"Das ist kein Krieg mehr!"

Schmutziger Kampf

Auf 250 Meter Entfernung waren die englischen Geschosse keine ernsthafte Bedrohung. Sie erfüllten dennoch ihren Zweck. Überrascht und empört, begannen die Franzosen ihren Angriff in Unordnung. Die an den Flanken vorpreschenden Ritter waren in zu geringer Zahl, um die Bogenschützen zu überwältigen. Nur wenige erreichten die Pfahlreihen, kamen dort zu Fall und wurden erschlagen.

Währenddessen setzte sich die erste schwer gepanzerte französische Linie in Bewegung. Die Ritter kamen jedoch nur schlecht voran. Die Regenfälle hatten den Acker in eine Schlammwüste verwandelt und sie versanken bei jedem Schritt tief im Morast. Ein weiterer Umstand sollte sich nun umso verheerender auswirken. Da die Engländer an der schmalsten Stelle des Feldes standen, verengte sich die Frontlinie der Franzosen, je näher sie dem Gegner kamen. Hinzu zog es die französischen Ritter unwillkürlich weg von den Bogenschützen, die nun gezielt ihre letzten Pfeile in die Visiere und die Schwachstellen der Rüstungen feuerten, und hin zu den englischen Gewappneten.

Bild: Lambeth Palace Library, London, UK / The Bridgeman Art Library/gemeinfrei

Die Chronisten der Schlacht schildern ein Bild des Schreckens. Als die vordersten Reihen der Franzosen endlich die englische Linie erreicht hatten, waren sie so dicht gedrängt, dass sie kaum ihre Waffen zu führen vermochten. Stolperte einer der Gepanzerten, war es ihm unmöglich, wieder auf die Beine zu kommen. Stattdessen wurden die Nachfolgenden über ihn hinweg geschoben oder kamen ebenfalls zu Fall. Von hinten drängte sie die Menge unaufhaltsam in die Schwerter der Engländer. Es sollen weitaus mehr französische Ritter im Schlamm erstickt als im Kampf gefallen sein.

Während der Angriff der Franzosen im Chaos zusammenbrach, griffen nun die englischen Bogenschützen zu ihren Handwaffen und fielen den Angreifern in die Flanken. Ungleich beweglicher als ihre Feinde, stürzten sich jeweils zwei oder drei der Leichtbewaffneten auf einen Gepanzerten und schlugen ihn zusammen. Die Engländer führten Handäxte und Hämmer mit sich, die zwar die Rüstungen nicht knacken konnten, ihnen aber tiefe Beulen zufügten, die wiederum den darin eingeschlossenen Kämpfern schlimme Quetschungen und Knochenbrüche bescherten. Erst als klar war, dass die englische Linie hielt, wurden auch Gefangene gemacht und ins englische Lager geführt.

Auch die zweite Angriffswelle der Franzosen vermochte die Stellung der Engländer nicht zu durchbrechen. Diese vernahmen aber unvermittelt Kampfeslärm in ihrem Rücken. Waren sie umgangen worden? Henry V. reagierte eiskalt und befahl, die Gefangenen auf der Stelle zu töten. Als sich seine Gewappneten weigerten, wurden einige Bogenschützen mit der Hinrichtung beordert. Da sie selbst nicht "lösegeldfähig" waren und dementsprechend auch keine Gnade gefunden hätten, empfanden sie keine Skrupel. Doch der vermeintliche französische Angriff entpuppte sich als ein lokales Aufgebot der Landbevölkerung, das leicht vertrieben werden konnte.

Währenddessen beobachteten die Engländer, dass sich die dritte französische Linie vom Schlachtfeld entfernte, ohne in den Kampf einzugreifen, und so wurde die Tötung der Gefangenen rasch abgebrochen. Insgesamt nahmen die Engländer rund 2000 Ritter gefangen. Die meisten wurden von ihren Familien bereits in Calais ausgelöst. Lediglich 280 Herren von Adel wurden nach England eingeschifft, wo sie standesgemäß untergebracht auf ihre Freilassung warteten. Einer von ihnen, Herzog Charles de Valois von Orléans, verbrachte 25 Jahre auf der britischen Insel, wo er sich einen Ruf als Dichter erwarb.

Für Frankreich bedeutete die Schlacht bei Azincourt einen schweren Schlag. Unter den rund 1500 Gefallenen befand sich die Blüte der Ritterschaft, zahlreiche Familien hatten ihre Erben verloren, und die Demütigung wog noch lange schwer. Burgund wechselte die Seiten und verbündete sich mit England. Henry V. gelang es in den folgenden Jahren, seinen Anspruch auf den französischen Thron durchzusetzen. Er heiratete Catherine de Valois, die Tochter des französischen Königs, und hätte nach dessen Ableben in Personalunion die Regierung Englands und Frankreichs übernommen. Doch Henry V. starb bereits 1422 an der Ruhr. Erst mit dem Auftauchen der sogenannten "Jungfrau von Orléans" fasste Frankreich wieder den Willen, die verhassten Besatzer aus dem Land zu vertreiben, was 1453 gelang und den Hundertjährigen Krieg beendete.

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