Das landgestützte US-Raketenabwehrsystem: Ein teurer Papiertiger?

Test im Dezember 2010, bei dem das EKV das Ziel verfehlte. Nach mehreren solchen Pannen wurde das Antriebssystem "verbessert". Bild: MDA

Nach vielen Pannen wurden die Kill Vehicles mit neuen Schubdüsen ausgestattet, die aber auch nicht zu funktionieren scheinen

Am 28. Januar meldete die für den US-Raketenabwehrschild (NMD) zuständige Pentagonbehörde Missile Defense Agency (MDA) wieder einmal einen erfolgreichen Test des "Ground-Based Midcourse Defense"-System (GMD) zur Abwehr von ballistischen Interkontinentalraketen. Die Idee des Raketenabwehrschilds geht auf Ronald Reagans SDI im Kalten Krieg zurück, weitergeführt wurde sie schließlich von George W. Bush, der dafür den ABM-Vertrag 2001 einseitig aufkündigte, was eine, wenn nicht die wichtigste Entscheidung war, die vor allem nach der Ankündigung, das Raketenabwehrsystem in Europa an der Grenze zu Russland zu installieren, zum gegenwärtigen Konflikt zwischen USA/Nato und Russland führte. Die US-Regierung gab vor, sich damit vor Angriffen aus Nordkorea und dem Iran schützen zu wollen.

Die Bush-Regierung setzte trotz des Kriegs gegen den Terror und den enormen Kosten die Entwicklung des Raketenabwehrsystems durch, das von Beginn an mit Problemen zu kämpfen hatte und bald die Kritik auf sich zog, relativ leicht durch manövrierbare Mehrfachsprengköpfe oder Attrappen ausgetrickst werden zu können. Das System basiert auf Radarstationen und Infrarotsensoren und dem Ground-Based Interceptor (GBI), also Raketen (booster vehicle), die die mit vier Triebwerken ausgestatteten Exoatmospheric Kill Vehicles (EKV) in den Weltraum bringen, die die Interkontinentalraketen durch Manöver ansteuern, treffen und allein durch den kinetischen Aufprall abschießen sollen.

Im Januar ging es nach der MDA um einen Flugtest, bei dem das Ziel nicht abgeschossen werden sollte. Vom Luftwaffenstützpunkt Vandenberg in Kalifornien wurde eine Rakete mit alternativen Triebwerk (alternate divert thruster) mit dem EKV gestartet, nachdem eine ballistische Mittelstreckenrakete von einem Flugzeug westlich von Hawaii abgeschossen worden war. Das seit 2011 eingeführte neue Triebwerk sollte die Probleme des alten beheben, das dafür verantwortlich gemacht wurde, dass das EKV das Ziel in den Tests immer wieder verfehlte.

Eine mobile Radarstation auf Hawaii und eine seegestützte Radarstation im Nordosten Hawaiis gaben die Koordinaten zur Verfolgung des Ziels nach Darstellung der MDA weiter. Das GMD-System habe die Daten erhalten und eine Lösung zum Abschießen des Ziels entwickelt. Der Test habe auch Techniken demonstriert, wie sich Abwehrmaßnahmen der Rakete, die abgeschossen werden soll, erkennen lassen. Die Abfangrakete sei dann gestartet und habe das EKV freigegeben, das dann Manöver mit alternativen Triebwerken von Aerojet Rocketdyne Inc. durchführte. Alles, wie gesagt, erfolgreich, so das Pentagon und die beteiligten Rüstungskonzerne wie Raytheon, der das EKA produziert, und Boeing, das für das Gesamtsystem verantwortlich ist.

Das Pentagon verkaufte den letzten Test im Januar als Erfolg

Nach einem Bericht der LA Times wurde einmal wieder getrickst. Es geht schließlich um ein Prestigeprojekt, mit dem man einen neuen Kalten Krieg provoziert hat, um die USA vor einem Angriff mit Atomwaffen zu schützen und die Alliierten unter den Schild zu bringen, durch den sie stärker an die USA gebunden werden. Und es geht um viel Geld. Milliarden wurden bereits in den Raketenabwehrschild investiert. Nach der LA Times funktionierte eines der Triebwerke nicht, was dazu führte, dass das EKA weit aus der vorgesehenen Bahn flog - und damit eine Rakete nicht hätte treffen können. Ursache könnte ein fehlerhafter Schaltkreis sein, der Strom von der Batterie an die Triebwerke weiterleitet. Schon vorher waren Tests daneben gegangen, obgleich die Flugbahn der angreifenden Rakete entgegen realistischen Bedingungen bekannt war. Jetzt sagten der Zeitung Pentagon-Wissenschaftler, die anonym bleiben wollten, dass der Test nicht erfolgreich war.

Die MDA räumte auf Anfrage ein, dass es tatsächlich Probleme gegeben habe, bzw. eine "Beobachtung", die aber mit dem neuen Triebwerk nichts zu tun habe. Man werde für den nächsten Test Korrekturen machen. Das klingt sehr nach Abwiegeln, zumal keine weiteren Details mitgeteilt wurden. Wie nah das EKA dem Ziel gekommen war, wurde als geheim eingestuft. Raytheon verwies auf die MDA, Aerojet Rocketdyne antwortete lieber gleich gar nicht.

Wieder einmal entsteht die Frage, ob das teure Raketenabwehrsystem die USA wirklich vor einem Angriff schützen könnte oder es eher ein Abwehrzauber ist, der strategische Bedeutung hat und ansonsten Steuergelder den Konzernen zukommen lässt. Das seegestützte Raketenabwehrsystem (Aegis Ballistic Missile Defense System - Aegis BMD), das mit ebenfalls von Raytheon gebauten SM-3-Raketen arbeitet, ist hingegen erfolgreicher. Die Raketenabwehrstütztpunkte in Rumänien und Polen werden mit SM-3-Aegis-Abfangraketen ausgestattet.

Exoatmospheric Kill Vehicles . Bild: Raytheon

Schon 2013 gab es mit dem GMD bei einem Bodentest Probleme mit dem neuen Triebwerk der EKVs, mit dem eigentlich alle neuen 14 neuen Kill Vehicles ausgestattet werden sollten, die man in Fort Greely installieren wollte. Also stattete man 4 mit dem alten Triebwerk aus und nur 10 mit dem neuen. Die 30 bereits installierten behielten das alte Triebwerk, das mit die Ursache für die Pannen bei den Abschusstests war.

Im Hintergrund steht, dass die MDA, auch welchen Gründen auch immer, die Zahl der Abfangraketen auf 44 in Fort Greely und auf der Vandenberg Air Force Base erhöhen wollte. Deswegen war es so eilig, die neuen Triebwerke zu entwickeln und die GBIs trotz Bedenken, die auch vom Government Accountability Office (GAO) geäußert wurden, damit auszustatten. Das GAO kritisierte bereits 2015 die übereilte Beschaffung, wobei man auch nicht nach der günstigsten Lösung gesucht hatte, und fehlende Tests. Seit 2002 sind bis 2016 mehr als 123 Milliarden US-Dollar in das Raketenabwehrsystem investiert worden. Bis 2020 sind weitere Ausgaben in Höhe von 38 Milliarden US-Dollar geplant.

Daher war der Test im Januar wichtig, selbstverständlich auch das Ergebnis, das erfolgreich sein musste, um der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Einen Tag vor dem Test erklärte der MDA-Chef, der Vizeadmiral James Syring, das primäre Ziel sei es, das neue Triebwerk "voll zu testen", um zu überprüfen, ob das Redesign das "fundamentale Problem" gelöst hat. An dem Test waren hunderte Techniker und andere Mitarbeiter auf verschiedenen Schiffen und Stützpunkten beteiligt. Land- und seegestützte Radarsysteme waren im Einsatz, das Meer und der Luftraum wurden großflächig für kommerzielle Schiffe und Flugzeuge gesperrt. Der Test, bei dem das EKV mit dem neuen bzw. redesignten Triebwerk verschiedene Manöver ausführen sollte, kostete 250 Millionen US-Dollar.

Aber nach Pentagon-Wissenschaftlern, so die LA Times, fiel eines der Triebwerke aus, weswegen das EKV vom Kurs abkam. Dennoch wurde von der MDA und den beteiligten Konzernen in Pressemitteilungen, die teils bereits vor dem Test von der MDA gebilligt worden waren, schnell der Erfolg gemeldet. Noch im April sagte Syring vor dem Streitkräfteausschuss des Repräsentantenhauses, dass der Test erfolgreich ausgeführt wurde. Gefragt wurde er nicht, wie die Triebwerke funktionierten, weswegen er nicht einmal schwindeln musste, denn der Test selbst ließe sich ja als erfolgreich bezeichnen. Auch im Senat sprach er vom erfolgreichen Test.

So soll das künftige Multi-Object Kill Vehicle (MOKV), mit dem man überhaupt erst wirklich drohende Gefahren von Interkontinentalraketen mit Attrappen und mehreren Sprengköpfen abwehren könnte - falls es funktioniert. Bild: Raytheon

Im Februar legte die GAO einen neuen Bericht vor, der aber die Abgeordneten auch nicht interessiert zu haben scheint. Darin wird festgehalten, dass die Raketenabwehr mit den GMD-Abfangraketen und teilweise mit den neuen Triebwerken ausgestatteten EKV bestenfalls einen begrenzten Schutz vor einem einfachen nordkoreanischen oder iranischen Raketenangriff bieten würde. Bislang seien die GMD Flugtests nicht in der Lage gewesen zu demonstrieren, dass eine "operational nützliche Verteidigungskapazität" besteht.

Das ist sehr vorsichtig ausgedrückt, heißt aber letztlich, dass nicht bekannt ist, ob das der Raketenabwehrschild für die USA überhaupt einen Schutz bietet. Die Erhöhung der Zahl der Abfangraketen von 30 auf 44 bis Ende 2017 soll nach dem Pentagon die Sicherheit erhöhen. Das GAO erklärt noch einmal vorsichtig, dass der Zeitplan "äußerst optimistisch und aggressiv" im Hinblick auf Entwicklung und Tests sei. Ende April monierte GAO in einem weiteren Bericht die riskante Beschaffungsstrategie und ausstehende Tests. Zwischen 2010 und 2015 seien 40 Prozent der geplanten Flugtests verschoben oder aufgegeben worden.

2017 sollen die Tests mit dem Multi-Object Kill Vehicle (MOKV) beginnen. Mit dem Konzept wurde 2015 ebenfalls Raytheon beauftragt und erhielt dafür 10 Millionen US-Dollar. Obgleich schon die einfachen AKVs kaum ihre einfachen Ziele treffen können, sollen die MOKVs gleich mehrere Sprengköpfe oder Attrappen im Weltraum zerstören können. 2009 war die Entwicklung eines Multiple Kill Vehicle (MKV) eingestellt worden, bei dem mehrere kleine KVs von der Trägerrakete gegen Ziele gestartet werden sollten. (Florian Rötzer)