Das ewige Jetzt

Der unvermeidliche Raubbau an einer Ressource, die selten als solche gesehen wird

Dass die Science-Fiction-Literatur in Schwierigkeiten steckt, weil ihr die Gegenwart den Stoff zum Phantasieren nimmt, ist mittlerweile Gemeinplatz. Der Prozess des Zukunftsverbrauchs durch die Gegenwart scheint sich immer weiter zu beschleunigen. Was das mit unserem Bild von der Geschichte macht, wird seltener gesehen.

Es hat in der Geschichte der Technologie immer wieder Neuerungen gegeben, die zeitgenössischen Beobachtern den Eindruck gegeben haben mögen, "etwas Besonderes" zu erleben, oder gar an einer "besonderen Epoche" teil zu haben. Nicht von ungefähr haben in diesem Zusammenhang immer wieder neue Methoden und Artefakte der Automation oder der Robotik eine Rolle gespielt, was auch daher kommen mag, dass ein unerklärtes Telos aller Technologie der perfekte Nachbau des Menschen zu sein scheint.

Und was den Zeitgenossen Vaucansons seine (teilweise) betrügerische Ente war, und denen Robert Houdins seine echten wie unechten Automaten, das mag für uns heute durchaus eine Sache wie "Big Dog" sein, der Roboter von Boston Dynamics der mit Hilfe der DARPA entwickelt wurde (siehe Der Überhund). Jedenfalls lassen die Reaktionen darauf schließen - man muss sich nur die Kommentare unter einem sehr beliebten "Big Dog"-Beitrag be Youtube anschauen.

Ein "Future-Shock", der sich gewaschen hat; eine Bestürzung darüber, dass die Zeit schon reif zu sein scheint für Dinge wie diese. Oder, wie es ein Blogger ausdrückte:

"Da habe ich begriffen, dass all das kommen wird."

In der Tat - all das. Was ist damit gemeint? Generell könnte man sagen: All das, was seinerzeit der Science Fiction den wenig förderlichen Ruf eingebracht hat, eine säkulare Form der Prophetie zu sein. "Wir" (wer wir?) haben Laserkanonen, die von Flugzeugen aus benutzt werden können, "Minority-Report"-Interfaces, kraftverstärkende "Iron-Man-Anzüge", Roboter, die Popstars mit Tanzeinlagen begleiten, die ersten Erfolge bei der Nachzüchtung einzelner Organe, etc. etc.

Und all das scheint nur vorzubereiten, was logischerweise aus ihm folgt: wirklich voll autonome Roboter und Androiden, künstlich-intelligente Schwärme aller Art, der Mars und vielleicht sogar der Hyperraum, Klonfabriken, Cyborgs und der ganze Rest. Die eher intellektuell bescheidenere Variante der Science Fiction als self fullfilling prophecy, deren Autoren nicht in die Zukunft schauen konnten, aber in das törichte Herz der instrumentellen Vernunft.

Verschlungen vom Internet, dem größten Setzkasten aller Zeiten

Was geschieht mit der Zukunft, die auf diese teleologische Weise von der Gegenwart vereinnahmt wird? Sie verschwindet. Sie wird untergebuttert, ihre Reize verfallen einer seltsamen "been there, done that"-Blasiertheit, die ihnen alle Kraft nimmt. Und natürlich macht der Prozess der Eingemeindung vor der Vergangenheit nicht halt: Alles was war, hatte nur den Zweck, hierher zu führen, und alles, was sein wird, ist bereits im Jetzt angelegt. Diese Verschlingung findet hauptsächlich im Internet statt, dem größten Setzkasten aller Zeiten, wo alles Platz hat, auch die Vergangenheit und all ihre gleichgültig-divergenten Lesarten, sowie die Zukunft mit all ihren gleichgültig-herrlichen Möglichkeiten.

Trotz aller Debatten über Netzneutralität, digitale Kluft und Barrierefreiheit ist das Internet seiner Natur nach eine antidissidente Maschine, die einfach alles schluckt, was man ihr zum Fraß vorwirft. Wo anscheinend alles aufbewahrt und alles gezeigt wird, ist alles egal. Das Andere der Zukunft: history.

Aber streben wir denn tatsächlich auf eine Singularität des Jetzt zu, die alle Vergangenheit und Zukunft einbegreift und damit das Ende der Geschichte im Bösen realisiert? Oder ist das eine optische Täuschung, die viele Zeitalter seit der Erfindung der Dampfmaschine genarrt hat? Wenn letzteres zutrifft, dann ist es eine optische Täuschung, die verdammt real wirkt. Täglich kommen kleine und große Mosaiksteine hinzu, die ihr mehr Gehalt geben, und das Unheimlichste an diesem Vorgang ist manchmal die Stille, in der er sich vollzieht.

Gibt es eine Hoffnung für das Andere der Zukunft? Die klassischen Korrektive für alle Arten von Gewissheit (auch der teleologischen) sind ja Fehler und Katastrophe. Es hat etwas Nihilistisches an sich, auf diese beiden Joker zu setzen, um dem ewigen Jetzt Grenzen ziehen zu wollen, das kann schnell in Menschenfeindlichkeit und Todesverliebtheit umschlagen. Das Interesse an Katastrophennachrichten, -filmen, -berichten speist sich ja nicht zu einem geringen Teil aus der verzweifelten Hoffnung auf eine Veränderung, die anders nicht mehr machbar zu sein scheint.

Wie ist es nun mit dem Vergessenen, dem Übersehenen, dem, was die tausend kalten Augen des ewigen Jetzt nicht wirklich wahrgenommen haben? Gibt es, analog zu den technischen Errungenschaften, deren Kommen als sicher galt und die trotzdem nicht verwirklicht wurden, generell Kerne des Zukünftigen, die nicht sichtbar sind? Gibt es ein Trotzdem? Rein spekulative Fragen - und eine positive Antwort wäre sofort in Gefahr, dem Setzkasten nur ein paar neue Figürchen hinzuzufügen. Aber alle, die sich mit der Möglichkeit von Zukunft beschäftigen, werden nicht um sie herumkommen. (Marcus Hammerschmitt)

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