Das nächste Lieferketten-Problem: Kraftwerkskohle kommt nicht ins Kraftwerk

Niedrigwasser in den Flüssen behindert die Kohlekraftwerke doppelt: wenig Kühlwasser und viel weniger Schiffsfracht. Die Bundesregierung plant, den Energietransporten auf der Schiene Vorrang zu geben. Update:

Update. Plan der Bundesregierung: Sinkende Pegelstände im Rhein stellen der Binnenschiffahrt vor Schwierigkeiten. Die Transportkapazitäten schrumpfen. Da mit der Gaskrise, der Transport von Kohle wichtiger geworden ist, stellen sich nun Probleme, die eine "extrem anspruchsvolle Logistik" voraussetzen, wie am Sonntag, dem 14. August, aus einem Schreiben des Bundeswirtschafts- und Bundesverkehrsministerium zitiert wird.

Der Nachrichtenagentur dpa liegt das Schriftstück vor, das am heißen und weitgehend trockenen Wochenende vom 13/14. August für Medienaufmerksamkeit in Deutschland sorgt. Der Inhalt ist eine Rechtsverordnung, wonach im Schienenverkehr Transporte von Mineralöl, Gas, Kohle und Transformatoren "vorübergehend Vorrang" bekommen sollen. Ziel sei es, so zitiert die FAZ, "den Betrieb von Kraftwerken, Raffinerien, Stromnetzen sowie von weiteren lebenswichtigen Betrieben sicherzustellen.“

Das bedeute aber auch mehr Verspätungen für den Personenverkehr, "Fern- und Regionalzüge müssen dann im Zweifel warten", wie die Tagesschau zum bekannt gewordenen Plan berichtet.

Schon Mitte Juli warnte der Logistikkoordinator der Bundesregierung, Oliver Luksic (FDP), vor mangelnden Verkehrskapazitäten zur Lieferung von Kohle: "Die Steinkohlekraftwerke benötigen riesige Mengen an Kohle, das wird in der Logistik absehbar zu Engpässen führen."

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) spricht von mehrere Krisen, die sich gerade "verschränken" - die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Energiekrise sowie extrem niedrige Wasserstände im Rhein als Folge der Klimakrise - damit werde der nötige Nachschub von Kraftwerkskohle und Mineralöl erschwert. "Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, müssen wir daher zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen.“ (Die Red.)

Der 30-Tage-Vorrat und die Folgen

Der Traum, russische Energieträger schnellstmöglich zu ersetzen, kam schon beim Gas in Schwierigkeiten. Bei den Mineralölprodukten fand sich zuletzt ein Ausweg mit dem Umweg über Raffinerien in Indien. Bei der Kohle wollte man die neue Regierung in Kolumbien überreden, weniger Rücksicht auf die indigene Bevölkerung und den Umweltschutz zu nehmen, um mehr Kohle nach Deutschland liefern zu können.

In Deutschland, wo es bislang üblich war, dass die kraftwerksnahen Kohlelager ausreichend für zehn Tage waren, fordert die Politik einen 30-Tage-Vorrat. Dafür muss der entsprechende Lagerraum geschaffen werden und zweitens auch die benötigte Kohle herantransportiert werden.

Da diese Vorschrift jetzt für alle aktiven oder wieder reaktivierten Steinkohleblöcke gilt, müssen alle betroffenen Kraftwerksbetreiber Lösungen finden, wie die Kohle, die zumeist schon in den Seehäfen liegt, zeitnah zu den Kraftwerken transportiert wird. Der in einem kurzen Zeitfenster anfallende erhöhte Frachtbedarf bei allen Kraftwerksbetreibern übersteigt offensichtlich das Fahrzeugangebot deutlich, was wiederum die Transportkosten in die Luft gehen lässt.

Doch damit nicht genug: Auch der Wasserstand der für den Kohletransport benötigten Flüsse schafft Probleme. So warnte Uniper unlängst, dass man möglicherweise die Leistung der Kraftwerke Staudinger 5 und Datteln 4 herunterfahren müsse, weil zu wenig Kohle bei den Kraftwerken vorhanden sei.

Über den Rhein kann man den Kohlebedarf wegen Niedrigwasser schon jetzt nicht mehr decken. Man rechnet damit, dass der Rhein für die Schifffahrt ganz gesperrt wird. Zudem sind wohl Schiffe vom Rhein auf die Donau abgezogen worden, weil sie dort für Getreidetransporte benötigt werden.

Die ebenfalls am Rhein gelegenen Kraftwerksblöcke Großkraftwerk Mannheim AG (GKM) und EnBW AG in Karlsruhe scheinen aber derzeit nicht von den Kohlenachschubproblemen betroffen zu sein. Es heißt, dass genügend Kohle bei den Kraftwerken vorrätig sei.

Bei der Steag GmbH sind die Aussagen zum Kohlevorrat bei den Kraftwerken nicht eindeutig. Einerseits sagt man, dass man an Kraftwerksstandorten, die mit dem Schiff erreicht werden können, genügend Vorräte hätte, andererseits beklagt man die fehlenden Kohlezugtransportkapazitäten zu den Kraftwerken im Saarland.

Kohlezüge: Warum die Deutsche Bahn keine Hilfe ist

Viele Langsamfahr- und zahlreiche Baustellen im Netz der Deutschen Bahn bremsen nicht nur den Personenverkehr, sondern auch die zusätzlichen Kohlezüge, die jetzt zusätzlich die Importkohle von den Seehäfen zu den Kraftwerken bringen sollen. Da fehlen nicht nur die Transportkapazitäten in Form von Waggons, sondern auch die freien Streckenkapazitäten.

Die Bundesregierung will jetzt offensichtlich den Kohlezügen Priorität bei der Nutzung der Bahntrassen einräumen. Verspätungen im Personenverkehr können dann leicht mit dem Vorrang der Kohlezüge begründet werden, ähnlich wie die außerplanmäßigen Halte von Regionalzügen damit begründet werden, einen ICE vorbeizulassen.

Bei manchen Bahnstrecken wird der Regionalverkehr verstärkt mit Bussen auf der Straße abgewickelt werden müssen, wie dies gegenwärtig etwa auf der Strecke zwischen Freiburg und Basel der Fall ist, wo der Güterverkehr gegenüber dem Regionalpersonenverkehr priorisiert wird.

Die derzeit zum Verkauf angebotene Steag beklagt, dass es, falls Kohletransporte auf der Bahn nicht priorisiert würden, schwierig würde, die nachgefragten Kraftwerkskapazitäten bereitzuhalten.

Andere Bahntransporteure, die keine Kohletransporte im Portfolio haben, wie die im intermodalen Transport mit LKWs auf der Schiene starke Hupac, sind über eine Priorisierung von Kohletransporten bei der Bahnfracht keineswegs erbaut. Sie fürchten, ihre Fahrpläne nicht mehr einhalten zu können.

So besteht das Risiko, dass die Spediteure von der Bahn auf die Straße abwandern, was in diesem Fall vergleichsweise einfach und schnell möglich, aber nicht besonders umweltfreundlich wäre.

Die aktuellen Arbeiten der DB Netz an der Infrastruktur sorgen schon jetzt für eine massive Beeinträchtigung der Schienentransporte, lassen sich jedoch kaum vermeiden, weil die Kapazitäten der einschlägigen Dienstleister begrenzt sind und möglichst effizient ausgelastet werden müssen. Zudem lässt der Zustand der Bahninfrastruktur praktisch keine Freiheit, die Renovierung der Trassen aufzuschieben.

Wer vom steigenden Kohlebedarf profitiert

Die im Schweizer Steuerparadies angesiedelte Glencore Plc, nicht nur der weltgrößte Kohlehändler, sondern auch der weltgrößte Händler mit fossilen Rohstoffen aller Art, will die steigende Nachfrage nach fossilen Brennstoffen auch bei steigenden Preisen befriedigen.

Wer derzeit fossile Brennstoffe liefern kann, die nicht nachweislich aus Russland stammen, kann ohne Rücksicht auf Umweltschäden oder Menschenrechtsverletzungen erhöhte Margen erwirtschaften.

Die Angst der Bundesregierung vor einem Energiemangel im kommenden Winter übersteigt inzwischen die Furcht vor einem unerwünschten Klimawandel, vertrockneter Landwirtschaft und brennenden Wäldern. (Christoph Jehle)