Das gesellschaftliche Gedächtnis Russlands

Die Menschenrechtsorganisation Memorial ist eine der einflussreichsten und aktivsten Nichtregierungsorganisationen Russlands

Seit mehr fast 13 Jahren begleitet sie dort den schwierigen Demokratisierungsprozess. Ende März wurde der Kalte Krieg mit der so genannten "Erklärung von Rom" offiziell beendet. Damit ist Russland dem Westen wieder einen großen Schritt näher gerückt. Doch der Weg des Landes zu einer Demokratisierung der Gesellschaft ist hindernisreich, die Menschenrechtsorganisation Memorial begleitet ihn mit kritischer Stimme, die auch die Staatsmacht nicht ignorieren kann.

Als wir Ende der 80er-Jahre Memorial gründeten, wollten wir verschiedene Ziele erreichen. Zum einen sollte sich nie mehr wiederholen, was zu Zeiten des Stalinismus passiert war. Zum anderen wollten wir die Erinnerung an diese Verbrechen wachhalten. Wir wollten Gedenkstätten, Museen und Archive für die Opfer der Stalin-Zeit schaffen. Wir wollten aber auch etwas für die Menschen in der Gegenwart tun, indem wir uns für die Menschenrechte einsetzen, denn sie bilden Grundlage dafür, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen können,

erinnert sich Jelena Zhemkowa, Gründungsmitglied und heute Geschäftsführerin des Internationalen Memorial-Büros in Moskau im Gespräch mit Telepolis.

Der Name Memorial beinhaltet einen umfassenden Ansatz: die Aufarbeitung der Vergangenheit, durch die aktive Gestaltung der Gegenwart.

Zu den großen Erfolgen der Organisation gehört die Annahme eines Gesetzes über die Rehabilitierung der Opfer politischer Repression im Jahr 1991 durch das russische Parlament.

Memorial entstand während der Perestrojka, ist ein Kind von Dissidenten und Menschenrechtlern um den Physiker Andrej Sacharow. Den sowjetischen Lügen über die eigene Geschichte, die Wahrheit entgegenzusetzen, war das erste Anliegen, und es hat nichts von seiner Relevanz eingebüßt in einer Gegenwart, in der das Stalin-Regime immer noch Anhänger findet und das Wissen über die Vergangenheit bei vielen Jugendlichen seltsam vage ist, obwohl bei genauem Hinsehen fast jede russische Familie Opfer zu beklagen hat. Doch Memorial blickt nicht allein in die Vergangenheit, neben der Betreuung der Überlebenden des Gulag gehört auch die aktuelle Menschenrechtsarbeit zum Programm.

Bei der Gründungskonferenz von Memorial 1988 waren 200 verschiedene Menschenrechtsgruppen aus dem gesamten Sowjetreich anwesend, heute ist Memorial eine Art Konföderation unabhängiger Gruppen aus verschiedenen Ländern der ehemaligen UdSSR, aus Russland, Ukraine, Georgien, Litauen und Kasachstan, aber auch aus Polen und Deutschland. Trotz der enormen Entfernungen sind die Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen eng, weil sie meist gemeinsam an bestimmten Projekten arbeiten. Eines der großen Themen, das derzeit zehn Gruppen beschäftigt, ist die Entwicklung eines alternativen Zivildienstes - für Russland ein "wichtiges Thema", wie Jelena Zhemkowa betont.

Die meisten der insgesamt 30.000 Memorial-Mitglieder sind ehemalige politische Gefangene, was auch bedeutet, dass sie eher auf Hilfe angewiesen sind, als das sie aktiv mitarbeiten könnten. Von der Moskauer Memorial-Organisation mit rund 17.000 Mitgliedern beispielsweise, sind nur 300 aktiv, fast alle arbeiten ehrenamtlich.

Der größte Teil unserer Arbeit wird von Freiwilligen geleistet, denn die meisten Menschen hierzulande können es sich einfach nicht leisten, uns mit finanziellen Zuwendungen zu unterstützen, dafür helfen sie durch ihren ehrenamtlichen Einsatz. Aber wir haben auch bezahlte Mitarbeiter, zum Beispiel ein Juristen, der ehemaligen Gulag-Sträflingen kostenlos juristischen Rat erteilt,

erklärt Jelena Zhemkowa. Wie die meisten Nichtregierungsorganisationen finanziert sich Memorial größtenteils aus Spenden. Darüber hinaus gibt es projektbezogen Gelder von ausländischen Stiftungen, wie der Ford- und der Soros-Foundation.

In dem kleinen Stadtpalais im Zentrum der russischen Hauptstadt herrscht fast immer Hochbetrieb. "Die meisten, die unsere Hilfe brauchen, kommen direkt in unser Büro", erklärt Jelena Zhemkowa.

Dazu gehören Flüchtlinge aus den Krisengebieten oder Menschen, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurden. Unsere Mitarbeiter beraten sie, wohin sie sich für weitere Hilfe wenden können. Bei schwierigen Fällen hilft unser Jurist.

Doch die Fürsorge reicht noch weiter: Mit den Moskauer Theatern etwa gibt es eine Vereinbarung, dass Memorial für jede Vorstellung eine Reihe von Karten erhält. Solche Theaterbesuche sind für Zhemkowa "psychologisch sehr wichtig, gerade für eine Generation, die unter der Repression des Systems gelitten hat."

Memorial verfügt über ein großes Archiv, ein Museum und eine Bibliothek. Das Angebot wird viel genutzt, die Öffnungszeiten dauern häufig bis in die Nacht und oft stehen die Memorial-Mitarbeiter Besuchern auch an den Wochenenden zur Verfügung. Denn das gesammelte Material soll nicht "tot" in den Regalen liegen, sondern von möglichst vielen Menschen gesehen werden. Die Arbeit der Organisation ist gut dokumentiert, auf der Website (in drei Sprachen), in Broschüren und einer wöchentlichen Radiosendung.

Der Aufgabenbereich von Memorial ist breit und die Organisation springt ein, wo der Staat versagt: "Wir müssen uns viel mit Themen beschäftigen, die eigentlich in den Zuständigkeitsbereich der Behörden fallen, diese sich aber nicht darum kümmern. Dazu gehören beispielsweise die Betreuung ehemaliger Gulag-Häftlinge oder auch die wachsende Fremdenfeindlichkeit. Wir kritisieren die Regierung immer wieder, weil sie nicht genug tut. Ich kann deshalb auch nicht sagen, dass uns die Regierung besonders liebt. Und gelegentlich behindern die Regionalregierungen unsere Arbeit ganz direkt, wie etwa in Woronesch oder in der Region Krasnodar (Krasnodarskij Kraj), wo die Behörden offen fremdenfeindliche Bewegungen unterstützen", so Zhemkowa.

Die Fremdenfeindlichkeit ist ein großes Thema. Sie richtet sich vor allem gegen "Menschen kaukasischer Nationalität", eine Kategorisierung die Jelena Zhemkowa auf die Palme treibt:

Schon die Bezeichnung ist unsinnig, weil es keine kaukasische Nationalität gibt. In dieser Region leben viele und unterschiedliche Ethnien. Aber sogar in einer Großstadt wie Moskau werden diese Menschen, vor allem Tschetschenen und Inguscheten, diskriminiert. Hinzu kommt einen Ansteigen des Antisemitismus. Unsere Medien berichten ziemlich regelmäßig von der Schändung jüdischer Friedhöfe. Hier gibt es regionale Brennpunkte wie die schon erwähnte Region Krasnodar, wo die Behörden ganz offensichtlich die Vertreibung der gesamten nichtrussischen Bevölkerung anstreben, nicht nur der Juden, sondern vor allem der Menschen aus dem relativ nahen Nordkaukasus. Gleichzeitig gibt es aber auch Gebiete in der Föderation, in denen die russische Bevölkerung diskriminiert wird, etwa in Baschkirien oder in Tuwa. Dies muss man als Bumerang des Nationalismus sehen, der jetzt auf die Russen in diesen Regionen zurückfällt.

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist der Krieg im Kaukasus. Über Büros in Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan betreibt die Organisation ein umfassendes Monitoring der Menschenrechtsverletzungen. Beobachter von Memorial reisen regelmäßig in die Region, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Stolz erzählt Jelena Zhemkowa, dass die Arbeit von Memorial mittlerweile erste Früchte trägt: "Die Regierungsvertreter haben einen Dialog mit den Menschen in Tschetschenien begonnen. Auch wenn sich der Prozess eines zivilisierten Kampfes gegen den Terrorismus nur sehr langsam vollzieht." Die Haltung von Memorial zum Tschetschenienkrieg ist klar:

Wir haben immer betont, dass wir zwar den Kampf gegen den Terrorismus unterstützen, aber auch, dass dieser nicht durch die Verletzung der Menschenrechte der Zivilbevölkerung ausgetragen werden darf.

Für sein Engagement hat Memorial im März den Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte erhalten, für Jelena Zhemkowa eine ganz besondere Auszeichnung:

Deutschland ist ein enger Partner bei unserer Arbeit für die Aufarbeitung der Vergangenheit und den Kampf für die Menschenrechte. Es ist für uns auch so etwas wie ein Vorbild, wie man mit der Vergangenheit umgehen kann. Dabei müssen wir herausarbeiten, was uns verbindet und was uns trennt.

Mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung hat Memorial das mit mehr als 400.000 Einträgen größte Archiv ehemaliger sowjetischer Zwangsarbeiter in Nazideutschland aufgebaut und hilft den Opfern, die bei der Rückkehr in die Sowjetunion auch dort Repressionen ausgesetzt waren, bei der Durchsetzung ihrer Kompensationsansprüche. Die gemeinsame historische Erfahrung verbindet. Ein Zeichen dafür ist Memorial Deutschland in Berlin, ein Förderverein, der die Arbeit insbesondere der Memorial-Gruppe in St. Petersburg unterstützt.

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