Das halbe Grad macht einen wesentlichen Unterschied

Bild: IPCC

Die Energie- und Klimawochenschau: Über den Triumph der Klimaschützer im Hambacher Forst, den IPCC-Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel und weltweite Neubaupläne für Kohlekraftwerke

Am Samstag feierten Klimaschützer am Hambacher Forst ihren Triumph. 50.000 Menschen waren gekommen, um gegen die Rodung des ökologisch wertvollen Waldes und für einen schnellen Kohleausstieg zu demonstrieren. Auch erhebliche Schwierigkeiten bei der Anreise konnten die Menschen nicht aufhalten.

Die Demonstration war auch daher ein Triumph, da das Oberverwaltungsgerichts Münster am 5. Oktober die bevorstehende Rodung untersagt hatte. Das Gericht hatte damit einem Eilantrag des Bund für Umwelt und Naturschutz stattgegeben. Demnach muss nun abgewartet werden, bis eine Klage des BUND über den Schutzstatus des Waldes inhaltlich entschieden ist. Selbst RWE rechnet nicht mit einer Entscheidung vor Ende 2020. Die kommenden zwei Winter dürften also voraussichtlich keine Bäume gefällt werden.

Die Bemühungen von RWE, den Wald frei von Besuchern und menschlichen Bewohnern zu halten, dürften damit vorerst gescheitert sein. Ein Teil der Demonstrierenden griff am Samstag zum Spaten und begann damit, von RWE gezogene Gräben wieder zu verfüllen. Auch in den Bäumen wurde am Wochenende bereits wieder gebaut (Der Wald ist wieder besetzt).

Doch nicht nur symbolisch musste RWE eine Niederlage einstecken, auch finanziell ging es bergab. Der Wert der RWE-Aktien ist in den vergangenen Tagen erheblich gesunken, auch wenn das Tief von Februar noch nicht wieder erreicht ist. Der Fall könnte sich jedoch fortsetzen, wenn weitere Städte dem Beispiel Bochums folgen und ihre Beteiligung an RWE aufgeben. Rund ein Viertel der RWE-Aktien sind im Besitz von Kommunen, die aus den Dividenden wiederum öffentliche Aufgaben finanzieren. Doch zum einen könnte der öffentliche Druck sie zum Ausstieg aus dem Kohlekonzern bewegen, zum anderen die Angst vor weiteren Wertverlusten.

Auch wenn die deutsche Politik derzeit trotzig auf der Kohleverstromung beharrt, der am Montag veröffentlichte Sonderbericht des Weltklimarats zum 1,5-Grad-Ziel macht deutlich, dass ein sehr rascher Ausstieg aus der Kohleverbrennung - wie übrigens auch aus anderen fossilen Energieträgern - unabdingbar ist, wenn die Menschheit die Klimaerwärmung in diesem Jahrhundert auf 1,5 Grad Celsius beschränken will - was ja in Paris bereits beschlossen wurde. Bis 2030 müssten die globalen Emissionen um etwa 45 Prozent gegenüber 2010 sinken, bis 2050 dann auf null. Würde nur ein 2-Grad-Ziel angestrebt, müssten die Emissionen bis 2030 um 20 Prozent sinken und sich um das Jahr 2075 bei null einpendeln.

Bild: IPCC

Dabei lässt der IPCC keinen Zweifel daran, dass die klimabedingten Risiken bei einer durchschnittlichen Erderwärmung um 2 Grad gegenüber einer Erwärmung um 1,5 Grad signifikant steigen. "Zu diesen Unterschieden gehören Zunahmen von: Durchschnittstemperaturen in den meisten Land- und Ozeangebieten (hohes Vertrauen), Hitzeextremen in den meisten bewohnten Regionen (hohes Vertrauen), Starkniederschlägen in mehreren Regionen (mittleres Vertrauen) und der Wahrscheinlichkeit für Dürre und Niederschlagsdefizite in einigen Regionen (mittleres Vertrauen)."

Der Meeresspiegelanstieg wird bei 1,5 Grad bis 2100 voraussichtlich um 10 Zentimeter geringer ausfallen, wobei nicht vergessen werden darf, dass das Wasser auch nach der Jahrhundertwende weiter steigen wird. Der Artenverlust würde geringer ausfallen und 10 bis 30 Prozent der Korallenriffe hätten noch eine Überlebenschance - gegenüber weniger als einem Prozent bei 2 Grad. Aber auch für die menschliche Gesundheit und Entwicklung wie für die Einhaltung der Ziele der Nachhaltigen Entwicklung der UN stellen die beiden Szenarien einen wesentlichen Unterschied dar.

Von einer globalen Erwärmung um 1,5 Grad trennen uns dabei nur noch wenige Jahre. Bereits heute liegen die Temperaturen rund ein Grad über vorindustriellem Niveau, was auch für die kommenden Jahrhunderte bis Jahrtausende so bestehen bleiben werde. 1,5 Grad werden laut IPCC wahrscheinlich zwischen 2030 und 2052 erreicht. Die derzeitigen nationalen Minderungsziele würden weder reichen, um 1,5 noch um zwei Grad einzuhalten. Auch wenn die Ziele nach 2030 deutlich verbessert würden, wäre das 1,5-Grad-Ziel dann wohl verloren. "Eine Überschreitung und eine Abhängigkeit von zukünftig großflächigem Einsatz von Kohlendioxidentnahme (CDR) kann nur vermieden werden, wenn die globalen CO2-Emissionen lange von 2030 zu sinken beginnen (hohes Vertrauen)", so der IPCC.

Kohlendioxidentnahme spielt in fast allen Szenarien des IPCC eine gewisse Rolle. Durch das Entfernen von Kohlendioxid aus der Atmosphäre könnten zum einen ab Mitte des Jahrhunderts verbleibende, unvermeidbare Emissionen ausgeglichen werden, zum anderen könnte ein kurzfristiges Überschreiten der 1,5 Grad wieder rückgängig gemacht werden. Je nach Szenario müssten 100 bis 1000 Gigatonnen CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernt werden.

Mögliche Techniken hierfür sind u.a. Aufforstung, Bodenverbesserung, die Sequestrierung und Speicherung von CO2 (CCS) oder die Alkalisierung des Ozeans. Die meisten dieser Maßnahmen könnten bedeutende Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Land, Energie, Wasser und Nährstoffen haben, wenn sie in großem Maßstab eingesetzt werden, beispielsweise durch Landnutzungskonflikte. Auch sind die genannten Techniken nicht unbedingt ausgereift.

Die nachträgliche Kohlendioxidentnahme ist, wie andere Techniken des "Geoengineering", politisch äußerst umstritten. So konnten in Deutschland CCS-Demonstrationsprojekte aufgrund mangelnder Akzeptanz in der Bevölkerung nicht umgesetzt werden. Global formen sich gerade neue Allianzen gegen Geoengineering. So haben Anfang Oktober 110 zivilgesellschaftliche Organisationen ein Manifest gegen Geoengineering verabschiedet.

"Geoengineering verstetigt den falschen Glauben, dass das heutige ungerechte und ökologisch wie sozial zerstörerische Modell von industrieller Produktion und Konsum nicht veränderbar ist und wir daher technische Lösungen brauchen, um seine Auswirkungen zu bändigen. Hingegen brauchen wir fundamentale ökonomische, politische, soziale und kulturelle Veränderungen, um der Klimakrise zu begegnen", heißt es darin. Doch nicht alle im IPCC-Sonderbericht genannten Maßnahmen fallen in den Bereich dessen, was hier als technische Lösungen genannt wird. Wiederaufforstung könnte ebenfalls das Mittel der Wahl sein.

Anzeige