Das erste belarussische AKW in Ostrowez liefert Strom, die baltischen Nachbarn protestieren

Belorussisches AKW. Screenshot Werbevdeo des AKW

Seit dem 3. November ist das AKW am Netz, nur wenige Kilometer von Litauen entfernt. Die Litauer haben einen Boykott angekündigt, aber die lettischen Nachbarn solidarisieren sich nur halbherzig

"Um 12.03 wurde der Turbogenerator des ersten KKW-Reaktorblocks in das landesweite Energienetz integriert", so zitierte die staatliche Nachrichtenagentur BelTa am 3. November 2020 das belarussische Energieministerium. "Wir sind eine Tschernobyl-Republik, wir haben viel erlebt. Und wir selbst kennen die Kosten der Folgen", kommentierte Alexander Lukaschenko im August sein Prestige-Objekt, um Kritikern zuvorzukommen. Denn es bestehe keine Notwendigkeit, sein Land auf Sicherheitsfragen hinzuweisen.

Aus der kostspieligen Sanierung kontaminierter Territorien will der Herrscher von Minsk gelernt haben. Er verspricht sich vom neuen Meiler Hochtechnologie, billigen Strom und Elektroautos. Die russische Firma Atomstroyexport errichtet seit 2013 im Gebiet von Astrawez das erste belarussische AKW. Es besteht aus zwei Blöcken mit Druckwasserreaktoren des Typs WWER V-491 mit jeweils 1.200 Megawatt Leistung. Laut Webseite des Betreibers seien beim Bau hohe Sicherheitsstandards und internationale Vereinbarungen berücksichtigt worden. Auch ein deutscher Lieferant war am Bau beteiligt: Rolls-Royce-Tochter MTU aus Friedrichshafen lieferte zehn Diesel-Notaggregate.

Doch die angrenzenden Litauer bleiben skeptisch. Wenige Stunden nach der Integration des Turbogenerators ins belarussische Netz stoppte der litauische Energieversorger Litgrid den Stromimport vom Nachbarn und gewährt fortan den Belarussen keinen Zugriff mehr auf das eigene Pumpspeicherkraftwerk Kruonis.

Ostrowez liegt nur 50 Kilometer von Vilnius entfernt. Die Akw-Betreiber beziehen das Kühlwasser aus der Neris, die einen halben Tag später die litauische Hauptstadt durchfließt und deren halbe Million Einwohner und weitere Gebiete mit Trinkwasser versorgt. Zudem weisen Seismologen darauf hin, dass sich im Gebiet von Ostrowez in den letzten Jahrhunderten Erdbeben ereignet hätten.

Vaida Kalinkaite-Matuliauskiene, Journalistin der litauischen Sendergruppe LRT, recherchierte, was im schlimmsten Fall, einem GAU bei starkem Ostwind, in Litauen geschähe. In einem Umkreis von 300 Kilometern könnten Nahrungsmittel, Wasser, Böden, Straßen und Gebäude kontaminiert werden. In einem Umkreis von 100 Kilometern, der Vilnius und ein Drittel der litauischen Bevölkerung umfasst, müssten die Behörden Menschen evakuieren oder zumindest mit Jod versorgen - falls die Beamten dazu in der Lage wären, denn ihre Büros befänden sich in einer kontaminierten Hauptstadt.

Zudem kritisieren die Litauer die belarussische Informationspolitik. Medien berichteten im Frühjahr 2018 über einen Zwischenfall auf der Baustelle des AKW, Dorfnachbarn hätten ein Feuer beobachtet, über das weißrussische Stellen keine Auskunft gegeben hätten. Die litauische Aufsichtsbehörde VATESI bemängelt, dass Weißrussland zwar einen Sicherheitsbericht nach den Kriterien des Stresstests erstellt habe, den die Europäische Arbeitsgruppe für nukleare Sicherheit nach dem Fukushima-GAU entwickelt hatte. Für die EU-Experten hätten sich daraus 464 Fragen an die AKW-Betreiber ergeben. Weißrussland habe aber nur zum Teil auf die Empfehlungen der Arbeitsgruppe reagiert und nicht die Absicht bekundet, die aufgezeigten Probleme zu lösen.

Die Litauer schlossen im Jahr 2009 auf Druck der EU das eigene AKW in Ignalina; danach verhinderte ein Referendum den geplanten Bau eines neuen Meilers. Auch der nördliche Nachbar Lettland erzeugt mit seinen Daugava-Kraftwerken nicht genügend Strom, um den eigenen Bedarf zu decken. Beide Länder bezogen bislang Elektrizität aus BLERR, einem Stromverbund der Balten mit Russland und Weißrussland, der zur Sowjetzeit entstanden ist. Kalinkaite-Matuliauskiene beziffert allerdings, dass Litgrid in der ersten Jahreshälfte nur noch fünf Prozent des eigenen Strombedarfs aus Belarus importierte, 45 Prozent kamen aus Schweden. Der erklärte Boykott ist folglich ein schwaches Druckmittel. Zudem planen die baltischen Republiken bis 2025, sich von BLERR ganz zu lösen und mit Hilfe von EU-Fördermitteln mit dem Stromverbund der westlichen EU-Nachbarn zu vernetzen.

Im Juni 2020 berichtete LRT von einer ungewöhnlichen Protestaktion: 15 litauische Parlamentarier demonstrierten vor der lettischen Botschaft in Vilnius. Sie forderten die unentschlossene lettische Regierung auf, sich dem Boykott anzuschließen. Erst nach der fragwürdigen Wiederwahl Lukaschenkos und der gewaltsamen Bekämpfung der Opposition in seinem Land solidarisierte sich die lettische Regierung - allerdings auf recht halbherzige Weise, denn nun will es seinen Bedarf aus Russland decken. Die Russen sollen garantieren, dass der gelieferte Strom nicht in Belarus erzeugt wird.

Da staunt der technische Laie. Dzintars Kaulins, Staatssekretär im lettischen Wirtschaftsministerium, erklärte dazu: "Es ist klar, dass die physikalischen Elektrizitätsströme sich entsprechend den Gesetzen der Physik verhalten und diese kann man mit keinem Dokument beschränken."8 Die baltischen Länder wollten lediglich sicherstellen, dass das Geld baltischer Stromverbraucher nicht nach Belarus gelange. Den litauischen Vaterlandsbund, der aus den Parlamentswahlen im Oktober als Sieger hervorging, überzeugt die lettische Haltung nicht.

Litauen könnte den AKW-Betreibern dennoch das Geschäft vermiesen: "Es ist wichtig anzumerken, dass die Begrenzungen beim Zugang auf den litauischen Markt reale ökonomische Konsequenzen für das AKW-Projekt Ostrowez haben wird. Belarus hofft, Elektrizität in den baltischen und europäischen Markt direkt über Litauen zu exportieren. Doch diese Option ist nicht länger verfügbar", verlautbarte das litauische Energieministerium. (Udo Bongartz)