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"Das ist kein Krieg mehr!"

Vor 600 Jahren fand eine Schlacht statt, die angesichts heutiger Diskussionen über "asymmetrische Kriegführung" zum Nachdenken anregt

Voller Empörung reagierten die englischen Soldaten Mitte des 15. Jahrhunderts auf den erfolgreichen französischen Einsatz von Kanonen. Es waren die letzten Jahrzehnte des Hundertjährigen Krieges, und die englische Überlegenheit schwand. Korrekt hätte es natürlich heißen müssen: "Dieser Krieg findet nicht nach unseren Regeln statt!" Dass Kriege jedoch keine einheitlichen Regeln kennen, hatten die Engländer bereits selbst erfolgreich demonstriert. Vor 600 Jahren, am 25. Oktober 1415, fand nahe der nordfranzösischen Ortschaft Azincourt eine Schlacht statt, die angesichts heutiger Diskussionen über "asymmetrische Kriegführung" und "irreguläre Kämpfer" zum Nachdenken anregt.

Die Ursache des Hundertjährigen Krieges waren familiäre Verbindungen des englischen und französischen Hochadels. Diese führten im 14. Jahrhundert dazu, dass der englische König, Edward III., nach in England geltendem Recht über seine mütterliche Abstammung Anspruch auf den französischen Thron anmeldete. In Frankreich aber herrschte das salische Recht, das Erbansprüche nur väterlicherseits akzeptierte.

Da sich beide Seiten im Recht wähnten, gab es Krieg. Dieser wurde freilich nicht 100 Jahre lang ausgefochten, vielmehr gab es Kriegszüge, Eroberungen, Rückeroberungen und dazwischen immer wieder jahrelange Pausen. Die damalige Wirtschaft ließ es schlichtweg nicht zu, für längere Zeit ein Heer unter Waffen zu halten. Irgendwann waren die Vorräte und die Kriegskassen aufgebraucht.

Als 1413 in England Henry V. den Thron bestieg, flammte der Konflikt wieder auf. Der junge König sah sich in einer denkbar günstigen Position. Im eigenen Lande hatte er seine Widersacher ausgeschaltet, der traditionell mit Frankreich verbündete König von Schottland befand sich in englischer Gefangenschaft, der König von Frankreich selbst galt als geistesgestört, während die mächtigsten französischen Fürstenhäuser, Burgund und Orléans, einen Bürgerkrieg ausfochten.

Heinrich V. von England. Anonymes Porträt, spätes 16. oder frühes 17. Jahrhundert. National Portrait Gallery (London). Bild [1]: gemeinfrei

Am 14. August 1415 landete Henry V. mit 12.000 Mann in der Normandie und belagerte die Stadt Harfleur, die nach rund fünf Wochen, am 22. September, kapitulierte. Dazu sei angemerkt, dass die Aufgabe der Stadt noch vor dem ersten Sturmangriff erfolgte. Man hatte sich darüber verständigt, bis zu einem Stichtag abzuwarten, ob Hilfe käme. Falls nicht, würde man die Tore öffnen. Und tatsächlich war keine französische Unterstützung eingetroffen.

Der englische König konnte sich seines verhältnismäßig unblutigen Sieges indes nicht recht erfreuen. Aufgrund der verheerenden hygienischen Bedingungen in seinem Lager war fast die Hälfte seiner Truppen von der Ruhr dahingerafft worden. Jeder Tag forderte weitere Opfer, und es war dringend geboten, das ungesunde Umfeld Harfleurs zu verlassen.

Mit gerade einmal 6000 Soldaten wollte Henry V. aber nicht mehr, wie ursprünglich geplant, nach Paris marschieren. Stattdessen würde man sich nach Calais durchschlagen, einem stark befestigten englischen Stützpunkt, und den Feldzug später fortsetzen. Am 8. Oktober machten sich die Engländer auf den Weg nach Osten.

Das Expeditionsheer Henrys V. unterschied sich grundlegend von den Aufgeboten Frankreichs. Der englische König verfügte über kein prächtiges Ritterheer. Stattdessen hatte er "Kompanien" rekrutiert, Zusammenschlüsse mehr oder weniger professioneller Söldner, vorwiegend einfacher Herkunft. Unter ihnen überwogen die berühmten englischen Bogenschützen, die ursprünglich aus Wales stammten. K

önig Edward I. von England hatte seinerzeit die Schlagkraft dieser Fernwaffe bei der Unterwerfung der Bergregionen bitterlich zu spüren bekommen und daraufhin die Waliser in seine Dienste genommen. Bald wurde der Bogensport landesweit zur Pflicht, denn ein guter Schütze musste von Kindesbeinen an trainieren, um Perfektion zu erlangen. Seither besaß England ein stetig nachwachsendes Reservoir fähiger Bogner. Bereits unter der Herrschaft Edwards III. gelangen mithilfe dieser Bogenschützen eindrucksvolle Siege über die französische Ritterschaft, so 1346 bei Crécy und 1356 bei Poitiers.

Frankreich galt seinerzeit als die europäische Hochburg des Rittertums. Nirgends wurde der Kult um Ehre, Treue und Minneliebe derart zelebriert wie im Kapetingerreich. Die höfische Kultur und das Turnierwesen befanden sich auf ihrem Höhepunkt. Die Herren des Hochadels verbanden ihre kriegerischen Wettkämpfe mit einer Prachtentfaltung, die das Auge blendete.

Sie waren aber dennoch von Kindheit an trainierte und abgehärtete Berufskrieger. Schwer gepanzert und mit erlesenen Pferden ausgestattet, konnten sie jeden, der sich ihnen in den Weg stellte, über den Haufen reiten. Ihre größte Motivation bestand aber darin, im Kampf Ehre zu erlangen. Diese konnte vor allem im ritterlichen Zweikampf gewonnen werden. Der Gegner musste standesgemäß sein.

Viele Gefechte dieser Zeit ähnelten tatsächlich den Buhurten der Turniere: Die edlen Herren fochten ihre Kämpfe aus, während das Fußvolk bestenfalls die gestürzten Ritter aus dem Getümmel zog. War der Ritter erschöpft, war es durchaus statthaft, dass er sich für eine Weile aus dem Kampfgeschehen zurückzog, sich erfrischte und dann erneut ins Geschehen eingriff. Zu guter Letzt wurde der besiegte Feind auch gar nicht getötet. Viel lieber nahm man ihn gefangen und stellte seiner Familie ein angemessenes Lösegeld in Rechnung.

Derartige Regeln, zusammen mit immer besseren Rüstungen, hatten den Krieg zu einem zwar noch gefährlichen, aber in der Regel nicht tödlichen Ereignis werden lassen. Was aber, wenn der Gegner nach anderen Regeln kämpfte?

Mit dieser Parole hatten rund 100 Jahre zuvor die Schweizer Bergbauern das Aufgebot des Habsburgers Herzog Leopold von Österreich empfangen. Diese "Wilden" waren aufs Töten aus! Das war ganz und gar nicht ritterlich. Die Verachtung, in die sich die geschockten Herren flüchteten, änderte indes nichts am Resultat.

Fast 200 Jahre lang waren die Schweizer Gewalthaufen der Alptraum des europäischen Adels, ob Kaiserliche, Franzosen oder Burgunder. Erst als es gelang, die grimmigen Bergbewohner mit großzügigen Soldzahlungen zu verpflichten, schwand das Grauen - sofern man sich die Schweizer denn leisten konnte.

Diese hatten indes in einem weiteren Punkt die Schwäche der Ritterschaft offenbart. Disziplin war unter deren Würde. Die hoch motivierten Einzelkämpfer fochten für ihren persönlichen Ruhm und mochten sich keiner militärischen Führungsgewalt unterwerfen. Wann immer sich ein Ritterheer in Geschlossenheit auf einen Feind stürzte, hatte der Gegner keine Chance. Aber dazu waren sie meist gar nicht in der Lage.

Bereits in der oben genannten Schlacht von Crécy hatten sich die Franzosen in unzähligen Einzelattacken aufgerieben. Noch viel schlimmer erging es ihnen 1396 vor Nikopolis. Ein gewaltiges europäisches Heer war dort zusammengekommen, um die Osmanen aus Europa zu vertreiben. Statt sich aber der Taktik des ungarischen Königs Sigismund unterzuordnen, preschten die französischen Ritter "um der Ehre willen" in einem vollkommen unsinnigen Frontalangriff vor und stürzten damit das gesamte Aufgebot ins Verderben.

Der Marsch Henrys V. in Richtung Calais verlief ohne Zwischenfälle, bis die Engländer die Somme erreichten. Den Fluss entlang ging es nun landeinwärts, um eine geeignete Stelle zur Überquerung zu suchen. Doch dort, so berichteten die Kundschafter, wartete bereits ein kleines französisches Heer von geschätzt 6000 Mann.

Da Flussüberquerungen im Angesicht des Feindes immer das Risiko bargen, inmitten des Übersetzens angegriffen und zersprengt zu werden, entschied sich Henry V. dagegen. So marschierten seine 5000 Bogenschützen und knapp 1000 Berittenen weiter den Fluss hinauf, stets verfolgt von den Franzosen auf der gegenüberliegenden Seite der Somme. Endlich, am sechsten Tag, gelang den Engländern der Übergang auf die östliche Seite des Flusses. Sie waren mittlerweile vom Hunger geschwächt, da die Gewaltmärsche keine Zeit ließen, in den umliegenden Ortschaften zu plündern. Doch bereits am nächsten Morgen erschien ein französischer Herold im Lager und forderte Henry V. zur Schlacht auf.

Erneut begann der Wettlauf, aber nach vier Tagen hatten die Franzosen die Eindringlinge gestellt. Sie lagerten unmittelbar vor den Engländern auf der Straße nach Calais. Henry V. blieb keine andere Wahl mehr, als die Herausforderung anzunehmen.

Aufstellung. Bild [2]: Andrei nacu/gemeinfrei

Nach einer kalten und verregneten Nacht ließ der englische König seine Männer antreten. Vor ihnen lag ein frisch gepflügter Acker, links und rechts von Wald umschlossen. Auf der gegenüberliegenden Seite funkelten die Lichter des französischen Heerlagers. Rund 12.000 Bewaffnete hatten sich dort versammelt, um die Engländer aus dem Felde zu schlagen.

Die Männer Henrys V. formierten sich in drei Blöcken abgesessener Gewappneter, jeweils flankiert von Bogenschützen. Diese hatten zum Schutz vor der übermächtigen Reiterei der Franzosen mehrere Reihen angespitzter Pfähle vor sich in den weichen Boden gerammt. Denn im Gegensatz zu den Tagen Edwards III. waren die neuen Plattenpanzer der Ritter nicht mehr ohne weiteres mit Pfeilen zu durchschlagen. Dies gelang nur noch auf kürzeste Entfernung. Pferde hingegen waren verletzlich, und selbst die besten Streitrösser waren kaum dazu zu bewegen, in eine Mauer aus Spießen zu galoppieren.

Das wussten auch die französischen Ritter. Daher entschieden sie sich für einen Angriff zu Fuß. Lediglich kleine Abteilungen Berittener sollten von den Flanken aus die englischen Bogenschützen vertreiben, damit die Masse der Gepanzerten die dünne Linie der Engländer umso leichter überwältigen konnte. Doch bereits während der Aufstellung der Heere zeigten sich grundlegende Unterschiede zwischen den Kontrahenten. Während die Engländer geschlossen den Angriff erwarteten, machte sich in der französischen Linie Unruhe breit. Was war geschehen?

Angesichts der niederen Abstammung der meisten englischen Soldaten versuchten die französischen Adligen, sich gute Plätze zu ergattern. Jeder wollte im Zentrum stehen, um möglichst einen der um Henry V. gescharten Barone im Zweikampf zu schlagen. Gegen einen Bogenschützen gab es keine Ehre zu gewinnen - und erst recht kein Lösegeld. Am Ende hatte sich der Hochadel in vorderster Front versammelt. Dahinter standen zwei weitere Linien abgesessener Ritter und warteten auf den Beginn der Schlacht.

Doch mehrere Stunden lang passierte nichts. Keine Seite wollte die Vorteile der Defensive opfern. Schließlich ließ Henry V. seine Truppen vorrücken. An der engsten Stelle zwischen den Waldstücken, gerade einmal 250 Meter von den französischen Linien entfernt, ließ er anhalten, und seine Bogenschützen beeilten sich, erneut ihre Pfähle in den Boden zu rammen. Hätten die Franzosen während dieses Vorrückens angegriffen, wäre ihnen der Sieg sicher gewesen. Tatsächlich aber hatten sich in der Zwischenzeit zahlreiche Herren zurück ins Lager begeben, um sich aufzuwärmen. Die erste Salve der englischen Pfeile traf den Gegner unvorbereitet.


Auf 250 Meter Entfernung waren die englischen Geschosse keine ernsthafte Bedrohung. Sie erfüllten dennoch ihren Zweck. Überrascht und empört, begannen die Franzosen ihren Angriff in Unordnung. Die an den Flanken vorpreschenden Ritter waren in zu geringer Zahl, um die Bogenschützen zu überwältigen. Nur wenige erreichten die Pfahlreihen, kamen dort zu Fall und wurden erschlagen.

Währenddessen setzte sich die erste schwer gepanzerte französische Linie in Bewegung. Die Ritter kamen jedoch nur schlecht voran. Die Regenfälle hatten den Acker in eine Schlammwüste verwandelt und sie versanken bei jedem Schritt tief im Morast. Ein weiterer Umstand sollte sich nun umso verheerender auswirken. Da die Engländer an der schmalsten Stelle des Feldes standen, verengte sich die Frontlinie der Franzosen, je näher sie dem Gegner kamen. Hinzu zog es die französischen Ritter unwillkürlich weg von den Bogenschützen, die nun gezielt ihre letzten Pfeile in die Visiere und die Schwachstellen der Rüstungen feuerten, und hin zu den englischen Gewappneten.

Bild [3]: Lambeth Palace Library, London, UK / The Bridgeman Art Library/gemeinfrei

Die Chronisten der Schlacht schildern ein Bild des Schreckens. Als die vordersten Reihen der Franzosen endlich die englische Linie erreicht hatten, waren sie so dicht gedrängt, dass sie kaum ihre Waffen zu führen vermochten. Stolperte einer der Gepanzerten, war es ihm unmöglich, wieder auf die Beine zu kommen. Stattdessen wurden die Nachfolgenden über ihn hinweg geschoben oder kamen ebenfalls zu Fall. Von hinten drängte sie die Menge unaufhaltsam in die Schwerter der Engländer. Es sollen weitaus mehr französische Ritter im Schlamm erstickt als im Kampf gefallen sein.

Während der Angriff der Franzosen im Chaos zusammenbrach, griffen nun die englischen Bogenschützen zu ihren Handwaffen und fielen den Angreifern in die Flanken. Ungleich beweglicher als ihre Feinde, stürzten sich jeweils zwei oder drei der Leichtbewaffneten auf einen Gepanzerten und schlugen ihn zusammen. Die Engländer führten Handäxte und Hämmer mit sich, die zwar die Rüstungen nicht knacken konnten, ihnen aber tiefe Beulen zufügten, die wiederum den darin eingeschlossenen Kämpfern schlimme Quetschungen und Knochenbrüche bescherten. Erst als klar war, dass die englische Linie hielt, wurden auch Gefangene gemacht und ins englische Lager geführt.

Auch die zweite Angriffswelle der Franzosen vermochte die Stellung der Engländer nicht zu durchbrechen. Diese vernahmen aber unvermittelt Kampfeslärm in ihrem Rücken. Waren sie umgangen worden? Henry V. reagierte eiskalt und befahl, die Gefangenen auf der Stelle zu töten. Als sich seine Gewappneten weigerten, wurden einige Bogenschützen mit der Hinrichtung beordert. Da sie selbst nicht "lösegeldfähig" waren und dementsprechend auch keine Gnade gefunden hätten, empfanden sie keine Skrupel. Doch der vermeintliche französische Angriff entpuppte sich als ein lokales Aufgebot der Landbevölkerung, das leicht vertrieben werden konnte.

Währenddessen beobachteten die Engländer, dass sich die dritte französische Linie vom Schlachtfeld entfernte, ohne in den Kampf einzugreifen, und so wurde die Tötung der Gefangenen rasch abgebrochen. Insgesamt nahmen die Engländer rund 2000 Ritter gefangen. Die meisten wurden von ihren Familien bereits in Calais ausgelöst. Lediglich 280 Herren von Adel wurden nach England eingeschifft, wo sie standesgemäß untergebracht auf ihre Freilassung warteten. Einer von ihnen, Herzog Charles de Valois von Orléans, verbrachte 25 Jahre auf der britischen Insel, wo er sich einen Ruf als Dichter erwarb.

Für Frankreich bedeutete die Schlacht bei Azincourt einen schweren Schlag. Unter den rund 1500 Gefallenen befand sich die Blüte der Ritterschaft, zahlreiche Familien hatten ihre Erben verloren, und die Demütigung wog noch lange schwer. Burgund wechselte die Seiten und verbündete sich mit England. Henry V. gelang es in den folgenden Jahren, seinen Anspruch auf den französischen Thron durchzusetzen. Er heiratete Catherine de Valois, die Tochter des französischen Königs, und hätte nach dessen Ableben in Personalunion die Regierung Englands und Frankreichs übernommen. Doch Henry V. starb bereits 1422 an der Ruhr. Erst mit dem Auftauchen der sogenannten "Jungfrau von Orléans" fasste Frankreich wieder den Willen, die verhassten Besatzer aus dem Land zu vertreiben, was 1453 gelang und den Hundertjährigen Krieg beendete.


Die Überlegenheit von Disziplin über Wagemut ist eine historische Binsenweisheit, die seit den Tagen des Römischen Imperiums manifest scheint. Angesichts der Ereignisse von 1415 bei Azincourt, kann man aber dennoch ins Grübeln kommen, wie ein derartiges Desaster aufseiten der französischen Kräfte geschehen konnte. Aufschluss über diese Episode des Hundertjährigen Krieges geben vielleicht die beteiligten Mentalitäten.

Auf der einen Seite stand eine pragmatische Grundhaltung, die sich nicht darum scherte, ob das Werkzeug über besonderen Glanz verfügte, oder ob die Männer einfach nur für Geld kämpften. Die englischen Bogenschützen schlugen sich ja nicht nur aus Patriotismus, auch wenn der eine gewisse Rolle gespielt haben mag. Sie bekamen Sold und wurden darüber hinaus versorgt. Diese ersten "Kompanien" des Mittelalters waren also Vorboten späterer Heeresmodelle, wie die der Kriegsunternehmer, der italienischen Condottiere, oder aber eines Wallenstein. Von einem stehenden Heer unterschieden sie sich darin, dass sie jeweils für eine Kampagne angeworben wurden. Die Schattenseiten dieser Rekrutierung traten zwar immer wieder zutage, wenn arbeitslose Söldner ihr Glück in die eigene Hand nahmen, aber diese Ereignisse waren meist lokal begrenzt.

Auf der anderen Seite stand der Berufskrieger, dessen soziale Stellung aus seinem Kriegertum erwachsen war. Sein Leben war der Kampf, selbst wenn er diesen in Friedenszeiten farbenprächtig inszenieren musste. Er definierte sich weiter über seinen Regel-Codex, in dem angemessenes Verhalten ganz klar beschrieben wurde. Innerhalb dieses Systems entwickelte sich dieses Kriegertum zu einer äußerst kultivierten Angelegenheit. Die Ritualisierung seiner Aufgabe ermöglichte es dem Ritter, gleichzeitig professionelle Perfektion und Reduzierung der Risiken zu erlangen.

Entwicklungen, die dem ritterlichen Wertesystem entgegenliefen, konnte man auf verschiedene Arten begegnen, eine war die "Ächtung". Die Armbrust wurde beispielsweise 1139 von der zweiten Lateransynode als "von Gott gehasst" mit dem Bann belegt. Es konnte nicht im Sinne der Weltordnung sein, wenn eine Waffe in der Hand eines niederen Mannes (Waffen in Frauenhänden waren undenkbar, deshalb dachte man lieber nicht daran) in der Lage war, einen Ritter zu töten.

So ganz konnte man die Augen aber vor der Wirksamkeit der Armbrust nicht verschließen, also gestattete man ihren Gebrauch "gegen Heiden". Dennoch war die Armbrust einfach zu gut, um nicht verwendet zu werden. Bald verfügten auch die "ritterlichsten Könige" über Gardeeinheiten aus Armbrustschützen. Ähnlich verhielt es sich mit Hellebarden, Keulen oder Kriegshämmern. Auch sie waren keine ritterlichen Waffen. Zwar setzten sich letztere beiden im Spätmittelalter allein aufgrund ihrer Durchschlagskraft auch in den Reihen des Adels durch, die Hellebarde fasste ein Ritter aber nicht an. Dumm nur, wenn andere sie anfassten, wie etwa die Schweizer, die mit dem Schwung dieser "Stabäxte" problemlos jede Rüstung knackten.

"Soziale Abgrenzung" funktionierte also ebenso wenig wie der Kirchenbann. Man konnte aber immerhin den Menschen ächten und verachten und für ihn entsprechende Sanktionen aufstellen. Aus dem frühen Mittelalter ist überliefert, dass Bauern, die ein Schwert berührten, dafür zur Strafe verstümmelt werden konnten. Das Schwert war dem Adel vorbehalten, und der Verstoß gegen diese Regel stellte Gottes Ordnung infrage.

Aus dem Hundertjährigen Krieg stammte die Praxis, gefangenen Bogenschützen die Finger abzuschneiden (später wurde dies auch bei den ersten Schützen von Feuerwaffen praktiziert). Das erfüllte auf zynische Weise immerhin den Zweck, dass dieser Mensch nicht wieder auf derart "unritterliche" Weise kämpfte. Solche Praktiken, im Vergleich zum Umgang mit standesgemäßen Gefangenen, konnten darüber hinaus manifestieren, dass der ritterliche Mensch mehr wert war als der nicht-ritterliche, und das nicht nur bezüglich der Lösegeldforderung.

Man konnte aber - und diesen "Königsweg" haben wir oben gesehen - das Problem auch einfach ignorieren. Selbst wenn sich gezeigt hatte, dass der unritterliche Weg erfolgreich war, hielt man lieber an seinem Wertesystem fest. Ansonsten würde man sich ja auf dessen Niveau herab begeben.

Die im Titel angeführte Klage, "Das ist kein Krieg mehr!", betrifft also nicht nur die bemitleidenswerten Bogenschützen, die feststellen mussten, dass ihre Pfeile gegen Kanonen nichts auszurichten vermochten, nachdem sie selbst dem Rittertum sein Verfallsdatum aufgezeigt hatten. Sie betrifft vielmehr jede temporär erfolgreiche Form der Kriegführung, die mit einer neuen, ebenfalls erfolgreichen oder noch erfolgreicheren Form konfrontiert wird.

Interessanterweise haben sich die Reaktionen auf solche Entwicklungen kaum verändert. In der Regel beinhalten sie immer den Ausschluss des Kontrahenten aus dem Wertesystem. Gemäß der alten ritterlichen Haltung wird der Gegner, wenn vielleicht nicht entmenschlicht, so doch zumindest zu einem Menschen zweiter Klasse degradiert. Leider funktioniert diese Herangehensweise auch nur bedingt, da ihre wesentliche Grundvoraussetzung ist, dass man selbst in irgendeiner Form "auf der richtigen Seite" steht.

Während also die Tiroler bis heute ihren Andreas Hofer feiern, galt er Napoleon als "irregulärer Kämpfer". Anstelle von Kriegsgefangenschaft erwartete ihn die Erschießung in Mantua. Märtyrer oder Terrorist? Das hängt vom jeweiligen Wertesystem ab und von der ganz persönlichen Geschichtsschreibung. Bis heute neigt die US-amerikanische Historienfolklore ihr Haupt vor der "brillanten Strategie" Washingtons, britische Offiziere aus dem Hinterhalt von Scharfschützen erschießen zu lassen. Aber was, wenn es anders herum läuft? Heulen und Zähneklappern…

Offenkundige militärische Unterlegenheit wurde und wird immer wieder zur Betonung der umso größeren eigenen Leistung instrumentalisiert. Wer aus dieser Position heraus Regeln bricht, handelt "gewitzt" und führt den konventionell agierenden Gegner vor. Handelt hingegen der Kontrahent außerhalb allgemein anerkannter Regeln, ist er skrupellos und grausam. Kann es sein, dass die öffentliche Wahrnehmung sich mittlerweile so sehr an literarisch-filmische Plots und Storylines gewöhnt hat, dass das Wesentliche in Vergessenheit geraten ist?

Krieg ist immer grausam, und unterm Strich gibt es keine "gute" Art der Kriegführung, ganz zu schweigen von Regeln. Kriegsrecht und UN-Konventionen können als zivilisatorischer Fortschritt betrachtet werden, man darf ihnen aber keinen größeren realen Wert zumessen, als den Regeln des ritterlichen Wertesystems des Mittelalters. Sie funktionieren nur innerhalb der Wertegemeinschaft. Sowie man diesen persönlichen militärischen Kulturkreis verlässt, zeigt sich der Krieg von seiner wirklichen Seite. Er ist unbarmherzig, tückisch und ohne jede Zivilisation.

"Präzise" oder "chirurgisch"? Das klingt kompetent und auch irgendwie sauber - und ist eine schlichte Lüge. Wer immer Kraft einer propagierten Deutungshoheit das Gegenteil behauptet, dem sollte mit größtem Misstrauen begegnet werden. Im Übrigen neigen insbesondere die "zivilisierten" Industrienationen dazu, die selbst aufgestellten Regeln zu ignorieren, bevorzugt dann, wenn der Gegner keiner Industrienation entstammt.

Versucht nun eine kugelsichere "Luft-Kavallerie", aus der sicheren Distanz heraus gegen Kämpfer zu punkten, denen solche Mittel nicht zur Verfügung stehen, die aber dennoch sehr erfolgreich Gegenwehr zu leisten vermögen, dann ist das weder überraschend noch in irgendeiner Form neu. "Asymmetrische Kriegführung" lautet oft das Lamento, in dem stets ein Hauch von Beleidigt-Sein mitschwingt. Aber unter uns Waisenkindern: Niemand fängt doch einen Krieg an, wenn er sich in der schwächeren Position wähnt. Ist es nicht vielmehr die Enttäuschung darüber, dass die eigene Überlegenheit Illusion ist, die das moderne Rittertum verzweifeln lässt? Aber solange man Geld mit dem Krieg verdient, ist diese Frage vermutlich unerheblich.

Der Verfasser möchte abschließend indes in einer Hinsicht doch noch eine Lanze für die ritterliche Art zu kämpfen brechen. Im Rittertum waren es immerhin noch diejenigen, die im Krieg etwas zu gewinnen hofften, also die Wohlhabenden und Mächtigen, die auch ihren Kopf hinhielten. Wenn es nicht geklappt hat, trugen sie zumindest eine veritable Beule davon. Könnte man dieses Prinzip wieder etablieren, dann würden sich alle jene, die am Krieg verdienen oder zu verdienen hoffen, in Ruhe gegenseitig auf den Kopf hauen können, während der Rest der Menschheit endlich einmal in Frieden verschnaufen dürfte.

Literatur:

Burne, Alfred H., The Crécy War, 1955.

Burne, Alfred H., The Agincourt War, 1956.

Delbrück, Hans, Geschichte der Kriegskunst, Bd. 2, 1900.

Funcken, Liliane und Fred, Historische Waffen und Rüstungen, 2008.

Keegan, John, A History of Warfare, 1993.

Keegan, John, The Face of Battle, 1976

Lempertz, Mathias (Hrsg.), Mittelalter. Strategie und Kriegskunst, 2008.


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