"Das ist kein Krieg mehr!"

Zwei Mentalitäten

Die Überlegenheit von Disziplin über Wagemut ist eine historische Binsenweisheit, die seit den Tagen des Römischen Imperiums manifest scheint. Angesichts der Ereignisse von 1415 bei Azincourt, kann man aber dennoch ins Grübeln kommen, wie ein derartiges Desaster aufseiten der französischen Kräfte geschehen konnte. Aufschluss über diese Episode des Hundertjährigen Krieges geben vielleicht die beteiligten Mentalitäten.

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Auf der einen Seite stand eine pragmatische Grundhaltung, die sich nicht darum scherte, ob das Werkzeug über besonderen Glanz verfügte, oder ob die Männer einfach nur für Geld kämpften. Die englischen Bogenschützen schlugen sich ja nicht nur aus Patriotismus, auch wenn der eine gewisse Rolle gespielt haben mag. Sie bekamen Sold und wurden darüber hinaus versorgt. Diese ersten "Kompanien" des Mittelalters waren also Vorboten späterer Heeresmodelle, wie die der Kriegsunternehmer, der italienischen Condottiere, oder aber eines Wallenstein. Von einem stehenden Heer unterschieden sie sich darin, dass sie jeweils für eine Kampagne angeworben wurden. Die Schattenseiten dieser Rekrutierung traten zwar immer wieder zutage, wenn arbeitslose Söldner ihr Glück in die eigene Hand nahmen, aber diese Ereignisse waren meist lokal begrenzt.

Auf der anderen Seite stand der Berufskrieger, dessen soziale Stellung aus seinem Kriegertum erwachsen war. Sein Leben war der Kampf, selbst wenn er diesen in Friedenszeiten farbenprächtig inszenieren musste. Er definierte sich weiter über seinen Regel-Codex, in dem angemessenes Verhalten ganz klar beschrieben wurde. Innerhalb dieses Systems entwickelte sich dieses Kriegertum zu einer äußerst kultivierten Angelegenheit. Die Ritualisierung seiner Aufgabe ermöglichte es dem Ritter, gleichzeitig professionelle Perfektion und Reduzierung der Risiken zu erlangen.

Entwicklungen, die dem ritterlichen Wertesystem entgegenliefen, konnte man auf verschiedene Arten begegnen, eine war die "Ächtung". Die Armbrust wurde beispielsweise 1139 von der zweiten Lateransynode als "von Gott gehasst" mit dem Bann belegt. Es konnte nicht im Sinne der Weltordnung sein, wenn eine Waffe in der Hand eines niederen Mannes (Waffen in Frauenhänden waren undenkbar, deshalb dachte man lieber nicht daran) in der Lage war, einen Ritter zu töten.

So ganz konnte man die Augen aber vor der Wirksamkeit der Armbrust nicht verschließen, also gestattete man ihren Gebrauch "gegen Heiden". Dennoch war die Armbrust einfach zu gut, um nicht verwendet zu werden. Bald verfügten auch die "ritterlichsten Könige" über Gardeeinheiten aus Armbrustschützen. Ähnlich verhielt es sich mit Hellebarden, Keulen oder Kriegshämmern. Auch sie waren keine ritterlichen Waffen. Zwar setzten sich letztere beiden im Spätmittelalter allein aufgrund ihrer Durchschlagskraft auch in den Reihen des Adels durch, die Hellebarde fasste ein Ritter aber nicht an. Dumm nur, wenn andere sie anfassten, wie etwa die Schweizer, die mit dem Schwung dieser "Stabäxte" problemlos jede Rüstung knackten.

"Soziale Abgrenzung" funktionierte also ebenso wenig wie der Kirchenbann. Man konnte aber immerhin den Menschen ächten und verachten und für ihn entsprechende Sanktionen aufstellen. Aus dem frühen Mittelalter ist überliefert, dass Bauern, die ein Schwert berührten, dafür zur Strafe verstümmelt werden konnten. Das Schwert war dem Adel vorbehalten, und der Verstoß gegen diese Regel stellte Gottes Ordnung infrage.

Aus dem Hundertjährigen Krieg stammte die Praxis, gefangenen Bogenschützen die Finger abzuschneiden (später wurde dies auch bei den ersten Schützen von Feuerwaffen praktiziert). Das erfüllte auf zynische Weise immerhin den Zweck, dass dieser Mensch nicht wieder auf derart "unritterliche" Weise kämpfte. Solche Praktiken, im Vergleich zum Umgang mit standesgemäßen Gefangenen, konnten darüber hinaus manifestieren, dass der ritterliche Mensch mehr wert war als der nicht-ritterliche, und das nicht nur bezüglich der Lösegeldforderung.

Man konnte aber - und diesen "Königsweg" haben wir oben gesehen - das Problem auch einfach ignorieren. Selbst wenn sich gezeigt hatte, dass der unritterliche Weg erfolgreich war, hielt man lieber an seinem Wertesystem fest. Ansonsten würde man sich ja auf dessen Niveau herab begeben.

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Die im Titel angeführte Klage, "Das ist kein Krieg mehr!", betrifft also nicht nur die bemitleidenswerten Bogenschützen, die feststellen mussten, dass ihre Pfeile gegen Kanonen nichts auszurichten vermochten, nachdem sie selbst dem Rittertum sein Verfallsdatum aufgezeigt hatten. Sie betrifft vielmehr jede temporär erfolgreiche Form der Kriegführung, die mit einer neuen, ebenfalls erfolgreichen oder noch erfolgreicheren Form konfrontiert wird.

Interessanterweise haben sich die Reaktionen auf solche Entwicklungen kaum verändert. In der Regel beinhalten sie immer den Ausschluss des Kontrahenten aus dem Wertesystem. Gemäß der alten ritterlichen Haltung wird der Gegner, wenn vielleicht nicht entmenschlicht, so doch zumindest zu einem Menschen zweiter Klasse degradiert. Leider funktioniert diese Herangehensweise auch nur bedingt, da ihre wesentliche Grundvoraussetzung ist, dass man selbst in irgendeiner Form "auf der richtigen Seite" steht.

Während also die Tiroler bis heute ihren Andreas Hofer feiern, galt er Napoleon als "irregulärer Kämpfer". Anstelle von Kriegsgefangenschaft erwartete ihn die Erschießung in Mantua. Märtyrer oder Terrorist? Das hängt vom jeweiligen Wertesystem ab und von der ganz persönlichen Geschichtsschreibung. Bis heute neigt die US-amerikanische Historienfolklore ihr Haupt vor der "brillanten Strategie" Washingtons, britische Offiziere aus dem Hinterhalt von Scharfschützen erschießen zu lassen. Aber was, wenn es anders herum läuft? Heulen und Zähneklappern…

Offenkundige militärische Unterlegenheit wurde und wird immer wieder zur Betonung der umso größeren eigenen Leistung instrumentalisiert. Wer aus dieser Position heraus Regeln bricht, handelt "gewitzt" und führt den konventionell agierenden Gegner vor. Handelt hingegen der Kontrahent außerhalb allgemein anerkannter Regeln, ist er skrupellos und grausam. Kann es sein, dass die öffentliche Wahrnehmung sich mittlerweile so sehr an literarisch-filmische Plots und Storylines gewöhnt hat, dass das Wesentliche in Vergessenheit geraten ist?

Krieg ist immer grausam, und unterm Strich gibt es keine "gute" Art der Kriegführung, ganz zu schweigen von Regeln. Kriegsrecht und UN-Konventionen können als zivilisatorischer Fortschritt betrachtet werden, man darf ihnen aber keinen größeren realen Wert zumessen, als den Regeln des ritterlichen Wertesystems des Mittelalters. Sie funktionieren nur innerhalb der Wertegemeinschaft. Sowie man diesen persönlichen militärischen Kulturkreis verlässt, zeigt sich der Krieg von seiner wirklichen Seite. Er ist unbarmherzig, tückisch und ohne jede Zivilisation.

"Präzise" oder "chirurgisch"? Das klingt kompetent und auch irgendwie sauber - und ist eine schlichte Lüge. Wer immer Kraft einer propagierten Deutungshoheit das Gegenteil behauptet, dem sollte mit größtem Misstrauen begegnet werden. Im Übrigen neigen insbesondere die "zivilisierten" Industrienationen dazu, die selbst aufgestellten Regeln zu ignorieren, bevorzugt dann, wenn der Gegner keiner Industrienation entstammt.

Versucht nun eine kugelsichere "Luft-Kavallerie", aus der sicheren Distanz heraus gegen Kämpfer zu punkten, denen solche Mittel nicht zur Verfügung stehen, die aber dennoch sehr erfolgreich Gegenwehr zu leisten vermögen, dann ist das weder überraschend noch in irgendeiner Form neu. "Asymmetrische Kriegführung" lautet oft das Lamento, in dem stets ein Hauch von Beleidigt-Sein mitschwingt. Aber unter uns Waisenkindern: Niemand fängt doch einen Krieg an, wenn er sich in der schwächeren Position wähnt. Ist es nicht vielmehr die Enttäuschung darüber, dass die eigene Überlegenheit Illusion ist, die das moderne Rittertum verzweifeln lässt? Aber solange man Geld mit dem Krieg verdient, ist diese Frage vermutlich unerheblich.

Der Verfasser möchte abschließend indes in einer Hinsicht doch noch eine Lanze für die ritterliche Art zu kämpfen brechen. Im Rittertum waren es immerhin noch diejenigen, die im Krieg etwas zu gewinnen hofften, also die Wohlhabenden und Mächtigen, die auch ihren Kopf hinhielten. Wenn es nicht geklappt hat, trugen sie zumindest eine veritable Beule davon. Könnte man dieses Prinzip wieder etablieren, dann würden sich alle jene, die am Krieg verdienen oder zu verdienen hoffen, in Ruhe gegenseitig auf den Kopf hauen können, während der Rest der Menschheit endlich einmal in Frieden verschnaufen dürfte.

Literatur:

Burne, Alfred H., The Crécy War, 1955.

Burne, Alfred H., The Agincourt War, 1956.

Delbrück, Hans, Geschichte der Kriegskunst, Bd. 2, 1900.

Funcken, Liliane und Fred, Historische Waffen und Rüstungen, 2008.

Keegan, John, A History of Warfare, 1993.

Keegan, John, The Face of Battle, 1976

Lempertz, Mathias (Hrsg.), Mittelalter. Strategie und Kriegskunst, 2008.

(Jan Sperhake)

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