"Das ist keine Krise, sondern eine Katastrophe"

Eduardo Fernández Ulloa. Sreenshot: R. Streck

Die Lage im zentralen spanischen Coronavirus-Ansteckungsherd ist fatal. Gespräch mit einem infizierten Beschäftigten im kollabierenden Madrider Gesundheitssystem

Seit Tagen spitzt sich die Lage in Spanien immer weiter zu. Das Land ist dabei, in Europa Italien die Spitzenposition in der Coronavirus-Krise abzunehmen. Tatsächlich liegt die Zahl der offiziell registrierten Toten, die immer stärker mit Vorsicht zu genießen ist, in den letzten Tagen jeweils in Spanien über der in Italien. Am Sonntag wurde in Spanien ein neuer Rekord mit 838 Toten registriert, während es in Italien offiziell 756 waren. Am Montag waren es in beiden Ländern wieder 812 und am Dienstag gab es einen neuen Rekord mit 849 offiziellen Coronavirus-Toten.

Drastische Maßnahmen in Italien, das schon vor 10 Tagen alle Aktivitäten bis auf die Grundversorgung reduziert hat, scheinen zu einer Stabilisierung zu führen. In Spanien, bisher in einem "merkwürdigen Alarmzustand", kann davon aber keine Rede sein. Deshalb blieb auch der sozialdemokratischen Regierung am Samstag keine andere Möglichkeit mehr, den von vielen Experten lange geforderten "Lockdown" endlich zu verkünden. Doch bei der Umsetzung gab es wieder massive Probleme, weshalb die Reduzierung auf die Grundversorgung real erst am heutigen Dienstag umgesetzt wird. Mittlerweile werden offiziell schon 8.189 Tote (in Italien 11.591) verzeichnet. Die Kurve ist in Spanien weiter deutlich steiler als in Italien. Und das lässt erwarten, dass es hier eher noch schlimmer kommt.

Über die Lage im Land, allen voran im Gesundheitswesen im zentralen Ansteckungsherd Madrid, sprach Telepolis mit Eduardo Fernández Ulloa. Er ist einer von 12.000 Beschäftigten im spanischen Gesundheitswesen (Stand vom Montag), die sich inzwischen mit dem Virus infiziert haben. Er arbeitete bis zu seiner Infektion auf der Intensivstation im Krankenhaus Infanta Sofía in San Sebastián de los Reyes, nahe der Hauptstadt Madrid, in der schwer getroffenen Region Madrid.

Seit wann wissen Sie, dass sie mit dem Covid-19 infiziert sind, wie geht es Ihnen und wo befinden Sie sich?
Eduardo Ulloa: Ich weiß seit vergangenem Freitag, dass ich positiv bin. Symptome habe ich schon seit vergangenem Mittwoch. Ich habe das sofort den zuständigen Stellen gemeldet, dann wurde am Freitag ein Test gemacht. Am Samstag wurde mir das Ergebnis mitgeteilt. Ich bin seit Mittwoch in Quarantäne in einem Raum in unserer kleinen Wohnung. Ich kann nicht heraus und habe auch mit meiner Beziehung, die ins Wohnzimmer umziehen musste, nur Kontakt über Videoanrufe. Ich habe noch mindestens 14 Tage vor mir, habe zum Glück aber nur schwache Symptome. Ich habe kein Fieber, heute allerdings Kopfschmerzen, habe Druck auf der Brust, aber keine Atemprobleme.
Welche Kriterien gibt es, um eine Quarantäne wieder aufzuheben?
Eduardo Ulloa: Die haben sich auch in der letzten Zeit geändert. Nun wird das so gehandhabt: Hat man keine Symptome mehr, wird ein neuer Test angesetzt. Je nach Ergebnis kann ich dann wieder arbeiten oder bleibe weiter in Quarantäne.
Wie ist es möglich, dass fast 15% aller bestätigten Infektionen Ärzte, Krankenpfleger und anderes Personal aus dem Gesundheitswesen betreffen?
Eduardo Ulloa: Das kommt, weil wir ohne die nötige Schutzausrüstung arbeiten müssen. Schutzmasken mit Schutzklasse FFP3, die für bestimmte Risikogruppen eingesetzt werden sollen, gab es schon am 2. Tag nicht mehr. Man hat uns dann gesagt, dass es auch keine mehr geben wird und wir uns mit FFP2 begnügen müssen. Die bieten zwar einen gewissen Schutz, aber nicht den vorgeschriebenen. Die Anforderungen wurden dann immer weiter in der Form angepasst und abgesenkt, wie Schutzausrüstung knapper wurde, statt sich am realen Schutz zu orientieren, den wir benötigen. Wir dürfen dabei aber nicht nur an Ärzte und Krankenpfleger denken, sondern an das gesamte Personal in Krankenhäusern, das noch schlechtere Schutzausrüstung erhält.
Hat sich in den letzten Tagen etwas verbessert?
Eduardo Ulloa: Nein, die Lage hat sich sogar weiter verschlechtert. Sie wird zusehends kafkaesker, der Druck auf das Personal wird immer größer, persönliche Schutzausrüstung (EPI) wird nicht geliefert. Es wird zwar versprochen, aber ich gehe davon aus, dass auch die Verantwortlichen nicht wissen, wann etwas geliefert wird. Das ist der fehlenden Prävention geschuldet. Es wurde nicht eingekauft, als es nötig war, und nun ist der Markt leergefegt. Auch wenn man kaufen will, findet man nichts. Wir sind gezwungen, uns aus Mülltüten Schürzen anzufertigen, Gesichtsschilder werden mit Teilen aus 3D-Druckern gebastelt.
Wie stellt sich die Lage auf Intensivpflegestationen (IPF) dar, wo Sie arbeiten?
Eduardo Ulloa: Das ist eine Hochrisikozone, weil die eingelieferten Patienten eine große Viruslast aufweisen. Und die üblichen Tätigkeiten in einer IPF erhöhen das Risiko weiter, weil an den Atemwegen gearbeitet wird und Aerosole entstehen. Das Virus verbreitet sich theoretisch zwar als Tröpfcheninfektion, es gibt aber schon Studien darüber, dass es sich in geschlossenen Krankenhausräumen mit einer hohen Viruspartikelanzahl auch in Raumluft halten kann, weshalb wir eine besonders hohe Schutzklasse benötigen.

"Das Gesundheitssystem in Madrid wurde seit Jahren ausgeblutet"

Wie ist die Lage derzeit in dem Krankenhaus, in dem Sie arbeiten?
Eduardo Ulloa: Das Infanta Sofía befindet sich am Rand des Kollapses. Die Notaufnahme quillt über. Der Wartesaal, wo eigentlich Angehörige warten sollen, wurde in einen Behandlungssaal verwandelt, wo Patienten auch bis zu 48 Stunden auf eine Untersuchung warten müssen. Der Raum ist nicht dafür ausgestattet, die Menschen sitzen lange auf Metallbänken und Metallstühlen. Es gibt keine freien Plätze im Krankenhaus, obwohl sogar schon der Raum für Krankengymnastik mit Betten belegt wurde. Unsere IPF hat normalerweise eine Kapazität von acht Betten. Sie wurde auf 24 in anderen Bereichen verdreifacht. Aber mit der hohen Zahl an Personal, das durch fehlenden Schutz infiziert wurde, fehlt immer mehr Personal. Es ist ohnehin eine Belegschaft, die schon auf das Minimum zusammengestrichen worden war. Es kann so nur noch sehr schlecht mit der Situation umgehen.
Hatten nicht Experten aus China vor einer solchen Situation gewarnt, und erklärt, es sei von zentraler Bedeutung, das medizinische Personal zu schützen?
Eduardo Ulloa: Klar. Und stellen Sie sich vor, dass hier in Madrid seit 2010 insgesamt 2000 Krankenhausbetten und 3000 Stellen mit der Ausrede der letzten Krise gestrichen wurden. Diese Betten und Beschäftigten fehlen uns jetzt. Man kann jetzt eilig versuchen, Personal wieder anzuwerben, aber es kann dann nicht die gleiche Leistung bringen. Jetzt braucht es Personal, das 100% Leistung bringt. Das kann man von einer neu eingestellten Person nicht verlangen. Die Leute müssen sich einleben, den Betrieb kennenlernen, die Abläufe erlernen, eingewiesen werden. Dafür fehlt die Zeit, weil falsch geplant wurde. Wir haben hier keine Gesundheitskrise, sondern eine Gesundheitskatastrophe, weil das System seit Jahren in Madrid ausgeblutet wird. Es kann nun nicht mehr angemessen reagieren.
Wie kommt es, dass die Notaufnahme überläuft, aber ganze Teile des Krankenhauses leer stehen?
Eduardo Ulloa: Hier steht konkret ein gesamter Abschnitt leer und ist ungenutzt. Das sind 6500 Quadratmeter auf drei Stockwerken, auf denen man 200 Betten unterbringen könnte. Als wir gefordert haben, den Abschnitt in Betrieb zu nehmen, wurde uns gesagt, das sei unmöglich, weil dafür Arbeiten notwendig wären. Das ist eine Ausrede, wenn gleichzeitig auf dem Messegelände Ifema ein Nothospital mit bis zu 5000 Betten aufgebaut wird, das nie als Hospital gedacht war, wo viele Versorgungsrohre zur Beatmung und andere Leitungen verlegt werden müssen. Das alles ist hier im Krankenhaus vorhanden. Der leere Abschnitt gehört einer Privatfirma, da es sich beim Infanta Sofía um ein Projekt mit Privatbeteiligung handelt.
Ungenutzte Abschnitte und Stockwerke gibt es in Madrid auch noch in anderen Krankenhäusern. Wäre es nicht angesichts dantesker Szenen an der Zeit, die zu konfiszieren und auszurüsten, um den Kollaps abzuwenden, anstatt ein Propagandaspektakel wie auf dem Messegelände Ifema zu veranstalten?
Eduardo Ulloa: Natürlich. Und die Investition dort ist kurzlebig. Das ist kein Hospital, sondern ein Messegelände. Wenn Geld investiert wird, dann sollte das auf die Zukunft ausgerichtet sein. Also sollte das Geld in die Einrichtung von Räumlichkeiten in Krankenhäusern fließen, die schon gebaut sind, um nachhaltig zu sein. Die können später weiter genutzt werden. Und dass wir mehr Kapazitäten brauchen, ist wohl mehr als deutlich geworden. Da die Regierung den Alarmzustand ausgerufen hat, müsste sie die Privatfirmen dazu zwingen, die verfügbaren Kapazitäten zur Verfügung zu stellen, um diese Katastrophe zu meistern.
Aber hat mit dem Alarmzustand Ministerpräsident Pedro Sánchez nicht vor mehr als zwei Wochen längst das bestimmt?
Eduardo Ulloa: Das ist richtig, aber es gibt Konfusion. Denn die Kontrolle haben die zuständigen Autonomieregierungen. Hier ist das die Regionalregierung in Madrid. Die müsste eigentlich dafür sorgen, dass die Kapazitäten genutzt werden. Die hat schon beim Bau der Hospitäler auf private Investoren gesetzt und will nun von dem Modell keinen Abstand nehmen. Es fehlt der Wille, die Möglichkeiten sind da.
Wäre es dann nicht angesichts dieser Katastrophe, die vielen Menschen derzeit das Leben kostet, an der Zeit, dass die Zentralregierung die Zügel in die Hand nimmt? Müsste Sánchez nicht über eine Zwangsverwaltung der von rechtskonservativen Parteien regierten Region nachdenken?
Eduardo Ulloa: Ich glaube, das wäre in diesem konkreten Fall angebracht. Ich weiß nicht, ob eine Zwangsverwaltung nach Paragraph 155 nötig ist, aber eine Verstaatlichung dieser privaten Kapazitäten ist nötig, um sie der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen, da wir sie in Madrid brauchen. Sie gehören ohnehin offiziell zum Madrider Gesundheitswesen. Diese Räume hätten nie in private Hand gelangen dürfen und müssten seit Jahren in Betrieb sein, wie immer wieder versprochen worden ist. Wir müssen das jetzt umsetzen, auch wenn es einen Monat dauern kann, die Bereiche in Betrieb zu nehmen. Denn auch in einem Monat werden wir diese Kapazitäten noch dringend brauchen. Die Leute befinden sich im Durchschnitt 28 Tage auf der Intensivstation und dann geht die Pflege in den normalen Bereichen weiter.

"Ich gehe davon aus, dass die realen Todeszahlen in Europa so erschreckend hoch sind, dass keine Regierung die realen Zahlen ermittelt"

Hat Spanien oder Madrid die Pandemie den Höhepunkt erreicht, wie es aus der Regierung tönt?
Eduardo Ulloa: Nein. So wie die Anforderungen an Schutzausrüstung angepasst wurden, wird auch die Zählung der Infizierten verändert. Seit einigen Tagen wird konkret hier in Madrid kein Test mehr bei den Leuten gemacht, die die typischen Symptome zeigen. Das sind nun Verdachtsfälle und keine bestätigten Fälle mehr. Wenn Madrid also die Daten an das Gesundheitsministerium übermittelt, sinken nun die Zahlen der Neuinfektionen stark. Aber sie fallen real nicht. Und es wird gegen die Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation gehandelt, die fordert: testen, testen, testen. Da in Deutschland mehr getestet wird, ist dort die Mortalitätsrate auch deutlich niedriger als in Spanien.
Bedeutet das, dass die Todeszahlen auch nicht mehr stimmen, die bisher eine verlässlichere Größe waren?
Eduardo Ulloa: Schon jetzt wurden bei diesen Zahlen die Toten nicht berücksichtigt, die zu Hause oder in Altenheimen gestorben sind, weil auch sie nicht getestet werden. Es wird einfach nicht geprüft, ob sie an Coronavirus gestorben sind. Also werden auch sie nicht mitgezählt. Das ist aber keine Exklusivität in Spanien, sondern passiert auch in anderen Ländern. Ich gehe davon aus, dass die realen Todeszahlen in Europa so erschreckend hoch sind, dass keine einzige Regierung die realen Zahlen ermittelt.
Wie bewerten Sie das bisherige Vorgehen der sozialdemokratischen Zentralregierung im Kampf gegen die Pandemie?
Eduardo Ulloa: Sie hat zu Beginn verheerend schlecht reagiert, da die Kontrolle wie hier der Regionalregierung überlassen wurde. Und die hat hier in Madrid rein gar nichts unternommen. Es wurde kein Material besorgt und kein Personal zur Verstärkung eingestellt, es wurden keine Tests gemacht. Madrid wurde zum Infektionsherd und damit hat man die erste Chance verspielt. Man konnte nicht ermitteln, wer wen ansteckt. Und die Ausrede, das sei unvorstellbar gewesen, was da kommt, zählt nicht. Es lagen nicht nur die Zahlen aus China auf dem Tisch, die vielleicht aus kulturellen und politischen Unterschieden anders gewertet werden. Es gab auch Daten aus Korea oder Italien. Letztere sind unsere Nachbarn und uns sehr ähnlich. Auch spanische Kollegen, die in Italien arbeiten, haben uns schon vor Wochen gewarnt. Als dann die Zentralregierung die Kontrolle übernahm, war das Problem schon so groß, dass wohl niemand mehr optimal damit umgehen konnte.
Hätte es geholfen, Madrid und andere Infektionsherde abzusperren, wie viele Experten frühzeitig gefordert haben?
Eduardo Ulloa: Sicher. Ich kritisiere vor allem hier die Regionalregierung, was die Zentralregierung aber nicht aus der Verantwortung nimmt. Es wurden viele Sachen schlecht und zu spät getan, auch wegen den wirtschaftlichen Auswirkungen. Aber dafür ist eine Regierung da, dafür hat sie Berater. Man muss in solch einer Situation mutig sein und Entscheidungen treffen, vor allem mit dem Beispiel Italien vor Augen. Die nun in Kraft getretenen Maßnahmen hätte man zu Beginn der Krise umsetzen müssen.

"Wenn das medizinische Personal über immer neue Infektionen ausfällt, wer behandelt dann die Kranken?"

Was erwarten Leute wie Sie, die in der vordersten Reihe stehen, von der Regierung jetzt?
Eduardo Ulloa: Ich kann Ihnen sagen, was wir fordern. Ich bin mir nur nicht sicher, dass in der jetzigen Situation irgendwer fähig ist, das auch umzusetzen. Wir fordern angemessene Schutzausrüstung, die aber auf dem Weltmarkt praktisch nicht auffindbar ist. Deshalb muss jetzt national die Produktion umgestellt werden, um die Versorgung vor Ort zu gewährleisten. Das braucht etwas Zeit und hätte auch längst eingeleitet werden müssen. Wenn das medizinische Personal über immer neue Infektionen ausfällt, wer behandelt dann die Kranken?
Sie stehen sicher in Kontakt mit Kollegen in anderen Krankenhäusern in Madrid. Wie stellt sich dort die Lage dar, kollabiert dort auch das System schon?
Eduardo Ulloa: Es gibt Hospitäler, in denen es noch schlimmer als bei uns ist. Im Infanta Sofía bezeichne ich die Lage als untragbar. Aber ich möchte nicht in der Haut von einigen anderen Kollegen stecken. Es gibt Krankenhäuser, wo 200 Menschen auf ein Bett warten und niemand weiß, wohin mit ihnen. Kranke liegen zum Teil auf den Gängen am Boden, weil es nicht einmal mehr Stühle gibt. Bisweilen müssen Ärzte schwerste Entscheidungen treffen, die sie sich nie vorgestellt haben, zum Beispiel wer beatmet wird und wer nicht. Es wird eine Kriegsmedizin angewandt.
Aber ich bin Krankenpfleger und kein Militär und das ist kein Krieg. Wir haben eine riesige moralische Last auf unseren Schultern, um nicht von den Patienten zu sprechen, die alleine sind, die keine Besuche empfangen dürfen. Wir überlassen aber im Krankenhaus niemanden einfach seinem Schicksal. Die Menschen werden hier gepflegt und behandelt, bis bisweilen das fatale Ergebnis unausweichlich ist. Es handelt sich aber oft nur um eine palliative und keine heilende Pflege.
Wir haben nicht die nötigen Mittel, um alle behandeln zu können, weshalb entschieden werden muss, wer größere Chancen zum Überleben hat. Das ist sehr hart. Und zudem ist es ein Horror für mich jetzt, hier in meinen vier Wänden eingeschlossen zu sein, während die Kollegen völlig überlastet sind und ich sie nun nicht unterstützen kann. Jetzt, wo ich vor allem Zeit habe, über die Sachen nachzudenken, ist das ein sehr schlechtes Gefühl. (Ralf Streck)