Das war es also mit RWE

Grafik: TP

Ein 120 Jahre altes Unternehmen, das dereinst ganze Regionen mit Energie und Arbeitsplätzen versorgte, begibt sich auf den Weg in die moralische und voraussichtlich auch in die wirtschaftliche Insolvenz

Der Fall RWE(s) [bitte Wortspiel beachten!] steht exemplarisch für unsere heutige Zeit, in der politische Entscheidungen nicht mehr im Hinterzimmer, und vor allen Dingen nicht mehr von sogenannten Ruhrbaronen, sondern auf der Straße und von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft durchgesetzt werden.

Klimawandel, Umweltschutz und Ressourcenschonung sind längst keine Nischenthemen mehr, und die Zeiten, in denen man Umweltschützer daran erkannte, dass sie ihren Nicaragua-Kaffee im Eine-Welt-Laden kauften und ihre verfilzten Haare mit ökologischem Trockenschampoo säuberten, gehören der Vergangenheit an. Während sich immer mehr Privatpersonen um ein nachhaltiges Leben bemühen und während jeder einzelne Großkonzern in diesem Land (Siemens, Thyssen-Krupp, VW, Lufthansa, DB über Nachhaltigkeit sinniert, hält RWE es für eine gute Idee, einen Wald zu roden, um dort Braunkohle abzubauen und anschließend im unternehmenseigenen Kraftwerk zu verfeuern. Eine konzerngewordene Mottenkiste, aus der Zeit gefallen, unverständlich und unnötig.

Auch der Tod eines Journalisten, der über die Geschehnisse im Forst berichtete, hielt den Konzern nicht davon ab, mit aller Macht seine Interessen durchzusetzen und die Räumung mithilfe prügelnder Sicherheitsleute voranzutreiben. Selbst die Polizeigewerkschaft BDK bezeichnet die Räumung im Hambacher Forst als "krasse politische Fehlentscheidung", einzelne Beamte fragen sich, wie sie den Einsatz im Forst ihren dreijährigen Kindern erklären sollen.

Und dann das: Das OVG Münster hat die Rodung gestoppt. Voraussichtlich bis zum Jahr 2020.

Der Imageschaden ist gigantisch und das Maß an schlechtem Karma lässt sich erst dann genauer abschätzen, wenn alle RWE-Manager im nächsten Leben als Mistkäfer wiedergeboren sind. Und das ist noch nicht alles: Die Kunden, für die RWE bisher so selbstlos die Wälder vernichtet und die Luft verschmutzt hat, kehren dem Energiekonzern den Rücken und wechseln zu Ökostrom-Anbietern. Die Zahl der Neuanmeldungen hat sich dort seit Beginn der Rodungsarbeiten verdoppelt. Selbst der RWE-Investor Deka, eine Tochterfirma der Sparkassen-Finanzgruppe, ließ noch vor dem Gerichtsbeschluss verlautbaren, dass RWE "Angesichts der zugespitzten Situation im Hambacher Forst" in "Besonnenheit und Weitsicht" die Rodungsarbeiten aussetzen solle. Das Unternehmen, das im Hambacher Forst die Arbeits- und Hebebühnen bereitstellte, hat seine Geräte unlängst abgezogen, weil der gesamte Einsatz nicht mit den Werten der Firma vereinbar sei. Im direkten Anschluss an die Verkündigung des Gerichtsurteils rauschte die RWE-Aktie in den Keller, landete auf einem Dreimonatstief, liegt nun als schlechtester Titel am Ende alle DAX-Werte und vernichtete fast eine Milliarde Euro an Anlegerkapital.

Der Rodungsstopp selbst wird sich nun mit einem "niedrigen dreistelligen Millionen Euro Betrag jährlich ab 2019" negativ in der RWE-Bilanz auswirken. Sollte es zu einem vollständigen Rodungsstopp kommen, soll der Verlust für RWE zwischen 4 Milliarden Euro und 5 Milliarden Euro betragen. Woher man das so genau weiß? Nun, genau diese Zahl hat der RWE-Vorstandsvorsitzende bei Maybritt Illner mit einer Mischung aus Genugtuung und Sündenstolz ausgeplaudert. Adressat dieses Menetekels war wohl die nordrhein-westfälische Politik, die angesichts dieses Schreckensszenarios weiterhin ausreichend Polizisten in den Wald schicken sollte. Ein vermeintliches Perpetuum Mobile wie sich im Nachhinein herausstellte.

Uneingeschränkte Unterstützung des Kurses erhielt der Konzern aus der eigenen Landesregierung in NRW. Der bis dato eher blasse NRW Innenminister Herbert Reul (CDU) witterte eine Chance, sich und den Rechtsstaat in Szene zu setzen und ließ Hundertschaften aufmarschieren, um ein paar Dutzend Aktivisten öffentlichkeitswirksam aus Baumhäusern zu befreien und den Wald für die Rodung zu säubern.

Für RWE gab es spätestens seit diesem Moment kein Zurück mehr. Überlegungen, das Moratorium zu verlängern oder Verhandlungen mit der Gegenseite zu beginnen, wurden in allen Krisensitzungen mit dem Hinweis vom Tisch gewischt, dass man die NRW-Landesregierung mit einem solchen Schritt schwer verärgern würde, nachdem sie sich doch so bedingungslos hinter die Ziele des Konzerns gestellt hatte.

Der Spiegel

Die Politik schickt Polizisten, damit RWE den Wald roden kann, woraufhin sich RWE genötigt sieht, den Wald zu roden, weil die Politik Polizisten geschickt hat. Es hat schon einen guten Grund, warum der Nobelpreis nicht in der Kategorie "BWL" vergeben wird.

Immer mehr zeichnet sich ab, dass sich Engagement und Widerstand lohnen. Die Aufmerksamkeit öffentlicher Demonstrationen bringt Unternehmen wie RWE in Bedrängnis und sorgt für Berichterstattung und Rückhalt in der Gesellschaft. Die Unterstützung von Naturschutz- und Hilfsorganisationen ermöglicht eine Professionalisierung juristischer und politischer Lobbyarbeit - immerhin war es die Klage des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), die das OVG Münster zu einem Stopp der Rodung bewegt hat - und der friedliche (!) Protest kann auch zu einem Umdenken auf Seiten der Polizei führen.

Und um mit einem Spruch der Nicaragua-Kaffee-Umweltschützer zu schließen: "Wir haben unsere Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen."

Ich glaube, das wär's für heute... (Stephan Anpalagan)

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