Das war es also mit dem Hambacher Forst

Sitzblockade am 17. September unter Gallien Tower. Bild: HambiBleibt

Ein 12.000 Jahre altes Waldgebiet, das sich einmal über 4.100 Hektar erstreckte und nun nur noch 200 Hektar umfasst, wird gerodet, übrig bleibt, im wahrsten Sinne des Wortes, verbrannte Erde

Und warum das alles?

Stichwort: Arbeitsplätze. In der Braunkohle-Industrie arbeiten nur noch 20.000 Menschen, von denen 40% über 50 Jahre alt sind. Zum Vergleich: Im Bereich der erneuerbaren Energien arbeiten heute 330.000 Menschen und Schätzungen gehen davon aus, dass in den nächsten anderthalb Jahren weitere 170.000 Arbeitsplätze hinzukommen werden.

Stichwort: Versorgungssicherheit. Im ersten Halbjahr 2018 lag die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien deutlich vor der Stromerzeugung aus Kohle. Das sah zwar vor wenigen Jahren noch anders aus, aber die "neuen" haben mächtig aufgeholt. Demnächst werden sie andere Energieträger, wie beispielsweise die Kernenergie, vollständig ersetzen.

Stichwort: Klimaschutzziele. Bis zum Jahr 2050 wollen Deutschland und die EU die Treibhausgas-Emissionen um bis zu 95% senken - verglichen mit dem Jahr 1990. Deutschland wird das Zwischenziel für das Jahr 2020 sehr deutlich verfehlen. Eine der Hauptgründe: Braunkohlekraftwerke, die das Klima vergiften und andere Energieformen verdrängen.

Die Braunkohle löst also kein einziges bestehendes Problem, schafft aber viele neue: Die vielgepriesenen "Baggerseen", die im Anschluss an den Braunkohletagebau entstehen, sind "biologisch praktisch tot", lassen das Grundwasser ansteigen, beschädigen umstehende Gebäude und senken die Wasserqualität (z.B. durch Aluminiumverseuchung und "Verockerung").

Davon abgesehen gibt es natürlich sehr handfeste Gründe, warum man keine Wälder abholzen sollte. Von der Tatsache abgesehen, dass man dadurch das Insektensterben verschärft, den Klimawandel vorantreibt und Flutkatastrophen provoziert, sind es eben auch Wälder, die die Luft produzieren, die wir atmen.

Wenn sich junge Leute für derlei Zusammenhänge nicht interessieren, nennt man sie "politikverdrossen". Wenn sie sich aber selbstlos und uneigennützig engagieren, bezeichnet man sie als "Terroristen" und "extrem gewaltbereite Linksextremisten". Dann kommen 3.500 Polizisten. Mit Wasserwerfern (!) und Panzern (!), um 150 Aktivisten von den Bäumen zu holen.

Der Vergleich zu Chemnitz liegt auf der Hand: Im polizeilichen Lagefilm des Abends der ersten Ausschreitungen ist von Nazis die Rede, die mit Steinen bewaffnet "Ausländer suchen" und in Richtung eines jüdischen Restaurants marschieren. Und dennoch standen dort nur 600 Polizisten 5.000 Rechtsextremen und Nazis gegenüber.

Trotz all dieser Befunde ist Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), der Meinung, die Polizei in Sachsen habe "sehr gute Arbeit geleistet" und es sei nicht an der Zeit, über ein etwaiges Rechtsextremismusproblem bei der Polizei zu diskutieren. Und dann schafft er es noch, in derselben Pressemeldung die Aktivisten aus dem Hambacher Forst mit den Nazis aus Sachsen zu vergleichen.

Und weil es keine Dummheit gibt, an der sich die AfD nicht beteiligt, schreibt der AfD-Abgeordnete und Physiker Gottfried Curio: "Wird ein lange gewachsener Wald abgeholzt, ketten sich Links-Grüne an jeden Baum. Wird eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturnation demographisch ersetzt, sind sie selbst die Axt im Wald. Heißt das: Deutsche dürfen ruhig aussterben, nur ihre Bäume nicht?".

Der deutsche Staat tut also alles, um die Umsätze eines Energiekonzerns zu sichern, der unsere Wälder abholzt und die Umwelt vergiftet. Derselbe Staat tut nahezu nichts, um die Zivilgesellschaft und die Demokratie in Teilen unseres Landes zu schützen und zu bestärken.

Es bleibt zu hoffen, dass auch Rainer Wendt, Gottfried Curio und die Top-Manager von RWE Power AG - Tagebau Hambach erkennen, dass man Geld nicht essen kann. Und selbst wenn man Geld drucken wollte, bräuchte man Papier, und dafür bräuchte man Bäume, und dafür wiederum Wälder... (Stephan Anpalagan)

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