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"Das liberale Kapital spaltet Ukrainer und Russen"

Jewgenia Biltschenko. Bild: Ulrich Heyden

Die ukrainische Schriftstellerin Jewgenia Biltschenko hält Vorlesungen über Psychoanalyse und will eine ukrainisch-russische Verständigung von Unten aufbauen

Das folgende Interview mit Jewgenia Biltschenko entstand auf der Leipziger Buchmesse. Dort stellte die 38-jährige Schriftstellerin und Professorin für Kulturwissenschaftler ihre beiden neuen Bücher vor. Biltschenko lebt in Kiew. Sie lehrt an der Pädagogischen Universität und an der Akademie für Kunst. 2014 gehörte sie zu den Unterstützerinnen des Maidan. Seit drei Jahren steht sie in Opposition zur Regierung in Kiew.

Was erwarten Sie von den Präsidentschaftswahlen?
Jewgenia Biltschenko: Ich habe den Eindruck, dass der Westen versucht, das Projekt Ukraine zu ändern, von einer nationalistischen in eine national-liberale, etwas weichere Variante. Dafür braucht man Personen wie Wladimir Selenski. Die Alternativ-Kandidaten unterscheiden sich nicht sehr von Poroschenko, was ihre Russophobie betrifft. Aber sie sind nicht so merkwürdig.
Wem werden Sie bei der Wahl Ihre Stimme geben?
Jewgenia Biltschenko: Ich wollte den Kandidaten Jefgeni Muraejw wählen (Rada-Abgeordneter und Unternehmer, der den oppositionellen Fernsehkanal NewsOne finanziert, Anm. U.H.). Aber er hat seine Kandidatur zurückgezogen. Jetzt werde ich wahrscheinlich für Selenski stimmen. Das mache ich wegen meines Wunsches nach Frieden. Ich hoffe, dass es unter ihm keine weiteren sakralen Opfer geben wird.

"Sie glauben, dass sie für eine gute Sache kämpfen"

Was meinen sie mit sakralen Opfern?
Jewgenia Biltschenko: Das sind Romantiker, die ehrlich an etwas glauben. Das sind Menschen, die auf dem Maidan und bei der Antiterroristischen Operation im Donbass gestorben sind. Das sind Romantiker, die glauben, die Armee von Putin hat den Donbass besetzt, obwohl das nicht stimmt. Diese Menschen meinen von sich, dass sie ein gutes Ziel verfolgen, dass sie das Land verteidigen. Aber in Wirklichkeit schießen sie nicht auf die Armee von Putin, sondern auf einfache Leute wie sie selbst.
Wie wird der Konflikt gelöst werden?
Jewgenia Biltschenko: Ich glaube, dass Russland und die USA ihre Einflusssphären aufteilen und der Donbass zu einer grauen Zone wird wie Transnistrien (spaltete sich 1990 von der Moldauischen Sowjetrepublik ab).
Wird sich die Situation in der Ukraine stabilisieren?
Jewgenia Biltschenko: Es wäre sehr gut, wenn sich die Situation in der Ukraine stabilisiert. Aber wir haben keine Wahl. Es ist als ob man nur zwischen zwei schlechten Sorten eines schlechten Stoffes wählen kann, zwischen Nationalismus und Liberalismus. Die Liberalen benutzen die Nationalisten, um die Menschen einzuschüchtern. Danach werden die Nationalisten beseitigt und an ihre Stelle kommen die Liberalen.
Man hält die Ukraine von außen in einem Zustand des Chaos, des Liberalismus und des Informations-Schocks. Der ukrainische Geheimdienst SBU wird vollständig vom CIA kontrolliert. Der CIA kontrolliert auch das Bildungswesen, wo die amerikanische Linie durchgesetzt wird. Das ist keine Unabhängigkeit. Wir sind Sklaven der westlichen Welt.
Sie haben in einer Diskussion gesagt, es gäbe vier Etappen in ihrem Leben. Was waren das für Etappen?
Jewgenia Biltschenko: Weil ich sehr früh promoviert habe und in der Lehre tätig bin, bin ich sehr eng mit dem Leben der Studenten verbunden. 2013 begann meine Maidan-Etappe. Sie endete mit der Tragödie in Odessa (Brand im Gewerkschaftshaus, Anm. U.H.). Da habe ich verstanden, dass die Nationalliberalen sich irren. Die zweite Etappe in meinem Leben war eine militärische. In der Ukraine gibt es eine russophobe Propaganda. Die offizielle Position unserer Macht ist, dass Russland uns angegriffen hat. Ich war als Freiwillige im Krieg.
Wo waren Sie genau?
Jewgenia Biltschenko: Ich war auf der ukrainischen Seite, aber ich habe mit der örtlichen Bevölkerung gesprochen. Als Schriftstellerin habe ich mit dem Donbass schon länger zu tun. Je mehr ich mit der örtlichen Bevölkerung gesprochen habe, desto klarer wurde mir, dass die Ukraine sich aggressiv gegenüber ihrer Bevölkerung verhält. Deshalb habe ich mich völlig vom ukrainischen Regime und vom ukrainischen Kurs losgesagt. Schon mehr als drei Jahre lebe ich als Oppositionelle in der Ukraine.

"Ich war kein Mitglied des Rechten Sektors"

In Wikipedia liest man über Sie, dass sie Mitglied des Rechten Sektors waren.
Jewgenia Biltschenko: Nein, ich war kein Mitglied. Das ist eine falsche Information meiner Opponenten. Ich war als Freiwillige an der Front in der Ostukraine. Dort habe ich Soldaten mit sehr unterschiedlichen Einstellungen getroffen. Enge Freunde von mir und meine Studenten waren an der Front. Sie haben gekämpft oder haben als Sanitäter gearbeitet. Es gab keine Medikamente und keine Nahrungsmittel. Viele von ihnen sind gestorben.
Schrecklich!
Jewgenia Biltschenko: Ja, noch schrecklicher ist, wenn eine Mitarbeiterin von der medizinischen Soforthilfe, welche jemandem das Leben gerettet hat, im Krankenhaus an einer Verletzung beider Lungenflügel stirbt und man ihr ein Beruhigungsmittel spritzt.
Der Professor an meiner Fakultät in Kiew hatte mir Geld gegeben. Danke dafür. Aber ich habe geweint und geschrien: Haut ab, ihr Liberalen! Danach schloss er mich aus dem Rat der Professoren aus. Der Grund war, dass ich die bestellte Doktorarbeit zum Thema "Kritik der russischen Welt" nicht schreiben wollte. Der Professor ist Mitarbeiter der ukrainischen Sicherheitsstrukturen. Aber das ist lange her. Seitdem haben wir nichts mehr miteinander zu tun.
Was sind ihre Eindrücke von ihrer Reise in Europa?
Jewgenia Biltschenko: Das Schicksal der Ukraine interessiert in Europa im Grunde niemanden. Die Vertreter des westlichen Liberalismus wollen die Ukraine in eine Agrar-Enklave und den Staat in eine Waffe des freien Marktes verwandeln. Das Schreckliche ist, dass auf diesem Weg ein nationalistischer Staat entsteht. Prag, Leipzig, Berlin, überall gibt es die Zensur der Liberalen. Den Antiglobalisten gibt man nur wenig Raum.
Was haben sie gemacht, als sie aus dem Donbass zurückkamen?
Jewgenia Biltschenko: Ich hatte noch eine dritte Etappe. Ich war sehr eng verbunden mit den Linken. Doch die linken Kräfte haben in der Ukraine nur sehr wenig Anhänger. Ein Teil von ihnen - die linken Liberalen - unterstützen offen die ukrainische Macht. Diese Leute beschäftigen sich mit jeder beliebigen Frage außer der wichtigsten, welche sich um die Menschen in der Ukraine sorgt. Sie beschäftigen sich mit dem Tierschutz und der Ökologie und den LGTB-Pride-Märschen, mit all diesen zweitrangigen Fragen, die mit dem sogenannten Multikulturalismus zusammenhängen.
Es gibt aber auch alte, konservative Linke. Sie haben eine sehr dogmatische Rhetorik, und es sind nicht sehr viele. Für die Jugend sind sie schon nicht mehr interessant.
Meine vierte Etappe - und da sehe ich die größte Perspektive - sind friedensstiftende Reisen nach Russland und Versuche, Ukrainer und Russen mit Poesie und Kunsttherapie zusammenzubringen. Denn wir haben nicht nur einen Bürgerkrieg, sondern auch einen Hybrid-Krieg. In diesem Krieg haben die USA eine aktive Rolle. Ich bin der Meinung die Ukrainer und Russen müssen sich vereinen, um die Globalisierung zu stoppen.

"Nicht alle Ukrainer sind vom Nationalismus verrückt geworden"

Warum müssen sich gerade Russen und Ukrainer zusammenschließen?
Jewgenia Biltschenko: Weil das eine Zivilisation ist. Russen und Ukrainer haben die gleichen geistigen Wurzeln und eine Tradition. Leider haben wir jetzt einen Konflikt zwischen dem Westen und dem Osten. In Laufe dieses Konfliktes gibt es auf beiden Seiten sakrale Opfer. Mein Interesse ist es, die einfachen Menschen - unter den Russen wie den Ukrainern - zu schützen und unsere Zivilisation wiederaufzubauen.
Alles, was ich als Schriftstellerin tun kann, ist von unten zu arbeiten, die Herzen der Menschen anzusprechen, damit die Ukrainer verstehen, dass die Russen keine Aggressoren sind, die Ukrainer nicht hassen und dass sie sich nach den Ukrainern sehnen. Die Russen wiederum müssen verstehen, dass wegen des Nationalismus nicht alle Ukrainer verrückt geworden sind. Sie müssen verstehen, dass es in der Ukraine noch normale Leute gibt, die bereit sind, sich zu ändern, sich weiterzuentwickeln und Fehler zu bereuen.
Womit beschäftigen Sie sich?
Jewgenia Biltschenko: Ich halte Vorlesungen zur Psychoanalyse, zur Faschisierung des Bewusstseins, zur Befreiung des Bewusstseins von jedem System. Ich beschäftige mich mit sozialphilosophischen Fragen und Politologie. Ich bin Schriftstellerin.
Und das alles wird zugelassen?
Jewgenia Biltschenko: Zu den brennendsten Fragen kann ich in Kiew leider keine Vorlesungen halten. Aber ich kann solche Vorlesungen im privaten Kreis halten. Vor kurzem habe ich eine Monographie zum faschistischen Bewusstsein herausgegeben. Ein russischer Professor hat mir dabei geholfen. In der Westukraine, in Wolhynien, gelang es mir, ähnliche Veröffentlichungen herauszugeben. Dort verhielt man sich sehr tolerant.
Solche Veröffentlichungen sind in der Westukraine möglich?
Jewgenia Biltschenko: In der Westukraine leben sehr viele Russinen (in Transkarpatien, im Südwesten der Ukraine lebt die Volksgruppe der Russinen. Ihr gehören 400.000 Menschen an, Anm. U.H.). Das sind Menschen, die zur russischen Kultur gehören. Die Russinen wollen Frieden und sie sympathisieren mit Anti-Kriegs-Ideen. Dazu gehören auch Leute wie der Journalist Ruslan Kotsaba, der wegen eines pazifistischen Videos in Haft saß, ungeachtet der Tatsache, dass er aus der Westukraine kam und sogar Leiter eines Stepan-Bandera-Museum war. Heute gehört er zu den Linken.
In der West-Ukraine leben also nicht nur Bandera-Anhänger, wie viele meinen?
Jewgenia Biltschenko: Die Nationalisten haben jetzt ihre Heimat in der Westukraine verlassen. Radikale Nationalisten leben jetzt in Odessa - wo sie einen Auftritt von mir verhindert haben - und in Charkow und Dnjepropetrowsk. Sie versuchen den Südosten der Ukraine vollständig zu kontrollieren. In der Westukraine nahm die nationalistische Stimmung ab, weil die Nationalisten weiter nach Osten gezogen sind.
In der Westukraine beschäftigt die Menschen heute vor allem eine Frage: Wie man Geld verdienen kann. Die Menschen in der Westukraine sind sehr individualistisch, proeuropäisch. Sie unterstützen mehr den europäischen Liberalismus als den Nationalismus. Sie verstehen nicht, dass diese beiden Systeme zusammenhängen.

"Wir reden über das Leben der Menschen auf beiden Seiten der Barrikade"

Kaum vorstellbar, dass das alles in Kiew erlaubt ist…
Jewgenia Biltschenko: Ich halte Vorlesungen über den Frieden. Ich verletze die Gesetze nicht. Wir reden nur über den Humanismus. Wir reden über das Leben der Menschen auf beiden Seiten der Barrikade, die durch eine Zivilisation verbunden sind.
Auf einer meiner Veranstaltungen vor drei Tagen in Kiew war zum Beispiel ein Kämpfer der Antiterror-Operation, der online mit jemandem von der Opoltschenije (Kämpfer in den "Volksrepubliken", Anm. U.H.) in Kontakt getreten ist. Sie haben eine gemeinsame Sprache gefunden. Denn im Grunde wollen die Menschen Frieden. Keinen Frieden wollen die Politiker, welche die Menschen auf beiden Seiten der Barrikade gegeneinander aufhetzen. Das transnationale Kapital, das System der USA zur Kontrolle des freien Marktes, nutzt diese Politiker, welche die Menschen gegeneinander aufhetzen.
Auf meinem Anti-Kriegs-Festival in Kiew, anlässlich des von der UNESCO begangenen Internationalen Tages der Gedichte am 21. März waren 200 Menschen. Alle wussten, dass der Leiter des Festivals aus St. Petersburg kam. Es kamen Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen, Linke und Rechte, Nationale und Internationale. Ich habe versucht, den Besuchern zu erklären, dass man uns extra in Linke und Rechte spaltet, um in der Ukraine einen Bürgerkrieg zu initiieren.
Was verbindet Ukrainer und Russen?
Jewgenia Biltschenko: Die Sprache, das zivilisatorische Gedächtnis, die Geschichte, der Glaube - ich bin russisch-orthodox - und natürlich Rerich (Nikolai Rerich, russischer Maler und Philosoph 1874 bis 1947, der sich stark mit dem Buddhismus beschäftigte, Anm. U.H.). Das sind unsere kulturellen Traditionen, die man jetzt dem Amerikanismus opfert.
Wie geriet die Ukraine unter den westlichen Einfluss?
Jewgenia Biltschenko: In der Ukraine wird seit den 1980er Jahren der Plan von Zbigniew Brzezinski umgesetzt. Ich bin kein Anhänger der Kreml-Politik. Aber ich habe das Buch von Brzezinski gelesen. Er hat die Erde in ein Schachbrett aufgeteilt. Brzezinski hat nicht verschwiegen, dass er um Russland einen russophoben Gürtel aufbauen will. Wie kann man diesen Gürtel aufbauen?
Man braucht einen Mechanismus um den freien Markt einzuführen. Dieser Mechanismus ist der Nationalismus. Viele unserer Politiker, Juschtschenko, Kutschma, Krawtschuk und sogar Janukowitsch ermunterten die Nationalisten. Sie dachten, es wird schon nicht so schlimm kommen. Aber als der Maidan begann, wurde klar, dass man Menschen wie mich als sakrale Opfer missbrauchte. Ich glaube sogar, dass man den Donbass als sakrales Opfer missbraucht.
Wer missbraucht?
Jewgenia Biltschenko: Ich glaube alle, Amerika und Russland. Denn die globalen Systeme teilen ihre Einflusssphären auf.

"Europa versteht die Situation in der Ukraine und in Russland nicht"

Treten Sie im westlichen Ausland auf?
Jewgenia Biltschenko: Ich bin in Berlin und Prag und aufgetreten. Die russische Diaspora empfängt mich sehr gut. Mit den Europäern habe ich Probleme. Die Europäer verstehen die Situation in der Ukraine und in Russland nicht. Sie verhalten sich gleichgültig. Sie sind geprägt von der Konsumgesellschaft, wo nur Geld zählt. Dass Menschen sterben, interessiert sie nicht. Deshalb wollen sie heute nichts dazu beitragen, dass in der Ukraine Frieden herrscht.
Spüren Sie Druck von Seiten des Geheimdienstes SBU?
Jewgenia Biltschenko: Einmal hat man ein prophylaktisches Gespräch mit mir geführt. Ich habe ihnen gesagt, öffnen sie meine elektronische Post und gucken sie, worüber wir uns unterhalten. Wir unterhalten uns über das Internet über den Frieden, über Gott und über Gedichte.
Meine Vorgesetzten auf der Arbeit machen Druck. Antiglobalistische Texte kann ich dort nicht schreiben. Über das Internet bekomme ich ständig Drohbriefe. Man sagt ich sei ein Volksfeind, ein Agent des Kreml, und werde so enden wie Oles Busina (der Russland-freundliche Schriftsteller wurde im April 2015 - vermutlich von Rechtsradikalen - ermordet, Anm. U.H.). Ich lebe schon drei Jahre so und habe mich schon daran gewöhnt. Und alle, die solche Dinge machen wie ich, leben so. Wir sind mehr, als man denkt. Es gibt Hoffnung. Wir müssen einfach weitermachen und dürfen uns nicht unterkriegen lassen.
Was ist Ihr Traum?
Jewgenia Biltschenko: Mein Traum ist, dass der Krieg aufhört und die beiden Seiten aufhören, einfache Menschen zu opfern. Während wir hier miteinander reden, wird die Stadt Gorlowka (in der "Volksrepublik Donezk", Anm. U.H.) beschossen. Und uns geht es gut. Hier ist alles angenehm. Ich kann das nicht aushalten. Und ich will, dass die Politiker, die streiten, verstehen, dass wegen ihrer staatlichen Ziele und geopolitischen Absichten in erster Linie friedliche Menschen des Donbass sterben. Das sind Menschen, die man zu Feinden erklärt hat. Wir haben ukrainische Ukrainer und russische Ukrainer. Letztere wurden zu Feinden erklärt. Die Weltgemeinschaft muss diesen Menschen helfen. Sie befinden sich im Zentrum schrecklicher Ereignisse.

Die letzten Bücher von Jewgenia Biltschenko:

Sestra, Verlag Seria Textum @Raneum, Kiew 2018. (Gedichte über eine junge Frau aus Kiew, deren beide Brüder auf verschiedenen Seiten der Barrikade kämpfen)

Tagebuch einer Abtrünnigen, Verlag Slowo, Charkow, 2019 (Das Buch handelt von den Erfahrungen der Schriftstellerin als Dissidentin in der Ukraine und ihren Reisen nach Russland)


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