Das männliche Dauerhoch

Zehn Jahre Viagra

Jack Nicholson soll gesagt haben: „Viagra nehme ich nur, wenn ich mit mehr als einer Frau zusammen bin.“ Dies beschreibt das Wirkungsspektrum der Potenzpille schon recht gut, denn Männern mit Erektionsstörungen hilft sie dabei Höhe zu halten – Männer ohne Probleme beschreiben das Phänomen, welches der Volksmund gemeinhin „Dauerlatte“ nennt, als eher lästig. Vor zehn Jahren brachte der Pharma-Konzern Pfizer Viagra auf den Markt. Es folgte eine pharmakologisch-sexuelle Revolution, wie sie seit der empfängnisverhütenden „Pille“ nicht mehr gesehen worden war. Zeit für einen Streifzug durch eine seither veränderte Landschaft.

Die Scham der Impotenz bringt Männer seit jeher um den Schlaf, gilt Sex doch als Kitt oder gar Grundlage jeder Beziehung. Mit Viagra scheinen sich solche Probleme erledigt zu haben. Das Medikament bringt in manches erschlafftes Verhältnis die Spannung zurück. Das zeigt schon der Verkaufserfolg. Im April 1998 kam das Mittel in den USA auf den Markt, innerhalb der nächsten vier Wochen unterschrieben Ärzte mehr als 300.000 Viagra-Rezepte. Schnell entwickelte sich das Medikament zum Blockbuster und setzte mehr als 1 Milliarde Dollar im Jahr um.

In dem Jahrzehnt seit der Einführung 1998 nahmen mehr als 30 Millionen Menschen in 120 Ländern Viagra. Millionen weitere haben es sich über das Internet oder auf dem Schwarzmarkt besorgt. Ein Milliardengeschäft für Pfizer. Da das Patent auf den Viagra-Wirkstoff Sildenafil erst 2011 ausläuft, wird man bis dahin weitere Milliarden Euro umsetzen. Denn obwohl sich die ganz große Aufregung um Viagra gelegt hat, nimmt Pfizer weiterhin viel Geld mit dem Stoff ein: 2007 gab das Unternehmen an, im vorangegangen Jahr weltweit blaue Pillen im Wert von 1,7 Milliarden Dollar verkauft zu haben. Sechs Prozent mehr als im Vorjahr.

Dazu kommt: Wer über Viagra spricht, muss auch über Cialis reden. Aufgrund des Erfolgs von Viagra brachte der Pharma-Konzern Eli Lilly 2003 ebenfalls einen Erektionshelfer in die Apotheken. Wie Viagra wirkt auch Cialis als PDE-5-Hemmer. Das Enzym PDE-5 ist im Normalfall dafür verantwortlich, dass eine Erektion wieder abgebaut wird. Durch die Hemmung von PDE-5 kommt das männliche Glied daher bei einer sexuellen Stimulation leichter in Wallung. Und: Dieser Zustand hält auch länger an. 2006, so Lilly, nahm man mit dem Cialis 971 Millionen Dollar ein.

Damit nicht genug: Mit Levitra von Bayer und GlaxoSmithKline ist ein weiteres Erektionsmedikament auf dem Markt. Die Konzerne wollten ebenfalls Blockbuster-Spitzenumsätze generieren. Man setzte 2004 aber nur 200 Millionen Euro um. Ein Problem: Der globalisierte Markt führt dazu, dass die Menge der aus dem europäischen Ausland nach Deutschland eingeführten Pillen stetig ansteigt. Heutzutage stammt jede fünfte Potenzpille, die in deutschen Apotheken verkauft wird, aus dem sogenannten Parallelimport. Im deutschen Erektionsmarkt führt Cialis vor Viagra und Levitra. Insgesamt, so der der Pharma-Dienst IMS Health, wurden 2007 rund zwei Millionen Packungen in deutschen Apotheken verkauft, der Umsatz betrug knapp 117 Millionen Euro. Die Marktanalysten mokieren sich über den seit ein paar Jahren stagnierenden Markt.

Die drei Hersteller begnügen sich daher schon lange nicht mehr damit, auf wissenschaftliche Studien der Wirksamkeit hinzuweisen und das Vertrauen der Ärzte zu setzen. Pfizer beispielsweise gibt jährlich zwischen 50 und 100 Millionen Dollar für Viagra-Marketing aus. Laut Analysehaus Nielsen sind dies 61 Prozent mehr als Lilly für Werbung ausgibt. Die Aids Healthcare Foundation hat einen verzweifelt anmutenden Versuch unternommen und den Viagra-Hersteller Pfizer verklagt, weil das Unternehmen aus Sicht der Organisation durch aggressive Werbung bewusst die Reputation einer Party-Droge gefördert und so die Aids-Epidemie vorangetrieben hätte.

Gestützt durch eine massive Werbekampagne herrschte in den ersten Jahren nach Einführung von Viagra ein medialer Rummel um die Substanz. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Bob Dole warb für Viagra, andere Prominente stellten sich ihm an die Seite. Playboy-Urgestein Hugh Hefner sprach von einem Lebenselixier. Die Wirtschaftsweisen von Morgan Stanley prophezeiten einen Umsatz von 2,6 Milliarden Dollar in 2000, Gruntal & Company gingen noch weiter, die Börsenexperten prophezeiten 4,5 Milliarden Dollar in 2004. Die Welt war für kurze Zeit im Viagra-Fieber.

Aus heutiger Sicht positiv: Plötzlich war Impotenz aus der gesellschaftlichen Schattenecke heraus geholt. Potenzprobleme, vor allem aber ihre schnelle Beseitigung, waren probates Party-Gespräch. Zwar zeigte sich, dass das Medikament nicht luststeigernd war, aber das schien den meisten Männern zunächst egal. Denn, so die einfach- funktionale Schlussfolgerung, steht erst einmal der Kolben, ergibt sich der Rest wie von selbst.

Nicht alle waren begeistert. Einige US-Krankenversicherungen weigerten sich sofort, die Kosten für eine Viagra-Behandlung zu übernehmen. Man mutmaßte, dass hier nur Männer im besten Alter ihren Spaß haben wollten, ohne wirklich unter erektiler Dysfunktion zu leiden. Die auf den Plan gerufenen Kulturkritiker wiesen auf Krankheitserfindung und das Problem der Lifestyle-Drogen hin. Aber zu spät, Viagra war bereits in die Kultur eingedrungen.

Die Auswirkung des Viagra-Hypes lassen sich bis heute nicht zuletzt daran ablesen, dass eine ganze Spam-Generation auf den Durchblutungs-Versprechungen basiert. Selbst der unbedarfteste Outlook-User weiß, was gemeint ist, wenn er „Vi$gra“ im Betreff liest. Die Substanz ist weltweit das bekannteste Medikament. Aber eben weitaus nicht die am häufigsten verkaufte. Zum Vergleich: In den USA werden Potenzmittel jährlich an die 20 Millionen Mal verschrieben, Knochenschwundmittel schon 40 Millionen Mal und Antidepressiva über 100 Millionen Mal.

Erst mit der Zeit kristallisierten sich weitere Phänomene heraus: Durch Viagra gestärkt fühlen sich manche Männer berufen, ihren zweiten Frühling einzuläuten, jüngere Frauen sind dann das Ziel des Begehrs. Das pharmazeutisch induzierte Selbstbewusstsein führt zu geschürter Krisenstimmung in der Ehe oder gar zu Untreue.

Der Guardian berichtet, dass es in den USA immer wieder zu Scheidungen kommen soll, weil der graumelierte Herr sich noch einmal zu Höherem berufen fühlt. Unklar bleibt, ob hier nur der eh herrschende Ehefrust auf die Wirkung der Potenzpille abgeschoben wird. Fast wie eine Meldung aus der Titanic mutet der im selben Artikel geäußerte Trend an, in Floridas Altersheimen hätten die Geschlechtskrankheiten zugenommen, weil die rüstigen Rentner sich nach Viagra-Konsum an Prostituierte wandten. Wenn ältere Männer Viagra konsumieren, dann bereitet das der Ärzteschaft nicht nur wegen der möglichen Nebenwirkungen des Medikaments und des Verkehrs Sorgen. Denn Erektionsstörungen können auch erstes Zeichen allgemeiner Durchblutungsstörungen sein.

Nach einer Studie der Universität Köln haben in Deutschland vier bis fünf Millionen Männer Probleme mit der Erektion. Warum bleibt oft unklar. Der ehemalige Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft am Klinikum der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Volkmar Sigusch, sagte 2002: „Die einen sagen, 90 Prozent aller sexuellen Störungen hätten einen psychologischen Hintergrund, die anderen sagen, 90 Prozent hätten eine organische Ursache.“ Es ist wahrscheinlich wie so oft: Richtig eingesetzt kann Viagra oder eine anderes Liebesmittel die sexuelle Beziehung eines Langzeitpaares durchaus stimulieren. Eine schlechte Ehe wird es indes nicht retten können.

Auf der kulturellen Ebene fällt Viagra in eine funktionsorientierte, konsumwütige Gesellschaft. In dieser Hinsicht hat Viagra sicher dafür gesorgt, dass Männer das Gefühl haben, immer und überall können zu müssen. Und wie von jede Droge kann man selbstverständlich auch von Viagra abhängig werden. Durch die britische Presse wurde 2006 die Geschichte des 10ten Earl of Shaftesbury geschleppt, der durch Viagra und Alkohol von einem freundlichen alten Mann zum Schürzenjäger an der Riviera geworden sein soll.

Es wurde angenommen, dass der demographische Wandel den Markt für Potenzmittel weiter beflügeln wird. Noch steht aber nicht fest, ob die Generation 60 plus ein ausgewiesenes Interesse an der Beibehaltung oder Wiederbelebung ihrer sexuellen Aktivität hat. Viele ältere Paare sind mit penetrationslosen Zärtlichkeiten durchaus zufrieden.

Weiterhin ist unklar, welche zukünftige Rolle Viagra & Co. als Lifestyle-Drogen bei den unter 50-Jährigen spielen werden. Zum einen sind Potenzpillen fast überall verschreibungspflichtig, zum anderen muss der Patient sie aus eigener Tasche bezahlen, denn die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur in Ausnahmefällen. Viel wichtiger ist aber: Für den gesunden Mann ändert sich im praktischen Liebesverkehr wenig, er weiß, dass dessen Qualität nicht in Härtegraden gemessen werden sollte. Die New York Times zitiert den Sexualpsychologen Michael A. Perelman mit den Worten: „Ob man nun einen vollen Tank oder nur einen halb vollen Tank hat – das Auto läuft gleich gut.“

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