Das "gute" Darknet

Whistleblower und Oppositionelle im Darknet

Willkommen auf der freundlichen Seite des Darknets. In der Medien-Berichterstattung über den Drogen- oder Waffenhandel im Darknet wird meist am Rande mit erwähnt, dass dort auch Oppositionelle und Whistleblower Unterschlupf finden. Dient die Anonymität im Darknet tatsächlich auch dem Kampf für eine freiere und gerechtere Welt? Sammeln sich hier Kräfte, die den Diktaturen dieser Welt die Stirn bieten? Werden hier gar kleinere oder größere Revolutionen geplant und angestoßen?

Die großen Enthüllungen der letzten Jahre basierten oftmals nicht auf der explorativen Wühlarbeit investigativer Journalist*innen, sondern gingen von Whisteblowern aus: Personen mit Zugang zu geheimen Dokumenten, die sich entscheiden, Missstände öffentlich zu machen. Diese neuen Held*innen der Moderne stehen regelmäßig vor einem Problem: Wie können sie sicher mit einer Zeitungs-, Rundfunk oder Online-Redaktion kommunizieren, ohne Spuren zu hinterlassen? Je nach Brisanz des gelieferten Materials ist zu erwarten, dass die durch die Enthüllung verärgerten Eliten alles in Bewegung setzen, um die Quelle des "Verrats" zu identifizieren.

Das Darknet auf Basis der Software Tor bietet eine Lösung für dieses Problem: Mithilfe der Software SecureDrop legen sich Medien eine eigene Adresse unter der Tor-Endung .onion an und richten dort ein Postfach ein, über das Whistleblower ihre Dokumente hochladen. Da sich das Postfach im Darknet befindet, lässt es sich ausschließlich mithilfe des Anonymisierungsbrowsers Tor ansteuern. Das sorgt dafür, dass Whistleblower mit den Leaks nicht gleich auch ihre verräterischen IP-Adressen mitschicken, die am Ende dann doch Ermittlungsbehörden in die Hände fallen könnten.

Mehr als 30 Medien und Organisationen nutzen die Software für besonders anonyme Whistleblower-Postfächer im Darknet: so der britische Guardian, das deutsche Tech-Portal Heise für seinen "Tippgeber", die US-amerikanischen Zeitungen Washington Post und New York Times, aber auch Greenpeace, um Hinweise zu Öko-Skandalen zu erhalten. Auch die deutsche Tageszeitung taz hat ein Postfach unter .onion, hat dafür aber eine eigene technische Lösung programmiert.

Und die New York Times ist vor kurzem noch einen Schritt weiter gegangen. Seit Ende Oktober 2017 macht die US-amerikanische Traditionszeitung unter .onion gleich auch ihre kompletten Inhalte verfügbar.

Der Text stammt auch dem Buch "Darknet. Waffen, Drogen, Whistleblower" von Stefan Mey, das im Beck Verlag erschienen ist. Mey hat sich in monatelangen Recherchen ein eigenes Bild gemacht, er hat Dutzende wissenschaftlicher Darknet-Studien nach verwertbaren Ergebnissen durchforstet und über abhörsichere Kanäle das Gespräch mit Leuten "da draußen" gesucht. Bei seiner Reise ins Darknet portraitiert er diesen Ort, in dem so vieles nah beieinander liegt: illegaler Kommerz und ethische Abgründe, aber auch politischer Aktivismus und die Hoffnung auf ein besseres Internet.

Das Darknet als alternatives Zugangstür

Alle genannten Medien und Medienprojekte sind vor allem im normalen Netz vertreten. Ihr zusätzlicher Darknet-Auftritt ist eine elegante Lösung, auf Wunsch eine besonders hohe Anonymität zu gewährleisten. Das ist die zurzeit gängigste "freundliche" Nutzung des Darknets.

Webseiten aus dem normalen Netz richten sich unter .onion eine Art zweite, geheime Zugangstür ein, das aus drei möglichen Gründen: für besondere Zwecke wie das Übermitteln brisanter Dokumente, um trotz Internet-Zensur erreichbar zu sein, oder einfach als technische Spielerei, weil die Betreiber*innen ein Faible für den Gedanken von Tor und .onion haben.

Facebook: das blaue Netzwerk im Darknet

Schon seit Ende 2014 lässt sich das große soziale Netzwerk unter einer Darknet-Adresse aufrufen: facebookcorewwwi.onion.

Die Bewertung der Darknet-Aktivität von Facebook ist in der netzaktivistischen Szene umstritten. Viele fragen sich, ob es sich nicht um eine reine PR-Maßnahme handelt. Facebook gilt eigentlich nicht als Gefährte im Kampf für Anonymität und Privatsphäre im Internet, sondern eher als das Gegenteil: als eine der übelsten Daten-Kraken, die unter Geringschätzung nationaler Schutzbestimmungen so viele Informationen wie möglich über seine knapp zwei Milliarden weltweiten User sammelt, vermarktet und ohne größere Widerstände auch Geheimdiensten zur Verfügung stellt.

Auf einem Vortrag des Tor-Teams auf dem Berliner Kongress der Hackerorganisation Chaos Computer Club räumten diese den Widerspruch ein und lobten den Darknet-Auftritt von Facebook dennoch als Modell für die Zukunft.

Linke Projekte unter .onion

Auch einige Projekte der linken Gegenöffentlichkeit praktizieren das Modell einer alternativen Zugangstür im Darknet.

Indymedia: Darknet-Präsenzen finden sich beispielsweise bei Indymedia, einem gemeinschaftlich erstellten Medienprojekt linker Aktivist*innen mit vielen Sprachversionen (Chaptern). "Einer der Gründungsansprüche von Indymedia war stets gewesen, die Privatsphäre der postenden Menschen so hoch anzusiedeln wie möglich", heißt es beim Kollektiv hinter de.indymedia.org, einem der deutschsprachigen Ableger. So sei es beispielsweise für jedes lokale Chapter des Netzwerkes Pflicht, keine IP-Adressen mitzuschneiden.

Beinahe von Anfang an habe man dazu aufgerufen, sich für das Surfen und das Posten von Inhalten auf Indymedia über den Tor-Browser zu anonymisieren, da immer noch der Zugangsweg vom Rechner bis zum Server als mögliches Überwachungsziel bleibt. Und so war die Sache klar: "Die Eröffnung einer .onion-Präsenz war daher ein logischer Schritt, der vollzogen wurde, sobald die Technik es zugelassen hat."

Natürlich sei Indymedia auch über die Präsenz im normalen Netz per Tor-Browser ansteuerbar, eine .onion-Adresse bringe allerdings technische Vorteile. Sie sei beispielsweise sehr nützlich bei gezielten Angriffen. In der Vergangenheit hatte es eine der berüchtigten Distributed-Denial-of-Service-Attacken gegeben, bei der eine Webadresse automatisiert mit massenhaften Anfragen bombadiert wird, so dass sie für den Zeitraum des Angriffs nicht mehr erreichbar ist. Das ist auch Indymedia passiert. Das Adress-System im klassischen Netz sei zu langsam und schwerfällig gewesen, um die Attacke abzuwehren, die .onion-Adresse sei hingegen weiterhin erreichbar gewesen. Die Technologie schütze zudem auch vor Zensurmaßnahmen in repressiven Staaten.

Linksunten: Auch zu Linksunten, dem anderen deutschsprachigen Indymedia-Ableger, gibt es eine parallele Darknet-Adresse. Das Verbot von Linksunten im August 2017 durch den Innenminister umfasste neben der klassischen Adresse Linksunten.indymedia.org explizit auch die Darknet-Adresse fhcnogcfx4zcq2e7.onion.

Die politisch wie juristisch fragwürdige Aktion, die auf einer Aushebelung des strikten Zensurverbots im Grundgesetze über das Vereinsrecht basierte, wird sicher noch verschiedene juristische Instanzen beschäftigen, sie hatte vielleicht aber doch auch einen positiven Effekt: Ungewollt hat der Innenminister Werbung für das politische Darknet gemacht. Kaum jemand wusste vorher, dass sich linke Webprojekte auch über .onion aufrufen lassen.

Riseup und Systemli: Die Möglichkeiten des Tor-Darknets nutzen außerdem das US-amerikanische Technologie-Kollektiv Riseup und das deutsche Pendant Systemli. Die beiden Kollektive bieten Kommunikationswerkzeuge wie Messenger, Mail oder Pads für linke Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen an. Die Tools lassen sich auch über einzelne .onion-Adressen aufrufen. Dazu heißt es bei Systemli: "Die Kernzielgruppe unserer Services sind linkspolitische Aktivist*innen. Diese sind, weltweit, aber auch in Deutschland, Überwachung und Repression ausgesetzt. Um sie zu schützen, haben wir die Onion-Services eingerichtet."

Die Anonymisierung des Server-Standorts der Dienste spiele dabei gar keine Rolle: "Uns geht es nicht darum, den Ursprung unserer Services zu verschleiern, da wir sie alle schließlich auch im ,Clear-Net' betreiben. Wir möchten hauptsächlich unseren Nutzer*innen mehr Schutz bieten." Allerdings biete auch das Tor-Netzwerk keine hundertprozentige Garantie für anonymes Surfen, weil es etwa falsch programmierte Webseiten gibt oder gezielte Angriffe auf das Netzwerk es ermöglichen, Nutzer*innen zu identifizieren.

Das Einrichten von versteckten Diensten unter Tor sei einfach gewesen und nicht sonderlich wartungsintensiv. Wie stark die .onion-Adressen frequentiert werden, vermag das Systemli-Kollektiv nicht zu sagen, da sie keine Statistiken erheben. Sie haben aber den Eindruck, dass die durchaus angenommen werden: "Wenn es zum Beispiel ein Problem gibt, melden sich sehr schnell Nutzer*innen und weisen darauf hin. Ebenso werden Onion-Services immer wieder explizit via Mail angefragt. Wir gehen also davon aus, dass sie rege genutzt werden."

Noch verschiedene andere Projekte aus dem politisch linken oder dem netzaktivistischen Bereich haben eine .onion-Seite als zweite Zugangstür, etwa die Dresdener Regionalgruppe des Chaos Computer Clubs. Eine Darknet-Adresse für Konkret, der Traditionszeitschrift der westdeutschen Linken, bietet alle Ausgaben bis 2009 zum Download an.

Amazon, Twitter und Wikipedia im Darknet?

Dieses Szenario einer alternativen Zugangstür ist die zurzeit gängigste "gute" Nutzungsform des Darknets. In seinem Vortrag auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs meinte das Tor-Mastermind Roger Dingledine, er träume davon, dass eines Tages alle großen Webseiten, ob Amazon, Twitter oder Wikipedia, stets auch einen .onion-Zugang anböten.

Die große Online-Enzyklopädie als erfolgreichstes Projekt des nichtkommerziellen Internets wäre eigentlich eine naheliegende Kandidatin, um an der Besiedlung des Darknets mitzuwirken. Allerdings hat Wikipedia ein erstaunlich ambivalentes Verhältnis zu Tor. Die hinter der Enzyklopädie stehende US-amerikanische Wikimedia Foundation betreibt selbst zwei Tor-Knoten (die allerdings vergleichsweise schwach sind und wenig Datenverkehr transportieren).

Allerdings blockt Wikipedia die Bearbeitung durch Tor. Zumindest gilt das für unangemeldete User ohne Wikipedia-Account, da sie befürchten, dass die Möglichkeit einer anonymen Bearbeitung für Vandalismus oder für automatisierte Manipulationen durch Bots genutzt wird. Wer per Tor-Browser beispielsweise eine deutsche Wikipedia-Seite bearbeiten will, sieht folgende Benachrichtigung: "Deine IP-Adresse wurde automatisch als Tor-Ausgangsknoten identifiziert. Das Bearbeiten über Tor ist gesperrt, um Missbrauch zu vermeiden."

Im Moment plane man nicht, ins Darknet zu gehen, meint Samantha Lien, Pressesprecherin der Wikimedia Foundation: "Wir haben in der nahen Zukunft keine Pläne, uns eine .onion-Adresse zuzulegen oder Tor zusätzlich zu unterstützen, allerdings ist das etwas, was wir in der Vergangenheit diskutiert haben." Die Bereitstellung eines Tor-Knotens im Jahr 2014 sei als eine Geste gedacht, um den Gedanken eines offenen Netzes zu unterstützen. Dass sich Wikimedia nicht stärker engagiere, liege vor allem daran, dass bei den begrenzten Ressourcen einer Non-Profit-Organisation der Fokus auf dem technischen Betrieb der eigenen Seite liegen müsse. Das Thema Tor sei allerdings nicht aus der Welt, zurzeit gebe es aber einfach nichts Konkretes zu sagen.

Nicht meckern, sondern machen

Insgesamt ist also noch recht überschaubar, was im "guten" Darknet passiert. Während sich im illegalen Ökosystem der Kryptomärkte eine hochkomplexe und arbeitsteilige Angebotslandschaft herausgebildet hat, scheinen diese Nutzungen hinterherzuhinken.

Und was ist mit den Blogs und Foren und Wikis von Oppositionellen im Ausland, die es in großer Zahl geben müsste, wenn man dem gängigen Mythos des Darknets folgt? Gibt es sie tatsächlich nicht, oder verstecken sie sich schlicht so erfolgreich, dass sie nicht von Dritten gefunden werden können?

Wenn überhaupt einer weiß, inwiefern und wie bedrängte Oppositionelle das Darknet nutzen, müsste es Marek Tuszynski sein, Leiter der Berliner Büros von Tactical Tech. Die Organisation schult politische Aktivist*innen in der sicheren Nutzung von Kommunikationstechnologie und klärt über deren Potenziale auf. Tuszynski tourt mit Workshops, Vorträgen und Ausstellungen um die Welt und hat einen guten Überblick über den weltweiten Netzaktivismus. Was sagt er?

Sein Urteil ist unmissverständlich: "Wenn Sie sich heute die Landschaft der .onion-Seiten anschauen, werden Sie zu Tode gelangweilt sein. Es ist ein Witz." Das Ganze erinnert ihn an das Internet der 1990er Jahre, damals ein obskur wirkender Ort, dessen frühe User die seltsamsten Dinge ausprobiert hätten. Allerdings sage das per se nichts über die Technologie aus, so, wie die Formen ihrer Ausbeutung durch den Menschen wenig über die Erde selbst aussagen. Stattdessen müsse man fragen, wie die Möglichkeiten der technologischen Protokolle von Tor aussehen und wie diese genutzt werdenkönnen.

Die Technologie aber findet er sehr überzeugend. Das Internet bestehe heute in hohem Maße aus zentralisierten Punkten, an denen Daten und Informationen zusammenfließen. Die Frage laute, in welcher Gesellschaft und mit welchem Netz man leben will: einem Internet voller Überwachung und Kontrolle durch Regierungen und Konzerne oder einem Internet, das uns Freiheit ermöglicht, in dem Kommunikation sicher ist und jeder seine Meinung frei äußern kann.

Tuszynski glaubt an die Potenziale: "Die Tatsache, dass die Technologie zurzeit nicht, wie eigentlich geplant, von Aktivisten genutzt wird, sondern von Leuten, die Drogen kaufen, hat nicht viel zu bedeuten. Es bedeutet nur, dass es noch nicht genügend User gibt, die das Darknet entdeckt haben, um daraus einen wirklich interessanten und politischen Ort zu machen." Schon heute gebe es einige spannende Ausnahmen unter .onion, und Tuszynski glaubt, dass noch viel mehr passieren wird. Deshalb empfiehlt er, einfach selbst aktiv zu werden: "Anstatt auf der Lauer zu liegen und nach Inhalten zu suchen, gehen Sie einfach selbst dorthin und schaffen welche."

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