Das nachträgliche G20-Theater gerät zur Provinzposse

Die Unfähigkeit zu streiten: Bosbach geht, Maischberger entschuldigt sich - der Talk geht weiter

Das sollte er öfters tun: Wolfgang Bosbach hat den Ort verlassen, an dem er sich am liebsten aufhält: eine Talkshow. Welch' eine Erholung. Was Sandra Maischberger, Maybrit Illner und selbst Anne Will nie gelang, schaffte Jutta Ditfurth. Im Gespräch über die G20-Proteste in der Talkshow "Maischberger" vom 13.07., blieben dem solariumbraunen CDU-Populisten schon früh die Argumente weg. Ab Minute 63 hatte er dann fertig und floh vor den ARD-Kameras.

Das war eigentlich eine gute Nachricht: endlich eine Talkshow ohne Wolfgang Bosbach. Ganz so war es aber gar nicht, denn über eine Stunde der 75 Sendungs-Minuten war der CDU-Dampfplauderer anwesend, und sonnte sich mit markigen Sprüchen wie "Mich interessiert nur, dass Konsequenzen gezogen werden ... versuchte Tötungsdelikte ... Sie sind gar nicht dran ... selbstverständlich dulden wir keine rechtsfreien Räume" in der Gunst der Mehrheit des Spießbürgertums. Erst gute 11 Minuten vor Schluss ging er mitten durchs Bild hinaus.

Wenn jetzt also überall die Schlagzeilen lauten, "Eklat, Eklat, Bosbach verließ Talk-Show" (Etwa FAZ von heute: "Eklat bei Sandra Maischberger"), muss man diese Behauptung also schon mal relativieren. Absurd ist auch die Schlussfolgerung des FAZ-Autors Frank Lübberding: "so verpasste er [Bosbach] den politischen Bankrott der radikalen Linken".

Der tatsächliche Eklat liegt vielmehr daran, dass sechs erwachsene Menschen verschiedener politischer Lager gemeinsam die zunehmende Unfähigkeit vorführten, miteinander zu streiten. Das gilt für den gegenseitigen Umgang linksliberaler und linksradikaler Parteien miteinander, den Umgang der Union mit den "besorgten Bürgern" der Pegida, der AfD und den Rechtsextremisten, es gilt erst recht für die Auseinandersetzung mit der jeweils anderen Seite des politischen Spektrums.

Das gern herbeizitierte Wort von der Streitkultur macht ja nur dann Sinn, wenn Menschen miteinander Argumente austauschen, die sich nicht schon im Vorhinein einig sind. Vor allem Bosbach aber predigte nur den Überzeugten. Er folgerte und behauptete, Fragen stellte er nie - ganz im Gegensatz zu Jutta Ditfurth, die zwar auch spürbar von sich und ihren Argumenten überzeugt war, aber immerhin Bosbach und dem Hamburger Hauptkommissar Joachim Lenders Fragen stellte, die sie hätten beantworten können.

Aber auch Lenders, übrigens nicht nur Polizeifunktionär, sondern auch Bürgerschaftsabgeordneter und das zweite CDU-Mitglied in einer gar nicht so paritätisch besetzten Runde, bewegte sich argumentativ auf dem Niveau seines Parteifreundes Bosbach: "Sie haben ja sowieso keine Ahnung! Es ist doch einfach Gesabbel, was Sie da machen! Einfach dummes Gesabbel!" (vgl. 58min). Maischberger fühlte sich hier übrigens nicht berufen, schützend einzugreifen.

"Wie kann ein erwachsener Mensch so mimosenhaft sein?", warf Ditfurth zu Bosbachs Auszug ein. Natürlich ist Bosbach nicht mimosenhaft. Aber er ist noch viel eitler als Ditfurth. Die Reaktion des CDU-Politikers muss man daher eher als Konsequenz aus der Einsicht verstehen, mit seinen Argumenten diesmal eine Sendung nicht majorisieren zu können. Nur durch die Inszenierung eines Eklats hat der Politclown der CDU es noch einmal erreicht, dass am nächsten Morgen alle über "Bosbach" reden, keiner über die Argumente.

Einmal mehr wurde eine Talkshow also zum Beleg der Formierung und Verfestigung der politischen Debatte, und der Infantilisierung des Verhaltens unserer Gesellschaft.

Talkshow-Teilnehmer agieren nicht wie Individuen, die einander zuhören, und eigene Ansichten durch den "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" schärfen oder verändern, sondern wie Meinungspuppen, wie Stellvertreter, die festgelegte Rollen spielen, und die zu diesen Rollen zugehörigen zehn bis zwanzig vorgestanzten Sprüche wiederkäuen und aufsagen.

Bemerkenswert an dieser Sendung war, dass wenigstens Maischberger an einer relativ offenen Debatte interessiert war, verschiedene Stimmen zu Wort kommen ließ, und darunter durch Ditfurth auch den radikalen Protestlern eine Stimme gab, sich für deren Argumente interessierte. In der Sendung liefen auch Bilder, die Polizeigewalt oder eskalierendes, provozierendes Verhalten einzelner Beamter zeigten.

Beschädigt hat Maischberger diesen offenen Ansatz dann nur während der Sendung durch ihre spontane Überreaktion, im Anschluss an Bosbachs Abgang auch Ditfurth zum Verlassen der Sendung aufzufordern. "Die Parität ist dann wieder gegeben", meinte sie zur Begründung. Das hatte nicht nur den Charakter einer Schuldzuweisung, und könnte - würde es Schule machen - das Format Talk-Show zerstören, weil dann jeder Teilnehmer durch eigenen Auszug den politischen Gegner aus der Sendung expedieren könnte, "um die Parität wieder herzustellen".

Es wirkte auch als Tadel von Bosbach durch die Moderatorin, die den entflohenen Gast, offenbar für zu "kindisch" hält, um die alleinige Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen.

Sehr schnell bereute Maischberger offenbar aber ihr Verhalten, und entschuldigte sich in einer nachträglichen Erklärung:

Ich möchte mich ausdrücklich bei Frau Ditfurth für den Versuch entschuldigen, sie aus der Sendung komplimentieren zu wollen. Das war eine unüberlegte Kurzschlussreaktionen, getrieben von dem Wunsch, in der Sendung den Ausgleich der Seiten wiederherzustellen. Es war ein Fehler den ich bedauere.

Sandra Maischberger

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