie ausübt, suchen Kinder der dritten Generation ihre Identität, ihren Glauben und ihre Kultur zunehmend im Herkunftsland.

Sollten der Zustrom aus dem Süden und die Geburtenrate dieser Einwanderer unvermindert anhalten, dann könnte es Schätzungen zufolge bald sein, dass Los Angeles in fünf Jahren und Amerika in einem halben Jahrhundert hispanisch sind. Das Land der Siedler hätte binnen eines halben Jahrhunderts seinen kulturellen Charakter verändert. Die prägende Kraft, die das europäische Erbe auf Amerikaner einst ausgeübt und sie dermaßen erfolgreich in die Moderne geführt hatte, ginge verloren. Statt angloprotestantischer Arbeitsethik dominierten anti-individualistische Werte, statt Leistungswillen, Energie und Arbeitseinsatz Bequemlichkeit, Gelassenheit und Müßiggang.

Sam is very shy. He's not one of those guys who can shoot the breeze at a bar. But get him into a debate and he is confident and tenacious.

Zbigniew Brezinski

Dass Huntington mit solchen Schreckensvisionen, die er an die Wand des liberalen Amerikas pinselt, teilweise wütende Reaktionen hervorgerufen hat (Hey, Professor, Assimilate This), dürfte kaum jemand wirklich überrascht haben. Zumal er die Kosmopoliten schon vor geraumer Zeit mit der Behauptung aufgeschreckt hatte, dass sich abseits der Akademien, der Fünf-Sterne-Hotels und aufpolierten Vorstädte und außerhalb ihrer Wahrnehmung und Realität sozialkulturelle Verwerfungen ankündigen, die ihren tendenziell luxuriösen Lebensstil sehr bald immens bedrohen könnten. Dass er sie jetzt auch noch persönlich angriff, ihnen mangelnden Wehrwillen vorwirft und sie der „Vaterlandslosigkeit“ bezichtigt, dürfte das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Sein Buch wurde förmlich zerpflückt; kaum jemand wollte ein gutes Haar an ihm lassen oder es gar verteidigen. Beschuldigten die einen ihn der Verbreitung dumpfer Vorurteile und Pflege dumpfbackiger Stereotypien, stempelten ihn andere zum Nativisten, Populisten oder machten aus ihm eine Art „Pat Buchanan mit Fußnoten“ (Native Son; vgl. dazu auch die in den Foreign Affairs ausführlich dokumentierte Diskussion, die darauf mit Huntington begann: Credal Passions). Wieder andere, vornehmlich an seiner Heimatuniversität, umgingen solche „Weichspülungen“ und titulierten ihn gleich als Rassisten, Ausländerfeind und Kryptofaschisten, der sich auf die Seite der sog. WASPs schlägt und mit seinen Affekten gegen die Hispanics sozialkulturellen Unfrieden im Land stiften will.

Huntington gilt zwar als unbequemer Denker, der weiß, wie seine Kollegen und Studenten in Harvard politisch ticken. Nicht von ungefähr nimmt er seit jeher an der Harvard Community eine Außenseiterrolle ein, weil er die globale Verbreitung von Demokratie und universeller Werte skeptisch beobachtet und bei politischen Kontroversen um sie, so berichten es jedenfalls Beobachter, regelrecht zur diskursiven Hochform aufläuft (Mit Vollgas gegen das Tabu).

Dennoch dürften ihn die Wucht der Vorwürfe, auch die Wut und der regelrechte Hass, der ihm da entgegenschlug, nicht ungerührt gelassen haben. Schließlich hatte auch er den Irak-Krieg abgelehnt. Und im Verdacht, ein Neocon oder gar Straussianer zu sein, steht er auch nicht. Im Gegenteil: Politisch gilt er (wie sein bester Freund Brzezinski) als Realist, der demokratisch wählt, die Befreiungstheologie der Bushies ablehnt und den Heilslehren des (Neo)Liberalismus (wie Carl Schmitt) zutiefst misstraut. Richtig ist dagegen, dass er liberale Ideen vertritt, diese aber mit einem konservativen Verständnis von Geschichte und Außenpolitik kombiniert; und richtig ist auch, dass er mehr Demokratie für die Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme für ungeeignet oder gar als schädlich hält. Das ist auch das Thema des neuen Buches seines vielleicht besten Schülers, Fareed Zakaria: Das Ende der Freiheit.

Huntington ist andererseits aber auch kein Isolationist, der einer nationalen oder kulturellen Abschottung das Wort redet. Sorgen bereitet ihm jedoch, dass die Nation sich in ihrem globalen Streben nach Demokratie und Rechthaberei politisch und militärisch übernimmt und ihre Machtposition deswegen verlieren könnte. Als „Feindbild“ taugt Huntington daher nicht wirklich. Es handelt sich folglich um groben Unfug, wenn Hardt und Negri ihn in „Multitude“ als „imperialen Geheimrat“ bezeichnen, der den Clash of Civilizations als Freifahrtschein für eine missionarisch aufgeladene, neue Machtpolitik der USA deutet.

Amerika ist keine Lüge, es ist eine Enttäuschung. Aber es kann nur eine Enttäuschung sein, weil es auch eine Hoffnung beinhaltet, eine Hoffnung, die Bob Dylan „die Freiheit hinter der nächsten Ecke“ nennt

Samuel P. Huntington

Warum also dann dieses Erbostsein? – Ganz offensichtlich hat er mit seiner Frage „Wer sind wir?“ wieder mal den Nerv der Zeit getroffen. Erneut ist es ihm gelungen, unangenehme Wahrheiten in unbequeme, aber griffige Formeln zu packen. Dass er sie, was in seinem Fach eher Ausnahme als die Regel ist, auch noch mit Zahlen, Daten und eindrucksvollen Statistiken untermauert und daraus Schlüsse zieht, die auch von Kritikern nur schwer zu entkräften sind, macht die Sache für die Gegner nicht unbedingt leichter. Weshalb auch keiner der zahlreichen Kritiker versucht hat, das Zahlengebäude in Frage zu stellen oder gar Gegenrechnungen dazu anzustellen. Anstoß nahm man deshalb lieber an pointierten Formulierungen, etwa am Schreckensbild einer möglichen spanischen Reconquista, einem Albtraum, der sich Amexica oder Mexifornia nennt, bzw. einem „White Nativism“, also Aufstand der Weißen gegen ihre baldige Marginalisierung.

Guckt man genauer hin, so erkennt man aber sehr schnell, dass Huntington von derlei Dingen nur am Rande spricht. Was ihn dagegen wirklich umtreibt, ist die Gefahr, dass die liberalen Institutionen, die Amerika geschaffen hat, den obigen Herausforderungen nicht standhalten werden. Deshalb plädiert er für eine Revitalisierung vergangener Epochen, in denen von Einwanderern erwartet wurde, dass sie Englisch lernen und sich der bestehenden Kernkultur anpassen sollten. Damals haben Staat und Wirtschaft solche Dinge häufig gemeinsam angestoßen, sie organisiert und auch finanziert. Firmen wie Ford oder U.S. Steel zahlten ihre Leute für die Teilnahme an Pflichtkursen in Englisch. Sie boten zusätzlich Kurse in Staatsbürgerkunde an und unterstützten Abendschulen, deren Unterricht auf Assimilation zielte. Eine Schlüsselrolle nahmen seinerzeit die staatlichen Schulen ein. Heute stehlen sich viele Firmen aus ihrer Verantwortung. Sie starren nur noch auf ihren Börsenwert, betrachten alles andere als Kostenfaktor und schieben dem Staat die Verantwortung dafür zu.

Ob Amerika in naher Zukunft multikulturell sein und von Prinzipien des American Creed regiert; ob es seinen Weg zweisprachig, bi-kulturell geteilt in weiß und hispanisch suchen; ob es seine Identität retroaktiv und exklusiv wieder auf Rasse und Ethnizität gründen; oder ob es vom Angloprotestanismus inspiriert sich kulturell erneuern wird – Huntington zufolge sind alle vier Varianten und Zukünfte gleich möglich. Welchen Ausgang und Weg Amerika letztlich nehmen oder gehen wird, darüber entscheidet allein die amerikanische Gesellschaft. Gewiss schwingt bei all dem patriotisches Herzblut mit. Er leugnet nicht, dass er hier als Wissenschaftler argumentiert, den die Zukunft seines Landes ungerührt lässt. Insgesamt wahrt Huntington aber die gebotene Distanz zu seinem Gegenstand, den er kenntnisreich, kühl und nüchtern analysiert.

Klar ist aber: Ohne eine gemeinsame Grundüberzeugung (Leitkultur), die alle Kulturen teilen und zu der sich alle auch offen bekennen, kommt kein Land der Erde aus. Auch Amerika nicht. Diese Sichtweise werden Kosmopoliten und Systemfunktionalisten für antiquiert, altbacken und provinziell halten, weil sie sich Gesellschaft als organisches Ganzes vorstellt, die von der Macht der Ideen zusammengehalten wird. Dieser Vorwurf ändert aber nichts an der Tatsache, dass Huntington von der Richtig- und Wichtigkeit dieses Gedankens felsenfest überzeugt ist.

The people of a nation may share a set of principles that shape their political life, but these principles cannot by themselves define their community and what distinguishes them from other communities.

Samuel Huntington

Auch die Kritik hierzulande fiel erwartet zwiespältig und insgesamt wenig freundlich aus. Am Für und Wider konnte man sogar noch einmal die alten Kampf- und Feindlinien des politischen Feuilletons verfolgen. Boten FAZ, NZZ und die WamS ihren Lesern eher behutsam-nachdenkliche Besprechungen, lehnten taz (Unamerikanische Umtriebe; Die Stunde der Patrioten), Frankfurter Rundschau, SZ::Bangen um die angloprotestantische Leitkultur) und Die Zeit das Werk rundherum ab.

Dabei sind die Probleme, auf die Huntington aufmerksam macht, auch in Europa nur allzu bekannt: Einerseits gibt es auch hier eine hochmobile Elite, die sich kosmopolitisch gibt, nach globalen Werten agiert und die Erfahrung kultureller Diversität als Bereicherung ihres Lebens und Alltags empfindet. Mit Recht kann man diese Art von Multikulturalismus mittlerweile (in Anlehnung an Carl Schmitt) auch als „die Ideologie des globalen Kapitalismus“ (Slavoj Zizek) bezeichnen. Und zwar, weil er real existierende Differenzen neutralisiert, politische Positionen in unterschiedliches "Lifestyle-Business“ verwandelt und Heterogenität wieder zur Monokultur verkehrt; und weil er eine privilegierte und überlegene Position behauptet, die alle anderen nicht haben oder einnehmen können.

Wer den Buchmarkt, Verlautbarungen in Medien oder die Seiten des Feuilletons einigermaßen verfolgt, weiß, dass Multikulturalismus, Transnationalismus und Kosmopolitismus längst zum Lieblingsspielding einer abgehobenen politisch-kulturellen Elite gehören, die weder in Wohnvierteln der Zuwanderer ansässig noch auf staatliche Schulen für ihre Kinder angewiesen ist, sondern diese auf private Bildungsanstalten schickt.

Andererseits gibt es ein wachsendes kulturelles Subproletariat, das immobil ist, mangelnde Sprachkenntnisse aufweist und wachsenden Unwillen zeigt, die Sprache des aufnehmenden Landes zu erlernen. Fehlender Ehrgeiz und Leistungswillen bei Kindern (vor allem der dritten und vierten Generation); Konzentration von Kulturen an bestimmten Orten und Plätzen (Gettobildung); steigende Arbeitslosigkeit und Wegzug der Integrationswilligen; Abgrenzung der Ethnien und Revierkämpfe zwischen den Kulturen; Religion als Ersatzdroge für brüchige Identitäten und Ausbildung von Parallelgesellschaften – all diese demografisch-kulturellen Tatbestände kommen erschwerend hinzu und verschärfen nach und nach die soziale Situation in bestimmten Stadtteilen oder Gegenden.

Ich lehne keine multikulturelle Gesellschaft ab, ich lehne ihre Theorie ab, die von der Gleichberechtigung aller Kulturen ausgeht. Eine Kultur, die Ehrenmorde und die Unterdrückung der Frau vorsieht, ist nicht gleichwertig mit einer Kultur, die die Freiheit des Individuums schützt.

Ayaan Hirsi Ali

Was Mexikaner für Kalifornien, Kubaner für Miami oder Puertoricaner für New York sind, das sind beispielsweise die Türken für Berlin, die Nordafrikaner für Paris und Rotterdam oder Asiaten für London. Auch in Berlin-Neukölln, Hamburg-Billstedt oder Nürnberg-Gostenhof erleben oder konsumieren viele Migrantenfamilien im Alltag nur noch ihre eigene Kultur und Sprache. Ein ausgefeiltes Netz aus Firmen, Anwälten und Versicherungsagenten erlaubt, dass sich das gesamte Alltagsleben in der Muttersprache abspielt und Integration erschwert oder gar verhindert wird. Kontakte spielen sich, was den Kauf von Waren, die Inanspruchnahme von Dienstleistungen oder die Gesundheitsvorsorge angeht, unter ihresgleichen ab.

Weil Eingliederung in früheren Jahren verteufelt wurde oder dort, wo sie dennoch angeboten wurde, aus welchen Gründen auch immer fehlschlug, fühlen sich viele Migranten kulturell entwurzelt und fremd im fremden Land. Es verwundert daher nicht, dass auch sie die Religion als bindende, identitäts- und sinnstiftende neue Kraft für sich entdeckt haben und technische Medien vorwiegend dazu nutzen, Kontakte „nach Hause“ zu unterhalten. Speziell für heranwachsende Kinder stellt diese „Parallelweltbildung“ mittlerweile ein Riesenproblem dar. Spätestens dann, wenn es gravierende Probleme in der Schule gibt und Eltern die Werte der gehobenen Mittelschicht klargemacht werden müssen, die an den Schulen gelehrt werden. Dann kommen (wenn überhaupt) mitunter nicht sie, sondern Abgesandte von ihnen in die Schule, die einigermaßen Deutsch können und den betroffenen Eltern hinterher Auskunft über Sohn oder Tochter geben sollen.

Wir müssen eine weitere Zuwanderung aus fremden Kulturen unterbinden.

Helmut Schmidt

Lange Zeit wurden kulturelle Abkapselung, Parallelweltbildung und Ähnliches in Europa mehr oder weniger bagatellisiert. Während man „kulturelle Identitätsbildung“ (seltsamerweise nur bei fremden Kulturen) hochhielt, wurde das Thema „Eingliederung“ viele Jahre lang systematisch ignoriert. Zuwanderung sollte und wollte man nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung des Alltags erfahren, als Beitrag und Förderung kultureller Vielfalt. Zumal man in bestimmten Kreisen glaubt und hofft (auf den versteckt rassistischen Inhalt dieses Kalküls kommt man nicht) durch weitere Zuwanderung die demografischen Probleme des Landes (Vergreisung und Alterssicherung) in den Griff zu bekommen. Anläufe der Konservativen, Migranten auf Mindeststandards (Grundrechtskatalog) oder eine wie auch immer geartete (deutsche) Leitkultur zu verpflichten, wurden dagegen immer als kleingeistig, engstirnig und nationalistisch abgewiesen.

Erst der Ritualmord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, ein paar Tage vor der US-Wahl, brachte auch Linke und Liberale, die zuvor voll auf den „Karneval der Kulturen“ gesetzt hatten, zum Umdenken. Nicht alle, aber viele. Über Nacht wurde auch im Land mit den liberalsten Einwanderergesetzen Europas bewusst, dass spätestens im Jahr 2010 in den vier größten Städten des Landes Ausländer die Bevölkerungsmehrheit stellen würden. Auf einmal wollten auch sie wissen, dass Pim Fortuyn (Der dritte Weg der Rechten) sich vielleicht im Ton vergriffen, mit Teilen seines Programms vielleicht nicht völlig verkehrt gelegen hatte. Seither zeigen sich auch prominente Soziologen und Sozialdemokraten wehrhaft. Sie fürchten seither, dass die Demokratie Schaden nimmt, wenn sie nicht mehr bestimmt, wen sie in ihr Land lässt und wen nicht.

Auch in Deutschland betrachtet man das Recht auf kulturelle Selbstbestimmung inzwischen skeptischer. Die Toleranz, die man Jahre lang fremden Kulturen entgegen gebracht hatte, sieht man in Trümmern, und die multikulturelle Idee an kulturellen Realitäten gescheitert. Nicht nur bei den Sittenwächtern und Oberpriestern des Landes. Auch bei manchem Politträumer und Sozialromantiker. Oberste Priorität genießt nun auch dort auf einmal die Eingliederung. Rasche Einbürgerung und Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft, verpflichtende Sprachkurse und Staatsbürgerkunde für Migrantenmütter und -väter, intensive Sprachförderung in Kindergärten, Sprachlernklassen, ständige Tests und Ganztagsunterricht, Abschaffung des muttersprachlichen Unterrichts an Schulen, staatliche Kontrolle des muslimischen Unterrichts, Ausbildung von Imamen an deutschen Instituten usw. – mit solchen und ähnlichen Maßnahmen will man der Bildung von Parallelgesellschaften vorbeugen, durchsichtigere Strukturen als bisher schaffen und die Assimilierung an die Leitgesellschaft erleichtern.

Multikulturalismus, einstmals Trutzburg und letzter Zufluchtsort einer heimatlos gewordenen Linken, scheint als Leitkultur ausgedient zu haben. An die Stelle postmoderner Identitätspolitik, die ethnische oder kulturelle Partikularismen achtet, fördert und sich selbst überlässt, treten Maßnahmen, die auf eine umfassende Betreuung und Kontrolle durch den Staat zielen, eine Politik, die Michel Foucault vor Jahren auf den Namen „Gouvernementalität“ getauft hat.

Außerdem bin ich der Meinung, dass das, was der böse Imam in der Kreuzberger Moschee gesagt hat – die Deutschen stinken und sind ohne Nutzen für die Welt – in nichts über die Kulturkritik hinausgeht, mit der sich ein normales Abendessen unter Freunden […] erfreut, wenn man über den aktuellen Feind herzieht.

Michael Rutschky

Zweifel, ob das ausreicht, um die bestehenden Problemen zumindest auszubalancieren, sind angebracht und berechtigt. Zumal die Abgrenzung und Separierung der Kulturen (nicht nur an den Schulen) munter fortschreitet und die Capuccinisierung der Gesellschaft nur in den Köpfen der Wohlhabenden und Besserverdienenden gedeiht (Warnung vor zunehmender Überfremdung); zumal Bruchlinien zwischen den Kulturen immer noch wegkommuniziert werden, man sie mit dem Leben eines norddeutschen Protestanten in München vergleicht und meint, ein Wallfahrtsort wie Altötting könne kaum weniger Befremden erzeugen als der Besuch eines japanischen Shinto-Schreins (Karneval der Leitkulturen. Zumal in Deutschland weiter darüber gestritten wird, ob es überhaupt Parallelgesellschaften im klassischen Sinn des Wortes gibt (Zuwanderung wird als Bedrohung empfunden) und man eher das Gerede über sie als ihre Existenz als Teil des Problems ansieht.

Dazu gehört seit geraumer Zeit wohl auch der ehemalige Bundeskanzler und jetzige Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt, der seine xenophoben Ansichten neulich in einem Focus-Interview wiederholt und einen radikalen Kurswechsel in der Ausländerpolitik gefordert hat (Dickes Problem). Nüchtern stellt der Altbundeskanzler fest. Fünfzehn Jahre danach „sind (wir) nicht in der Lage gewesen, alle diese Menschen wirklich zu integrieren. […] Sieben Millionen Ausländer in Deutschland sind eine fehlerhafte Entwicklung, für die die Politik verantwortlich ist.“ Migranten seien zwar nicht Schuld an der Arbeitslosigkeit, diejenigen aber, die sich nicht integrieren wollten, „hätte man besser draußen gelassen“.

The United States of America will suffer the fate of Sparta, Rome, and other human communities.

Samuel P. Huntington

Wie immer man solche Urteile im Detail auch bewerten mag, ob man auf die politische Gestaltung von Vielheit, auf reale Koexistenz rivalisierender Kulturgemeinschaften oder auf Begrenzung und staatliche Zugangskontrollen setzt – Tatsache ist, dass sowohl die Monokultur der Zuwanderer als auch die Monokultur des Multikulturalismus Hindernisse auf dem Weg der Integration darstellen, ohne die ein funktionierendes Staatswesen wohl auf Dauer nicht auskommt. Wo Minderheiten eine kritische Masse erreichen, sie Mehrheit werden und anderen die Maxime des Handelns vorgeben, gibt es statt Assimilierung bald nur noch Forderungen – auf Zweisprachigkeit, doppelte Staatbürgerschaft, Rundumversorgung, eigene Zeichen, Stile und Symbole, kulturelle Autonomie, Selbstverwirklichung usw.

All das wäre auch nicht weiter schlimm oder zu beanstanden, wenn es nicht zu Lasten der Solidarität und des Zusammengehörigkeitsgefühls gehen würde. Ein Umstand, den gerade auch die EU nach den beiden Neins zur europäischen Verfassung und dem Scheitern des Finanzgipfels schmerzlich erfahren muss. Wird es überreizt und überdehnt oder gar zum Teufelszeug erklärt, zerfällt ein Gebilde, sei es staatlich oder privat organisiert, alsbald in eine Freihandelszone oder einen bunt gewürfelten Haufen heterogener Interessen, Stile und Meinungen. Auf nichts anderes will Huntington mit der sich selbst vergewissernden Frage: „Wer sind wir?“ im Grunde aufmerksam machen. Ihm geht es letztendlich um „nationale Identität“, nicht um Einwanderung.

Natürlich kann man das für Unsinn und übersteigerten Nationalismus halten und Kultur (wie bei Ökonomen üblich) zur Restgröße erklären, die Politologen oder Sozialwissenschaftler dann einfällt, wenn ihnen plausiblere Theorien fehlen. Andererseits sollte man die Bedeutung von Religion und Kultur aber auch nicht gering- oder gar unterschätzen (Islam als Wellness-Programm). Sie ist kein Problem des Mangels von Arbeits- und Ausbildungsplätzen, das wieder verschwindet, wenn die Wirtschaft brummt, die Wachstumsraten stimmen und der Wohlstand für alle sich am Horizont ankündigt.

Mal abgesehen vom illusionären Gehalt dieser Behauptung, lassen sich kulturelle Inhalte allem Anschein nach nicht bruchlos oder eins zu eins in funktionale Differenzierung übersetzen. Integration ist etwas vollkommen anderes als Inklusion, biometrische Kontrollen auf Flughäfen etwas anderes als politische Leidenschaften, die durch die Erfahrung von Erniedrigung, Demütigung und verletztem Stolz ausgelöst und politisch werden. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ausgerechnet die scheinbar Assimiliertesten und Integriertesten dem westlichen Way of Life widerstehen und zu Attentätern (wie Mohammed B.) oder Terroristen (Mohammed A.) werden; und warum Lebensstile, Institutionen, der Kapitalismus usw. in manchen Ländern besser und rascher funktionieren als in anderen.

Huntington ist gewiss kein Systemfunktionalist, er glaubt nicht an Formen, Kalküle und Medien, sondern vielmehr und (in Analogie zu Emile Durkheim gebracht) an den „Zwangscharakter kultureller Tatbestände“. Das mag für postmoderne bzw. transnationale Ohren befremdlich klingen und vergangenheitsorientiert wirken. Keine Frage. Andererseits pflegt er aber einen durchaus modernen Begriff von Kultur. Weder stellt er eine diskursive Konstruktion kultureller Zugehörigkeiten in Abrede noch betrachtet er Kulturen als Objekte, mithin als Opfer von Sozialabbau, Unterdrückung oder ähnlichen Grausamkeiten. Vielmehr behandelt er Kulturen als Subjekte, die sich zu artikulieren wissen und folglich auch ernst genommen werden wollen, im Guten (Rechtsansprüche) wie im Schlechten (Ehrenmorde). Ob er ihre Permanenz und Kraft, die sie auf Individuen und Gruppen ausüben, überschätzt, ist gegenwärtig nur schwer zu beantworten. Das wird die Zukunft zeigen.

Tatsache ist zudem auch, dass Kultur (und in seinem Schlepptau auch Religion und/oder Nation) den Substanzverlust, den Ideologien, aber auch der Ökonomismus und die Heilslehren der Technologien erlitten haben, längst kompensiert hat. Nachdem auch soziale Institutionen (Ehe, Familie, Schule) ihre stabilisierende Funktion auf Individuen eingebüßt haben, auch Arbeitsplatz und Unternehmen zu flexiblen Parametern des Lebens geworden sind, geben allein Kultur und Religion allen Losern, Entwurzelten und Zukurzgekommenen das Gefühl, etwas zu bedeuten und irgendwo und irgendwie dazuzugehören.

Kultur schweißt aber nicht nur Menschen, sie schweißt auch Staaten und Nationen eng zusammen. Huntington ist überzeugt, dass auch die Aufklärung (wie jede andere politische Ideologie auch) einer religiös-kulturellen Unterfütterung bedarf. Modernisierung zieht nicht unbedingt und überall auch „Verwestlichung“ nach sich. Genau betrachtet produziert der westliche Heilsplan, der Glaube an die Segnungen von Demokratie und Freihandel, globale Konflikte, im Größeren Mittleren Osten genauso wie in Fernost. Während der Islam demografisch explodiert und der Westen an Einfluss verliert, dehnt sich Asien wirtschaftlich und auch militärisch immer weiter konzentrisch aus.

Die „strategische Partnerschaft“, die China und Indien jüngst vereinbart haben, spricht Bände. Sie dürfte Frau Rice noch einiges Kopfzerbrechen bereiten. Will Amerika den Wettbewerb mit Asien und dem pazifischen Raum erfolgreich gestalten und seinen Supermachtstatus im einundzwanzigsten Jahrhundert behalten oder gar ausbauen (das ist das eigentliche Thema, um das es Huntington im Grunde geht), kommt es nicht umhin, sich dessen, was es ist und was es sein will, zu vergewissern.

Wir sehen unmöglich aus.
Wir sind der Zeit voraus

Kante, Zombie

Bleibt zum Schluss noch die Klärung unserer Ausgangsfrage: Wer von den Amerikanern hat Bush nun seine Stimme gegeben und ihm zu diesem grandiosen Sieg verholfen? Waren das tatsächlich nur weiße Männer, wohlhabende Familien und treue Kirchgänger, Leute also, die um Andersfarbige einen großen Bogen machen und strikt gegen Abtreibung und Schwulenehe sind?

Sortiert man die Zahlen, die nach der Wahl dazu publiziert wurden, nach Verlust- und Gewinnrechnung, dann kann weder von einem „Culture War“ gesprochen werden, der „gegen die Massachussetts liberals“ geführt wurde (Die Aversion gegen die Liberalen ist ein Kulturkampf), noch von einem Sieg des White America über das multikulturelle (taz vom 4.11.2004). Bush wurde mitnichten nur von Leuten gewählt, die „konservativen Werten“ (Familie, Tradition, Stolz, Patriotismus, Gott) nahe stehen und die das moralische Rückgrat des „eigentlichen Amerika“ bilden. Vielmehr konnte er bei nahezu allen Bevölkerungsgruppen punkten, bei Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen, Gebildeten wie bei Ungebildeten, Alten und Jungen, Reichen und Armen. Vor allem bei Asiaten und Latinos, der hispanischen Bevölkerungsmehrheit im Süden und Südwesten des Landes, konnte Bush zulegen, und damit das Vorurteil entkräften, wonach Einwanderer traditionell demokratisch wählten.

Ganz offensichtlich fühlte sich gerade das Subproletariat von den Werten, die Bush vertrat und wofür er warb, angezogen. Analysten wie Tom Mertes (A Republican Proletariat) nötigte dieser Umstand zu der listigen Frage, wie die Demokraten der wahnwitzigen Idee verfallen konnten, die unterprivilegierten Klassen würden ausgerechnet John Kerry, den reichsten Bewerber um ein Präsidentenamt seit George Washington, ins Weiße Haus wählen.

In Europa mag man genau das (Warenfetischismus) als Beweis für die Tumbheit der Massen anführen. Gewisse Realitäten zu leugnen, ist nichts Neues. Hierzulande scheint es längst zum Gesellschaftsspiel geworden zu sein. Fakt ist aber auch, dass Bush und die Republikaner nicht nur bei den Hispanics, sondern auch in den Boomregionen des Landes, in Atlanta, Las Vegas, San Antonio usw. zulegen konnten, dort also, wo Wachstum und wirtschaftliche Dynamik überdurchschnittlich florieren und Menschen leben (Neue Mitte), die die Zukunft fest im Blick haben, überehrgeizige und bildungsbeflissene Mütter, 24-7-College-Studenten und mittlere Manager. Auch dies lässt den Schluss zu, dass es Bush gelungen ist, liberale Werte wie Optimismus, Risikobereitschaft, Veränderungswillen, Entscheidungsfreude erfolgreich für sich und die Republikaner zu besetzen.

Die leidige Diskussion, welche Rolle „moralische Werte“ bei der Wahl gespielt haben, wird damit überflüssig. Sie zielt an der US-Realität einfach vorbei. Leidig ist sie aber auch, weil sie längst von der politischen Linken besetzt und für sich in Anspruch genommen worden sind. Sie war es, die in den 1970ern und 1980ern Erkenntnis, Politik und die Ideologie der Arbeiterklasse verworfen und sie durch einen „harten Moralismus“ ersetzt hat. Der Neustart der Linken in Amerika und Europa beginnt mit der Entdeckung der Macht, die „moralische Werte“ haben, wenn sie zu absoluten aufgespreizt werden. All die „neuen Kriege“, die seitdem auf dem Balkan, in Afrika oder im Mittleren Osten geführt wurden, haben sich mehr oder weniger auf sie und ihren absolute Geltungskraft berufen. Man geht sicherlich nicht fehl in der Annahme, darin einen „Puritanismus der besonderen Art“ zu entdecken, einen, der auch schon die Alt-68er, die RAF und die Neocons zu politischem Enthusiasmus und Abenteurertum animiert hat.

Die Rebellion ist zur Norm erstarrt.

Tom Wolfe

Richtig aufregend und spannend wird diese Neucodierung des Politischen, wenn man einen Blick in das jüngste Buch von Tom Wolfe: „I am Charlotte Simmons“ (ab September auch auf Deutsch im Blessing Verlag) wirft. Darin versucht die Protagonistin, eine hochbegabte, aber etwas naive Schülerin aus der südlichen Provinz, mithin da, wo das „bessere Amerika“ den christlich-fundamentalistischen Pöbel (das potentielle Bush-Lager) vermutet, an einer der akademischen Kaderschmieden des Landes Karriere zu machen. Statt in einer Welt des Geistes, der Zucht und der Bildung findet sie sich alsbald in einem Sumpf aus Seilschaften, Ausschweifungen und politischer Korrektheit wieder. In diesem Milieu, das von sich behauptet, das „wahre moralische Amerika“ zu verkörpern, ist für Charlotte Simmons kein Platz. Sie muss am elitären Standesdünkel und an den korrupten Strukturen, die dort aufgebaut worden sind, um eine Kaste am Leben zu halten, scheitern.

Wer Wolfes Roman, der auf jahrelangen Recherchen auf verschiedenen Campi des Landes beruht, für Fiktion oder bloße Satire über das ach so hoch geschätzte liberale Amerika hält, der kann stattdessen oder auch zur Selbstvergewisserung einen kurzen Artikel des Economist (America's one-party state) zur Hand nehmen, einer Zeitschrift, die des Konservatismus und/oder Moralismus gemeinhin für unverdächtig gilt. So vielfältig dieser akademische Teil Amerikas auch ist, vor allem, wenn es um die sexuelle Orientierung der „Stammesmitglieder“ in diesen Gemeinschaften geht, so uniform, moralisch rigide und totalitär reagiert er, wenn jemand eine politische Meinung kundtut, die der Mehrheit missfällt oder von ihr abweicht. Für Minderheitenpositionen und kontroverse Diskussion ist an diesen Eliteschulen des Geistes kein Raum, außer es handelt sich um das immergleiche Echo linksliberaler Einstellung:

Einerseits reißen sich die Hochschulen ein Bein aus, um Professoren und Studenten aus den Minderheiten zu gewinnen – mithilfe einer aufblühenden Bürokratie von ‚Minderheits-Verantwortlichen’. Geht es allerdings um Politik, reagiert sie auf Vielfalt gleichgültig und regelrecht allergisch.

Economist

Es spricht einiges dafür, dass Huntington, vor allem was den Glauben der Hispanics an Amerika und was ihr Wahlverhalten angeht, sich einigermaßen vergaloppiert hat. Der Südwesten ist vom Nordosten sehr weit weg und von Harvard schauen die Dinge bekanntlich anders aus. Dagegen scheint er mit seiner Kritik am Multikulturalismus der globalen Eliten und am arroganten Auftreten und korrupten Verhalten des politisch korrekten Amerikas mitten ins Schwarze getroffen zu haben. Die Empörung, ja der regelrechte Hass, der ihm seitdem entgegenschlägt, spricht eindeutig dafür. Auch dieses Phänomen ist in Alteuropa nicht gänzlich unbekannt. (Rudolf Maresch)

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