Das neueste Opfer des deutschen Rassismus

Halbfinale Brasilien Deutschland, 2014. Foto: Agência Brasil / CC BY 3.0 BR

Mesut Özils Rücktritt und der Stand der Integrationsdebatte

Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Goethe, Westöstlicher Diwan

Jetzt haben sie ihr Wild zur Strecke gebracht, die Achse der Guten aus Islamhassern und Islamfürchtern, aus Moralpredigern und Disziplinfetischisten, aus Doppelstaatsbürgerschaftsgegnern und Türkenfeinden. Das Deutschland der wimpelschwingenen, nationalistischen Spießer, das Deutschland der Effenbergs, Baslers und Matthäus' und die Rumpelfußballer des deutschen Geistes und der deutschen Politik haben gesiegt. Nach monatelanger Hatz wurde das Wild in die Enge getrieben.

Es wird ein Pyrrhussieg sein. Die taz schreibt präzise, dass "Özils mühsam erarbeitete Zugehörigkeitsvermutung zur 'deutschen Volksgemeinschaft' einkassiert" wird. Und dass der DFB-Präsident Grindel für Horst Seehofers AfD-light "die Drecksarbeit" übernimmt und "aus dem Volksverband DFB eine Inquisitionskammer der Neurechten" macht: "Jetzt, wo der 'Türke' Özil den Deutschen keinen Sieg aus Moskau gebracht hat, solle er sich bekennen: entweder zu Deutschland oder schuldig! So klingt die neue Loyalitäten-Diktatur im deutschen Fußball."

Mesut Özil hat in dieser Situation seine Würde in bemerkenswerter Weise bewahrt. Sein Abgang, der ein weiteres Alarmsignal zum Zustand unserer Republik ist und zu dem, was an Öffentlichkeit in ihr übrig geblieben ist, hat Stil.

Sein Abgang signalisiert, dass die Integration im deutschen Nationalteam (und nicht nur da) gescheitert ist.

Mindestens naiv, vielleicht auch dummdreist

Zugegeben: Er hat es ihnen leicht gemacht. Mesut Özil ist schüchtern, was dann gern als Arroganz ausgelegt wird. Er ist schlecht beraten von den geldgeilen Abzockern, die dumm genug waren, ihn nicht vor dem gemeinsamem Fototermin mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zu warnen. Vor allem aber ist Mesut Özil nicht besonders schlau.

Denn natürlich waren die Fotos mit dem Antidemokraten Erdogan unentschuldbar, nicht nur für einen deutschen Nationalspieler. Emre Can, ebenfalls deutscher Nationalspieler mit türkischen Wurzeln, der in der englischen Premier League Fußball spielt, hat vorgemacht, dass es durchaus auch möglich war, sich den Bildern mit einem Demokratiefeind zu verweigern. Zur Strafe wurde er allerdings von Jogi Löw nicht für die WM nominiert.

Natürlich hätte Özil sich im Nachhinein entschuldigen müssen, mindestens erklären. Natürlich war Özils Schweigen die dümmste aller denkbaren Reaktionen.

Natürlich hat der DFB in dieser Angelegenheit konstant die falschen Entscheidungen getroffen, die Sache verschlimmert und irgendwann in Özil einen sehr dankbaren Sündenbock für das krasse Scheitern bei der WM gefunden.

Natürlich ist es mindestens naiv, vielleicht auch dummdreist, sich jetzt im Nachhinein mit der Bemerkung zu erklären: "Ein Foto mit Präsident Erdogan zu machen, hatte für mich nichts mit Politik zu tun, es war aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie."

Doppelmoral und Rassismus statt Solidarität

Aber all das entschuldigt nichts an dem Rassismus und Hass, der auf Özil einprasselte von einer Meute, die auf ihre Gelegenheit gewartet hatte, den Deutsch-Türken endlich fertigzumachen. Es entschuldigt nichts an dem stinkenden Gebräu aus Ressentiments und Anfeindungen - "Türkensau", "Ziegenficker", "zurück nach Anatolien", etc. -, das jetzt hochkochte.

Dieser Rassismus zeigte sich schon immer ganz offen in der absurden Debatte darüber, dass Özil doch gefälligst vor dem Spiel laut und vernehmlich die deutsche Nationalhymne mitsingen solle, immerhin beließ man es bei der dritten Strophe. Es ist aber auch dies das Problem des DFB. Wenn er und die deutschen Nationalspieler Zivilcourage hätten, würde bis auf weiteres keiner mehr vor dem Spiel und den Kameras die Nationalhymne mitsingen - aus Solidarität.

Das Erdogan-Treffen war den Rassisten nur ein billiger Vorwand. Denn Özil hat ja recht: Lothar Matthäus hatte sich mit Kremlchef Wladimir Putin getroffen und fotographieren lassen, ohne dass das für ihn irgendwelche Konsequenzen gehabt hat. Und er, Özil, hatte nicht zum ersten Mal ein Foto mit Erdogan erlaubt.

Es gibt eine krasse Doppelmoral beim DFB, beim Volk und den Medien. Özil hat auch recht, dass er immer an seiner Herkunft gemessen wird, dass nicht so wenige deutsche Medien eine reaktionäre Agenda haben, und "bestimmte deutsche Zeitungen" rechte Propaganda an den Tag legen, "um ihre politischen Interessen voranzutreiben". Sie behaupten, Özil müsse sich erklären, müsse sagen, wo er stehe und wem seine Loyalitäten gälten. Was soll dieser infame Unsinn?

Das gilt auch für Sponsoren wie Mercedes und DFB-Offizielle von Bierhoff über Grindel bis Löw. Keiner nahm ihn in Schutz, als rechte Nationalisten und Demagogen Özil schäbig attackierten. "Die Bundeskanzlerin schätzt Mesut Özil sehr", behauptet jetzt das Kanzleramt - auch das hätte früher kommen müssen.

Vaterlandsverräter bei den Türken

Wer Mesut Özil tatsächlich verstehen möchte und sich nicht nur sein Mütchen kühlen am Bashing eines dankbaren Opfers, der muss allerdings lesen. Man sollte sich Özils Autobiographie mal zur Hand nehmen, die unter dem Titel "Die Magie des Spiels" erschienen ist. Darin geht es zwar vor allem um den Fußball-Aufstieg von Schalke zum Champions-League-Gewinner Real Madrid und zum Schlüsselspieler beim deutschen Weltmeistersieg 2014.

Es ist aber auch die Geschichte eines türkischen Jungen aus dem Kohlenpott, der als Kind einer normalen Gastarbeiterfamilie (die Eltern sind zweite Einwanderergeneration. Die Mutter putzt, der Vater rackert zunächst in der Fabrik, dann macht er sich mit einem Kiosk selbständig) aufwächst und seit jeher mit dem alltäglichen Rassismus der deutschen Gesellschaft konfrontiert ist.

Gezwungen, sich zwischen zwei Staatsbürgerschaften zu entscheiden, gibt Özil die türkische Staatsbürgerschaft in einer demütigenden Prozedur ab. Türkischen Medien und Funktionäre stempeln ihn zum Vaterlandsverräter. "Ohne Verschulden wurde ich zum deutsch-türkischen Streitobjekt erklärt", erinnert sich Özil. Und weiter:

Man kann durchaus Teil zweier Kulturen sein. Man kann durchaus auch auf zwei Kulturen stolz sein. Ein Herz kann sowohl türkisch als auch deutsch schlagen. Man kann deutsch denken und türkisch fühlen. So funktioniert Integration. Mit gegenseitigem Respekt, wie bei einer starken Fußballmannschaft.

Mesut Özil

Was hat all das nun mit "uns", mit der ganzen deutschen Gesellschaft zu tun? Was hinter alldem steckt, ist schiere Angst.