Das stille Leid der Waldbewohner

Kayapo-Kopfschmuck. Bild: Uyvsdi / Gemeinfrei / Grafik: TP

In Südamerika sind Indigene und sozial schwache Menschen existenziell vom Corona-Virus betroffen. Weil es an Medikamenten und präventiven Maßnahmen mangelt, greifen viele auf traditionelle Heilmethoden zurück.

Mit 212 Millionen Einwohnern lag Brasilien Mitte Oktober 2020 bei den Corona-Infektionen weltweit an dritter Stelle hinter den USA und Indien. Die Zahl der Infektionen war auf mehr als fünf Millionen geklettert. Schätzungen zu Folge soll die Zahl der tatsächlich infizierten Menschen allerdings sieben Mal höher sein. So waren angeblich doppelt so viele Menschen gestorben als offiziell angegeben. Dem Gesundheitsministerium zufolge waren bis Mitte November fast 163.000 Patienten im Zusammenhang mit dem Virus verstorben.

Ungeachtet dessen ignoriert Bolosonaro die Warnungen von Gesundheitsexperten und torpediert Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung sowie Auflagen zu Kontaktbeschränkungen.

Mit seinem Verhalten hat er wohl nicht unwesentlich zum Anstieg der Infektionszahlen beigetragen. Von Anfang an hatte der Präsident Covid-19 als "leichte Grippe" bezeichnet und dessen Gefahren heruntergespielt. Anfang Juli waren er und seine Familienangehörigen schließlich selber mit dem Virus infiziert worden.

Offenbar folgen die Anhänger des Präsidenten dessen Rhetorik, wobei sie bewusst gegen die lokal verhängten Corona-Regeln verstoßen, heißt es in einer Studie von Oktober 2020, die einen Zusammenhang zwischen den hohen Infektionsraten und hohen Zustimmungswerten Bolsonaros feststellt. Die Autoren sprechen darin vom "Bolsonaro-Effekt".

Gesundheitswesen unter Druck

Wurden die öffentlichen Ausgaben im brasilianische Gesundheitswesen und anderen sozialen Bereichen in den letzten Jahren massiv gekürzt, so kommt die medizinische Versorgung nun unter dem Druck der Pandemie erst recht an ihre Grenzen. In den urbanen Räumen trifft es Obachlose am Rande der Metropolen und in ländlichen Gebieten besonders hart, sind sie doch dem Virus schutzlos ausgeliefert.

So ist es kein Zufall, dass die Todesrate in den Armenvierteln von Rio de Janeiro und São Paulo, wo es für viele Menschen weder Zugang zu fließendem Wasser noch sanitären Anlagen oder Desinfektionsmitteln gibt, zehnmal höher ist als in den Reichenvierteln. Auch die rund 6,3 Millionen Hausangestellten in Brasilien sind betroffen.

Sie und die Tagelöhner in prekären Arbeitsverhältnissen, die rund 40 Prozent der Beschäftigten ausmachen, sind bei Verhandlungen meist in schwacher Position, denn sie haben nahezu keine Rechte. Vor diesem Hintegrund verfassten ihre Kinder im März 2020 ein Manifest, in dem sie bezahlten Urlaub für ihre Angehörigen bei Verdacht auf eine Infektion mit Corona fordern.

Zur Covid-19-Risikogruppe gehören insbesondere Indigene sowie die Nachfahren geflüchteter Sklaven. Zwar haben diese einem Gesetz zu Folge, das im Juni 2020 vom Senat verabschiedet wurde, genau wie alle anderen das Recht, auf Intensivstationen mit Beatmungsgeräten behandelt zu werden. Doch wird ihnen der Zugang dazu nur selten ermöglicht. Denn oft sind ihre Dörfer Hunderte Kilometer vom nächsten Krankenhaus entfernt. Außerdem ist die Zahl von Krankenhausbetten begrenzt.

So stehen in der Amazonas-Metropole Manaus, eine der vom Virus am stärksten betroffenen Regionen, 1,7 Millionen Einwohnern nur wenige Intensivbetten zur Verfügung. Die saisonbedingt erhöhte Anzahl von Malariaerkrankungen belastet die Krankenhäuser zusätzlich. Doch Bolsonaro erschwert den Indigenen nicht nur den Zugang zu Sozialhilfe, Krediten und Hilfsgeldern für die Landwirtschaft, sondern auch zu Trinkwasser und Hygieneprodukten. Er behindert die Verteilung von Lebensmittelpaketen, torpediert den Ausbau von Internetzugängen in entlegenen Dörfern und verweigert die Mittel zur Erstellung von Broschüren zur Aufklärung über Covid-19.

Die Sterblichkeit ist bei Indigenen doppelt so hoch

Weil das Immunsystem insbesondere von unkontaktierten Menschen auf die von Weißen eingeschleppten Krankheiten nicht eingestellt ist, gingen in der Vergangenheit ganze Volksgruppen an Grippe, Tuberkulose und Masern zugrunde.

Derzeit sind rund 160 indigene Völker in Brasilien vom Corona-Virus bedroffen - insbesondere die Kokama, Gujajara, Macuxi, Munduruku, Kayapó Mebêngôkrê, Baniwa, Yanomami und viele andere Völker. Glaubt man den Angaben von Apib, der Koordinierungsstelle indigener Organisationen in Brasilien, gab es Mitte November bei den Indigenen rund 39.000 bestätigte Covid-19-Fälle. Mehr als 870 Menschen waren an den Folgen des Virus verstorben.

Der erste bestätigte Fall einer Covid-19-Infektion wurde am 25. März 2020 bei einer Zwanzigjährigen aus dem Volk der Kokama in der Amazonasgemeinde Santo Antônio do Içá gemeldet. Sie soll sich bei einem Arzt aus São Paulo angesteckt haben, der im Dienst des Sondersekretariats für indigene Gesundheit (SESAI) stand.

Auch die Einwohner des Javari-Tales sind besonders vom Virus gefährdet. Das zweitgrößte indigene Territorium in Brasilien beheimatet zahlreiche isolierte Völker. Im September warnte Kura, ein indigener Anführer vom Volk der Kanamari davor, dass das Coronavirus ein unkontaktiertes Volk namens Flecheiros oder Pfeilvolk infizieren könnte.

Mindestens eine Person in der Hobana-Gemeinde sei bereits an Covid-19 gestorben, hieß es. Ein weiterer Fall wurde aus einer Marubo-Gemeinde am Fluss Ituí gemeldet. Der Oberste Gerichtshof bestätigte die große Verwundbarkeit der Unkontaktierten sowie der erst kürzlich kontaktierten Menschen und wies die Regierung an, in ihren Gebieten Gesundheits-Checkpoints einzurichten. Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, sollten alle illegalen Eindringlinge aus indigenen Gebieten entfernt werden.

Trotz aller Gesetze und Anweisungen schleppen illegale Holzfäller, Bergarbeiter, Wilderer und Landräuber das Virus immer tiefer in den Regenwald hinein. Besonders gefährlich ist es während der Feuersaison, denn dann nehmen die Atemwegserkrankungen zu, warnt Marcia Castro, Professorin und Vorsitzende der globalen Gesundheits- und Bevölkerungsabteilung der Harvard School of Public Health in Boston/Massachusetts. Das wiederum erhöht die Anfälligkeit für Covid-19.

Im ecuadorianischen Teil Amazoniens hat die Provinz Pastaza am stärksten unter den Infektionen zu leiden. Bis Mitte November 2020 mehr als 2200 bestätigte Covid-19-Fälle gezählt. 60 Menschen waren am Virus verstorben. Unlängst gab es in der Gegend schwere Überschwemmungen, so dass sich nun auch noch das Denguefieber ausbreitete, wie die Indigenen-Vertretierin Patricia Gualinga Montalvo aus Puyo berichtet. Auf der Flucht in die Berge seien etliche Familien mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen. So soll eine junge Frau, die in einem Dorf der Waorani Schutz suchte, 50 Leute angesteckt haben.

Mit traditioneller Medizin gegen Corona-Symptome

Die Stadt São Gabriel da Cachoeira mit ihren rund 40.000 Einwohnern am Oberlauf des Rio Negro gilt als Hotspot des Corona-Virus. Von weither reisen die Menschen mit ihren Booten an, um Handel mit Maniok oder Kunsthandwerk zu treiben oder Behördengänge zu erledigen. Im Heimatdorf von Moíses Luiz da Silva hatten sich im April 2020 zwei Frauen sowohl mit Covid-19 als auch mit Malaria infiziert.

Zunächst wurden die Dorfbewohner angewiesen, zu Hause zu bleiben. 40 Tage lang wagte sich der Häuptlingssohn nicht in die Stadt. Während sich die Lage dort allmählich entspannte, breitete sich die Krankheit in den Dörfern längs der Flussufer immer weiter aus - oft über mehrere Tagesreisen weit entfernt. Erst waren ein oder zwei Leute infiziert, schließlich alle Dorfbewohner. Schwere Fälle wurden mit dem Flugzeug in die überfüllten Krankenhäuser nach Manaus gebracht.

Alte Menschen seien besonders gefährdet, heißt es, doch der Häuptlingssohn vom Volk der Baniwa hatte beobachtet, dass Kinder und Jugendliche zuerst erkranken. Wer Fieber bekommt, zieht sich traditionell auf die Hütten (sitios) unweit der Pflanzungen für Maniok, Pfeffer und Kräuter zurück, die tief im Wald liegen. Die meisten der Infizierten bleiben zu Hause und kurieren sich mit Heilpflanzen. Denn Wurzeln und Kräuter sind das einzige, was sie haben. In da Silvas Familie waren im August noch alle gesund, was er auf die erfolgreiche Anwendung traditioneller Medizin zurückführt.

Obwohl die meisten Angehörigen der Baniwa Christen sind, wenden sich viele Erkrankte an Schamanen, um sich mit traditionellen Heilmethoden behandeln zu lassen. Das Wissen hierüber werde in seinem Volk mündlich übermittelt, erklärt da Silva. Er hält es für wichtig, dass die Älteren am Leben bleiben, weil nur sie es übermitteln können: Sie besprechen Krankheiten, sagen Gebete auf oder räuchern die Kranken ein.

Sein Vater zum Beispiel bereitet einen Sud aus Magaratanha, Jambú, Blättern der Aracá- und Limonenpflanzen, gemischt mit Früchten und vielen anderen Heilmitteln. Den Rauch - "heilsam für Körper und Seele" - erzeugt er aus frisch geschnittenem Breu-Branco-Holz von stark riechenden Bienenhäusern. Doch um die Behandlungen durchführen zu können, ist auch eine gewisse Nähe zum Kranken nötig. Damit erhöht sich das Risiko einer Ansteckung, glauben die Behörden. Offiziell ist die traditionelle Heilbehandlungen deshalb verboten.

Ignoriert die Bundesregierung Menschenrechtsverletzungen?

Wie steht eigentlich die deutsche Regierung zu den gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Brasilien? Das wollten die Linken neulich in einer entsprechenden Anfrage an die Bundesregierung wissen. Diese verfügt weder über Informationen über pandemiebedingte Maßnahmen oder Menschenrechtsverletzungen, noch wirkt sie in irgendeiner Form auf die brasilianische Regierung ein, wie aus deren Antwort vom 2. Oktober 2020 hervorgeht.

Mit Kritik am rechtsextremen brasilianischen Präsidenten hält sich die Bundesregierung offenbar zurück. Anstatt die sozialen und gesundheitlichen Folgen durch Corona klar zu benennen und die massiven Menschenrechtsverletzungen gegenüber Indigenen, Frauen, Hausangestellten, sozial Schwachen usw. anzuprangern, habe sie sich für eine Politik der Ignoranz entschieden, kritisiert Michel Brandt am 9. Oktober 2020 auf seiner Website.

Für die deutsche Regierung kommen ökonomische Interessen offenbar an erster Stelle, bemerkt der menschenrechtspolitische Sprecher der Linksfraktion mit Blick auf das geplante Freihandelsabkommen. Zuerst kämen die Interessen der deutschen Automobil-, Chemie- und Fleischindustrie, danach erst die Umwelt- und Menschenrechtsfragen.

Wie auch immer: Die internationale Gemeinschaft - auch Deutschland - ist verpflichtet, das Sterben der indigenen Völker aufzuhalten. Schon allein deshalb muss sie alles unternehmen, damit sich das Virus unter besonders gefährdeten indigenen Menschengruppen nicht weiter ausbreiten kann. (Susanne Aigner)