Das weibliche Datenset

*POP~TOPIC fe.mail data_set*

In pop~Tarts wollen wir uns an das speziell weiblich kodierte Daten_Set im Netz anhand von konkreten Internetprojekten und künstlerischen Beispielen herantasten. Dieses Daten_Set bildet sich in der elektronischen Umgebung, die als fliessend empfunden wird, mit den Praktiken des Geschlechterwechsels, der Verkörperlichung im Cyberporno und den wechselnden Datenidentitäten . Eine weitere Möglichkeit, sich an das Thema anzunähern, bilden Zitate aus der "Cyborg Woman Online"-Literatur von Theoretikerinnnen zum Cyberfeminismus wie Donna Harraway, Sandy Stone, Sadie Plant und anderen. Der folgende Text ist eine Art Einleitung zum Thema "Das weibliche Datenset". Dieser Text gibt somit die Leitlinien und Vorausschau auf kommende pop~Features, die näher auf spezifische Unterthemen eingehen und konkrete Projekte vorstellen werden. Nicht zuletzt wollen wir damit auch Bezugspunkte für eigene Recherchen anbieten.

evasys2100, Eva Wohlgemuth

Folgende Themen werden im Rahmen von "Das weibliche Datenset" behandelt:

FEM NETS - FEM NETTING

  1. Cyberpheminist Road Show
  2. Cyberweiber
  3. Face Settings
  4. Female and Beyond
  5. Women in Multimedia
  6. Weave
  7. Web works...
  8. Bearded Ladies, Radikal Playgirls, Wm. Mc Cauley...

UPLOADED BODY

  1. Babes4u.Com
  2. HeavenŽs Gate
  3. Douglas Davis
  4. Avatars....

DATA_SET

  1. Eva Wohlgemuth
  2. Victoria Vesna
  3. Cyberware

FEM NETWORKS

Sadie Plant prägte den Begriff Cyberfeminismus in Anlehnung an die Arbeit der australischen Cyberfeministinnen Gruppe VNS Matrix. S. Plant reflektiert über Porno, Anarchie und Techno. Der Cyberkultur-Underground manifestiert sich zu Sex, Maschinen und Politik. Anstelle von Prinzipien und Ideologien treten kulturelle Viren.
Die Annäherung der Künstlerin an die Theoretikerin (und vice versa) geschieht in der Netzkultur durch Text und Texturen in MOOs oder Mailinglists. Eine eigene Form der Kommunikation zwischen Frauen auf einem technischen Niveau entsteht. GENDER kann dabei als elektronischer Text gesehen werden, der gleitet und sich im Dialog verändert.

Insbesondere Gashgirl ist ein gutes Beispiel dafür. Sie benutzt nicht nur bestehende Strukturen, sondern übernimmt die ansonsten den männlich-zwanghaften Programmierern zugeschriebene Strukturbildung im Netz. Durch diesen f-e-mailen Gebrauch wird dem elektronischen Netz ein neuer Text eingeschrieben, es bekommt eine neue Textur und Bedeutung und entwickelt sich von seinen militärischen Wurzeln weg, hin zu einer vielschichtigen Kommunikationsplattform.

FEM NETTING

FEM Netzwerke sind eine Quelle zur Definition des weiblichen Daten_Sets, des Inter-Körpers aus Daten. Es kristallisiert sich mittlerweile in einer Vielzahl von Webprojekten im Umfeld von Fem Netzen aus. Eine wachsende Gemeinde verbindet sich hier über elektronische Kommunikation, entwickelt und konstruiert eigene Datensets in praktischen Webarbeiten und vor allem künstlerischen Projekten.

Frauen und "History of Art and Computing"

Das gemeinsame virtuelle Datenset im Cyberspace wird immer mehr durch weibliche Kommunikationsforen gespeist. Fem Netze formieren sich im selben Ausmaß wie der Anteil der weiblichen Internetuser zunimmt, die zumindest in den USA mittlerweile 41% ausmachen. Frauen schaffen sich selbst die Bedingungen für den Zugang zu elektronischer Kommunikation. EchoNYC in New York war eines der ersten privaten Beispiele für die Organisation weiblichen Netzzugangs. Stacey Horn, die in der Abteilung für Interaktive Telekommunikation der NYU graduierte, bot Frauen Modems zum halben Preis und gratis Online Zugang an. Sie hatte mit ihrer Aktion enormen Erfolg und zeigte damit, daß sich Frauen im allgemeinen durchaus für Online Kommunikation interessieren.

Girlie Network auf EchoNYC

Fem Net ist eines der sich ausbreitenden feministischen elektronischen Netzwerke. Es ist ein EU-gestütztes Projekt, das sich über die Site Cyberweiber zeigt. Die Initiative Femail wurde bereit 1995 gegründet (siehe www.ceiberweiber.com/femail/femail.html).
Schon seit einigen Jahren, noch bevor die Möglichkeiten der grafischen Präsentation im Internet entstanden, bildeten Frauen ein spezifisches elektronische Daten_Set in "Mailboxen", einer Art elektronischer Briefkasten. Mailboxen, BBS (bulliten board system), die schwarzen Bretter im elektronischen Netz, sind ein altes, einfaches System zur Kommunikation. Der Vorteil liegt darin, daß es unabhängige eigene Netze sind, die über einen einfachen PC und ein dort laufendes Mailboxprogramm funktionieren. Die Teilnehmerinnen wählen sich dann über Modem und Computer ein und können ihre Nachrichten posten, also hineinstellen. Das Mailboxsystem Fem Net war eines der ersten lokalen feministischen in Europa. Aufgrund ihrer limitierten und kontrollierten Zugänglichkeit werden sie auch als geschütztes elektronisches Umfeld zur Ausbildung von eigenen Strategien benutzt.

Die PHEMinist CYBER ROAD SHOW hält sich an Interpretationen des Cyberfeminismus nach Sadie Plant und VNS Matrix. Sie dämonisieren das Netz nicht als antikulturelles, vom Militär stammendes Kriegsgerät, sondern wollen es benutzen und viral infizieren. Vor allem hat die PPP, "Princess of Perishable Prose" (Prinzessin der verderblichen Prosa), wie sich die Operateurin der Linzer Universitätssite nennt, eines erkannt: Die Halbwertszeit des elektronischen Text_Körpers ist weitaus geringer, als die, die wir bislang dem geschriebenem Wort zurechneten. Elektronischer Text hat in Chats, dem elektronischen Echtzeittexttratsch, und IRC Konversationen einfach ein anderes Gewicht als etwa gedruckter Text, ist kein "Körper von Gewicht". PPPs Präsenz in IRCs, Internet Relais Chats, ist wie die Gashgirls in LambdaMOO scharf wie ein Schlitz und rotzig. Sie beschreibt ihre Online Persona damit, daß sie Daten nur dann hortet, ihren Text_Körper nur dann in Datenform sichert, wenn das Gespeicherte als Beweismittel bei etwaigen Klagen dienen könnte. Die Website wurde als Erweiterung von studentischen Workshops zum Thema Internet unter dem Motto "She can do it" eingerichtet. Es ging auch um die souveräne Beherrschung von IRC, Html Coding, Perl-, SGI- und Javaskripts usw. als Voraussetzung zum kreativen Gebrauch der elektronischen Netzwerke. Gleichzeitig ging es darum, möglichst viele Links zu feministischen Themen zu bieten. Den Frauen soll mehr in die Hand gegeben werden als nur die Maus.

F-E-mail & Beyond

Ihren Ausgang fanden viele dieser Projekte bei professionell funktionierenden Daten_Körpern wie bei F-E-Mail & Beyond.
F-e-mail & Beyond ist ein Fem-Netz von Künstlerinnen, die an der Oberfläche des Netzes, im Bauch des Biestes arbeiten und den Mythos von Männern, Motoren und Maschinen demolieren. Netzarbeiten enstehen im unmittelbaren Kontakt zum Women's Internet Council, das einer serviceorientierten Berufsvereinigung für Frauen im Multimediabereich ähnlich ist. Auch auf diesen Websites werden Workshops zum Umgang mit Netzwerkzeugen wie Telnet, FTP und Html geboten, um diese zum freien Fluß der Ideen für die Netzgemeinde der aktiven Frauen verfügbar zu machen. Ihre Beherrschung ist eine Garantie für den kreativen Umgang mit den elektronischen Netzen, was zu einer Bereicherung unserer sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebensbereiche beiträgt.

Women In Multimedia

FACE SETTINGS

Immer mehr f-e-maile Websites bauen auf Links, Zusammenarbeit und Verbindungen zu anderen weiblichen Foren auf. Auch Face Settings bietet diese Anbindung. Das Konzept beruht auf der Verbindung von realem Essen und Sprechen mit späterer Online Dokumentation und gibt vorerst nicht spezielle Themen und Fragen vor, sondern läßt Diskussionen frei fließen. Frauen, die eingeladen werden, können Stellungnahmen abgeben, die als Zünder für weitere Netzdiskussionen dienen.

Faces Werkzeug

Die Idee besteht darin, daß sich Frauen zu realen Dinners treffen und daß die dabei geführten Diskussionen dann auf der Webseite verarbeitet werden. Die theoretische Arbeit, die diese Idee vorbereitete, stammt von Deborah Tannen. Sie hatte 1984 gemeinsam organisierte Abendessen benutzt, um das Gesprächsverhalten von Frauen und Männern, insbesondere zwischen Freunden, zu analysieren, was sie auch in ihrem Buch "Conversational Style, analyzing talk among friends" beschrieb. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Sprachverhalten, um die es dabei geht, sind für die Analyse des Daten_Sets im Netzraum interessant.

The net as a new space for women is still divided genderspecificly in a traditional sense and bears only as a utopian trace a (New) Technology of Gender.

Marie Luise Angerer

Bislang geht es bei Face Settings um die Bedingungen für Frauen im Datenraum und darum, ob Geschlechterdifferenz existiert oder gesellschaftlich konstruiert wird. Die live Diskussion am 29.5. im ORF Studio Wien brachte vor Ort konzentrierte Statements, im Chat die allgemeine Diskussion. Die Unterschiede im Verhalten in elektronischen Umgebungen werden in der Analyse von Gender Related Electronic Forums deutlich, die ebenfalls von der Website gelinkt sind.

Lynn Cherny zeigt in ihrer wissenschaftlichen Arbeit daß diese geschlechtsspezifischen Unterschiede auch im Cyberspace bestehen.
Auch in MOOs sind weibliche und männliche Teilnehmer an ihrem Sprachverhalten erkennnbar, obwohl der physische Körper unsichtbar bleibt und sich jeder eine neutrale Online Persona zulegen kann, die ja jedes Geschlecht haben kann.

DATA_SET

Das Daten_Set definiert sich auch in Repräsentationen des Körpers im Cyberspace, bei denen wir neue Konzepte von Frauen als Ergänzung zu den bereits beschriebenen von Stelarc und Stahl Stenslie zeigen werden. In Projekten, wie denen von Eva Wohlgemuth und Victoria Vesna werden aus Daten bestehende 3D Simulationen von Körpern sichtbar, ohne daß sie den Körper verlängern, erweitern, verbessern oder kontrollieren.

Im Cyberspace gedeiht die Vielfalt. Die Definition des Data_Sets erfolgt auch in eindeutig sexuellen Begriffen. Diese neue cyberfeministische Gemeinde hat weniger Probleme mit den Begriffen Cyberporn oder sadomasochistischer, hier körperverändernder, Annäherung an das fe/male Daten_Set, wobei fe oder male überhaupt nicht mehr so eindeutig sind.

Der Bezug zur lesbischen Gemeinde werden durch surrealistische Bezüge zu Gummi Fetischisten oder zur Ästhetik visuell-taktiler Datenanzüge deutlich, was wir mit Hilfe der theoretischen Arbeiten William Macaulys zeigen werden.

Bearded Lady

Frauen stellen selbstbewußt ihre Sexualität, Begierden, Perversionen und vor allem Fetische öffentlich im Datenraum zur Schau. Die von holländischen Frauen gemachte Website www.dds.nl/~beards zeigt uns bärtige Frauen und erinnert an die umstrittene Performance- und Fotokünstlerin Della Grace.

UPLOADED BODY

The changes undergone by the body--sometimes acting as an obstacle to the intelligence, sometimes as its springboard ... are...quite real.....The human body is not so much the history of its representations as of its modes of construction.

Michael Feher, ed. (with Ramona Naddaff and NadiaTazi), Fragments for a History of the Human Body, 1989

Das spannendste an den neuen Websites, die alle sehr opulent gestaltet sind und dennoch durch spezielle Servertunings mit moderaten Ladezeiten aufwarten können, ist die Position des Geschlechterwechels in der weiblichen Definition des persönlichen Daten_Sets. Dieses Daten_Set definiert sich vor allem in künstlerischen Einzelprojekten sehr stark an der Oberfläche, der Haut. Die TEXT/UR ist hier vielen wichtiger als der Text, der in Chats zum spontanen Geplänkel wird. Die Künstlerin Eva Wohlgemuth interessieren vor allem die Ankerpunkte der 3D Textur des Körpers. Sie versteht das weibliche Daten_Set als ein 3D Datenset. Ausganspunkt sind und bleiben auch in der Umsetzung als 3D Modell bestimmte Punkte, die am Körper markiert sind.

Eva Wohlgemuths 3D Bodyscans finden sich für das WWW aufbereitet bei thing.at/bodyscan/!

3D Modell des Körpers

Sie geht dabei von Tätowierungen aus, die sie bereits real am Körper hat und die sie als eine Art Navigationspunkte auf der Körperlandschaft setzen hat lassen. Sicher sind es nicht so viele wie für ein komplexes Drahtgittermodell wie es dann beim 3D Scan ihres Körpers in Kalifornien bei CyberwareTM erstellt worden ist. Diese Tatoos dienen dazu, Einflüsse von aussen, am Körper für den Cyberkörper zu lokalisieren.

Drahtgitter Modell des Körpers

Den ASCII-Datencode des Körperscans, die Daten in Zahlen und Buchstaben, stellt sie als eine zusätzliche Information über sich selbst zur Verfügung. Numerische Daten und Passwörter sind für eine Zusammenstellung ihres persönlichen Daten-Sets genauso wichtig, wie Informationen über persönliche Vorlieben und die Menge von im Internet zugänglichen Daten, die in der geringsten Auflösung als Textfile 1.2 MB ausmachen. Ebenso wie sich Joseph Jernigan mit VHP Visible Human Project durch eine 3dimensionale Datenbank seines Körpers im Cyberspace befindet, ist auch Eva plaziert. Ihre Körperform ist bis zu einer Feinheitsstufe von 285.000 Polygonen errechenbar. Die Tatsache daß diese Daten auf verschiedenen Massenspeichern und Computern abrufbar sind, erinnert an die Prämisse des elektro-magnetischen Zeitalters im Netzwerk: Alle Daten die eine Person ausmachen, sind immer und überall verfügbar und bleiben im ewigen Dateneis gefroren. Diese Stufe des Daten-Sets gilt für jeden Netzteilnehmer, von dem durch den Gebrauch von Mailinglists, Digicash, Electronic Banking ein "natürlich gewachsenes Daten-Set" Profil auf offiziellen Massenspeichern festgehalten wird. Der Wohlgemuthsche Datenkörper ist bei der Firma Cyberware in Californien abrufbar und wird auf einem Massenspeicher gehortet. Die Daten aller Internetteilnehmer werden auf den grossen Datenspeichern einiger Searchengine Firmen, wie Inktomi, Infoseek und Altavista festgehalten.

Eva beim 3D Scan

Die "evasys.personal information 1.0 " ist vor allem eine künstlerische Befragung der Identität und Individualität. Was hat es nun mit der Verwirrung um die Sexual Persona auf sich, die auch Sandy Stone beschreibt? Sie behauptet ja, daß der Einzelne nicht länger einen Datenkörper besitzen kann. Der Gedanke Stones, daß ein gemeinsamer Datenkörper aus Gruppen von Usern im Cyberspace entsteht, greift insbesondere dann, wenn sich mehrere Teilnehmer einer virtuellen Welten neue Personae zulegen. Die virtuelle Persona ist nicht mehr an die Kopplung von Person und Körper gebunden. Allucquere Rosanne Stone läßt in ihren Schriften "The war of desire and technology at the Close of the mecanical age", Cambridge Mit Press 1995, und in "The Body of gender- Körper, Geschlechter, Identitäten", Wien 1995, die Unterschiede zwischen Person, Persönlichkeit, Persona, Subjekt und Selbst offen. Stone geht es in ihrer Transgender Theorie vor allem darum, die physische Position des Selbst in virtuellen Systemen vom Körper unabhängig zu begreifen.

Die "personal information 1.0" die Wohlgemuth gibt, hält im Gegensatz dazu daran fest und überträgt das Modell ihres Körper in den Cyberspace. Sie wird dem User ihren 3D Körper als interaktive Oberfläche im Internet anbieten. Die Benutzer haben die Erlaubnis ihren Körperoberfläche anzugreifen, aber nicht sie zu verändern.

Im Gegensatz dazu ist im Projekt Metabody von Douglas Davis der Bezug zum physischen Körpers im 3dimensionalen Datenformat kein Thema. Mit einer Auswahl von Zitaten von Baudrillard und anderen beschreibt er seine Faszination an der "Schönheit des Körpers". Der Metakörper soll in einem gemeinsamen Netzprozess entstehen. Ein ideales Schönheitsbild soll durch Beiträge über Telefon oder E-mail als Bestandteile des Körper-Daten_sets konstruiert werden, wobei Davis von der "Magie der Worte" und Bilder ausgeht. Die Oberflächenstruktur, die er entwickelt, wird von der Art der Interaktion abhängen. (Kathy Rae Huffman und Margarete Jahrmann)

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