Das längste Experiment

Fast Halbzeit bei der Entdeckung der Langsamkeit

Am 30. September werden wieder die Ig-Nobelpreise vergeben. Ein langjähriger Kandidat für diese Ehrung ist im Foyer des Fachbereichs Physik der Universität Queensland in Brisbane, Australien, als atemberaubend langsames Experiment zu sehen - man sollte etwas Zeit mitbringen.

Thomas Parnell (1881-1948), der erste Physik-Professor der Universität Queensland, begann 1927 mit einem Experiment, das belegen sollte, dass selbst schnöde, uns täglich umgebende Materialien ziemlich überraschende Eigenschaften haben können. Parnell wählte Pech: schmelzbare Rückstände, die bei der Destillation von Naturstoffen oder von Teeren zurückbleiben und sich aus hochmolekularen cyclischen Kohlenwasserstoffen und Heterocyclen zusammensetzen.

Das Experiment zeigt, dass Pech, obwohl es sich fest anfühlt und unter Hammerschlag sogar brüchig zerfällt, bei Raumtemperatur eigentlich flüssig ist. Nur eben "etwas" zähflüssig. Wie sich herausstellte, rund 100 milliardenfach viskoser als Wasser.

Eines der längsten Experimente aller Zeiten und Völker - das Pechtropfenexperiment. Die 9V-Batterie am linken unteren Bildrand dient dem Größenvergleich. Bild: Universität Queensland, Australien

Beim Versuchsaufbau erwärmte Parnell eine Pechprobe und schüttete diese in einen Glastrichter mit verschlossenem Auslauf. Das Pech konnte sich einige Zeit in aller Ruhe absetzen, bevor dann 1930 mit der Öffnung des Auslaufs ungehemmtes Tropfen einsetzte. Der erste Tropfen fiel 1938. Nun kamen die Experimentatoren kaum mehr mit dem Zählen hinterher: 1947, 1954, 1962, 1970, 1979, 1988 und der vorläufig letzte 2000. Für die Zukunft sind sich weiter vergrößernde Zeitabstände zu erwarten.

In den nunmehr über 70 Jahren Experimentalzeit hat es allerdings noch niemand geschafft, den Tropfen selbst fallen zu sehen. Beim bisher letzten Tropfen erlitt der Speicher der Digitalkamera im entscheidenden Moment einen Amnesieanfall. Doch das ist nur eines der unvorhergesehenen Probleme des achten Tropfens. Während seiner Reifung beschloss die Universität die Anschaffung einer Klimaanlage. Dieses Ereignis stellte die jahreszeitlichen Wahrnehmungen des Tropfens auf den Kopf - er wurde der bisher mit Abstand größte. Als die Zeit für den Tropfenfall kam, wurde den Beteiligten bewusst, dass für eine komplette Trennung des Tropfens von der mütterlichen Pech-Menge die Distanz vom Trichterauslauf bis zum Boden des auffangenden Becherglases nicht ausreichen würde.

Was folgte, war laut Professor Mainstone, der Mitte der 70er Jahre die Obhut über das Experiment übernahm, ein "schreckliches ethisches Dilemma": Sollte der Tropfen einfach abgetrennt und der Trichter höher aufgehängt werden? Schließlich befand sich schon der neunte Tropfen in der Phase seiner Entstehung. Oder sollte Parnells Experiment unberührt bleiben? Da Kathedralen schließlich auch restauriert werden, entschied man sich für den Eingriff - in der Hoffnung, dass das Experiment nun noch mindestens weitere 100 Jahre andauern würde, das Wohlwollen der universitären Behörden vorausgesetzt.

Telepolis gegenüber versicherte Mainstone, dass die jährlichen Kosten des Experiments minimal seien - die Reparatur der Webcam dürfte Unsummen verschlingen. Weit größer ist der mediale Aufwand (Zeit!), denn ziemlich regelmäßig sind Fernseh- und Radiostationen, Zeitungen und Zeitschriften informativ zu verarzten. Parnell, dessen wissenschaftlicher Output ansonsten aus zwei Veröffentlichungen besteht, hat so etwas vollbracht, wovon Wissenschaftsadministrationen heutzutage nur träumen können. Die vielbesungenen "Zentren wissenschaftlicher Exzellenz" mit weltweiter Ausstrahlung sind scheinbar auch für wenig Geld zu haben (siehe Abbildung).

Sollte es auch in diesem Jahr nichts mit dem Ig-Nobelpreis werden - es besteht kein wirklicher Grund zur Eile. Noch nicht einmal die Hälfte der ursprünglichen Pechmenge ist ausgelaufen. Im Jahre 2003 erklärte das Guinness-Buch der Rekorde den Versuch zum am längsten andauernden Laborexperiment der Welt.

Da geht es in anderen Wissenschaftsbereichen vergleichsweise flott zu. 1999 erhielt Ahmed Zewail den (echten) Nobelpreis für Chemie für seine Leistungen auf dem Gebiet der Femtochemie. Mit Hilfe von ultrakurzen Laserblitzen (Zeitdauer in der Größenordnung von einigen Femtosekunden; eine Femtosekunde = 10-15 Sekunden) kann man die Bewegung von Atomen während chemischer Reaktionen sozusagen in Echtzeit verfolgen.

Die Ig-Nobelpreise werden jährlich vergeben; sie würdigen "Leistungen, die nicht wiederholt werden können und auch nicht sollten". Der Jury sollen neben ausgewiesenen Experten aller Forschungsrichtungen auch leibhaftige Nobelpreisträger angehören. Allen Gewinnern soll gemein sein, dass sie mit ihren gewürdigten Arbeiten Leute erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen - in der Welt von heute kein geringer Anspruch. (Bernd Schröder)